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Mädchendämmerung

von Esther Boldt

Frankfurt, 25. August 2011. "Unter allem ist das Chaos, Claude", sagt Olga einmal zu ihrem Liebhaber. Und wendet sich angeekelt von ihm ab, als die Angst unter seinem schicken Zweireiher hervorblitzt. Bernhard Mikeska hält allerdings am Zweireiher fest und überlässt nichts dem Zufall, seine Inszenierungen sind präzise durchkonstruierte Theatermaschinen. Wie Zeitraumspiralen quirlen sie narrative Fragmente, Beweisstücke und untreue Figuren ineinander, sodass sich der Zuschauer in ihnen lustvoll verirren kann.

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Vor der L.A.-Kulisse: Nils Kahnwald, Franziska Junge © Birgit Hupfeld

Zur Spielzeiteröffnung 2009/10 am Schauspiel Frankfurt zeigte er Remake :: Rosemarie – als Annäherung des neuen Intendanten Oliver Reese an die Stadt. Auf den Spuren der Edelhure Rosemarie Nitribitt erzählte es von Sex, Macht und Geld eine Geschichte, die so unsterblich wie wahr ist. Mit Vorliebe spielt der Regisseur mit kriminologischen Strukturen und sich verschiebenden Realitätsebenen, in die der Zuschauer hineingezogen wird, indem er sie durchquert: In "Remake :: Rosemarie" traf er in spiegelartigen Raumkonstruktionen auf Nitribitts Zeitgenossen, in "Rashomon :: Truth lies next door" wurde er durch eine Reihe von Hotelzimmern geschickt. Beide Projekte lebten von ihren irrgartenartigen Strukturen, inhaltliche Schwachpunkte verschwanden darin einfach. Bei seinem neuen Projekt zum Spielzeitauftakt des Schauspiels aber werden sie rasch offenbar.

Geburtstagsparty in Hollywoods Irrgarten

"Je t'aime :: Je t'aime" macht siebzig Zuschauer zu Gästen auf der Geburtstagsparty einer Hollywooddiva. Bedauerlicherweise aber dürfen sie weder trinken noch tanzen. Denn bei aller Nähe zum Geschehen bleibt die vierte Wand intakt. Die Zuschauer sind stumme Zaungäste, per Kopfhörer können sie den Dialogen der sechs Schauspieler folgen, die zwischen, vor und über ihnen stattfinden. Dabei sitzen oder stehen sie auf dem Patio zwischen zwei kulissenartigen Fassaden: hier ein Pool mit Mulholland-Drive-Panoramasicht auf die Straßen von L.A., drüben hinter breiten Glasschiebetüren ein Wohnzimmer.

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Wie auch schon "Rosemarie" entstand "Je t'aime" in Zusammenarbeit mit dem Autor Lothar Kittstein und knüpft sehr lose an einen recht unbekannten Film von Alain Resnais an, "Je t'aime, je t'aime" von 1968. Bei Resnais geht ein verhinderter Selbstmörder auf Zeitreise in seine Vergangenheit, bei Mikeska/Kittstein wird eine Filmdiva von der Zeit eingeholt. Catrine (Traute Hoess), Star aus "Je t'aime", feiert ihren fünfzigsten Geburtstag. Doch ihr Mann Claude (Peter Schröder) hat eine Affäre mit der jungen Olga (Valery Tscheplanowa), die aber lieber einen schönen Unbekannten küsst. Mit dem Kuss fällt ein Schuss, die Diva ist tot, und die Party beginnt zehn Jahre später von vorn, diesmal mit Olga in der Hauptrolle.

Wettkampf mit der Zeit

So spielt der Abend mit Spiegelungen, Doppel- und Wiedergängern. Er erzählt von einem Ort in Technicolor-getönter Vergangenheit, an dem die Frauen ebenso schön wie hysterisch sind und die Männer händeringend versuchen, die Kontrolle zu wahren. Im Wettkampf mit der Zeit kämpfen die Diven von gestern gegen die straffen Wangen der Jugend, und die Jungen heulen gegen die übergroßen Heldinnen ihrer Kindheit an.

Kurzum: Im Kampf der Geschlechter wie der Generationen explodiert ein Tischfeuerwerk nach dem anderen. Schließlich muss der Traumfabrik Hollywood jeden Tag ein neues, unverbrauchtes Gesicht zum Frühstück geopfert werden muss, damit sie reibungslos weiterläuft. Die reinste Mädchendämmerung.

Sichtbares Konstrukt

Die irrlichternden Figuren und Doppelgänger sollen sich mit Fiktions- und Realitätsebenen brechen: Als sich die Festeröffnung zum dritten Mal wiederholt, wird das Theater als Filmset enthüllt, in dem Schauspieler bloß Schauspieler spielen. René Pollesch, David Lynch und die Nouvelle Vague lassen grüßen, doch die Behäbigkeit des Abends negiert all diese Referenzen sofort: Zu sichtbar ist von Anfang an das Konstrukt, das da mitsamt seinem fadenscheinigen Plot um den Zuschauer herum gestemmt wird, zu schematisch sind die Figuren dahingekritzelt, um sich mit ihnen verbünden und verirren zu können. Statt schwindelerregenden "All tomorrow's Partys" gibt's hier bloß abgestandenen Sekt mit Sixties-Flavour.

 

Je t'aime :: Je t'aime
Regie: Bernhard Mikeska, Text: Lothar Kittstein, Bühne: Dominic Huber, Kostüme: Almut Eppinger, Sounddesign: Knut Jensen, Dramaturgie: Alexandra Althoff.
Mit: Traute Hoess, Franziska Junge, Valery Tscheplanowa, Nils Kahnwald, Peter Schröder und Thomas Schmidt.

www.schauspielfrankfurt.de

 

Kritikenrundschau

Selten habe man sich als Theatergänger derart in einem Film gefühlt wie bei dieser Premiere, schreibt Michael Hierholzer im Rhein-Main-Teil der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (27. 8. 2011). "Alle stehen und wandeln in den Räumen einer Villa", und zwar Zuschauer und Darsteller gleichermaßen. Doch obwohl sich die Zuschauer mitten unter den Darstellern befänden, gebe es keine Kommunikation. "Sie beachten uns nicht. Es handelt sich also nicht um Mitmachtheater." Eine Geschichte werde nicht aus den unterschiedlichen Szenen und Ebenen der Inszenierung, vielmehr entsteht dem Eindruck des Kritikers zufolge "ein Taumel, ein Schwindel, was durch die plötzlich einsetzende Bühnendrehung noch verstärkt wird. Alles dreht sich im Kreis." Den Überblick über die Ebenen des Abends zubehalten, erfordere ein ziemliches "Genie an Aufmerksamkeit", so Hierholzer und streckt am Ende die Waffen: "Zurück bleibt das Gefühl, dass es kein wahres Leben im falschen Film gibt."

"Dieser Abend gebärdet sich mirakulös, wo nicht die Spur eines Geheimnisses ist – sondern bloß schnöde postdramatische Routine," fasst Stefan Michalzik im Wiesbadener Kurier (27.8.2011) seinen Eindruck zusammen. "Viel Konstruktion und ein engagiert ins Leere laufendes Ensemble in einer perfekt schnurrenden Theatermaschinerie bei einer kümmerlichen Substanz. Die selbstbespiegelnde Dekonstruktion der Illusionsfabrik - sei es Hollywood oder die Theaterbühne - hat eine internationale Avantgarde abseits der städtischen und staatlichen Häuser schon schlagender durchexerziert - und das so erbarmungslos ausdauernd, dass man am Schluss auch dort nur noch abwinken mochte. Selbst ein mit den Avantgarden minder vertrautes Stadttheaterpublikum dürfte mit derlei selbstverliebten Spielchen allenfalls noch milde zu irritieren sein."

Zwar sei die Inszenierung nach dem gleichnamigen Film von Alain Resnais formal klug gemacht, findet Astrid Biesemeier in der Frankfurter Neuen Presse (27.8.2011). Doch mit Ausnahme von Traute Hoess, die hier in Wirklichkeit anders als ihre Catrine ihre Erfahrungen nutzen kann, liefert der letztlich dürftige Plot aus Sicht der Kritikerin "für alle anderen nur wenig Material, so dass die Aufführung hölzern und klischeehaft erscheint."

Die Sache wirke "leicht interaktiv", aber auch endlos weit entfernt, schreibt Peter Michalzik in der Frankfurter Rundschau (27.8. 2011). Der Abend sei gleichermaßen "melodramatisch empfunden" wie "gedanklich sehr durchstrukturiert und aufgefächert". Man erlebe "sozusagen die Dekonstruktion eines magischen, märchenhaften Moments." Theater als Trickkiste also, "eine emotional-intellektuelle Theaterinstallation". Es handele sich um Teil 2 der Diventrilogie, deren erster Teil über Rosemarie Nitribitt "Intensivtheater" und einer der Hits der letzten Frankfurter Saison gewesen sei. Jetzt habe das Duo Kittstein/Mikeska zur Saisoneröffnung einen Dreiakter aus der fiktiven Geschichte einer Diva gebaut, die in dem Film "Je t'aime" ihren größten Auftritt hatte und sich später umbringt. Kein großer Text, findet der Kritiker, der sich auch von der Inszenierung nicht sonderlich berührt fühlt, weil sich alles für seinen Geschmack zu stark dem Konzept unterordnet. Kopftheater eben, das zwischen den Muscheln eines Kopfhörers stattfinde. "Und doch ist sie wie ein anhaltendes, irritierendes Summen - im Kopf oder außerhalb, wer weiß das schon."

In der Süddeutschen Zeitung (31.8.2011) schreibt Jürgen Berger: es gehe Bernhard Mikeska und Lothar um die "nicht so ganz taufrischen Erkenntnis […], dass es im falschen Divenleben keine richtige Freude geben kann." Sie hätten aus dem Film "die Erzählstruktur, derzufolge das Leben ein erinnerndes Schnipselwerk ist", übernommen. Als Zuschauer sei man hautnah dabei, wandele in der Villa mitten unter den Schauspielern und stelle überrascht fest, "wie das ist, wenn die in ihren Mikroport hauchen". Obwohl sie nicht weit entfernt spielten, verstünde man die Spieler besser im Kopfhörer, "der gerade ein Hörspiel aus einer Welt liefert, in der man doch eigentlich anwesend ist". Das Team eliminiere die vierte Wand und tue so, als werde dem Publikum "Mitmachtheater zugemutet". Andererseits vereinzelten die Kopfhörer alle Anwesenden und richteten die vierte Wand wieder auf. Irgendwann habe man sich zwar daran gewöhnt, dass viele Dialoge überflüssig seien. Warum Lothar Kittstein und Bernhard Mikeska das Experiment indes unternommen hätten, "fragt man sich trotzdem die ganze Zeit".

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