Die Erinnerung lebt

von Elske Brault

Osnabrück, 4. September 2011. Ur- und Erstaufführungen an ungewöhnlichen Orten präsentieren, mit den neuen Stücken auch die Stadt in ein neues Licht rücken, das ist das Konzept der Osnabrücker Spieltriebe. Alle zwei Jahre führt das Festival seine Besucher auf verschiedenen Routen zu drei bis vier Aufführungen pro Abend. Der neue Intendant Ralf Waldschmidt hat es erstmals unter ein Thema gestellt: "Zehn Jahre nach 9/11".

In den Kulissen des Kalten Krieges

Ein zentraler Spielort allerdings hat seinen Ursprung noch weit früher, geht nämlich auf das Ende des Kalten Krieges zurück: Vor zwei Jahren haben die britischen Truppen das Gelände der Limberg-Kaserne verlassen, ein sich kilometerweit erstreckendes Areal mit eigenem Straßennetz und symmetrisch daran aufgereihten Flachbaracken mit vergitterten Fenstern, eine Geisterstadt hinter hohen Stacheldrahtzäunen – vor allem nachts gespenstisch. Hier gibt es ein "Schießkino", einen "NAAFI-Supermarkt" (einst für zollfreien Einkauf), ein "Mannschaftskasino" – und an all diesen Orten, die garantiert kein Osnabrücker Zivilist bisher je betreten hat, jetzt Theater.

"Ich dachte nur: Scheiße. Also wenn es in einem Hochhaus brennt, müssen sie hochlaufen. Müssen den ganzen Kram mit hochschleppen. Und die wussten, dass 25.000 Leute in dem Turm sitzen. Zwei mal 25.000 Leute müssen sie aus dem Turm kriegen. Und mit einer brennenden Etage mittendrin." Der Osnabrücker Feuerwehrmann hat am 11. September 2001 genau gewusst, was seine Kollegen im fernen New York bewältigen mussten, vor welchen Entscheidungen sie standen.

Simple Erzählungen, große Wirkung

Seine Erinnerungen lassen diesen Tag noch einmal präsent werden. Der Journalist Dirk Schneider hat sie aufgeschrieben. Er hat auch ein Ehepaar befragt, das sich an jenem Tag auf dem Flug nach Washington befand und nach einer Odyssee durch den nordamerikanischen Luftraum in Montreal landete, einen Organisten, der kurzfristig bei einem spontan angesetzten Gottesdienst einsprang, die Soldatin nach ihrem Einsatz in Afghanistan und eine seit dreißig Jahren in Osnabrück lebende Muslima: "Vorher hat niemand geguckt, weil ich ein Kopftuch trage".

Vier junge Schauspieler sprechen diese Texte – so unprätentiös und überzeugend, dass man heulen muss. Mit den Erzählungen der anderen lebt auch das eigene Erleben wieder auf. Regisseur Frank Abt hat bereits in Hamburg mehrere solcher Dokumentartheaterabende umgesetzt, hier ist ihm ein ganz großer Coup gelungen. Als Bühnenbild genügen zwei übereinander angeordnete Stuhlreihen, zwei Scheinwerfer, deren Ausrichtung die Darsteller selbst verändern, und das Publikum sitzt im ehemaligen Mannschaftskasino auf Bierkisten.

Theater in einer Friedensstadt

Ähnlich simpel trifft "Blogosphere Iraq" im nahe gelegenen Schießkino ins Herz der Zuschauer: In diesem Übungstunnel zielten Soldaten einst auf über die Leinwand flimmernde Feindbilder, jetzt ist dort in einem Video zu sehen, wie einem Mann der Kopf abgeschnitten wird. Dazu sprechen eine Schauspielerin und ein Schauspieler Texte aus zwei gegensätzlichen Internetblogs zum Irak-Krieg: Der amerikanische Soldat schildert Grausamkeiten und Bedrohungen, die für ihn allmählich zum Alltag werden. Die Einheimische im Irak erlebt, wie nach dem Einmarsch der Amerikaner selbstverständliche Freiheiten verloren gehen, Frauen in ihren Ausbildungs- und Arbeitsmöglichkeiten eingeschränkt werden, sich stärker verhüllen müssen.

"Mir geht es nicht darum, Neues oder Ungewöhnliches zu zeigen, sondern dass wir mit neuen Perspektiven auf den Zustand unserer Welt zehn Jahre nach 9/11 schauen", sagt Intendant Ralf Waldschmidt. Alle 14 Ur- und Erstaufführungen des Festivals beschäftigen sich mit Krieg und Frieden, mit Gewalt oder der Utopie einer gewaltfreien Welt. "Friedensstadt, das ist hier mehr als ein Slogan des Stadtmarketing", glaubt Waldschmidt und bescheinigt Osnabrück eine besondere Aufgeschlossenheit für die von ihm gewählte Thematik. Der 52jährige ist ein ruhiger, sensibler, dabei zäher Arbeiter im Stadttheaterbetrieb. Dass er als Intendant auch an Politikertreffen und Festen des kommunalen Wirtschaftsverbandes teilnehmen muss, akzeptiert er gelassen als Teil seiner Berufsbeschreibung.

Der Wunsch, aktuell und heutig zu sein

In Augsburg hat er zuvor die Opernsparte geleitet, beim Festival sind Musik und Musiktheater diesmal stärker vertreten. Eine neue Komposition des in Mannheim lehrenden Sidney Corbett beschließt jeden Spieltriebe-Abend, außerdem hat Waldschmidt bei sechs Studenten Corbetts jeweils eine 15-Minuten-Kurzoper in Auftrag gegeben. Doch während jenseits des Festivals der Opernspielplan mit "Don Giovanni" und "Aida" eher auf Bewährtes setzt, prägen im Schauspiel zeitgenössische Texte auch die weitere Spielzeit. "Theater kann nur aktuell und heutig sein, sonst funktioniert es nicht" lautet das Credo des Intendanten.

Das gilt offensichtlich auch für das "Antikenprojekt" des Festivals. Da tänzelt Poseidon als langhaariger Lederrocker in 30 Meter Höhe auf der Balustrade des wuchtigen Theaterbaus am Domhof, seine Nichte Athene fährt im offenen Jeep auf den Vorplatz. "Du hast meine Stadt zerstört" bellt Poseidon aus den Lautsprechern durch die Fußgängerzone, und es ist nicht klar, ob er Osnabrück und den 2. Weltkrieg, die Betonarchitektur der Nachkriegszeit oder doch das antike Troja meint, so geschickt mischt sich hier ein Text aus Euripides "Troerinnen" mit modernen Einsprengseln. Im Theater geht es dann weiter: Poseidon und Athene verzocken, was von der Welt übrig ist, wie George Bush und Wladimir Putin beim Gipfeltreffen, ein Dea-Loher-Monolog über Afghanistan kontrastiert die Klagegesänge der gefangenen Hekabe, einst Königin Trojas. Christel Leuner als Hekabe, alt gedientes Ensemblemitglied, hält die Fragmente Kraft ihrer Bühnenpräsenz zusammen.

Auf den Hund gekommen

"Tod einer Hündin" heißt das Projekt. Wenns um die Nachwirkungen eines Krieges geht, kommen die Stücktitel auf den Hund: Die Italienierin Letizia Russo hat ihre Beschreibung eines latent-daueraggressiven Nachkriegsjugoslawiens "Hundegrab" getauft, in ihrem Heimatland gewann der 2001 entstandene Text zwei Theaterpreise. Russo entwirft eine eher intime Familienszenerie: Blinde Mutter, sorgender Sohn, verliebt in die Nachbarin, die ebenfalls die mäkelnde Mutter pflegt, Sohn heult sich aus bei bestem Kumpel – so weit so gut.

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"Tod einer Hündin"  © Jörg Landsberg

Bloß bestehen all diese Beziehungen nur noch äußerlich, der Krieg hat die Empathiefähigkeit der Figuren vernichtet. Also wendet sich die Nachbarin vom Sohn ab, als ihr Mann von der Front heimkehrt, kann sich ihm aber genau so wenig hingeben. Der beste Kumpel wird, von Schulden gedrückt, zum Schutzgelderpresser. Sohn und Mutter bleiben vereinsamt zurück, gefangen in starren Kommunikationsritualen. Statt die untergründige Kälte der Dialoge herauszuarbeiten, lässt Regisseur Felix Meyer-Christian seine Darsteller unablässig schreien. Sie müssen sich nackt ausziehen, mit Schlamm beschmieren, im Hintergrund im Quadrat marschieren, ohne dass dies irgendeinen erkennbaren Zusammenhang mit dem Text hätte. Am Ende hüpfen sie brüllend in Tierkostümen über die Bühne und schlagen die zuvor als Rückwand dienenden Plastikfolien so heftig auf den Boden, dass der Schlamm bis in die Zuschauerreihen spritzt. Blut- und Matschtheater à la Hermann Nitsch – still sich fremdschämend trollt die Kritikerin sich von dannen.

Wenn die Sonne immer noch so schön scheint (UA)
von Frank Abt/Dirk Schneider
Regie: Frank Abt. Mit: Ellen Céline Günther, Stephanie Schadeweg, Patrick Berg, Marcus Hering.

Blogosphere Iraq (UA)
Regie: Liz Rech, Dramaturgie: Hilko Eilts, Anja Sackarendt.
Mit: Andrea Casabianchi, Dennis Pörtner.

Tod einer Hündin (UA)
mit Texten von Euripides und Dea Loher Regie: Alexander May, Musik: Sidney Corbett.
Mit: Christel Leuner, Rosemarie Fischer, Thomas Kienast, Monika Vivell u.a.

Hundegrab (DEA)
von Letizia Russo Regie: Felix Meyer-Christian.
Mit: Alexander Jaschik, Daphna Rosenthal, Andrea Casabianchi, Dennis Pörtner, Sebastian Klein, Johannes Bussler.

www.theater-osnabrueck.de

 

Mehr über Festival Spieltriebe 3, das im September 2009 in Osnabrück damals noch unter dem Intendanten Holger Schultze stattfand, gibt es auf dem nachtkritik-Festival-Portal nachtkritik-spieltriebe3.de. Und im Rahmen von Spieltriebe 4 hat Annette Pullen das neue Stück von Theresia Walser Eine Stille für Frau Schirakesch uraufgeführt.

 

Kritikenrundschau

"Ungewöhnliche Orte, ungewöhnliche Ästhetiken – mit den Spieltrieben liegt die Visitenkarte der Waldschmidt-Intendanz vor", resümiert die Kulturredaktion der Neuen Osnabrücker Zeitung (4.9.2011) und entdeckt "eine überbordende Experimentierlust. Immer wieder lassen Regisseure und Schauspieler die Theaterliteratur hinter sich, dramatisieren vorgefundene Texte wie Internet-Blogs, fantasieren aus Apo-Schriften schrille Weltentwürfe vom Insektenstaat, holen hier den funky Schlagzeuger, dort den Violine spielenden Konzertmeister auf die Bühne, drehen an der Tempo-Schraube, stellen den Zuschauerraum mit Bäumen voll, überfordern das Publikum mit Textkaskaden, Nacktauftritten und der umgehenden Ironisierung ihrer Erzählweisen. Hut ab!" Die Spieltriebe machten zudem vor, wie man beim Thema Krieg Betroffenheitstheater vermeide.

Es sei eine gute Entscheidung der neuen Intendanz, die Spieltriebe aufrecht zu erhalten, sagt Michael Laages in der "Sendung Kultur heute" im Deutschlandfunk (5.9.2011) und lobt das diesjährige Festival als "Entdeckungsreise" durch den städtischen Raum. Allerdings schränkt er ein: "Wenn doch nur die Stücke und Texte ein bisschen stärker ausgefallen wären (…)". Besonders unzufrieden zeigt sich Laages mit der Uraufführung des neuen Stückes von Theresia Walser: "Wer aber will denn um Himmels willen im Theater immer mehr Fernseh-Debatten vorerzählt bekommen: die Bikini-Damen vor allem, die im irgendwie afghanischen Tschundakar absurderweise bei einem Schönheitswettbewerb auftraten; der General mit den großen Worten; die vom Tod zweier Kameraden schwer traumatisierte Soldatin – von einem ihrer zerfetzten Freunde trägt sie (als letzte Erinnerung) stets ein Ohr bei sich. Der Vater ist deutscher Stammtisch pur – und das hohle Palaver all dieser Talkshow-Teilnehmer will Walser an die mörderische Wirklichkeit einer Steinigung binden ... das kann nicht gut gehen, und es geht auch nicht gut."

Ein Festival, das "den Adrenalinspiegel in die Höhe treibt", hat Jürgen Berger für die Süddeutsche Zeitung (8.9.2011) in Osnabrück erlebt. Den Antikendiskurs "Tod einer Hündin" und Letizia Russos "Hundegrab" fertigt der Kritiker eher im Vorübergehen ab. Lob hat er für die neue Uraufführung von Theresia Walser (hier im Rahmen der Einzelbesprechung zusammengefasst). Peca Stefans "Drahtseilakrobaten" in der Inszenierung von Katja Lilith Leinenweber liefere den Nachweis, dass "da ein gut besetztes neues Schauspielensemble am Werk ist." Einen Höhepunkt stellt dann wieder Pedro Martins Bejas "Wartopia" dar, das beweise, wie "Beja das kleine Regie-Einmaleins beherrscht". Man "staunt, mit welch irrwitziger Nonchalance Beja alles mischt, was der postdramatische Handwerkskoffer so bereit hält, angefangen von Gesten des zeitgenössischen Tanzes bis hin zu Hysterien à la René Pollesch. Um was es tatsächlich geht, bleibt allerdings das große Geheimnis eines performativen Rundumschlags, der alles an Text zu versammeln scheint, was dem Team während der Proben so in den Sinn kam."

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