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In der wunden Landschaft der Seele

von Sarah Heppekausen

Essen, 7. Juli 2011. Der süßlich-blumige Duft ist hartnäckig. Sie haben das Programmheft damit eingesprüht. Wer darin liest, wird so nicht nur intellektuell mit Informationen versorgt, sondern auch sinnlich gereizt. Violet – Veilchenduft. Von romantischer Süßlichkeit ist dieser Abend, ist die für ihre radikalen und schonungslosen Choreografien bekannte Meg Stuart allerdings weit entfernt. In der Aromatherapie heißt es, Veilchenduft wirke gegen Aggressionen und seelische Wunden. Das passt schon besser.

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Stuarts Tänzer sind seelisches Leiden in körperlicher Bewegung. Der stumme Schrei, die zitternden Hände, die Zuckungen am Boden zeugen in ihrer Härte von Zerbrechlichkeit. Im Vergleich zu früheren Arbeiten der amerikanischen Choreografin bleiben diese Bewegungen diesmal aber geschichtenlos. In Do Animals Cry (2009) beispielsweise äußerte sich Animalisches im Familiengezerre zwischen Liebes- und Machtspiel. In "Blessed" (2007) brachte Dauerregen Tänzer und Pappkulissenteile zu Fall. Da kämpfte der Mensch in nahezu eindeutigen Situationsbeschreibungen gegen Naturkatastrophen, für sich und mit seinesgleichen.

Fingerflattern, Armrudern, Kopfschlackern

In "Violet", das im Essener PACT Zollverein uraufgeführt wurde und im Anschluss beim Festival d’Avignon gezeigt wird, bleiben Stuart und die Tänzer ihrer Kompanie "Damaged Goods" außergewöhnlich abstrakt. Janina Audick hat in diesem Sinne eine schlicht-schöne Bühne entworfen. Vorne bloß der weiße Tanzboden, im Hintergrund eine glänzende, leicht gebogene Wand. Schwarz wie Pech und an einigen Stellen zur Unebenheit gedellt, als hätte jemand auf sie eingetreten. Es ist ein gebrochener Spiegel, Sinnbild einer wunden Seelenlandschaft.

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© Chris van der Burght

Minutenlang stehen die fünf Tänzer zu Beginn davor, scheinbar regungslos, bis die zaghaften Bewegungen von Hand, Schulter, Arm und Kopf nicht mehr zu übersehen sind. Sie steigern sich zum Fingerflattern, Armrudern und Kopfschlackern. Bei dem einen ist es der Versuch, Balance zu halten. Bei der anderen mechanisch-rotierende Selbstaufladung. Mal verkrampft, mal schwingend-geschmeidig. In Stuarts neuer Arbeit bringen die Performer nicht das Monster im Menschen zum Vorschein, sondern übersetzen Physik in menschliche Bewegung. Energie ist die Treibkraft für Veränderung, Entwicklung, Beschleunigung oder Widerstand – das gilt für physische Gesetze ebenso wie für menschliches Verhalten. Und es ist ein grundlegendes Thema des Tanzes, dem sich Stuart widmet. 

Brendan Doughertys heftige Musik

Wirkliche Wucht erreicht der Abend aber nur durch das beeindruckende Zusammenspiel von Bewegung und Musik. Für "Violet" arbeitete Meg Stuart zum ersten Mal mit Brendan Dougherty. Dessen elektronische Musik und sein Percussionspiel erreichen eine Intensität, die manchmal kaum mehr auszuhalten ist (und ein paar wenige Zuschauer verlassen auch frühzeitig den Saal). Wie ein Finale, das nicht endet, das permanent auf dem Höhepunkt bleibt und gerade deshalb auch körperlich erfahrbar wird, als Energie und Triebkraft, der Akku für Bewegung.

Doughertys reale Töne immer nur andeutendes Repertoire reicht von Wind- und Wellenimitation über Maschinenkrach bis zum unermüdlichen, sich auch dem Zuschauer einhämmernden Schlagzeugsolo. Das ist laut, heftig und großartig. Der Lärm eines startenden Hubschraubers kann unerträglich sein. Es braucht aber eben diese Energie, um das Schwergewicht in die Luft zu bringen. So ähnlich ist es mit Doughertys Musik. Sie hat etwas Dringliches, Ausweichen bringt keinen Fortschritt.

Eine körperliche Herausforderung

Dann ist es plötzlich wieder still. Ruhe nach dem Orkan. Die Bewegungen der Tänzer werden dementsprechend langsamer, sanfter. Paare berühren sich, ein Hauch von Menschlichkeit in dieser Ansammlung batteriegeladener Betriebsamkeit. Als Pulk rollen sie mit- und übereinander im Kreis, neue Beats, neue Drehungen. Nur Stillstand, den gibt es nicht.

"Violet" ist nicht nur Meg Stuarts neueste Arbeit, sondern auch eine neuartige. Nicht narrativ, nicht theatral, sondern beschränkt auf (abstrakte) Bewegung und Musik. Man könnte es einen Rückschritt nennen, aber es ist ein erfrischender. Es ist eine Reduktion, die Sogwirkung ermöglicht. Es ist keine intellektuelle Herausforderung, sondern eine körperliche. Aber die hat es in sich.

Das Programmheft duftet übrigens immer noch. Seltsam süßlich für diesen gewaltigen Abend.

 

Violet
von Meg Stuart/Damaged Goods
Uraufführung
Choreografie: Meg Stuart, Live-Musik: Brendan Dougherty, Bühne: Janina Audick, Kostüme: Nina Kroschinske, Dramaturgie: Myriam Van Imschoot, Licht: Jan Maertens.
Mit: Alexander Baczynski-Jenkins, Varinia Canto Vila, Adam Linder, Kotomi Nishiwaki, Roger Sala Reyner.

www.pact-zollverein.de
www.damagedgoods.be

 

Kritikenrundschau

"Ein Körper auf der Bühne wird die Last der Repräsentation nicht los", meint Nicole Strecker (Deutschlandfunk, 8.7.2011), und Meg Stuart habe das schon gewusst, bevor sie mit "Violet" ein, wie es vorab hieß, abstraktes Stück kreieren wollte. "Sie hat es trotzdem getan." "Maschinenmenschen" habe sie entworfen, "ein triadisches Ballett". Später komme noch "der übliche Zitter-Zappel-Zuck-Stil der Choreografin" dazu. Zu sehen seien "Körper, die ein namenloser Schmerz zu erschüttern scheint. Kreaturen, die Krämpfe, Spasmen und Ticks vorwärts, bis in den erschöpften Kollaps treiben." Dazu ein dröhnender Industrie-Soundtrack vom live auf der Bühne spielenden Komponisten Brendan Dougherty, der mit seiner dauerhaften Lautstärke auch für den Zuschauer zur physischen Anstrengung wird. In "fast Cunningham'scher Manier" habe Stuart ihre Tänzer "als Bewegungsträger und energetische Muster im Raum" arrangiert. "Sie befragt ihr Vokabular, zeigt seine emotional überwältigende Kraft und bizarre Fremdheit." Von der "behutsamen Animation über den hysterischen Ausbruch bis letztlich zur unausweichlichen langgezogenen Depression" demonstriere der Abend "ebenso den Variantenreichtum von Meg Stuarts Vokabular, wie auch seine Vorliebe für die Verzweiflung".

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