Halt, wir müssen weiterspielen

von Stefanie Waszerka

Hamburg, 26. Oktober 2007. "Allem Anfang wohnt ein Zauber inne." So ergeht es uns nicht nur in der Liebe, sondern auch in Karin Henkels Inszenierung "Minna von Barnhelm, oder das Soldatenglück" am Deutschen Schauspielhaus. Lessings zentrales Thema in der "Minna" – die Beziehung von Mann und Frau – greift die Regisseurin Karin Henkel in ihrer Inszenierung zu Beginn offensiv und konsequent auf. Liebevoll und präzise inszeniert sie Tellheim (Jana Schulz) und Minna (Marie Leuenberg) als Karikaturen ihrer Geschlechtsgenossen.

Jana Schulz´ Major Tellheim ist ein unsicherer, von Zweifeln und Zerrissenheit geplagter Mann, ein schwacher Mann, der seine Identität im Krieg verloren hat. Sein Unglück ist so umfassend, dass er nicht einmal merkt, wie heruntergekommen er ist. Wenn er nicht in seiner zerschlissenen, unappetitlichen Unterwäsche herumläuft, dann stakst er in einer übergroßen, mausgrauen, einärmeligen Uniform ungelenk paradierend über die Bühne oder versteckt sich und seinen blonden Wuschelkopf in einer Ritterrüstung unter dem Tisch.

Minna ist ein Pummelchen, das in einem weißen Hochzeitskleid steckt, in der einen Hand einen Bündel Geldscheine, in der anderen die Keksdose, aus der sie in "unerträglichen" Situationen unaufhörlich futtert.

Frau gegen Mann, weich versus mager

So aufeinander losgelassen, entstehen in der Inszenierung komische, absurde und anrührende Momente: wenn Tellheim volltrunken vor Minna in die Toilette flüchtet, diese ungeachtet der peinlichen Situation aber darauf beharrt, nun endlich wissen zu wollen, ob er sie noch liebt. Oder: wenn Tellheim aus seinem Versteck unter dem Tisch hervorkriecht, die Ritterrüstung ablegt und auf Minna zugeht, vorsichtig den Kontakt herstellen will, sie jedoch voller Gier ihren weiblichen, weichen, runden Körper auf seinen mageren, zerschlagenen Männerkörper wirft und ihn unter sich begräbt. Es sind solche Momente, in denen fassbar wird, dass Mann und Frau einander nicht verstehen. Dass Tellheim und Minna aneinander vorbei reden, nicht zuhören, verschiedene Ziele verfolgen.

Ein weiteres wichtiges Element in dieser Inszenierung ist das Spiel im Spiel. Auf der ersten Spielebene sind die sechs Spieler, die die Figuren in dem Lustspiel "Minna von Barnhelm" spielen. Außerdem der Pianist (Lieven Brunckhorst/Philipp Hagen) und die Sängerin (Angelika Richter), die das Lustspiel musikalisch entweder untermalen oder unterbrechen. Auf der zweiten Spielebene ist das Lustspiel, in dem die Liebenden ihr Spiel miteinander treiben, oder besser gesagt, in dem Minna ihr Spiel treibt mit Tellheim, indem sie ihm vorspielt, sie sei enterbt und vollkommen mittellos, was ihn in den Wahnsinn treibt.

Spiel ohne Grenzen

Es ist das Spiel, das den Konflikt zwischen Mann und Frau auf den Höhepunkt treibt und explodieren lässt. Tellheim, der Minna erklären will, weshalb er sie nicht heiraten kann, kommt nicht zu Wort. Sie, blind durch das Spiel, das sie spielt, hört nicht hin, unterbricht, banalisiert. Tellheim wittert Betrug. Die Katastrophe rückt in greifbare Nähe. Es folgt der Rückzug in den Aufzug im Bühnenhintergrund – und: der Schuss in den Kopf.

Nicht genug des Spiels. Wer denkt, der Abend habe damit ein unerwartetes Ende gefunden, wird eines Besseren belehrt. Blutverschmiert kriecht Marie Leuenberg unter dem Vorhang hervor und kreischt: "Halt, wir müssen weiterspielen, ich habe noch nicht gewonnen", und Angelika Richter unterbricht ihr tonlos gehauchtes "Maybe I didn’t love you, quite as often as I could".

In Runde 2 geht es richtig hart zur Sache, da gehen Marie Leuenberg und Jana Schulze aufeinander los. Aus der missverständlichen Kommunikation zwischen Tellheim und Minna erwächst die Unfähigkeit, überhaupt noch miteinander zu kommunizieren. Verständnislosigkeit wird zu Hilflosigkeit, wird zu Aggression – Tellheim schlägt zu und zu und zu und zu. Dann lacht Minna nicht mehr, denn Minna ist tot. "Maybe I didn’t treat you", säuselt Angelika Richter, und wieder kriecht Marie Leuenberg unter dem Vorhang hervor und ruft: "Halt, wir müssen weiterspielen, ich habe noch nicht gewonnen."

Jetzt wird’s offiziell. Die Spieler greifen sich das Paar, stecken es in Brautkleid und Frack, blutbesudelt wird geheiratet, während die Guckkasten-Bühne ruckartig vom Bühnenportal zurückfährt und in die Untermaschinerie entschwebt. Es ist das Spiel im Spiel, das der Inszenierung von Karin Henkel das Genick bricht. Es wird so viel und so ausführlich lustig gespielt, dass die Konzentration des Abends verloren geht.


Minna von Barnhelm, oder das Soldatenglück
von Gotthold Ephraim Lessing
Regie: Karin Henkel; Bühne: Stefan Mayer; Kostüme: Klaus Bruns; Musikalische Einstudierung: Lieven Brunckhorst/Philipp Haagen; Dramaturgie: Michael Propfe. Mit: Jana Schulz (Major von Tellheim), Marie Leuenberg (Minna von Barnhelm), Julia Nachtmann (Franziska), Tim Grobe (Just), Torsten Ranft (Paul Werner), Marco Albrecht (Wirt /Kind), Angelika Richter (Sängerin/Dame in Trauer/Riccault de la Marliniere/Feldjäger).

www.schauspielhaus.de

 

Kritikenrundschau

So habe man den Major Tellheim noch nie gesehen, befindet Frauke Hartmann in der Frankfurter Rundschau (30.10.2007): "als androgynen Kriegsveteranen mit steifem Arm, der nur noch vom Sterben träumt, der nicht mehr weiß, ob er Männlein oder Weiblein ist, und bei allen Versuchen, seine Rolle im Leben zurück zu erobern, immer jämmerlicher erscheint", gespielt von einer "irritierend männlich wirkenden Jana Schulz". Karin Henkel habe "das Kunststück" fertig gebracht, das Stück als Spiel im Spiel so zu inszenieren, "dass man trotz der massenhaften Regietheater-Klischees erkennt, dass diese nur Mittel zum Zweck sind". Denn "zielgenau" treffe sie damit "Tellheims hysterische Verlorenheit": Die Inszenierung ist letztlich "ganz bei Lessing" und "überraschend textgetreu". Ein "Theatercoup".

Christopher Schmidt (Süddeutsche Zeitung, 30.10.2007) hat eine andere Inszenierung gesehen. Für ihn erweist sich Henkel "als Grobmotorikerin des Regietheaters", indem sie "Textdekonstruktion auf Ohnsorg-Niveau" betreibe. Das "alles andere als gut aufgestellte Ensemble" sorge für "volatile Qualität", und was man da zu sehen bekomme, sei eine "Minna von Schmarrnhelm". Die Inszenierung lebe von "Zerstörungswut" und "innigem Hass". Jana Schulz operiere mit den "Mitteln der Brachialparodie" und die gesamte Inszenierung drehe sich einzig um die Frage, "wer wen zur Strecke bringt", weshalb es auch drei Varianten des fünften Aktes gebe. Herr Schmidt ersieht daraus ernste Folgen: "Wenn es mit Schirmers Intendanz nicht bald richtig beginnt, könnte für den nicht enden wollenden Anfang unversehens das Ende anfangen."

Nicht das berühmte Lustspiel, sondern einen "Lustspiel-Diskurs" habe Henkel inszeniert, schreibt dagegen Dirk Pilz (Stuttgarter Nachrichten, 30.10.2007). Sie rolle (fast) alle Probleme auf, die schon Lessing verhandelt habe. Allerdings werde damit so viel in die Inszenierung gepackt, "dass sie selbst mitunter den Überblick zu verlieren scheint". Die Anlage als Diskurs sei zwar überzeugend, aber die Regie kenne "keinerlei Zwischentöne. Alles wird opernhaft ausgemalt, in großen, groben Pinselstrichen auf die Bühne gedonnert. Sehr zum Vorteil der Komik, sehr zum Nachteil der Subtilität." Man sehe "förmlich den Dramaturgenschweiß aus jeder Szene tropfen, aber die Spielweise im Dienste eines argen Darstellungsdraufgängertums wischt alle Diskurs-Mühen mit flotter, fescher Hand wieder weg."

"Fürs reine Nachspielen oder konkrete soziale Verortung" habe sich Karin Henkel noch nie interessiert, schreibt Simone Kaempf (taz, 29.10.2007). "Lieber nutzt sie die Stoffe und vor allem die Liebesbeziehungen darin als Spiegel, der ein Bild zurückwerfen soll: das der Gegenwart von sich selbst." Diesmal, indem sie "Karikaturen des Männlichen" zeige. Dass dafür aber Jana Schulz den Major Tellheim spielen muss, leuchte nicht ein: "Eine Frau in Männerrolle ist kein Garant für eine genauere Darstellung männlicher Identitätsprobleme." Henkel habe es sich zwar nicht leicht gemacht, der "Sezierblick" gelinge ihr aber nicht: "Die eingeschobenen Behauptungen, dass alles nur Spiel sei, wirken hermetisch und stutzen den Abends unangenehm zurecht. Und man bräuchte sie auch gar nicht."

Irene Bazinger erklärt in der FAZ (29.10.2007) noch einmal, dass man es bei Tellheim mit einem "traurig-komischen Held" zu tun habe, um dann festzustellen: In Henkels Inszenierung habe er zwar noch immer die Probleme eines solchen Helden, "aber wir wissen nicht genau, ob sie auch ihn haben". Was Frau Bazinger aber genau weiß, ist, dass Jana Schulz "keinen Schmerz und keinen Stuss" scheue, um ihren Tellheim "ganz gut" als "Transgender-Ding" zu geben. Henkel aber "kartätscht das Stück in wüstem Regie-Furor zusammen", und nichts als "plumpe Karikaturen" oder "pubertär Kalauer" blieben übrig. Für "dumm" habe sie das Publikum verkauft und die Kritikerin kann nur seufzen: "O Herr, schmeiß Hirn vom Himmel!"

In einem Artikel ohne Autorennamen berichtet das Hamburger Abendblatt (29.10.2007) vom "flapsigen Ton der Inszenierung". Henkel zeige das Lustspiel als "Anti-Kriegs-Groteske, sie hat offenbar sowohl "Kill Bill" als auch "Ally McBeal" gesehen und sich konsequent am trashig-abgefahrenen Humor orientiert". Das funktioniere zunächst "fabelhaft", sei "streckenweise irrsinnig komisch". Das "bestens aufgelegte Ensemble" verdiene daher "viel Applaus und Bravos". Die drei Schlussversionen seien "dann aber doch zu viel der kalauernden "Kinderkacke" (O-Ton Minna)", wofür die Regisseurin "zu Recht" Buhs kassiere.

 

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