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Der Sanfte

von Simone Kaempf

8. August 2011. Als erstes ein Strafbefehl. Im Original abgedruckt, so wie er im September 1989 dem Regisseur Jossi Wieler vom Polizeigericht des Kantons Basel-Stadt zugestellt wurde wegen Falschparkens in einer Parkverbotszone. Zu diesem Zeitpunkt probt Wieler am Basler Theater "Iwanow", das einzige Tschechow-Stück, das er je inszeniert hat. Über seine Tätigkeit am Theater habe der Regisseur sein Auto vergessen, das ist im Protokoll der Polizei nachzulesen, die von Wieler damals Rechenschaft verlangte.

Realitätsnähe und Erinnerungsferne

Diese Pointe dient Hajo Kurzenberger gleich zu Beginn des von ihm herausgegeben Bands "Jossi Wieler – Theater", um das Bild eines Menschen und Künstlers zu zeichnen, das dem Bild eines autoritären Regisseurs vollends widerspricht. "Umsicht, Bescheidenheit, Höflichkeit, Korrektheit sind die sichtbar hervorstechenden Merkmale seiner Person", schreibt Kurzenberger. Das gelte für Wielers Aussagen in Halteverbotsdelikten genauso wie bei der Theaterarbeit, und keine Frage, dass der Herausgeber dafür eine grundsätzliche Sympathie hegt.

jossi_wieler_schaefer  Regisseur Jossi Wieler © A. T. Schaefer

Mit der Bezeichnung "sanft" wird in diesem Buch nicht gespart, ob Kurzenberger nun vom sanften Aufklärer spricht, Tilman Raabke seinen Essay "Die sanften Unmenschen" nennt oder Renate Klett beschreibt, wie Wieler bei den achtwöchigen Proben in Japan "geduldig, freundlich und unerbittlich" erreicht, was er von der ersten Woche an wollte. Aber sanft allein stimmt eben auch nicht, und weil das zugespitzte Einordnen nicht gerade Kurzenbergers Sache ist, betreiben die zehn Essays und Texte Ausdifferenzierung: Geduld paare sich bei Wieler mit Zähigkeit. Seine Probenarbeit basiere auf dem dialogischen Prinzip, speise sich aus dem Gegenwartsbewusstsein, stetiger Annäherung an den Text, einem Hineinhören in die Sprache. Von Wielers Fähigkeit, das Gesellschaftliche und das Psychologische zu vereinen, seiner regelrecht sonderbaren Verbindung zwischen einem psychologisierenden und einem formalen Regieansatz, schreibt Hans-Thies Lehmann. An anderer Stelle liest man von der Realitätsnähe und Erinnerungsferne, wie alles von weit her kommt und doch ganz nah ist, alles erinnert und gegenwärtig.

Das Herzstück: Wieler und Jelinek

Diese Gleichzeitigkeit zeichne Jossi Wielers Inszenierungen aus, aber wenn es ständig heißt, dass sein archäologisches Prinzip eher ein psychologisches ist oder Gewusstes und Verdrängtes gleichsam ihr Eigenleben führen, dann schlägt das ausufernde Ausdifferenzieren ins Ermüdende um. Auf der Hälfte des Buchs herrscht Durststrecke, und es braucht dann schon eine Elfriede Jelinek, die einen mit einer Widerhaken-strotzenden Wieler-Beschwörung zurückholt: dass er Menschen mache, wo sie Lücken lässt, eine Realität des Symbolischen schafft, ihre Texte in etwas anderes, besseres verwandelt. Und da ergänzt es sich tatsächlich geschickt, wenn dann von der Probenarbeit zu "Wolken.Heim", "Ulrike Maria Stuart" und Rechnitz (Der Würgeengel) zu lesen ist, wie Wieler stets in großer Runde die Haltung zum Stoff sucht, zu Jelineks Redeströmen, zur Entscheidung für die Spielsituation und dabei noch eine Spielweise gefunden werden muss, die alles andere als illusionistisch sein soll. Das öffnet nicht nur den Blick für einen Regisseur, der Theater in der Entstehung als kollektive Kunst begreift, sondern im Ergebnis Psychologie mit Postdramatik vereint.

Wieler und Jelinek – diese Kombination macht das Herzstück des Buchs aus. Hier kann Kurzenberger für die Nachwelt plastisch machen, wie in Jelineks "Wolken.Heim", das Anfang der 1990er Jahre am Deutschen Schauspielhaus Hamburg Premiere hatte, die Vergangenheit in die Gegenwart wirkt und sechs Frauen, Offizierswitwen, in einer Such- und Erinnerungsarbeit in Schubladen und Schrankklappen stöbern und in die Rollen ihrer deutschen Männer schlüpfen – alles im Dienste einer Orts- und Identitätssuche, in die Jelinek deutsche Erinnerungskultur genauso wie den Mythos RAF und weibliche Anpassungsfähigkeit einfließen ließ. Dem Band liegt auch eine DVD mit einer "Rechnitz"-Aufzeichnung bei, ist mit deren Szenenbildern optisch prächtig aufgemacht und verfügt im Anhang über ein umfangreiches Werkverzeichnis.

Verfehlte Gegenkritik

Und doch klappt man den Band am Ende unzufrieden zu. Denn zu guter Letzt sollen noch die Wieler-Kritiker und Nicht-Versteher ihr Fett wegkriegen. Kurzenberger versucht sich an einer "Kritik und Gegenkritik" zu Wielers Inszenierung von Stefan Zweigs "Angst", die im vergangenen Sommer bei den Salzburger Festspielen Premiere hatte und sehr unterschiedlich aufgenommen wurde. Auf mageren anderthalb Seiten wird darin die Theaterkritik unter Ideologie-Generalverdacht gestellt und behauptet, dass die Sachlage voll durchschaubar sei: Da sind einerseits die Kritiker, die die kleinen Gesten als Indizes zwischenmenschlichen Verhaltens missachten und so die Wielersche Theaterform verkennen. Und andererseits, noch schlimmer, die Gegner der Postdramatik, die epische Brechung als totale Theaterverweigerung betrachten. Das mag als Ehrenrettung gedacht sein und zielt auf Gerhard Stadelmaier, der Wielers "Angst"-Inszenierung zur "Schandtat der Saison" erklärte. Doch nach all dem Differenzierungsfuror auf den Seiten zuvor spricht daraus eine diffuse Unbereitschaft, sich auf eine Diskussion über unterschiedliche Wahrnehmungen einzulassen. Und dabei will das Buch doch erzählen, wie sehr einen die Wieler-Inszenierungen zum Denken anregen.


Jossi Wieler - Theater
Mit Beiträgen von Hajo Kurzenberger (Hrsg.), Hans-Thies Lehmann, Elfriede Jelinek, Renate Klett, Jossi Wieler, Helene Varopoulou, Tilman Raabke. Inklusive DVD "Rechnitz (Der Würgeengel)", Aufzeichnung 2010.
Alexander Verlag, 240 Seiten, 127 Abb., 29,90 Euro



 
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