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Grillfleisch eines intellektuellen Skeptikers

von Sarah Heppekausen

Bochum, 16. Juli 2011. Die große Werkschau der Freien Szene ist mit dem Theaterfestival Impulse in Nordrhein-Westfalen gerade zu Ende gegangen. Zu sehen gab es da ausschließlich Performances und Projekte. Klassisches Texttheater ist es also nicht, was die Szene außerhalb der Staats- und Stadttheater umtreibt, folgt man der Juryauswahl. Dieser "Großinquisitor" nach Dostojewski wäre glatt durchs Impulse-Raster gefallen. Dabei hat es durchaus seinen Reiz, ein Stück große Literatur so konzentriert und pur präsentiert zu bekommen.

Die Macher des Rottstraße 5 Theater vertrauen auf Texte, einfachste Illusionsmittel und Schauspielkunst. So hat sich die Off-Bühne in einem unschmucken Bochumer Hinterhof ihren guten Ruf erspielt: leidenschaftlich, direkt und auch mal mit dem Mut zum Pathos.

Iwan Fjodorowitsch Karamasow ist anders. Der eine Bruder aus Dostojewskis letztem, polyphonem und philosophischem Roman ist weder leidenschaftlich noch pathetisch, sondern ein intellektueller Skeptiker, ein rationalistischer Atheist, stolz und vernunftgeleitet. Er erzählt die Legende vom Großinquisitor, eine Gedankenschöpfung über die großen Fragen der Menschheit nach Freiheit, Glaube und Verführung.

Geschichte, Versuchungen und Verführungskräfte erzählen

"Der Großinquisitor" ist ein Kapitel in "Die Brüder Karamasow", funktioniert aber ebenso als eigenständige Erzählung und ist auch als solche veröffentlicht. Hans Dreher, Regisseur und einer der Rottstraße-Theaterleiter, inszeniert sie als Soloabend mit Michael Lippold. Der kommt mit Sonnenbrille und Grill auf die Bühne, brät sich ein Stück Fleisch, gönnt sich einen Drink und eine Zigarette nach der anderen. Er ist ein selbstgefälliger Conférencier, der die Bedeutung seines Poems mit Understatement bekräftigt. Der die Worte wegredet, um sie dem Publikum vor den Kopf zu stoßen. Die intellektuelle Verführungskraft von Dostojewskis Iwan bekommt bei Lippold Showmaster-Qualitäten.

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Michael Lippold im "Großinquisitor" © Birgit Hupfeld

An die Heizung genagelt, wird er zu Christus, der im mittelalterlichen Spanien der Inquisition erscheint und Wunder wirkt. In Kutte, mit katzäugigen Kontaktlinsen und Kerzen in der Hand wird er zum teuflischen Großinquisitor unterm Deckmantel der Frömmigkeit. Die drei Versuchungen des Jesu in der Wüste verfasst er als Quizfragen, er tanzt, geißelt sich und besteigt einen Scheiterhaufen aus Stühlen. Michael Lippold tauscht Figuren und bleibt doch ein Erzähler, wechselt die Perspektiven und lässt doch immer den Verführer durchblitzen. Unterschwellig und unschuldig mit einem "Tja" oder "That's it".

Offenbarungen einer one-man-show

Dostojewski stand der römisch-katholischen Kirche, Materialismus und Rationalismus mehr als skeptisch gegenüber, formulierte sein Misstrauen im Iwan und in dessen Poem. Lippold spielt mit Skepsis, mit der Skepsis des Publikums, das mal einen Überzeugungstäter, mal einen blasierten Zyniker vor Augen hat. Eine Ein-Mann-Show zwischen Trugbild und Entlarvung, zwischen Entertainer und Liebe versicherndem Despoten, zwischen Grillmeister und Menschenverbrenner. Und einfach-gutes Schauspielertheater.

Und es gibt die Stimmungsmacher von außen: Musik von Arvo Pärt bis Cole Porter, mal pathetisch, mal ironisch gebrochenn. Und die Toneinspieler von Lorca bis zur Offenbarung des Johannes, die bringen keine neue Dimension, sondern übersetzen bloß die reichhaltige Dostojewskische Thematik, sind also eher überflüssig.

Es geht um Grundsätzliches: Ist der Mensch durch absolute Freiheit überfordert? Die Frage, die der Großinquisitor zu bedenken gibt, ist noch immer oder immer wieder aktuell. Das ist die Stärke großer Literatur, sie überdauert Jahre und Moden. Hans Dreher und Michael Lippold lassen sich darauf ein. In Zeiten von Projekten ist allein das wohl schon mutig zu nennen.


Der Großinquisitor 
Nach Motiven aus dem Roman "Die Brüder Karamasow" von Fjodor Michailowitsch Dostojewski Fassung von Hans Dreher, Michael Lippold, Carsten Marc Pfeffer
Regie: Hans Dreher, Ausstattung: Hans Dreher, Michael Lippold.
Mit: Michael Lippold (und der Stimme von Magdalena Helmig).

www.rottstr5-theater.de

 

Mehr zum Rottstr5-Theater Bochum: wir besprachen Philip Ridleys Der Disneykiller, das im Februar 2010 Premiere hatte.

 

Kritikenrundschau

Es seien die großen schweren Themen, die das Theater in der Rottstraße zunehmend beschäftigen würde, so Marcus Römer in der WAZ (19.7.2011). Die Freiheit des Menschen und die Macht des Glaubens bilden die Eckpfeiler der Tresendiskussion im "Großinquisitor". Michael Lippold spielt ihn, verwandele sich mit Bela-Lugosi-Geste mal in den Teufel, mache sich mal nackig und werde später kurz zu Jesus. In einigen Phasen entbehre die Aufführung nicht einer gewissen Zähigkeit, "das mag daran liegen, dass unterstellte Bedeutung mitunter zu schwer wiegt. Wer sich allerdings mit Fragen dieses Zuschnitts beschäftigt, sollte sich dieses kleine Spektakel gönnen."

Die Inszenierung berühre Themen wie absolute Freiheit, Glauben und Unterwerfung," schreibt Achim Lettmann im Westfälischen Anzeiger (20.7.2011). Die Bezüge zu den Moderatoren unserer Freizeitgesellschaft greifen aus seiner Sicht allerdings nicht. "Bei Dostojewski spürt der Großinquisitor einen Kuss Jesu, der ihm auf dem Herzen brennt. In Bochum ist dieser moralische Reiz ausgespart. Jesus wird rausgeworfen." Drehers Inszenierung spitzte, so der Kritiker, Dostojewskis Prinzip der menschlichen Existenz ohne Gott noch zu. "Der russische Schriftsteller hatte allerdings in dem Roman 'Die Brüder Karamasow' von dieser Überzeugung Abstand genommen. Er erkannte in der Unsterblichkeit den Quell aller höheren Ideen, letztlich das Leben selbst."

 

 
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