28. Juni 2011. Er ist ein Intellektueller und Universalgebildeter der aussterbenden Art, Ivan Nagel, 1931 in Budapest geboren. Er war Kritiker, Wissenschaftler, Dramaturg und Intendant. Besonders als Theatermann ist Ivan Nagel ein weitsichtiger Ermöglicher gewesen: Ob als Intendant des Deutschen Schauspielhauses in Hamburg oder des Stuttgarter Staatsschauspiels; als Erfinder des Festivals Theater der Welt oder als Architekt der Berliner Theaterlandschaft nach 1989, die auf der Basis seines berühmten Gutachtens neu strukturiert wurde.

So kann man Nagel auch als Erfinder so legendärer Institute wie der Berliner Volksbühne bezeichnen, verdankt ihm nicht zuletzt Frank Castorf Nagel seine Installierung als Intendant am Rosa-Luxemburg-Platz. Auch die Umwidmung der Westberliner Volksbühne zum Haus der Berliner Festspiele gehörte vor zwanzig Jahren zu seinem Masterplan. Sohn einer jüdischen Familie, überlebte Ivan Nagel den Holocaust als Jugendlicher im Untergrund. Dem Stalinismus entzog er sich 1948 durch Flucht in die Schweiz. In Paris, Heidelberg und schließlich Frankfurt am Main studierte er Philosophie, in Frankfurt bei Theodor W. Adorno. Seine Bücher über Mozarts Opern, die Malerei der Renaissance oder das Theater heben die Gattungsgrenzen oft aus den Angeln und sind dabei stets auch eine Feier des freien und frei denkenden und schaffenden Subjekts. Immer noch fehlt Nagel bei kaum einer wichtigen Premiere in Berlin. Heute wird er achtzig Jahre alt. Wir gratulieren. (sle)

 
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