alt

Wehmut, Kitsch und Leute mit Rollator

von Sabine Leucht

München, 10. Juli 2011. Der Münchner Himmel weint, als das Bayerische Staatsschauspiel sein Publikum zum allerletzten Mal entlässt. "From Dusk till Dorn. Ein Ensemble sagt 'Servus'" endet am Sonntag gegen 19 Uhr bei strömendem Regen. Drei Stunden lang haben die Letzten und Treuesten einer nun vergangenen Ära die Bühne mit Liedern und Geschichten gefüllt, mit Quatsch und Intellekt, mit Dahingehauchtem und Schnell-Abgeladenem, mit einem sentimentalen Gruß oder dem letzten Egotrip.

abschied-dorn-2_thomas-dashuber
"From Dusk till Dorn" – das Publikum
© Thomas Dashuber

Unter den mehr als fünfzig Künstlern, die zum Schlussapplaus zusammenkommen, fehlen gleichwohl einige bekannte Gesichter – und nicht alle haben sich durch Chefconferencier Rainer Bock entschuldigen lassen, der mit einer solch galanten Frechheit durch den Abend führt, als wäre dies sein Metier: "Bitte mal alle aufstehen, die ein öffentliches Amt bekleiden oder sich mindestens zur Kategorie der C-Promis zählen", fordert er das Publikum auf. Um sogleich den Sitzengebliebenen zuzurufen: "Dann möchte ich gern wissen, wie Sie an Karten gekommen sind!"

Hymnen, Sticheleien, Wehmut

Den endgültigen Abschied von 35 Jahren Dieter Dorn als Münchner Theaterintendant – davon 10 Jahre am Bayerischen Staatsschauspiel – kann es nur einmal geben. Also gab es den Protest enttäuschter Fans, die leider nicht dabei sein konnten, gleich mit dazu. Sie haben die verbalen Kapriolen verpasst, die Bock für die Großen schlug, die sicher aus höchst unterschiedlichen Gründen verhindert waren: Thomas Holtzmann, Rolf Boysen, Lambert Hamel, Sunnyi Melles und Cornelia Froboess. Aber auch andere fehlten, wie etwa Michael von Au, Oliver Nägele oder die mit dem künftigen Intendanten liierte Sophie von Kessel. Und Sibylle Canonica, die den Münchnern unter Martin Kusej ebenfalls erhalten bleibt, schaffte es fast, den Abend incognito zu überstehen. Dafür schaute Stefan Hunstein von den Kammerspielen vorbei. Und am Ende tauchten aus dem Dunkel der Bühne, in dem alle Schauspieler an Tischen saßen, noch mehr alte Bekannte auf.

abschied-dorn-3_thomas-dashuber
"From Dusk till Dorn" – die Schauspieler
© Thomas Dashuber

Abschiede sind stets eine zwiespältige Sache. Und dieser theatrale, der im Übrigen bis auf den abgewandelten Titel wirklich nichts mit Robert Rodriguez' schrägem Horrorstreifen "From Dusk till Dawn" gemein hat – außer vielleicht den leisen Trost, der aus der Tatsache erwächst, dass jedem Sonnenuntergang wieder ein Morgengrauen folgt –, macht da keine Ausnahme. Hymnen und Sticheleien gehören dazu, die Freude über das Noch-einmal-Beisammensein, gespannte Erwartung und die Wehmut des Nie-Wieder. Von all dem hat dieser Nachmittag etwas, der nebenbei auch deutlich macht, wie wichtig Dramaturgen und Regisseure für gutes Theater sind.

Das Unwiederbringliche

Besonders schön und bewegend: die Auftritte der mit Dorn Altgewordenen. Helmut Stange, der noch einmal in eine der "kleinen" Rollen schlüpft, von denen er so viele spielte: In Hausmeisterkluft zieht er über Anglizismen her, um am Ende mit Nat King Koles "Unforgettable" recht entspannt den Rausschmeißer zu servieren. Oder Heide von Strombeck, die in dem trashigen 8-Minuten-"Hamlet" nicht die Ophelia sein darf, während Rudolf Wessely für das Wienerlied "Wenn der Hergott net will“ von beiden Seiten der Bühne heftigsten Applaus bekommt. In den Auftritten dieser drei spürte man am stärksten, dass etwas Unwiederbringliches zuende geht.

nachtkritik.de hat alles zum Theater. Damit das so bleibt, spenden Sie hier!

Und während die Abschiedsstimmung einem Gerd Anthoff aufs Mundwerk schlägt, der sich mit einer klitzekleinen Geschichte von E.T.A. Hoffmann begnügte, merkt man einigen Schauspielern an, dass sie noch ein letztes Mal etwas von sich zeigen wollen. Das gelingt nicht immer so gut wie Ulrike Arnolds Verwandlung in den Prinzen Friedrich von Homburg, wofür sie ihr Gewand in der Körpermitte hastig zum Männlichkeitssymbol verwurstelt, um dann fast dasselbe mit den Vokalen in ihrem Text zu tun. Thomas Loibl versuchte praktisch zahnlos mit Kleists "Allmählicher Verfertigung der Gedanken beim Reden" zurande zu kommen und Wolfgang Menardi schälte sich in einem wahren Furor aus einem dicken Kokon von Kostümen.

Die Welt gehört verstört

Manche aus diesem Ensemble, das als eines der besten Deutschlands gilt, sind in den letzten Jahren sicher zu kurz gekommen und haben ihre größten Auftritte noch vor sich. Und manche (nicht nur Ehemalige) haben Untertöne im Gepäck, wenn sie sich etwa in die Wut- und Wetter-Rhetorik eines Thomas Bernhard hineinsteigern, bis ihnen der Saft abgedreht wird. "Die Welt", heißt es in dessen "Minetti", "will unterhalten sein, aber sie gehört verstört".

abschied-dorn-1_thomas-dashuber
"From Dusk till Dorn" – Dieter Dorn im Fahrstuhl
© Thomas Dashuber

Für das Verstörende war die Ära Dorn sicher nicht bekannt. Wie rappen noch Felix Rech und Shenja Lacher? "Wir spielen echtes Avantgarde-Theater – meinen zumindest die Leute mit Rollator". Das bleibt dann so stehen neben einem per Film übermittelten "Doi doi doi!"  von Frank-Markus Barwasser und einem kitschigen "Dieter Dorn, du fehlst mir sehr"-Ständchen.

Als ein trauriger Anthoff den Besungenen zum Schluss auf die Bühne holt, wirkt nicht nur er etwas orientierungslos. Das Nahziel – der Applaus – ist da. Und er ist groß. Doch einmal abgegangen, kommen sie nicht wieder. Nicht bei jedem ist klar, wohin er verschwindet – und wo er wieder auftauchen wird.

 

From Dusk till Dorn. Ein Ensemble sagt "Servus" (ohne George Clooney)
von und mit dem Ensemble des Bayerischen Staatsschauspiels

www.bayerischesstaatsschauspiel.de

 

Mehr zur Ära Dieter Dorn? Gabriella Lorenz skizzierte sie in einem Porträt, Nachtkritiken zu seinen Inszenierungen finden sich im nachtkritik.de-Lexikon.

 

Kritikenrundschau

"Was für ein Glück", schreibt Doris Meierhenrich in der Berliner Zeitung (12.7.2011) über "From Dusk till Dorn", bei dem ein "ausgedünntes Ensemble mit magerem Witz und triefender Chanson-Sentimentalität seinen langjährigen Intendanten verabschiedete". "Was für ein Glück, dass dieser Intendant, seinen Abschied längst vorgefeiert hat", und zwar vor einem halben Jahr, als Dieter Dorn mit dem "Käthchen von Heilbronn" seine letzte Intendanten-Inszenierung präsentierte und selbst die Rolle des Kaisers übernahm, jenes maßvollen Arrangeurs dieses wunderlichen Ritter-Spiels. "Denn so konnte man auch den mageren Abschiedsabend am Sonntag noch durch die Erinnerung an diesen Dorn-Kaiser retten." Ohne, dass er es merken mochte, tat Dorn damit eigentlich schon einen Schritt zu genau dem Theater, das er immer ablehnte und mit Martin Kusej als neuem Intendanten nun dort einzieht. "Ein Theater, das das Unkünstliche, Ungeformte einlässt und das sich öffnet für Heterogene."

 
Kommentar schreiben