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His Royal Uglyness auf Enthauptungstour

von Martin Pesl

Epidavros, 29. Juli 2011. Griechen in Aufruhr. Demonstrationen? Streikende Taxifahrer? Schon auch. Aber kurzfristig regiert die Titelblätter das Bild eines Krüppels in Gaddafi-Uniform: Hollywoodstar Kevin Spacey gastiert als "Richard III" beim Hellenic Festival, einem prestigeträchtigen Fest der performativen Kunst in und um Athen. Für die Produktion des von Spacey geleiteten Londoner Old Vic Theatre – Premiere dort war im Juni – hat man die spektakulärste der verfügbaren Spielstätten gewählt: Das 2400 Jahre alte Theater in Epídavros (für Altphilologen: Epidaurus) ist famos erhalten und dank perfekter Akustik eine Touristenattraktion.

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Kevin Spacey ist Richard III.
© Evi Fylaktou

Ein Angloklassiker in der Wiege des Theaters: Klar, dass hier der Erlebnischarakter im Vordergrund steht, ein integratives Theaterabenteuer, das die dreistündige Busfahrt ab Athen in den tiefsten Wald hinein, die wirre Sitzplatzsuche im Strom von 13.999 Mitzusehern und das seufzende Hinsetzen auf steinige Stufen einschließt.

... the winter of my discontent

Während also pittoresk die Sonne untergeht, spielt sich die nächtliche Zikadenkapelle warm. Auf eine achttürige Bühnenrückwand ist "NOW" projiziert, der Tragödie erstes Wort ("Now is the winter of my discontent..."), und 14.000 Griechen wird eingebläut, dass sie nicht fotografieren dürfen, weil die Company beim ersten Blitz die Vorstellung abbrechen könnte. Das Publikum formuliert durch Klatschen seine Ungeduld, bricht gleich mal das Fotoverbot.

Als es dann dennoch losgeht, Richard in der Bühnenmitte sitzend gleich das Start-"Now" sprechen wird, ist es im voll besetzten Theater für einen Augenblick still. Eine Sekunde lang scheinen sogar die Zikaden zu schweigen, bevor sie nie wieder aufhören werden zu zirpen. Jetzt sind klassische Größe und die Magie des Ortes vereint, nichts kann mehr schiefgehen. Erst danach mag in den Fokus rücken, dass das, was Sam Mendes (ein Theaterregisseur, wenngleich durch die Arbeit mit Spacey an dem Film "American Beauty" bekannt) da aufbietet, ja nicht schlicht Sommertheater, sondern eine richtige Inszenierung ist.

Mörder in abgenudelten Sweatern

Denn dieses "NOW" ist eine Ansage: Anders, als vielen britischen Kollegen ist es Mendes wichtig, Heutigkeit zu behaupten. Als etwa Mitverschwörer Buckingham (Chuk Iwuji) im Ton eines TV-Reverends das Volk für Richard als König zu begeistern sucht, wird dieser durch Live-Video zugeschaltet: Manipulation durch Massenmedien, klar, aktuell. Freilich lässt Mendes Konsequenz vermissen, wenn er zwischendurch Schwarzweißbilder von Soldaten (im 2. Weltkrieg?) einspielt. Obwohl Lords Anzüge, Mörder abgenudelte Sweater tragen und die Story vom eitlen Machthaber sowieso an Berlusconi und Co. erinnert, sind punktuelle Modernisierungsversuche bei einem kaum gekürzten Text über hochkomplizierte Rosenkriege um 1450 doch zu oberflächlich für den Gesamterfolg.

Letztlich triumphiert die Aufführung da, wo die Briten – vorurteilsgemäß – am Besten sind: Energiereich Geschichten erzählen und Schauspieler blumigen Text so ausagieren lassen, dass es in der letzten Reihe eines antiken Theaters wahrgenommen, aus der Nähe aber nicht als peinlich überzogen erachtet wird. Spaceys Figurengestaltung ist schlüssig, passt zu ihm, erweckt aber nicht den Eindruck, er ruhe sich auf seinem Ruhm aus. Im Gegenteil: Sein Englisch ist präzise entamerikanisiert, sein krummer Gang wirkt äußerst arbeitsintensiv, von Bösewichtmanierismen fehlt jede Spur.

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Maureen Anderman & Kevin Spacey 
© Manuel Harlan

Flirt mit dem Publikum

Was auch ganz fehlt, ist die Tragödie: Richard ist ein selbstironischer, etwas kindischer Hochstapler, der schon mal gerne in eine Tröte bläst, sich von seiner Missgestalt nicht die Laune verderben lässt und halt eben durch Intrigen an die Macht kommen will. Vergnügt auf einer Erfolgswelle schwimmend rast er von Coup zu Coup, von Enthauptung zu Einkerkerung politischer Gegner und nimmt sich selten kurz Zeit, sich für seine Raffinesse zu beglückwünschen. Nur die Mama (Maureen Anderman) macht ihn gelegentlich nervös. Als er endlich König ist, vergisst er, seinen Erfolg zu genießen, und wird dadurch angreifbar, seine Körperlichkeit lachhaft. Bei der Krönung fällt er hin und muss wie ein Marienkäfer wieder auf die Beine gehoben werden.

Spacey und das präzise, auch als martialisch bebende Trommelformation begabte Restensemble sorgen für Tempo und Unterhaltung. Ja, dieser "Richard" flirtet gezielt mit der Sympathie des Publikums. Das muss auch so sein, bei solch steinigem Spektakel im Walde Griechenlands. Und der Spektakelfaktor ist beidseitig.

Denn bei der Verbeugung sofort vom Gesäßmuskelentspannungswunsch unterstützte Standing Ovations von 14.000 Leuten zu kriegen – das hat wohl selbst Kevin Spacey noch nicht erlebt.

 

Richard III.
von William Shakespeare
Regie: Sam Mendes, Bühne: Tom Piper, Kostüme: Catharine Zuber, Licht: Paul Pyant, Projektion: Jon Driscoll, Ton: Gareth Fry, Musik: Mark Bennett, Musikkoordination: Curtis Moore, Kampfchoreographie: Terry King, Künstlerische Mitarbeit: Gaye Taylor Upchurch, Gastspielorganisation: Claire Béjanin, Casting: Maggie Lunn, Daniel Swee.
Mit: Kevin Spacey, Chandler Williams, Howard W. Overshown, Jack Ellis, Annabel Scholey, Haydn Gwynne, Isaiah Johnson, Nathan Darrow, Gavin Stenhouse, Chuk Iwuji, Michael Rudke, Gemma Jones, Gary Powell, Jeremy Bohb, Andrew Long, Maureen Anderman, Katherine Manners, Hannah Stokely, Stephen Lee Anderson, Simon Lee Phillips, Keyboard: Curtis Moore, Percussion: Hugh Wilkinson.

www.greekfestival.gr
www.oldvictheatre.com

 
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