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Von Handys und anderen Waffen

von Michael Laages

Hannover, 1. Juli 2011. Seit mobile Telefone die Macht übernommen haben in der Kommunikationsgesellschaft, ist dies eine eherne Theaterregel: Handys ausschalten, wenn das Stück beginnt! In der jüngsten Produktion des iranischen Regisseur Amir Reza Koohestani, der lange Zeit im Londoner Exil lebte und mit diesem Stück nach Teheran zurück kehrte, ist es genau umgekehrt: Handys einschalten! Und zwar alle – jedenfalls auf der Bühne. Sechs Personen, vier Frauen, zwei Männer, sind abendfüllend damit beschäftigt, mobil zu telefonieren. Nur in einigen wenigen, ganz kurzen Gesprächspassagen existiert die Vertrautheit eines "richtigen" Kontaktes.

In Deutschland wäre der Regie-Einfall kaum mehr als ein mäßig animierender Trick. Mit Blick auf die politischen Verhältnisse in Iran kommt natürlich sofort die Erinnerung auf an den Kampf auf, den die Opposition vor gut zwei Jahren gegen den siegesgewissen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad führte: vorzugsweise mit Bildern und Texten, die von Handy zu Handy übermittelt wurden. "Wo warst Du am 8. Januar?" wird am Ende der Koohestani-Geschichte eine Polizei-Frage sein. Denn in der Nacht dieses Tages kam dem Soldaten Ali eine Pistole abhanden.

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© Mohammad Reza Soltani

Der Weg einer Waffe

Er hat die Freundin Fati besucht, die an einer Aufführung von Genets "Zofen" mitarbeitet. Weil das Haus eingeschneit ist, muss er (ungewollt) übernachten. Am Morgen danach ist die Waffe verschwunden. Das ist gefährlich für Ali, er könnte dafür hingerichtet werden, auch ohne jede Schuld. In den Handy-Gesprächen kann das Publikum nun ansatzweise den Weg verfolgen, den die Waffe nimmt.

Zunächst und vor allem ist sie Mittel zum Zweck in den mehr oder minder wirren Widerstandsplänen jener vier Frauen, die am Genet-Drama arbeiten und darüber hinaus wohl eine potenziell im Untergrund agierende Gruppe bilden: eine will sich an einem Professor, die andere am Ex-Geliebten rächen, die dritte benötigt eine Waffe wie diese für ihre mit tödlichen Bildern hantierende Kunst.

Schließlich bleibt sie aber im Besitz von Abdi, dem eigentlichen Waffen-Dieb in jener Nacht, der zunächst lange wie ein tumber Tor und Tölpel als Bote hin und her beordert wird von und zwischen den Frauen. Er wird mit der Waffe sein illegales kleines Häuschen verteidigen bis zum letzten Atemzug, wenn es von irgendwelchen Großstadtsanierern platt gemacht werden soll. Und das ist dann tatsäch auch die konkreteste Form von Widerstand, über die in 80 Minuten palavert wird.

Spiel im Kopf

Die Handy-Gespräche sind dabei allemal geschickt und sehr dynamisch mit- und ineinander verwoben. Nur nimmt das Volksgemurmel in der iranischen Sprache Farsi auf diese Weise derart hohes Tempo auf, dass dem hiesigen Zuschauer gar nichts anderes übrig bleibt, als mit den Augen fest an den auf allen vier Bühnenseiten platzierten Projektionen der Übersetzung zu kleben. Noch schwerer haben es die "Stipendiaten" des Festivals Theaterformen – wie schon einige Male zuvor sind die Gäste aus Russland und Brasilien, Ungarn und Ägypten, Südafrika und vielerlei Ländern mehr in Gefahr, völlig verschütt zu gehen. Sie hören Farsi und sehen deutsche Untertitel, beide weithin unzugänglich. Eine zusätzliche englische Übersetzung wäre eigentlich zwingend; und zwar live und spielbegleitend nicht nur im zuvor ausgeteilten Text.

Die szenische, vielleicht sogar sinnliche Erfahrung von Theater bleibt bei Koohestani allerdings nicht nur darum außen vor. "Gespielt" wird hier fast gar nicht. Die sechs Protagonisten sitzen zunächst auf Bänken, gehen dann mal hinüber und mal herüber. Sehr selten setzt die Regie sie auch mal in Beziehung zu sparsamen Video-Projektionen rechts und links der Mittelbühne – aber mehr ist da nicht.

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"Wo warst Du am 8. Januar?" ist ein Spiel im Kopf, mühelos auch als Hörspiel wahrnehmbar. Und nur unser gesammeltes Halbwissen über den Iran, die Herrschaft der Mullahs und des oft so abseitig wirkenden Präsidenten dort lässt uns im Rahmen eines internationalen Festivals immerhin ahnen, wie viel an politisch-ästhetischen Untertönen in diesem Handy-Drama noch stecken mag.

So aber bleibt das Festival-Interesse notgedrungen doch ein wenig arg akademisch.

 

Wo warst Du am 8. Januar?
Ein investigatives Kammerspiel in Telefongesprächen
von Amir Reza Koohestani
Text, Bühne und Regie: Amir Reza Koohestani, Musik: Martin Shamoon Pour, Video: Hessam Nourani.
Mit: Saeid Changizian, Fatemeh Fakhraee, Negar Javahe-rian, Elham Korda, Ahmad Mehranfar, Mahin Sadri.

www.mehrtheatregroup.com
www.theaterformen.de

 

Kritikenrundschau

In der Produktion "Wo warst Du am 8. Januar?" erzählt Amir Reza Koohestani von einem Soldaten, der seine Kaserne nicht mehr rechtzeitig erreicht, schreibt Ronald-Meyer Arlt in der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung (4.7.2011). Seine Pistole komme ihm abhanden, am Ende tritt eine Künstlerin auf, die ein Bild aus Blut malen will und einen Blutbeutel auf den Boden wirft, dessen Fleck auf einer Leinwand gezeigt werde. Man weiß als Zuschauer, dass es hier auch um eine Revolution geht, die niedergeschlagen wurde. Fast alle Dialoge finden am Handy statt, und bei allen Diskussionen um den Verbleib der Waffe erheben die Schauspieler kaum die Stimmen. Fazit: "Es sind leidenschaftliche, aber - für unsere Verhältnisse - leise Diskussionen".

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