Der liebende Kaiser

von Gabriella Lorenz

München, 7. Juli 2011. Aus! Das ruft Dieter Dorn am Samstag um 22.15 Uhr der Technik und dem Publikum zu. Mit diesem "Aus!" endet nicht nur die Derniere seiner Kleist-Inszenierung Das Käthchen von Heilbronn im Residenz Theater, sondern eine ganze Ära. 35 Jahre lang hat der Regisseur Dieter Dorn das Münchner Theaterleben geprägt wie kein anderer: 25 Jahre an den Kammerspielen, erst als Oberspielleiter, ab 1983 als Intendant, danach ab 2001 weitere 10 Jahre als Intendant des Bayerischen Staatsschauspiels. In seiner letzten großen Münchner Regiearbeit spielt der Chef selbst die Rolle des Kaisers und zu Beginn und am Ende auch den Spielleiter. Mit diesem "Aus!" (das nicht bei Kleist steht) besiegelt der 75-Jährige seinen Abschied vom Münchner Theater.

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Dieter Dorn als Kaiser im "Käthchen von Heilbronn"  © Thomas Dashuber

Und hat damit noch einmal Bühnengeschichte geschrieben: Nie zuvor wurde Kleists märchenhaftes Ritterdrama ungekürzt und wortgetreu aufgeführt. Die Aufführung ist aber auch der lebende Theaterkanon des Regisseurs. Alles, was für Dieter Dorn Gültigkeit hat, steckt hier drin: Die Treue zum Wort des Dichters, die jahrzehntelange Vertrautheit mit seinen Schauspielern, erst dann kommen seine bildmächtigen szenischen Einfälle. Die hat wie immer der Bühnen- und Kostümbildner Jürgen Rose grandios realisiert – die kongeniale Arbeitssymbiose der beiden nannte Dorn selbst mal scherzhaft "Dornröschen". Dorn zeigt programmatisch noch einmal alle seine Kunst, sein Kunstverständnis und seine Kunstmittel, von archaischen Ritualen über zauberisches Liebespathos bis hin zu rasender Slapstickkomik. Und weil er sich nie modischen Zeitströmungen angepasst hat, ist diese Aufführung ein Vermächtnis.

Gemischte Raubtiergruppe

Als der gebürtige Leipziger 1976 aus Berlin an die Münchner Kammerspiele kam, wirbelte er mit seiner strengen Ästhetik das unter Intendant August Everding und dessen Nachfolger Hans-Reinhard Müller recht verschmockte und verschlafene Haus durcheinander. Er brachte Schauspieler mit wie Helmut Griem und Cornelia Froboess: Sie machten seinen Einstand mit "Minna von Barnhelm" zum Ereignis und gehörten stets zum Kern des später legendären Dorn-Ensembles. Das prunkte mit großen Namen und solchen, die Dorn groß machte: Doris Schade, Gisela Stein, Sibylle Canonica, Romuald Pekny, Jörg Hube, Lambert Hamel, Claus Eberth, Helmut Stange, Manfred Zapatka, Franziska Walser, Edgar Selge, Axel Milberg, Michael von Au....

Dorn hatte viele Trümpfe, mit denen er jedoch nie auftrumpfte, sondern sie stets in kluger Balance ausspielte. Er war ein bildgewaltiger Theaterzauberer, dessen Visionen Rose in Räume und Farben goß und die der Beleuchtungsmagier Max Keller in nie zuvor gesehenes Licht rückte – Keller erfand für Dorn sogar ein schattenloses Licht. Der Prinzipal war ein kluger Textanalytiker, der mit seinen Dramaturgen Michael Wachsman und Hans-Joachim Ruckhäberle den Stücken verborgene Bedeutungen abgewann. Und er war ein Schauspieler-Regisseur, Dompteur einer "gemischten Raubtiergruppe", wie er sein Ensemble nannte.

Der Schein trügt

Dorn liebte seine Schauspieler und sie liebten ihn dafür, ließen sich (ver)führen zu Grenzüberschreitungen und neuen Höhen. Froboess brillierte als Lotte-Kotte in "Groß und klein" von Botho Strauß, in Tankred Dorsts gewaltigem Artus-Sagenepos "Merlin" erblühte Peter Lühr zu seiner einzigartigen fragilen Skurrilität. Helmut Griem lieferte sein Meisterstück als misanthropischer, kleinbürgerlicher Faust in einer engen, genial ausgeleuchteten Guckkastenwelt. Sunnyi Melles zeigte sich in Botho Strauß' "Schlusschor" in keuschester Nacktheit und in "Cymbelin" als wundersam komische Naive.

Und der große Rolf Boysen, eine der Säulen des Ensembles, zeigte einen unvergesslich anrührenden König Lear, dornenbekränzt und entblößt aller Kleider und Würden. Derselbe Rolf Boysen konnte im Duo mit seinem langjährigen Partner Thomas Holtzmann auch unerhört komisch sein wie in Thomas Bernhards Brüder-Duell "Der Schein trügt".

Treppe ins Nichts

Die ersten zehn Kammerspiele-Jahre Dorns waren überschattet von der wachsenden Rivalität mit dem Regiekollegen Ernst Wendt, die das Ensemble spaltete. 1986 ging Wendt nach Berlin, zwei Monate vor seinem frühen Tod. Da war Dorn schon drei Jahre Intendant und hatte die Münchner Kammerspiele zu einer der ersten Theateradressen Deutschlands gemacht. Die Eckpfeiler seines Schaffens waren Shakespeare und Botho Strauß, von dem Dorn zehn Stücke inszenierte, davon fünf Uraufführungen, zuletzt 2009 "Leichtes Spiel" – mit unerhörten Bilderfindungen von Jürgen Rose wie einer Treppe ins Nichts.

Dazu kamen die alten Griechen: "Die Perser", "Hekabe" und "Die Bakchen", in denen er archaische Wucht in strenge Form bannte. Fast wie einen antiken Klassiker hatte Dorn schon 1986 Shakespeares "Troilus und Cressida" inszeniert, für mich seine stärkste Arbeit überhaupt. Wie oft im Theaterleben sitzt man nach fünf Stunden immer noch gebannt da und hofft, es möge nie aufhören? Sunnyi Melles und Tobias Moretti als Liebespaar, Peter Lühr als Kuppler, Helmut Griem als Stänkerer Thersites, dazu ein höchstkarätiges Männerensemble als hohlköpfige Feldherrn – das war eine Klasse für sich.

Tiefe Verletzung

Nach den Erfolgen der 80er und 90er Jahre läutete eine süddeutsche Zeitung ein Dorn-Bashing ein: Hochglanz- und Boutiquen-Theater warf man ihm vor, er mache schon zu lange das immer Gleiche. Das hat sicher beigetragen zu dem hässlichen Bruch zwischen der Stadt München und dem Intendanten, als 1999 die Vertragsverlängerung anstand. Dorn hatte die wegen Baufälligkeit notwendige Generalsanierung der Kammerspiele jahrelang betrieben, war dafür tapfer in Ausweichhallen gezogen und wollte das Haus glanzvoll 2003 wiedereröffnen. Doch er wollte darum gebeten werden. Der damalige Kulturreferent Julian Nida-Rümelin berief stattdessen Frank Baumbauer als neuen Intendanten ab 2001.

Das ist für Dorn bis heute eine tiefe Verletzung, verjagt fühlte er sich. Zufällig brauchte der Freistaat gerade einen Nachfolger für den vorzeitig entlaufenen Residenz-Theater-Chef Eberhard Witt. Dorn, im besten Rentenalter von 65, wechselte auf die andere Seite der Maximilianstraße. Fast sein ganzes Ensemble folgte ihm, auch viele Abonnenten. Die Eröffnungs-Inszenierung "Der Kaufmann von Venedig" mit Boysen als Shylock und Holtzmann als Antonio wurde ein Triumph. Auch wenn in den letzten zehn Jahren nicht mehr die früheren Kammerspiele-Höhen erreicht wurden, gab es Highlights wie "Der Narr und seine Frau...", Der Gott des Gemetzels und Leichtes Spiel. Und natürlich "Das Käthchen von Heilbronn", das exemplarisch die Treue zu einer Berufung verhandelt, die Dieter Dorn mit seinem Ensemble vorgelebt hat. Er wird seine Werktreue als Opernregisseur weiter vermitteln, 2012 inszeniert er in Genf Wagners "Ring des Nibelungen".

 

Gabriella Lorenz war über Jahrzehnte Theaterredakteurin bei der Abendzeitung München.

 

Mehr zu Dieter Dorn? Im nachtkritik.de-Lexikon ist's zu finden.

 

Presseschau

"Dieser Tage bin ich etwas sentimental", vermeldet Manuel Brug (Die Welt, 9.7.2011). "Am Sonntag geht mein Lehrer in Pension. Er ist 76 Jahre alt. (...) Ich kenne ihn seit 1977, da war er schon ein Jahr in München. Und dort ist er auch geblieben. Ich nicht." Dieter Dorn sei aber nie "wirklich" sein Lehrer gewesen, "obwohl" er im Alter "stets etwas Studiendirektorhaftes hatte. Anfangs sendungsbewusst und mitteilungsübervoll, später auch hochmütig unwirsch, am Schluss mit einem Zug Bitternis und Resignation."

Doch Dorn habe ihn, Brug, "ästhetisch geformt", er habe ihn "zu einem um Qualität wissenden Theatergänger erzogen. Das heißt nicht, dass ich alles mochte, was er in seinen Münchner Kammerspielen anzubieten hatte. Doch er hat mit seinem neugierigen, dabei bewahrenden, bohrenden, aber nie umstürzlerischen Regieverständnis Grundlagen gelegt, Fundamente gezogen, auf denen die Bühne viele Wohnungen haben konnte".

Brug erinnert sich an eine Inszenierung von "Minna von Barnhelm", als er, Brug, zwölf Jahre alt: "Da spielte – mit reizendem Sächsisch, die Haare zu frech wippenden Affenschaukeln geflochten, in wogenden Jürgen-Rose-Röcken – Cornelia Froboess das Titelrollen-Fräulein. (...) Ab jetzt sollte mich ihr charaktervolles Theater-Nölen begleiten." Das Dorn-Theater "beruhigte", war "ein Fest", schreit er weiter. "Da wurde Sprache ausgelotet, wurden Nuancen auf die Goldwaage gelegt (...) Bei Dorn war es nie langweilig, selten wirklich überraschend." Dorns Intendanz am Staatsschauspiel dann aber sei "nur Nachglühen" gewesen. "Längst waren die Helden von einst immer noch spielende Rentner geworden".

Unverbrüchlicher Theaterglaube

Auch Christine Dössel schaut auf die Dorn-Ära (Süddeutsche Zeitung, 9.7.2011): "35 Jahre als Theaterleiter in derselben Stadt, das ist schier einzigartig in der deutschen Bühnenlandschaft". Irgendetwas müsse damals, als er nach München kam, passiert sein, "eine Art ästhetische Eröffnung oder geheimnisvolle Initiation, eine glückliche Fügung oder ein Liebesblitzschlag - etwas, das sich tief festgesetzt hat im Empfindungssystem des Münchner Publikums, welches von da an Dieter Dorn liebend treu geblieben ist und ihm über Jahrzehnte folgte wie einer Festschreibung in der eigenen DNS".

Und "dieser Sachse mit seiner ästhetischen Helligkeit und Eleganz, seinen hochkarätigen Schauspielern, seiner Sprachtiefe und Sprachgenauigkeit, seinem Hang zu Größe, Texttreue und sinnlichem Theater-Theater, (...) war für die einst kurfürstliche Residenzstadt München wie bestimmt, und so wurde er zu ihrem abgöttisch verehrten Theaterkönig." Am Staatsschauspiel habe er in den letzten zehn Jahren "seine spezifische Mach- und Lesart eines werkgetreuen Literatur- und Schauspielertheaters nahezu bruchlos fortgeführt". Die "ganze Spiellust, kindliche Innigkeit und Gläubigkeit des Dorn-Theaters' stecke hierin: "Wirf dir eine bestickte Decke über und sprich den Zaubertext, und schon bist du ein Kaiser oder was immer du zu sein gedenkst. So funktioniert seit jeher das Dorn-Theater: mit den einfachsten Mitteln und aus dem unverbrüchlichen Glauben an den Text heraus."

Und "wenn jetzt bei vielen Wehmut aufkommt und sich wohl kein Münchner einer gewissen Nostalgie entziehen kann, dann weil hier wirklich eine Epoche zu Ende geht".

Es waren Riesen

Peter Kümmel hat Dieter Dorn in seinem Dramaturgenzimmer getroffen (Die Zeit, 8.7.2011). Dorn sagt: "Ich habe keinen einzigen Freund unter den Schauspielern." Er sage das nicht, um zu klagen: "Der Satz ist Teil seiner Bilanz. Er bezeichnet eine Dornsche Kulturtechnik – die Balance aus Nähe und Unabhängigkeit, die man haben sollte, um ein Theater zu leiten. Der Satz heißt auch: Ich bin aus der Sache gut und sauber herausgekommen." Freundschaft hätte die Magie des Spiels und der Verwandlung gestört, "und diese Magie, sagt Dorn, sei heilig, man dürfe sie nicht verhuren".

Man müsse aufpassen, sage immer wieder: "Aufpassen, dass wir das Spiel nicht verraten! Man muss auch aufpassen, dass wir das deutsche Theatersystem, dieses Überbleibsel der Kleinstaaterei, nicht zerstören. Wir müssen verhindern, dass die Politiker je auf die Idee kommen, es zu killen. Wir dürfen es nicht an den Mainstream verfüttern."

Man könne das Theater nicht festhalten, das sei das Gute daran; "aber er lächelt nicht, als er es sagt".

Und manche Inszenierungen Dorns wirkten, "als sei in seiner Welt die Zeit stehen geblieben". Doch bei Dorn siege stets das Wort über den Körper. "Dorn hat einen Überlieferungsauftrag. Sein Credo lautet: es waren Riesen, die uns diese Texte hinterließen, was sie schufen, ist kein Material, sondern ein Schatz, den wir bergen müssen". Er sei immer der "Diener der Dramatiker, der stolze Nichtdenunziant und Nichtverräter des Textes. Seine Regie lebt nie vom eitlen Regieeinfall, sondern stets von der Behauptung, der Schauspieler erschaffe vor unseren Augen jenen Moment, aus dem das Wort, der Gedanke, der Ausdruck entspringt".

Eine Frage der Ethik

Auch Susanne Burckhardt (Deutschlandradio Kultur, 8.7.2011) hat Dieter Dorn zum Gespräch getroffen: "Was waren die stärksten Veränderungen im Theater, die Sie in dieser Zeit erlebt haben, was war am eindrücklichsten für Sie?" Dass das, antwortet Dorn, "was ich gemacht habe, dass Menschen quasi eigentlich ein ganzes künstlerisches Leben zusammenarbeiten oder das jedenfalls versuchen, dass das nicht mehr geht. Die Schauspiel-Ensembles haben die ganz, ganz starke Tendenz - und manchmal ist es zum Verzweifeln - so wie die großen Opernensembles. Da gibt es ja so ein Welt-Ensemble und ein Europa-Ensemble, und die hören Sie dort und hier und da, das heißt, die reisen und die Flugpläne bestimmen eigentlich dann die Spielpläne. Und das hat ganz ungeheuer zugenommen und das ist ganz schmerzhaft, weil ich glaube, dass Theater auch Zusammenhänge braucht." Theater sei immer regional, müsse es sein. "Es muss für die Polis sein, die es bezahlt, und dann kann es auch ausstrahlen international. (...) Das ist auch eine Frage der Ethik, das ist schmerzhaft zu sehen, dass das ganz, ganz radikal zurückgeht, und da weiß ich auch nicht, was man dagegen tun kann."

Silvia Stammen hatte in der Neuen Zürcher Zeitung bereits am 18. Mai 2011 auf die Intendanz Dorn geschaut.

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