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Die Lust an der Ausgrenzung

von Matthias Schmidt

Dresden, 9. September 2011. Die Dresdener waren hungrig auf Theater. Als seien sie auf Entzug, drängten sie am vergangenen Wochenende in das Große Haus des Staatsschauspiels – in eine eigentlich unspektakuläre Veranstaltung, das Theaterfest zum Saisonstart. Ausverkauft! Selbst die Stehplätze im Rang. Einige mussten draußen bleiben.

Faszinierender Kompromiss

Wir Kritiker sind normalerweise nicht dort, wo es nachmittags Grillwürstchen gibt, während das Ensemble ein Musikprogramm aufführt und die Kinder beim Ausprobieren von Kostümen und Theaterschminke glänzende Augen bekommen. Wo erste Szenen aus den kommenden Premieren gezeigt werden und ein Intendant seine Gäste herzt, indem er für sie mit dem Ensemble Dinge beplaudert, über die wir erhaben sind. Warum beispielsweise in Shakespeares "Kaufmann von Venedig" nur Männer auf der Bühne zu sehen sein werden, und wie es ist, als Mann eine Frau zu spielen.

Eine Charme-Offensive, oh ja: denn Theater ist auch Stimmungssache. Man kann – wie beispielsweise in Dresden –, wenn man nicht um sich selbst kreist, Zuschauer- und Auslastungsrekorde erreichen, mit Freundlichkeit und breitem Repertoire und einem faszinierenden Kompromiss zwischen Abonnentenwerbung und Feuilletonakzeptanz. Das Gegenteil geschieht in Leipzig, wo man das Publikum überhaupt nicht anspricht, geschweige denn ihm irgend etwas erklärt, weder auf der Website noch im Spielzeitheft oder gar persönlich. Dann hat man zwar seine keinesfalls schlechte "Leipziger Handschrift", aber es sind noch nicht mal alle Premieren ausverkauft.

Die Insider scrollen hier schon mal runter ins Forum zum Bashing, und wir gehen in Dresden ins Theater.

Ding Dong Ding

Die Bühne ist ein dunkler, völlig leerer Raum. In dessen Mitte ein Knäuel aus zwölf Männern in Badehosen. Schritt für Schritt kriechen sie hervor, erkunden die Bühne, improvisieren sich in Bühnentexte und -rollen hinein, kleiden sich in vom Himmel fallende Hemden, Hosen, Schuhe – und Kleider. Das Spiel beginnt, und es wird ein grandioses Spiel.

Antonio hebt mit Pathos an, von der Welt als Bühne zu sprechen und gibt fluchend auf – das ist es nicht, was sie wollen. Gratiano gibt albern den Narren: "Das war nicht lustig", blafft Antonio ihn an, "da unten passen 800 Leute rein, und höchstens 20 haben gelacht." Das also auch nicht. Die Männer in den Badehosen suchen weiter und haben sichtlich Freude daran. Sie werden zu Shakespeare-Figuren: Männer, Frauen, Paare.

Rein ins Kleid, und fertig ist die Portia. Eine Portia, die mit kecken Gesten und Worten über ihre Brautbewerber herzieht, vor allem über die Sachsen unter ihnen, die sie mal eben ordentlich durch den Kakao zieht. Man solle, so Portia, einfach Eierschecke auf das falsche Kästchen stellen, und schon wären die sächsischen Bewerber geleimt. Nun lachen mehr als 20 Zuschauer: Wer würde dem großartigen Christian Friedel etwas übel nehmen? Spätestens, wenn er von der "Liebeslust" singt, begleitet von bei Michael Nyman geliehenen Streichern und einem Chor, der "Ding Ding Dong" singt, hätte man ihm ohnehin jede Frechheit verziehen.

Sie spielen auf, spielen an, fallen aus der Rolle, tollen herum, streiten sich und überraschen durch ihre arglose Lust daran. Bassanio knutscht mit Antonio, und man ist sehr gespannt, wie daraus wird, was der "Kaufmann von Venedig" nun einmal ist. Denn das zunächst heitere Volkstheater bereitet nur den Boden für den Ernst und das Unrecht, dass sich die Christen und der Jude Shylock bald antun werden.

Shakespeare auf Lampedusa

Überganglos wird aus dem Spaß bitterböse Ausgrenzung. Der schwule Antonio wird gedisst, und der Jude Shylock verprügelt. Nun geht es auf der Bühne zu wie zwischen den Hooligans von – sagen wir – Dynamo Dresden und Hansa Rostock. Von wegen Venedig! Ebenso selbstverständlich wie die Herren in ein Kleid hinein- und wieder heraussteigen, assoziieren sich heutige Themen in den Diskurs.

Der ebenfalls um Portia werbende Prinz von Marocco und seine Leute wirken wie die afrikanischen Bootsflüchtlinge auf Lampedusa. Die Kleiderberge, die sich auf der Bühne türmen, bedürfen in Zusammenhang mit dem Judenhass der Venezianer keiner Erläuterung. Und als Shylock seine unmenschliche Forderung nach einem Pfund Fleisch Antonios begründet, entlarvt er (fast) nur mit Shakespeare quasi nebenbei den ganzen Wahnsinn aus Terror und Rache und Folter und Rechthaberei, den uns die Nachrichten meist vergeblich zu erklären versuchen.

Kurzum, in dieser Inszenierung findet der Shakespeare-Text ganz ohne Plakatives ins Heute: ein Schnittmuster menschlichen Versagens und zudem voller Andeutungen und kleiner Zitate aus Geschichte und Alltagskultur. Man könnte beispielsweise in Shylocks Diener Lanzelot Gobbo den schizophrenen Hobbit Gollum erkennen, inklusive einer kurzen Hitler-Parodie. So darf man sich den Umgang mit dem Text im elisabethanischen Theater vorstellen, und so funktioniert er heute. Mal zwanglos und unterhaltsam, mal erklärend, mal respektlos und provozierend.

Kein leichter Abend, aber – abgesehen von ein paar Längen in den Nebenhandlungen wie der um Shylocks Tochter Jessica und dem sich irgendwann erschöpfenden Spiel mit der auf der Bühne verteilten Altkleidersammlung – ein äußerst gelungener. Matthias Reichwald ragt als geradliniger, aufrechter und dadurch "sympathischer" Shylock aus einem insgesamt starken Ensemble heraus.

Am Ende steigen sie alle wieder aus den Kostümen, den Hosen, den Kleidern und den Rollen. Als "Leute wie du und ich" stehen die 12 Männer vor 800 begeisterten Zuschauern. Es war nur ein Spiel, aber was für eins!

 

Der Kaufmann von Venedig
von William Shakespeare
Deutsch von Elisabeth Plessen
Regie: Tilmann Köhler, Dramaturgie: Julia Weinreich, Bühne: Karoly Risz, Kostüm: Susanne Uhl, Musik: Jörg-Martin Wagner, Licht: Michael Gööck.
Mit: Albrecht Goette, Christian Erdmann, Christian Clauß, Benjamin Pauquet, Thomas Kitsche, Jonas Friedrich Leonhardi, Matthias Reichwald, André Kaczmarczyk, Holger Hübner, Thomas Braungardt, Christian Friedel, Philipp Lux.
Violine: Florian Mayer. Violoncello: Dietrich Zöllner.

www.staatsschauspiel-dresden.de

 

Alles über den Regisseur Tilmann Köhler auf nachtkritik.de im Lexikon.


Kritikenrundschau

Präzise zwischen "Komödie und bitterer Tragödie" sei dieser "Kaufmann von Venedig" angelegt, ein "guter Spielzeit-Auftakt, der über den Umgang mit dem Fremden nachdenken will", so urteilt Rainer Kasselt in der Sächsischen Zeitung (12.9.2011). Einen "überragenden Christian Friedel" (als Portia) hat er erlebt und einen Chor, der das Geschehen "kommentierend" begleite: "Das kichert und kitzelt, das schmust und schmatzt, das lechzt und lyncht." Die Gerichtsszene werde zum Höhepunkt: "Sie knistert vor Spannung. Hass und Rache, Kalkül und Kälte schlagen aufeinander." Lob fällt auch auf den mit Matthias Reichwald auffallend jung besetzten Shylock. Reichwald spiele "federnd und dynamisch, gedemütigt und gnadenlos." Einige technische Abzüge werden auch verzeichnet: Das permanente Kleiderwechseln "schafft zunächst Tempo und Spannung, wird dann zur Manier und beginnt zu langweilen", sodass manch ein Zuschauer zur Pause gegangen sei.

"Wo Shakespeares Stück, das ja in erster Linie von der Jagd nach dem Glück (als optimale Verbindung von Liebe und Reichtum) handelt, Wertungen und Weltsichten als gegeben annimmt, spitzt Köhler bedrohlich zu, verweist auf Spuren, die sich fortsetzen über Holocaust und 9/11". So zollt Tomas Petzold in den Dresdner Neuesten Nachrichten (12.9.2011) Tilmann Köhlers Inszenierung seine Anerkennung. Grundlage für ihr Gelingen sei der Rückgriff auf die Konvention des elisabethanischen Theaters (das Männerspiel), durch die sich "ganz unverfroren mit einem Zeitgeist umgehen" lasse, "der das sogenannte Normale als das eher Uninteressante sieht." Im Wechselspiel der Rollen könnten die Darsteller ersichtlich bei sich selbst sein und schlicht und einfach fragen (…), was in den Rollen mit ihnen geschieht." Die Art und Weise, wie die Dresdner Darsteller diese Identitäts- und Rollenspiele gestalteten, erfährt vom Kritiker eingehend würdigende Beschreibungen, wobei auch Petzold manche "Länge bis hin zum Showdown vor Gericht" konstatiert.

Shylock im schwulen Paradies? "Trotz oder vielleicht gerade wegen dieser vielen dramaturgischen Sinnfehler, die durch die völlige Neupolung dieses 'Kaufmanns' entstehen," verdiene sich Köhlers dreistündige Inszenierung ihr Interesse, befindet Till Briegleb in der Süddeutschen Zeitung (219.2011). "Denn weit mehr als eine werktreuere Adaption des Stoffes zwingt sie den Zuschauer, die zeitgenössische Dimension dieses Vorurteilsdramas konsequent neu zu hinterfragen." Wer sind Täter und Opfer? Aus diesem "Puzzle kleiner Provokationen und böser Scherze" ergebe sich "das Abbild einer komplexen Diskussion ohne Ergebnis. Mit dem Stethoskop der Satire lauscht Köhler nach dem Rasseln im Luftorgan unseres Gewissens. Hört man da vielleicht doch noch etwas Ekel, wenn Männer Zungenkuss machen? Keimt da ein klein wenig Antisemitismus auf, wenn der Jude so halsstarrig ist wie dieser Shylock? Und wie lustig ist das tatsächlich, wenn schwarze Menschen wie blödes Vieh dargestellt werden? Moralische Antworten gibt es auf diese Geräusche freundlicherweise keine."

 
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