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Im Boutiquenfürstentum

von Andreas Klaeui

Zürich, 15. September 2011. Die thematische Ballung fällt schon auf: Diese Saison takten die Zürcher Theater mit konzertierten städtischen Sinnkrisen auf. "Wie soll ich gut sein, wenn alles so teuer ist", fragt das Neumarkt moralisch-materialistisch seit Wochen von den Plakatwänden herab und beruft sich dabei auf Brecht ("Der gute Mensch von Sezuan"); überhaupt den urbanen Ausverkauf Zürichs stellt das Schauspielhaus fest ("Alles muss weg!") und begegnet weiterhin festgestellter existenzialer Nausée mit Beckett und Büchner. "Mein Leben gähnt mich an", sagte Leonce schon 1836, und es ist als zweites ja nicht weniger auffällig, dass beide großen Zürcher Häuser zur Formulierung ihrer Diagnosen auf die Klassiker unter den Klassikern zurückgreifen.

"Leonce und Lena" also zum Start: Das Bühnenbild werde "so ein typisches Zürcher Ladengeschäft", sagte Leonce Jirka Zett mir vor mehreren Wochen, und so sieht es tatsächlich aus – eins zu eins aus der Altstadt übernommen, bis hin zur typischen blauen Hausnummer. Shoppen verschafft stets noch ein gutes Gefühl, auch wenn es in Zürich zweifelsohne eher teuer zu stehen kommt. So geht es jedenfalls Rosetta (Lilith Stangenberg) – das ist Leonces Anfangsgeliebte, die er brutal entlässt und die später auch bei Büchner keine Rolle mehr spielt: Sie kauft sich beim Damenausstatter eine neue Identität und rauscht recht stark ab.

Der Traum vom ewigen Frühling

Einschlägige Einkaufstüten im Dutzend hat auch König Peter dabei (Michael Neuenschwander); und am Galahemdsärmel hängt noch das Ausverkaufsetikett. Vor der Schaufensterfront spielt "Leonce und Lena" in Zürich, der Clou: Mit jeder Szene ist es eine andere Auslage. Wie die Hausnummer wechselt die Art der Boutique auf der Bühne von Bettina Meyer, typisch zürcherisch bleiben sie alle, der Spezereienhandel aus dem Niederdorf wie die Modeboutique von der Bahnhofstraße.

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  Leonce und Lena in der Bahnhofsstrasse. © Matthias Horn

Es sind Tagesreste. Wie im Traum verschwimmen sie ineinander und verschieben sich, mal mit eklatantem Sinn, mal liegt die Deutung weiter weg, natürlich denkt man beim Colonialwaren-Handel: ein Laden voller Träume und die Erinnerung an eine Welt der noch nicht globalisierten Kleinstaaten; und wenn es Leonce nach Italien zieht, spiegelt sich die Leuchtschrift "Beldona" hinter Antiquitäten.

"Leonce und Lena" in Zürich ist ein Traumspiel. Barbara Frey macht dies von Beginn weg deutlich, in der szenischen Setzung, in einer automatenhaften Spielästhetik, leitmotivisch mit Musik, "Good Night" von den Beatles – ein romantischer Traum von Brennspiegeln, die ewigen Frühling ins Land zaubern und Makkaroni in den Mund, vielleicht ein politischer Traum, vor allem aber ein großartiger Liebestraum.

Arschtritte für die Untertanen

Musik spielt eine wichtige Rolle in dieser Inszenierung, von der melancholischen Dichterliebe Robert Schumanns bis zum Sprachverführungsblues von "I Put a Spell On You" – das ist dann die große Nummer von Markus Scheumann; sein Valerio ist nicht nur darin hinreißend, sondern überhaupt der trockenste Sprachclown, ganz wunderbar komisch unterspielt. Barbara Freys Inszenierung wird beinahe schon zum Singspiel (insofern vielleicht auch eine Geri-Fortschreibung? manches legt den Gedanken nahe, die explizite Zürich-Verortung wie Parallelen bei der Besetzung).

"Leonce und Lena" bekommt dadurch etwas Märchenhaftes, Flirrendes, eben diese Traumverlorenheit, und es ist wahr: darin auch etwas Liebliches, auch wenn Barbara Frey Büchners sozialsatirische Reibungen durchaus nicht übersieht, sondern im Gegenteil deutlich inszeniert, mit regelmäßigen Arschtritten für die Untertanen etwa – doch es ist ein Traum, insgesamt, und im Traum darf die Utopie ja für einmal auch einfach so für sich stehen bleiben.

Märchenhafter Schluss mit Irritationen

Es ist die Utopie von der großen Liebe, die alles zum Leben und Leuchten und Glänzen bringt, auch dies wird in Barbara Freys Regie sehr deutlich. Sie arbeitet sich mit viel Liebe zum spielerischen Detail von Szene zu Szene, es gibt manche kostbaren Momente, aber noch keinen rechten dramaturgischen Drall (doch hat ihn das Stück denn?) – bis Leonce und Lena (Sarah Hostettler) sich begegnen. Da erwachen sie, wortwörtlich, aus ihrem Schlaf, da entwickelt die Inszenierung enthusiastischen Schwung und kann ihn beibehalten bis zum märchenhaften Ende. In das natürlich auch wieder Irritationen eingearbeitet sind wie eine unvorhergesehene Wiederkehr Rosettas.

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Vor allem aber gibt es in Zürich einen Leonce: Jirka Zett. Da ist Hamlet, Romeo, Sebastian, Benedikt in einer Person, und noch viele andere, er hat, Frühling auf den Wangen, Spätherbst im Herzen, die serene Melancholie des Abgeklärten, der sich selbst nicht allzu wichtig nehmen will, aber auch die einnehmende Naivität dessen, der noch "an Idealen laboriert", er kann schneidend zynisch sein, aber sich auch in strahlender Zärtlichkeit verzehren, am Ende scheint er nicht wirklich erlöst: Er hat ja nun zwar alles, doch was will er wirklich damit? Bis ihm die schöne Idee mit den Brennspiegeln und den Makkaroni kommt, und wir alle zusammen uns sanft nach Hause wiegen: "It's time to say good night, good night sleep tight, dream sweet dreams for me, dream sweet dreams for you."

 

Leonce und Lena
von Georg Büchner
Regie: Barbara Frey, Bühne: Bettina Meyer, Kostüme: Bettina Walter, Musik: Claus Boesser-Ferrari / Barbara Frey, Licht: Rainer Küng, Dramaturgie: Katja Hagedorn.
Mit: Michael Neuenschwander, Jirka Zett, Sarah Hostettler, Markus Scheumann, Ursula Doll, Jan Bluthardt, Sean McDonagh, Lilith Stangenberg.

www.schauspielhaus.ch

 

Mehr zu Leonce und Lena? Im April 2010 inszenierte Anna Bergmann das Stück in Bochum, im März 2009 fand Jan Bosse in Köln darin eine verstörende Unangepasstheit und Dimiter Gotscheff packte Büchners Figuren 2008 in Hamburg in Schlafsäcke.

 

Kritikenrundschau

Auf der Webseite von Deutschlandradio Kultur (15.9.2011) schreibt Roger Cahn, Barbara Frey habe diese "ungemein schwierigen Aufgabe" das schwere Stück zu inszenieren "mit Bravour" gelöst. Sie halte sich "konsequent an den Plot" und aktualisiere "mit Feingefühl", umgehe "mühsame Monologe", indem sie sie, "auf ihren Kern reduziert", als "emotionale Songs den Schauspielern in den Mund legt". Die Inszenierung bringe die simple Lovestory "zum Klingen" und Büchners "revolutionäre Botschaft" komme deutlich über die Rampe: "Herrscher sind unfähig - das macht sie unberechenbar und gefährlich. Die Gesellschaft hat jegliche Werte verloren - das macht sie für Despoten anfällig. Langeweile und Hoffnungslosigkeit regieren - die Welt geht vor die Hunde". Trotz dessen komme die Komödie "spielerisch leicht daher". Einziger Wermutstropfen: Das weibliche Paar Sarah Hofstetter und Ursula Doll könne seinen männlichen Pendants Jirka Zett und Markus Scheumann "schauspielerisch nicht das Wasser reichen".

Ellinor Landmann berichtete auf DRS 2 (16.9.2011) über die Inszenierung: Poesie und Sprachwitz prägten den ersten Teil der Aufführung. Barbara Frey beherrsche es die "fantastischen Sprachspiele" a la Shakespeare herauszuarbeiten. Dennoch dümpele der 90 Minuten-Abend vor sich hin, da hülfen auch die Knallchargen nicht, auch nicht das "Nachtschattengewächs" Lilith Stangenberg "mit wirrem Haar". Erst nach der Hälfte komme "Zug in den Abend". Der Abend beginne zu flirren und vermöge Gegensätzliches gleichzeitig zu zeigen, "traurige Müßiggänger und glückliche Liebende, luxuriöses Unglück und einfaches Glück", das aber so "überspitzt" daherkomme, dass es nur ein Märchen sein könne. Eine reichlich harmlose "Gute Nacht Geschichte" habe Frey aus dem "rätselhaften Büchner-Drama" gemacht, "glatt inszeniert, toll gespielt". Bloß das "existenzielle Ringen", das bei Büchner aufblitze, verpasse dieser Abend. Er funkele prächtig "wie die teuren Auslagen in teuren Geschäften. "

"Zu hübsch, zu nett, zu witzig" wirkt diese Aufführung auf Barbara Villiger Heilig von der Neuen Zürcher Zeitung (17.9.2011), die aus ihrer Sicht "dank aparter Tonspur in Richtung Art Musical zielt". Leonce empfindet sie so mehr als Dressman denn als metaphysischen Nihilisten, und Sarah Hostettlers Lena ausschließlich als Puppe. Am Ende, "wenn ihr Konterfei neben dem des Partners als Modebild-Diptychon im Schaufenster leuchtet, damit die beiden 'in effigie' getraut werden können, hat sie die Schulmädchen-Kniestrümpfe vertauscht mit eleganten Sandaletten. Alle stimmen ein Gutenachtlied der Beatles an; nebst Leonce und Lena haben sich auch Valerio und Ursula Dolls spitznasige Gouvernante gefunden, wie es der Komödienschluss will. Sweet dreams, good night everybody. Das war's, draussen im Foyer wartet Salzgebäck von einer sehr zürcherischen Konfiserie, um das verzuckerte Happy End zu konterkarieren." Büchner verstecke seine Abrechnung mit der Welt in einer dramatischen Quadratur des Zirkels. Barbara Frey schleife die Ecken zum glatten Rund.

Andreas Tobler bedauert im Zürcher Tages Anzeiger (17.9.2011), dass Büchner kein Stück "Rosetta" geschrieben habe, dann hätte die "Ausnahmeschauspielerin Lilith Stangenberg" nämlich die Idealbesetzung abgegeben. Mit "Augensprache, ihren aparten Gesten und ihrer Stimme" lasse Stangenberg "die ganze Größe" ihres "schauspielerischen Menschendaseins aufscheinen". Der 10-Minuten-Auftritt von Stangenberg sei eine Droge, es folgten 90 Minuten kalten Entzugs. Barbara Freys Aktualisierung des Stücks, die Situierung vor der Ladenfront, sei "wirklich schwer zu ertragen" , außerdem plakativ und platt wie schon lange nicht mehr. Erschwerend hinzu käme eine "reduktive Lesart des Textes", die sich auf Oberflächenphänomene konzentriere, alleine vom Shoppen verpräche man sich hier im Königreich Popo in Zürich Glück. Die SchauspielerInnen könnten allesamt - selbstredend mit der einen Ausnahme - ihr großes Potential, oder Talent, nicht abrufen. Der Inszenierung fehle es an "Esprit".

"Das Stück wirkt, als sei es für heute geschrieben", schreibt Clara Obermüller auf Welt-online (17.9.2011), und Barabra Frey nehme diese Aktualiät auf, ohne sie zu strapazieren. Einmal mehr beweise sie auch, dass sie dem Text vertraue und auch das Publikum für klug genug halte, ihn so zu verstehen, wie er geschrieben sei. Allerdings sei der Preis dafür eine gewisse Bravheit. Dennoch gewinnt die Kritikerin diesem "schwindelerregenden Spiel mit Wörtern" einiges ab. Nicht ganz glücklich ist sie allerdings mit den Titelhelden. Nur Markus Scheumanns Valerio glaube man alles: "den Abgrund im Innern, die Verzweiflung und den Spott, mit dem er seinen Schmerz in Schach zu halten versucht. Jirka Zetts Leonce hingegen ging diese Resignation leider ab, und auch Sarah Hostettlers Lena wirkte in ihrer romantischen Unschuld ein klein wenig zu harmlos."

Schauspielerisch überzeugend hingegen findet Jürgen Berger in der Süddeutschen Zeitung (20.9.2011) den Abend, doch wedele Barbara Frey zu ausgiebig mit ihrem Konzept: "Was man anfänglich noch als Kritik am Konsumismus jener schweizerischen Hautevolee verstehen kann, die es nicht nötig hat, jenseits der Grenze bei Aldi zu shoppen, wendet sich gegen die Inszenierung. Sie ertrinkt in einer Atmosphäre der Unverbindlichkeit und gibt den harten Kern der Büchner-Komödie preis: jenen Zynismus, mit dem die Wohlhabenden der Welt dem Elend der Welt begegnen."

Und hier Cordelia Frankhausers Radiokritik auf Schwyzerdütsch im Radio DRS.

 
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