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Entleert und fest gekachelt

von Christian Rakow

Berlin, 4. September 2011. Eine "Gramfalte" hat Johannes auf der Stirn. Vom Alleinsein, wie es heißt. Dabei ist er gar nicht so oft allein, sondern eigentlich bestens umsorgt. Von seiner Mutter, die als Dauergast unter seinem Dach logiert und die Johannes' melancholischem Weltengegrübel stets einen frommen Glaubenssatz entgegenzuhalten weiß. Und von seiner Ehefrau Käthe, die ihn mindestens so zärtlich in den Armen wiegt wie ihren frischen Nachwuchs Philippchen. Allerdings tragen auch Mama und Käthe neuerdings Gramfalten – seit die Studentin Anna im Haushalt eingezogen ist und nun Johannes ordentlich den Kopf verdreht.

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Mit hängenden Schultern und Gramfalten...
© Katrin Ribbe

Mit Zement bestrichen

"Verdrehter Kopf, drehende Bühne", muss sich Ausstatterin Sabine Kohlstedt gesagt haben. Und also kreist die weißblau gekachelte Spielfläche unter einem gleichfalls kreisenden Leuchter so unablässig und zäh, als habe man einen alten Schallplattenteller mit einer Ladung Zement bestrichen. Eine schwere Bühne für eine schwere Lebenskrise. Die meiste Zeit bleiben alle Akteure auf dem Podest anwesend. Fest gekachelt, mal stehend, mal auf Holzstühlen sitzend. Durchweg mit hängenden Schultern und Gramfalten auf der Stirn.

Friederike Heller ist eine Regisseurin, die – gleich ob in großen oder schwächeren Abenden – noch immer eine inspirierende Perspektive auf klassische Texte eröffnet. Deutungsfrei geht es eigentlich nie ab. Ist es also bloß Einbildung oder waren es wirklich Gramfalten, die man auf der Stirn der Hausregisseurin der Schaubühne beim zögerlichen Schlussapplaus auszumachen glaubte? Grund genug hätte sie nach diesem ratlosen, ja bedeutungslosen Gang durch Gerhart Hauptmanns Frühwerk "Einsame Menschen" (1891).

Anämisch aus den Schuhen kippend

Es mag ja sein, dass vieles an Hauptmanns Drama für heutige Ohren kaum mehr erträglich ist: die saturierte Überheblichkeit des Rentiers Johannes, sein Aufbegehren gegen das christlich-bürgerliche Familienmodell und die Feier platonischer Geistigkeit mit der Studentin Anna. Oder die Figur der braven Käthe, die durch Annas mondäne Intellektualität ein bisschen feministische Morgenluft schnuppert, ohne letztlich ihrer Hausmutterrolle entkommen zu können. Auch Johannes' weltanschaulicher Kampf für den Darwinismus gegen die herrschenden alttestamentarischen Doktrinen mutet nicht eben taufrisch an. Nur: Wenn man diesen Figuren so ganz ihren Diskurs raubt, bleibt allenfalls eine unspezifisch verkrampfte Dreiecksbeziehung mit mittlerem Gramfaltenfaktor übrig. Und für die braucht's eigentlich nicht Hauptmann.

Heller hat "Einsame Menschen" jedenfalls bis zur völligen Austauschbarkeit entleert und pseudoaktualisiert. In erwartbarer Distanzierung von der Dulderhaltung in der Vorlage gibt Eva Meckbach ihrer Käthe ein gesundes Maß an Schlagfertigkeit und abgebrühten Pragmatismus, muss dann aber doch anämisch aus den Schuhen kippen, wenn Eifersucht ihre Figur übermannt. Wieso überhaupt dieser Drift in Eifersucht und Zickigkeit? So abgegriffen wirkt doch gerade Käthes Konflikt mit Johannes um Bildungsdifferenzen und die Definitionsmacht in der Partnerschaft nicht.

Ein kalter Joint

Aber Bildung, schön wär's ja. Die Inszenierung sucht allein das Worthülsenpotpourri. Jule Böwes Studentin Anna bleibt zwangsläufig leere Projektionsfläche, unfähig zu Geistesblitzen oder wenigstens Anflügen von Esprit. Dafür punktet sie mit lieblichem Augenaufschlag und flatternder Bluse. In ihrem toten Winkel geht Ernst Stötzner auf Schmunzlerernte, wenn er sich als Mutter Vockerat durch bibelfeste Frömmeleien knarzt.

Wie raffiniert hatte Heller noch im Februar mit Sophokles' Antigone ein Identitätsverluststück für moderne Männer erzählt! Und heute? Für den flirrend haltungslosen Bohemien Johannes Vockerat, für diesen Ödipussi mit Weltenrätselwut, fällt ihr nicht mehr ein, als Tilmann Strauß zum faden Schlappschwanz und Neurosenschieber zu degradieren? Flankiert von seinem bis zur Unsichtbarkeit blassen Künstlerfreund Braun (Christoph Gawenda)?

"Seid fidel, ich bin es auch!", heißt es zeitig an diesem gut einhundertminütigen Abend. Aber nichts da! Alles lahmt. Heller hat ihre Figuren in die Ausnüchterungszelle gesteckt, wo Behauptungsroutinen wie ein kalter Joint umher gereicht werden. Weiter und weiter dreht das Kachelpodest über einer flachen Wasserdecke. Kante-Pianist Michael Mühlhaus lässt von der Seite her ein paar kühle Akkorde plätschern. Das ist der Sound zum Katerfrühstück. Einsame Töne für gedankenkarge Menschen.

 

Einsame Menschen
von Gerhart Hauptmann
Regie: Friederike Heller, Bühne und Kostüme: Sabine Kohlstedt, Musik: Michael Mühlhaus, Dramaturgie: Bernd Stegemann, Licht: Erich Schneider.
Mit: Jule Böwe, Christoph Gawenda, Eva Meckbach, Ernst Stötzner, Tilman Strauß,
Pianist: Michael Mühlhaus.

www.schaubuehne.de

 

Mehr dazu: Die beiden letzten Besprechungen von Einsame Menschen auf nachtkritik.de widmeten sich ebenfalls den Arbeiten zweier Regiefrauen: Hannah Rudolph inszenierte das Hauptmann-Stück im Februar 2010 in Frankfurt am Main und Julia Hölscher im Mai 2011 in Dresden.

 

Kritikenrundschau

Andrea Gerk sagte in Fazit auf Deutschlandradio (4.9.2011): Ein bis auf Ernst Stötzner sehr junges Ensemble träte hier auf, in der Kleidung unserer Zeit; auch die Spielweise sei "sehr jung" und die Sprechweise "fast beiläufig, wodurch der Text sehr zeitgemäß" wirke. Auf der anderen Seite gelänge es Friederike Heller aus diesem Hauptmann-Stück die "Dimensionen einer fast schon antiken Tragödie rauszuholen und wirklich schwer wiegende Konflikte von zeitloser Relevanz" aufzuzeigen.

Friederike Heller habe kräftig den Rotstift angesetzt, konstatiert Peter Hans Göpfert im Kulturradio vom rbb (5.9.2011): "Keine Spur von Naturalismus oder Milieu." Das Stück wirke auf eine Beziehungs-Krisen-Konstellation verkleinert, bei der Johannes Vockerath gar nicht der Typ sei, der sich im Müggelsee ertränken würde. "Der wäre nach Bühnenbild-Lage dann auch wirklich zu flach."

Von einem, für Friederike Hellers Verhältnisse ungewohnt konzeptionsunsicheren Abend spricht Christine Wahl im Berliner Tagesspiegel (6.9.2011). "Mag sein," so die Kritikerin, "dass Heller die viel zitierte Unverbindlichkeit an jeder Beziehungsfront als Konzept vorschwebte. Inszeniert hat sie allerdings eine Dreiecksbeziehung, die hart an der Belanglosigkeitsgrenze entlangschrammt – weil sie um eine Nullstelle kreist." Diese Nullstelle, das mit aus ihrer Sicht der "geheimnislose Unsympath" und "charismafreie Klischee-Narziss" Johannes Vockerat. Doch auch der Rest des "müde um sich selbst kreisenden Figurenquintetts" bietet Wahl wenig Zündstoff.

"Aber der Abend lässt sich nicht so leicht abschütteln", gibt dagegen Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung (6.9.2011) zu Protokoll. "Das verdankt sich den mit seelischer Glaubwürdigkeit und wacher Intelligenz agierenden Schauspielern und einem von Heller hinzuinszenierten Zungenkuss zwischen dem zu Hilfe geholten, frommen Vater von Johannes (ebenfalls Stötzner) und dessen doch eigentlich platonischer Freundin Anna. Der Vater schleckt und kaut es weg, das Ideal von reingeistiger Freundschaft zwischen Mann und Frau und kastriert auf diese Weise seinen nun wieder gehorsamen Sohn." In Gerhart Hauptmanns Stück bestehe der Konflikt darin, dass "der Hauptantiheld Johannes Vockerat" keinen Konflikt sehen wolle, obwohl es davon geradezu wimmele. Und wenn auch Seidler den Abend wohl nicht zu Friederike Hellers stärksten zählt, gibt er ihm doch einiges zu denken.

Eine kluge Inszenierung hat Heller laut Irene Bazinger in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (7.9.2011) geschaffen, die den "Fünfakter zugleich herzlich fern und fesselnd nahe erscheinen" lasse. "Knapp zwei Stunden lang machen die Schauspieler die Kämpfe um Selbstverwirklichung und Emanzipation, um Konventionen und Verantwortung auf hochkonzentrierte und gekonnte Weise zu ihren eigenen und finden dafür einen in seiner meist beiläufigen Schnoddrigkeit äußerst glaubwürdigen Ton."

Peter Laudenbach vergleicht in der Süddeutschen Zeitung (7.9.2011) die Inszenierungen von "Einsame Menschen" mit der einen Tag später herausgekommenen Inszenierung von "Jeder stirbt für sich allein" von Jorinde Dröse: "Die interessantere, wenn auch nicht ganz unverquaste Inszenierung" sei die Hellers, die Johannes als "eine der üblichen verkrachten Berliner Möchtegern-Künstler-Schwadroneur-Existenzen" zeichne, "die ihre Lebenslügen für digitale Boheme halten, während sie in Wirklichkeit nur vom Erbe leben und sich den lieben langen Tag für nichts als für ihre Befindlichkeiten interessieren." Allerdings passe zu dieser Welt das Stück nicht. Sein Fazit: bedauerlich konfuses Konzepttheater.

Barbara Behrendt würdigt in der TAZ (7.9.2011) die Neuakzentuierung, die die Regisseurin an diesem Hauptmann-Stück vornimmt: "Hellers Interesse liegt eindeutig bei den jungen Frauen und ihren Rollenbildern." In der modernisierten Käthe stelle sie "uns die Frau der Gegenwart als patente Familienmanagerin vor. Sie ist nicht geistlos, sie ist geerdet. Gegen diese Form der Emanzipation sieht Anna Mahr alt aus: Jule Böwe gibt sie als selbstsüchtige Verführerin in Highheels. Unabhängig zwar – aber ihre Geistesschärfe bleibt eine Behauptung, man spürt nur Bildungsattitüde und eine einsame, haltlose Freiheit." Auf das grundsätzliche Lob für die Konzeption folgen Einschränkungen: "Das ist eine spannende neue Lesart der 'Einsamen Menschen'. Nur ergeben kluge Überlegungen noch keinen gelungenen Theaterabend. So klar und poetisch das Bühnenbild aufs erste wirkt, so wenig Dynamik kann es auf Dauer bieten. Das Gleiche gilt für die überdeutlich gezeichneten Figuren - auf diesem winzigen Quadrat ist kaum Entwicklung möglich, das monotone Rotieren der Bühne wird streckenweise zur Einschlafhilfe."

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