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Termiten überall

von Katrin Ullmann

Hamburg, 24. August 2011. Alles fehlt: Raum, Körperlichkeit, Mimik, Handlung, Dramaturgie. Anstelle einer erzählten Geschichte fliegen zahllose Gedanken, anstelle schauspielerischer Interaktion sind da zwei ruhig nebeneinanderstehende Darsteller, anstelle einer Bühne stapeln sich zwei Europaletten vor einer bunten Lichterkette und einem leeren, abgedunkelten Raum.

"Tomorrow's Parties", die neueste Arbeit der britischen Performancegruppe Forced Entertainment, negiert das Theater, seine (gewohnten) Methoden und (tradierten) Formen. Sie negiert es eine gute Stunde lang. Beharrlich und höchst spielerisch. Robin Arthur und Terry O'Connor lassen das Theater in den Köpfen der Zuschauer entstehen, rufen Bilder wach und Assoziationen, Gelächter und Geraune. Im Wechsel sprechen sie über die Zukunft, über die verschiedenen Möglichkeiten einer Zukunft.

Geheime Sehnsüchte, ureigene Ängste

Immer wieder formulieren sie futuristische Ideen und Visionen. Mit "Or in the future …" beginnt – einem Mantra gleich – nahezu jeder Satz und endet in Behauptungen wie: "… there will be war" oder "… there will be life in big Floating Cities" oder "… war will become more like entertainment or like a sporting event" oder "… nobody will own anything" oder "… there will be historical theme parks" oder "… termites will live all over the planet".

Es sind höchst unterschiedliche Visionen, die Robin Arthur und Terry O'Connor benennen. Es sind Horrorvisionen, die sie sich ausmalen und paradiesische Zustände, es sind kluge Gesellschaftsmodelle und kindliche Fantasien, perverse Träume und geheime Sehnsüchte, ureigene Ängste und sexuelle Wünsche. Mit ihrem unermüdlichen Blick in die Zukunft überschreiten sie gesellschaftliche Tabus, hinterfragen die Weltordnung genauso wie die Grenzen des Weltalls.

Relativität der Zeit

Ihr Kaleidoskop an Zukunftsvisionen scheint unerschöpflich. Es wächst sich im Laufe des Abends aus zu einem virtuosen Wettstreit der Utopien, der jedoch niemals die zarten Grenzen des Minimalismus überschreitet. Der Zuschauer indes will zustimmen, schmunzeln, protestieren, sich alles merken, sich wiedererkennen und sich entsetzen.

Durch die Mischung aus absurden, klugen, optimistischen, naiven, kritischen, pessimistischen und nostalgischen Vorschlägen, wie die – zeitlich nicht weiter eingegrenzte – Zukunft aussehen mag, neigt sich der Abend mal zur philosophischen, mal zur humoristischen Seite. Die beiden Darsteller bleiben dabei stets ihrer freundlich-lässigen Story-Telling-Manier treu, schubsen das Publikum sanft zu eigenen Gedankenspielen.

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Gegen Ende, vom Licht mehr und mehr verlassen, verschwinden Robin Arthur und Terry O'Connor fast in der Dunkelheit des Raums und drehen noch mal ein bisschen an der Relativität der Zeit: Vielleicht gibt es in der Zukunft eine andere Zeitrechnung? Vielleicht ist eine Sekunde dann eine Minute, eine Minute eine Stunde und eine Stunde ein ganzes Leben? Vielleicht lebt der Mensch dann nur noch eine Stunde? Genau diese ist jetzt vorbei.

 

Tomorrow's Parties (DEA)
von Forced Entertainment
Konzept: Robin Arthur, Tim Etchells, Richard Lowdon, Claire Marshall, Cathy Naden und Terry O'Connor, Regie: Tim Etchels, Design: Richard Lowdon.
Mit: Robin Arthur und Terry O'Connor.

kampnagel.de/sommerfestival
www.forcedentertainment.com



Mehr zu Forced Entertainments? Die britische Performancegruppe zeigte in Deutschland zum Beispiel The Thrill of it all und Spectacular.

 

Kritikenrundschau

Terry O'Connor und Robin Arthur brauchen für ihr neues Stück nicht viel. In Alltagskleidung stehen sie auf einem improvisierten Podest, und "wie Kinder im Spiel versuchen sie einander mit Visionen zu übertreffen, daraus wird ein Überlebenskanon im Storytelling", so Frauke Hartmann in der Berliner Zeitung und in der Frankfurter Rundschau (26.8.2011). Wobei sich Forced Entertainment wieder einmal als Meister der ironischen Zuspitzung erweisen angesichts ihrer Visionen über unser zukünftiges Leben, "die traurigste Variante darin ist, das in Zukunft alles bleiben könnte, wie es ist". Die durchsichtige, jedoch doppelbödige Leichtigkeit, mit der die weltweit tourende englische Gruppe um ihren Regisseur Tim Etchells sich an die schwierigsten Themen heranwage, sei nach wie vor ihr Geheimrezept. In ihrem neuen Abend "werfen sie einen exklusiven Blick auf das Theater in seiner puren Form, auf die Sprache und das Erzeugen von inneren Bildern. Ist das nun Avantgarde? Auf jeden Fall ist es zauberhaft".

"Arthur und O'Connor könnten zwei Büroangestellte sein, die sich von einer Feier entfernt haben, um ihre eigene Zukunftsparty zu zelebrieren", so Annette Stiekele im Hamburger Abendblatt (26.8.2011). "Ihr kleiner, charmanter Wettstreit der Worte verweigert sich jeder theatralen Zuordnung." Und obwohl eigentlich nichts Aufregendes geschehe, provozieren sie mit minimalem Spiel Lacher, aber auch nachdenkliches Raunen im Publikum. "Ja, es könnte auch sein, dass das Leben in der Zukunft nur eine Stunde dauert. Einen wunderbaren Theatermoment lang."

 
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