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Gefangen in der Biogasanlage

von Wolfgang Behrens

Bayreuth, 25. Juli 2011. Unter den Festivalgästen in Bayreuth geht die Verständigung schnell: Einer lässt im Verlaufe des Gesprächs einen Werktitel mit vorgesetztem Regisseursnamen fallen, und sofort weiß der andere Bescheid. Man sagt etwa "Chéreau-Ring", "Heiner-Müller-Tristan" oder "Schlingensief-Parsifal" und erntet dann ein "Ja, genau!", ein "Ha!" oder ein "Oje, oje!". Ob man auf die diesjährige Neuproduktion der Bayreuther Festspiele in gleicher Weise auch als "Baumgarten-Tannhäuser" referieren wird, erscheint nach deren selbst nach Wagnerianer-Maßstäben grandios durchgefallener Premiere ungewiss.

Als sich am Ende das Inszenierungsteam auf der Bühne zeigt und damit nicht nur einen von keinem Bravo aufgehellten Buhchor provoziert, sondern gespenstischerweise auch den Applaus nahezu vollständig zum Erliegen bringt, ahnt man, dass der Stein des Anstoßes nicht allein in der Regie Sebastian Baumgartens zu suchen ist, sondern eher noch im Bühnenbild des holländischen Installations- und Konzeptkünstlers Joep van Lieshout. Vielleicht also wird man künftig vom "van Lieshout-Tannhäuser" sprechen, oder – da sich das für deutsche Muttersprachler leichter merken lässt – einfach vom "Biogas-Tannhäuser".

Kessel, Trichter, Tanks und der ungeregelte Mensch

Van Lieshout hat ins Festspielhaus eine Installation gewuchtet, die für sich genommen durchaus sehens- und studierenswert ist. In Weiterentwicklung früherer Projekte behauptet er, – wohl nicht ganz ohne Ironie – eine Art autarken, in sich geschlossenen Energiekreislauf konstruiert zu haben, in dem die Menschen lediglich als Zahnräder fungieren, um das System am Laufen zu halten. Das geht in etwa so vor sich: Der Mensch verarbeitet a) Nahrungsmittel via Verdauung zu Exkrementen weiter, die b) zur Biogasgewinnung eingesetzt werden. Das Biogas wiederum ist c) die Energiequelle für diverse Kocher und Destillen und sorgt – auf welche geheimnisvolle Weise auch immer – für d) neue Nahrung. Und weiter bei a).

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Tannhäuser und die schwangere Venus
© Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

So weit, so abstrakt. Umgesetzt ist das Ganze in einer dreistöckigen, gerüstartigen Holzarchitektur, in der ebenerdig Trichter, Kessel, Tanks und Gasometer in strahlenden Kunststoff-Grundfarben eine reichlich surreale Fabrikatmosphäre schaffen, während ganz oben die sektenartig bekleideten und beflissen herumhuschenden Betreiber und Sklaven dieser Biogasanlage ihre Pritschen zum Schlafen und Verdauen haben.

Verwertungskreislauf und Erstarrung

Als Metapher für eine in Effizienzroutinen gefangene Gesellschaft mag diese Installation von Interesse sein. Als Betriebssystem für das Programm "Tannhäuser" aber ist sie zumindest problematisch und begünstigt wohl gar den Absturz: Die Regie muss mit oder gegen diesen Raum eine Erzählung, eine Welt oder wenigstens eine theatrale Behauptung entfalten, und das will Sebastian Baumgarten nicht so recht gelingen. Was zuallererst daran liegt, dass er der eigenartigen und ästhetisch doch immerhin sehr entschiedenen Bühne keine ebenso eigenartige und entschiedene Spielhaltung entgegenzusetzen versteht.

Über weite Strecken sieht man einem überraschend einfallslosen Gestenrepertoire zu, das vom üblichen Sängerknien mit hin- und herwiegendem Oberkörper bis zum heldischen An-die-Brust-Schlagen reicht. Mehr als die schmale Erkenntnis, dass die biobegaste Wartburg-Ritterschaft ein ziemlich dumpf in Konventionen verhafteter Haufen ist, vermittelt sich selten.

Und im Urschlamm Venusberg kriecht das Spermium

Ab und an gibt es Szenen, die aufmerken lassen: Der Pilgerchor des dritten Aktes etwa zeigt eine Gesellschaft nach dem Störfall (der offenbar – der Nahrungskessel dampft und köchelt beschäftigungslos vor sich hin – tatsächlich eingetreten ist), die Pilger sind zu mechanischen Aufziehpuppen degeneriert, die ihre Routinen nicht mehr mit dem Anschein von Leben füllen können. Und der Videokünstler Chris Kondek lässt zu Wolframs "Abendstern"-Schlager eine traumhaft schöne Sequenz projizieren: Eine Venusfigur dringt wie ein Spermium in einen Mariengloriole ein, woraufhin explosionsartig in einen wabernden Sternenhimmel aus Amöben und Einzellern übergeblendet wird. Es ist das der vielleicht einzige Moment der ganzen Aufführung, der die von Baumgarten in den Vorabinterviews erläuterte Idee einer wechselseitigen Durchdringung von Apollinischem und Dionysischem im "Tannhäuser" sinnfällig werden lässt.

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Joep van Lieshouts Wartburg-Welt
© Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Ansonsten ist von diesem Konzept wenig zu merken, und schuld daran ist nicht zuletzt der fast peinlich berührende Entwurf der dionysischen, ungeregelten Wartburg-Gegenwelt, der die Inszenierung vom ersten Bild an schwer belastet und von dem sie sich nie ganz erholt: Der Venusberg, der aus dem Keller der Biogasanlage emporwächst, stellt sich bei Baumgarten und van Lieshout als ein Käfig mit bizarr wucherndem Wurzelwerk dar, organischem Urschleim sozusagen, dem überaus blöde sich gerierende, auf- und abhüpfende Affen-Statisten entspringen und im Übrigen noch ein paar menschengroße, ziemlich lächerliche Gummi-Kaulquappen. Es hilft nichts: Bei aller hochmögenden Intention sieht das nach schlechtem Stadttheater aus.

Ein wunderbarer Wolfram

Was der Szene missglückte, konnte an diesem Abend auch der musikalische Part nicht vollständig ausgleichen. Der international noch wenig bekannte schwedische Tenor Lars Cleveman ließ als Tannhäuser zwar Potential erkennen, doch glaubte er in der Höhe zu oft (und im akustisch so gut tragenden Bayreuther Auditorium auch unnötigerweise) auf Kraft setzen zu müssen – was auf Kosten der Gesangslinien ging, die Cleveman, man hörte es immer mal wieder, durchaus zu singen versteht.

Camilla Nylund als Elisabeth bot da ein deutlich dynamischeres und farblicheres Spektrum, ihr gelangen ein paar berückend leise Töne, in der hohen Lage jedoch neigte sie zu einem unschön gleichförmigen Vibrieren. Stephanie Friedes Venus musste ihre hochdramatischen Ausdrucksattacken mit einigen nur ungefähr getroffenen Tonhöhen und in der Folge mit heftigen Buhs bezahlen; Günther Groissböck schließlich ging bei seiner sehr kultivierten Gestaltung des Landgrafen in der Tiefe das Fundament aus. Wirklich einwandfrei hingegen zog sich Michael Nagy aus der Affäre, der seinem Wolfram eine wunderbare, bis knapp vor die Sentimentalitätsgrenze reichende Kantabilität verlieh.

Die Schuldigkeit des Tannhäuser

Von Thomas Hengelbrock kann vermeldet werden, dass er aus dem Faksimile einer Wagner-Handschrift dirigierte – was wir glauben müssen, da wir den Dirigenten in Bayreuth ja nicht zu Gesicht bekommen. Wer sich von dem überwiegend in der historisch informierten Aufführungspraxis beheimateten Hengelbrock eine akzentreich aufgeraute Lesart der "Tannhäuser"-Partitur versprochen hatte, wurde enttäuscht: Der Dirigent baute vielmehr auf artikulatorische Präzision, was dem rhetorischen Charakter der Musik zugute kam. Klangrausch ist Hengelbrocks Sache nicht – möglicherweise hat das die auch bei ihm vereinzelt tätigen Buhrufer auf den Plan gerufen. Einhelligen Jubel konnte ohnehin nur der von Eberhard Friedrich exzellent einstudierte Chor für sich verbuchen.

Kurz vor Schluss, kurz vor dem so einhelligen Publikumsfanal also, ließ Sebastian Baumgarten Wagners berühmten Ausspruch an die Wand werfen: "Ich bin der Welt noch den Tannhäuser schuldig." Man wird es wohl als Selbstironie Baumgartens lesen müssen. Für diesmal jedenfalls stimmt es. Wenn der Regisseur aber aus dem "Biogas-Tannhäuser" doch noch einen "Baumgarten-Tannhäuser" machen möchte, wartet in den nächsten Bayreuther Festspielsommern eine Menge Arbeit auf ihn.


Tannhäuser und der Sängerkrieg auf der Wartburg
Große romantische Oper in drei Akten von Richard Wagner
Musikalische Leitung: Thomas Hengelbrock, Inszenierung: Sebastian Baumgarten, Bühnenbild: Joep van Lieshout, Kostüme: Nina von Mechow, Licht: Franck Evin, Video: Christopher Kondek, Dramaturgie: Carl Hegemann, Chor: Eberhard Friedrich.
Mit: Günther Groissböck, Lars Cleveman, Michael Nagy, Lothar Odinius, Thomas Jesatko, Arnold Bezuyen, Martin Snell, Camilla Nylund, Stephanie Friede, Katja Stuber, Silvia Berghammer, Johanna Dürr, Stephanie Hanf, Kirsten Obergönner, Bayreuther Festspielorchester, Bayreuther Festspielchor.

www.bayreuther-festspiele.de

 

Mehr zu Sebastian Baumgarten gibt es im nachtkritik-Lexikon. Und im Blog berichtet Wolfgang Behrens, was in den Pausen alles geschah.


Kritikenrundschau

"Ja, liebe Kinder, ihr alt und auch schon ein bisschen grau und langweilig gewordenen Kindeskinder des sogenannten Regietheaters, fällt euch denn gar nichts anderes mehr ein als Regale, Labore, Fabriken, Handgestricktes, Videos und Schleim?" So zeigt sich Eleonore Büning von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (27.7.2011) maximal genervt von Joep van Lieshouts "Technokrat-Installation" und überhaupt der ganzen "krypto-dialektischen, postbrechtischen Verfremdungsästhetik", der Sebastian Baumgarten ebenso verpflichtet sei wie der designierte Ring-Regisseur Frank Castorf (der "Opa dieses Revoluzzertums", Vorreiter für "das revoluzzerhafte Chaos der unsortierten, nicht zu Ende gedachten Gedanken"). Das Bühnenbild sei für das Theaterspiel in etwa so gut geeignet wie das Matterhorn. "Mächtig, prächtig, herrisch, dominant" stehe es da, aber – so legen die eingehenden Beschreibungen nahe – für das Spiel ist es durchaus unpraktikabel. Obgleich sich Baumgarten "ab und zu recht eindrücklich an das Handwerk der psychologisierenden Personenführung erinnert, die er freilich nur auf engstem Raume, kammerspielartig vorn an der Rampe entfalten kann", vermag die Inszenierung bei der Kritikerin nicht wirklich zu punkten. Die "wenigen glücklichen Augenblicke" verdanke sie den Sängern Camilla Nylund, Katja Stuber und Michael Nagy. Thomas Hengelbrock musikalische Interpretation sei "zartfiligran", "weder auftrumpfend noch berauschend, weder festlich noch fesselnd, weder opulent noch klangsinnlich. Aber doch, in all dieser ungewohnt durchsichtigen Magerkeit, sehr schön."

Weitaus offener für diese Inszenierung zeigt sich Wolfgang Schreiber in der Süddeutschen Zeitung (27.7.2011). Baumgartens in der "Brecht-Tradition" ausgebildete Zeichenhaftigkeit und "Bescheidenheit scheint mit einer Haltung der Enthaltung zu tun zu haben: des Verzichtens auf Kunstpathos und Überwältigungsstrategie des Wagner-Musikdramas, den Erlösungsduktus aller Wagner-Kunst, auf Erhabenheit und das eingeübt Charismatische", schreibt er. Für dieses "bescheiden Epische" steht die neuartige Platzierung eines Teils des Publikums zu beiden Seiten der Bühne. Würdigung erfährt Joep van Lieshout Bühneninstallation als "Symbol industrieller Macht, der modernen Zivilisation maschineller Energieumwandlung". In der "Maschinenwelt Lieshouts und Baumgartens reagieren die Menschen oft wie ferngesteuert"; überhaupt bewege sich die Inszenierung auf der Höhe moderner Kommunikationsfragen und das Programmheft von Carl Hegemann zeige, wie "komplex die Wagner- und Kunstideenwelt hier durchforstet wurde". Die "Charakterdarstellung und Personenführung sind oft nur schwer entzifferbar, geraten charmant undeutlich auch in den Kostümen Nina von Mechows, die spöttisches Formenspiel mit Trash kombiniert", heißt es, aber im Ganzen sieht der Kritiker die Inszenierung "auf der Spur", die Wagner in einem Brief an Liszt vorzeichnet: "Kinder! macht Neues! Neues! und abermals Neues!"

Wiederum deutlich negativer fällt das Urteil in der Neuen Züricher Zeitung (27.7.2011) aus. Mit Blick auf die Unmutsbekundungen des Publikums schreibt Peter Hagmann: "Vielleicht ist aber doch auch deutlich geworden, dass hier erneut Form vor Inhalt gegangen ist, dass Denkansätze nur spärlich durchgeführt waren, in der szenischen Verwirklichung jedoch ein Brimborium gigantischen Ausmasses angerichtet wurde." Die "implizit angekündigte Wendung in der Wagner-Interpretation" sei ausgeblieben. "Musikalisch ohnehin, vor allem aber szenisch. Denn auf der aufwendig dekorierten Bühne ereignet sich ein ganz gewöhnlicher 'Tannhäuser' mit einigen Fehlern, manch händeringender Hilflosigkeit und einer unaufhörlichen Folge von Gags." Der inszenatorisch forcierte Widerstreit zwischen dem Dionysischen und dem Apollinischen ziehe sich "merklich in die Länge; (Dirigent) Hengelbrock hat wenig Gespür für dramatische Geschmeidigkeit". So verblasse die Leitfrage, was "sein werde, wenn die Marktwirtschaft endgültig in sich zusammengebrochen und das System der sozialen Absicherung implodiert sei", ebenso wie die daran anschließende Analyse von Stammeslogiken, die der Rezensent als Kernpunkt der Interpretation ausmacht.

Auch Katrin Bettina Müller von der taz (27.7.2011) zeigt sich von dieser "Tannhäuser"-Umsetzung enttäuscht: "Am Ende ist man vor allem von der Musik überzeugt und berührt von dem Gesang. Nicht aber von dem, was die Inszenierung des Regisseurs Sebastian Baumgarten und seines Bühnenbildners Joep von Lieshout sich vorgenommen hatte: nämlich die Konflikte Tannhäusers, seine Getriebenheit zwischen der Welt der Entgrenzung im Venusberg und der Welt der Wartburg in den Konflikten der Gegenwart zu spiegeln." Wenig ist für die Kritikerin zu spüren von Baumgartens vielfach unter Beweis gestellter "Lust am intellektuellen Diskurs", die "ebenso groß wie sein Gespür für das sinnliche Potenzial in der Musik" sei. Die "historische Sorgfalt", die Thomas Hengelbrocks musikalische Leitung walten lasse, komme demgegenüber der "musikalischen Erzählung zugute, nie bügelt der Orchesterklang die Stimmen unter."

Daniel Ender vom Wiener Standard (27.7.2011) hebt in seiner Kritik gleichfalls das Auseinanderklaffen von Inszenierungsanspruch und Realisierung hervor: "Ausführlich hatte sich das Leadingteam im Vorfeld der Premiere selbst kommentiert und dabei manche richtige Beobachtung gemacht, so zur Kontinuität von Wagners Sprache bis in die Gegenwart (…). Nur: Die Schlüsse, die daraus gezogen und tatsächlich sichtbar wurden, blieben derart unkonturiert und allgemein, dass sie sich beim besten Willen nicht als spezifische Aussage in Hinblick auf die Oper aufschlüsseln ließen." Im Rekurs auf den Gegensatz zwischen dem Dionysischen und dem Apollinischen ebenso wie im Bühnenbild, das "als 'geschlossenes System' fungieren sollte, innerhalb dessen die Triebkräfte des Titelhelden und damit von uns allen sichtbar werden sollten", führte die Inszenierung auf "allzu simple Erkenntnisse", die sie durch multimediale Effekte zu übertünchen suchte. "Wer sich davon nicht allzu sehr ablenken ließ, konnte vor allem vom Festspielorchester Bayreuth-Untypisches vernehmen." Denn Thomas Hengelbrock machte "immerhin deutlich, wie prägnant man durch atmende Phrasierung und eine flexible, elastische Tongebung Wagners orchestrale Gesten verdeutlichen kann."

Aufgeschlossener zeigt sich Hans-Jürgen Linke in Berliner Zeitung und Frankfurter Rundschau (27.7.2011) für diese "klare Stellungnahme zur gefährlichen Ambivalenz geschlossener Gesellschaften". Er schreibt: "Sebastian Baumgarten (Regie), Joep van Lieshout (Bühne) und Nina von Mechow (Kostüme) haben einen vielfältig gebrochenen Zugang zum 'Tannhäuser'-Stoff inszeniert. Ausgangspunkt ist ein systemtheoretisches Modell des sozialen Ritter-Sänger-Systems und seiner Untertanen, einer alles andere als offenen Gesellschaft mit fahrigen Ritualen und festen Tabus. Aber nicht alle Komponenten aus Wagners komplexer Tannhäuser-Mythologie lassen sich den magnetischen Polen dieses Plots zwanglos zuordnen", weshalb "viel Unordnung in der Geschichte" entstehe, "und manchmal bricht sich auch einfach der Impuls Bahn, sich lustig zu machen." So sind die Widerstände vorprogrammiert: "Das Regie-Team macht es dem Publikum wirklich nicht leicht, das Konstrukt ihrer Inszenierung zu dechiffrieren. Dazu kommt: Das Publikum in Bayreuth will auch nicht unbedingt dechiffrieren, sondern mit einem sich selbst erklärenden Menü gefüttert werden."

Im Kontext des assoziativ überbordenden "Parsifal" von Christoph Schlingensief (2004 in Bayreuth) verortet Christine Lemke-Matwey für Zeit online ebenso wie für den Berliner Tagesspiegel (27.7.2011) diese Festspieleröffnung. "Sebastian Baumgartens 'Tannhäuser'-Inszenierung fegt zusammen, was bleibt, ästhetisch und, ja, auch gesellschaftlich: ein Requiem, aufs Theater, auf Bayreuth, aufs Schweigen der Kunst in dieser Welt. Eine Totgeburt und schöne Leiche. Ein monströser dialektischer Kommentar. Nicht zynisch, nein, eher verzweifelt. Erfülltes Opernglück sieht anders aus." Es sei gut, dass Baumgarten mit seinem Bühnebild "nicht in die Realismus-Falle tappt und das Installierte mit all seinen Luken, Treppen, Schläuchen und Stockbetten nur sparsam bedient. Das Ding steht da und glotzt, beziehungslos, so wie einen die eigene Existenz bisweilen anglotzt. Schlecht hingegen ist und schwer erträglich, dass das Anrennen der Figuren gegen dieses rigide System, gegen die Wartburg in uns letztlich pauschal bleibt, leblos." Hier entstünden "szenische Leerstellen" in den Figurenkonstellationen, die auch Hengelbrocks "ungemein detail- und artikulationsfreudiges, leichtfüßiges Dirigat" nicht ausfüllen könne.

Für Manuel Brug von der Welt (27.7.2011) ist diese "kryptische wie seltsame, gerade in ihrer intellektuellen Bockigkeit aber auch stellenweise faszinierende Inszenierung" nicht ohne Reiz. "Regisseur Sebastian Baumgarten und sein Dramaturg Carl Hegemann lassen bewusst und konsequent nur weniges aufgehen, keinen Kreislauf sich schließen und eigentlich alles offen." Es werde "wenig gespielt und vorgeführt, mehr zum Diskurs gebeten. Das Baumgarten-Theater kommt gefährlich oft zum Stillstand, Dramatik ist gar nicht wirklich erwünscht, Logik und Linearität verpönt." Baumgarten beherrsche "die rare Kunst, sein immer skeptischer zuschauendes, immer weniger kapierendes, am Ende ritualhaft, enttäuscht, nicht wirklich wütend buh- und bravoschreiendes Publikum abzuholen und auf seine irgendwie ideologisch kompostierte Gedankenreise mitzunehmen." Im Ganzen setzt der Kritiker auf die Nachbesserungsarbeiten, die Regie und musikalische Leitung für die kommenden Spielzeiten vorzunehmen hätten.

"Meisterhaft wie Baumgarten den Sängerwettstreit zeichnet. Er ist ein sensibler Karikaturist", schreibt Volker Hagedorn in der Zeit (28.7.2011) und würdigt auch sonst die Leistung der Regie in hohem Maße. Etwa in der Schauspielführung: An sich sei Lars Clevemann als Tannhäuser "die Inkarnation des tumben Wagner-Tenors" und bleibe weit hinter Nylunds Elisabeth und Nagys Wolfram zurück. "Aber die Regie fängt das auf: Tannhäuser erscheint als Revolutionär wider Willen, der keine Rücksicht nimmt, weil er nichts merkt, und gern Rivalen mit Getränken begießt." Auch das Inszenierungskonzept überzeugt den Rezensenten (für manche Unzulänglichkeit macht er die kurze Probenzeit von nur dreieinhalb Wochen verantwortlich): Dem Abend gehe es um die "um die Deformation des Individuums in einer von wem oder was auch immer gelenkten Masse. Aber eher beiläufig, geradezu verspielt, im Zusammenspiel vieler Ebenen." Dieses "Geflecht der Ebenen erzeugt Freiheit ebenso wie die Brecht-mäßige Brechung durch die Zuschauer auf der Bühne." So entwickelt sich in der Darstellung des Kritikers eine eigene, indirekte Form der Werktreue: "Es ist sehr vieles komisch und gruselig, anrührend und befremdlich zugleich in dieser Produktion, die aber in ihrer Polyvalenz dauernd auf Wagner trifft." Ausgiebig wird auch die dezente, historisch informierte musikalische Realisierung von Thomas Hengelbrock gelobt: "Behutsam, trocken, fast statisch artikulieren die Bläser den Anfang, und wenn die Streicher dazu kommen, wird man auch nicht überwältigt, sondern eher zum Hinhören genötigt, so extrem realisiert Thomas Hengelbrock die Piani." Dieser Dirigent sei eine "krasse Gegenfigur zum gleichaltrigen Aurabeschwörer Thielemann".

 
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