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Auf den Rücken der Pferde

Von André Mumot

Hannover, 15. September 2011. Ums Recht geht es. Und ums Prinzip! Jedenfalls nicht um diese beiden Kreaturen. Die Pferde, die der Rosshändler Kohlhaas als Pfand auf der Tronkenburg zurücklässt und die ihm dort zerschunden werden, setzen nur alles weitere in Gang: Endlosen Rechtsstreit und brennende ostdeutsche Städte sowie die fixe Idee, dass Gerechtigkeit nur etwas wert ist, wenn sie jederzeit und mit allen Mitteln durchgesetzt werden kann. An diesem Abend aber bleiben sie nicht stumm, die beiden Gäule, sondern schwatzen. Und singen. Der Hengst (Sebastian Schindegger) und die Stute (Katja Gaudard) nehmen das Publikum in Empfang, charmant bis aufdringlich, und sie beginnen damit, Kleists ungemütliche Novelle aus ihrer Perspektive zu erzählen. Es ist vielleicht die beste, die wir bekommen können.

Beide tragen Leder und lange schwarze Mähnen, die sie sich kokett um die Köpfe werfen, solange sie noch können. Naive, freundliche Gestalten, die bald schon mit Kot beschmissen und brutal ins Geschirr genommen werden. Es ist ein anrührendes und zugleich sehr amüsantes Buffo-Pärchen. Einmal hängt Sebastian Schindegger sogar kopfüber an der Wand und schaffte es noch, optimistisch die Mundharmonika zu spielen. Gemeinsam warten sie darauf, dass Kohlhaas sie aus ihrem Martyrium befreit. Der Hengst glaubt noch an ihn, die Stute hingegen hat längst begriffen, dass es ihm gar nicht darum geht, sie aufs heimische Gestüt zurückzuholen. Das hat der Staatsfeind längst aufgegeben und stattdessen eine Privatarmee zusammengestellt.

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© Katrin Ribbe

Kohlhaas: ein Opponent des Systems

Dass der ungarische Autor István Tasnádi bei seiner Kleistadaption das Glück auf dem Rücken der Pferde sucht, hat einen großen Vorteil, den Regisseur Lars-Ole Walburg noch zusätzlich unterstreicht: Kohlhaas rückt als Figur aus dem Zentrum des Geschehens und reiht sich ein in ein überaus buntes Ensemble der Verrohten und Verdorbenen, die er mit seiner Prinzipientreue zu immer schändlicheren Ausweichmanövern anstachelt. Es ist nicht die Frage des Abends, inwieweit er im Recht ist oder nicht, darüber ist man schnell hinaus. Spätestens wenn er zur Streitaxt greift, hat er als Identifikationsfigur ausgedient. Ohnehin ist Rainer Frank in dieser vorgeblichen Hauptrolle von Anfang an verdächtig gestriegelt, verdächtig selbstgefällig. Er ist Opponent des Systems, vor allem aber ist er unlösbarer Teil davon, indem er es unablässig stimuliert.

Bei der Eröffnung der Spielzeit gelingt dem inszenierenden Intendanten etwas Erstaunliches: Aus der zum Abstrakten tendierenden Kleist`schen Versuchsanordnung macht er ein politisch gänzlich abgeklärtes und beschwingtes Volkstheater, bei dem die Figuren immer wieder in bösen, sentimentalen, dann garstigen Gesang ausbrechen. Pferdeoper ist das, bittere Folk-Revue, Country-Schmiss inmitten kabarettistischer Einlagen. Links sitzt Moe Jaksch, spielt Gitarre, aber auch mal "Wind of Change" auf der Zither. Und das vom Premierenpublikum zu Recht bejubelte Ensemble galoppiert und jagt dazu über eine grandiose Bühne: Robert Schweer hat eine große, sich drehende Treppe errichtet, deren Stufen noch einmal mit kleinen Podesten und Falltüren und Luken aufwarten, und die von einer in etwa spiegelbildlichen Deckenkonstruktion begrenzt wird.

Ambivalente Tier- und Selbstquäler

Hier wird menschliche Komödie gemacht, die ihren Gegenwartsbezug mit spöttelnder Leichtigkeit entfaltet. Da zitiert Kohlhaas aus Stéphane Hessels 2010 erschienener Streitschrift "Empört euch": "Widerstand leisten, heißt Neues schaffen". Es wird über Stuttgart 21 gescherzt, und Beatrice Frey gibt Martin Luther als manchmal klugen, manchmal obszönen Alten, der erst gegen die Obrigkeit hetzt und sie später realpolitisch unterstützt. Dominik Maringer ist als Wenzel von Tronka die Inkarnation alles Üblen, und er ist so heutig wie wunderbar: Ein weinerlicher, verzogener Junge in kurzen Hosen, der sehr hübsch Geige spielt. Einer, der die hohl dröhnende Partykultur samt Suff und Anheizergehabe verkörpert ("Wir werden hier das Hallendach platzen lassen!") und schließlich auch noch als selbstmitleidiger Schauspieler monologisiert, wahrhafte Emotionen einfordert und in klischeehaftem Kitsch von Indien schwärmt.

Aus den Augen der Pferde sehen wir böse, traurige, dumme Menschen: Es sind korrupte Tier- und Selbstquäler, Folterer und Verräter, aber zugleich weigert sich das Ensemble mit virtuosem Timing und ambivalenter Sensibilität sie zu unerheblichen Buh-Männern zu machen. Das ist wirklich ein Kunststück: Sie wirken echt und vertraut und widerwärtig und manchmal geradezu sympathisch. Der Kleist’sche Sog des Verderbens ist in diesem Spiel kaum zu spüren, das Verhängnis in der musikalischen Komödie nahezu aufgelöst. Kohlhaas kann am Ende schlicht ein unverbesserlicher Nörgler sein, einer, der uns dazu aufruft, die Steuern zu hinterziehen, die Häuser zu besprayen und rechts zu überholen. Walburg jedenfalls will sich nicht gemein machen mit seiner Staatsfeindlichkeit aus Prinzip, will vernünftig sein und uns mit singenden Pferden verzücken. Das alles gelingt ihm auffallend gut.

 

Staatsfeind Kohlhaas
Von István Tasnádi nach Heinrich von Kleist
Aus dem Ungarischen von Orsolya Kalàsz und Monika Rinck
Regie: Lars-Ole Walburg, Bühne: Robert Schweer, Kostüm: Moritz Müller, Musik: Moe Jaksch, Licht: Heiko Wachs, Dramaturgie: Christian Tschirner
Mit: Carolin Eichhorst, Rainer Frank, Beatrice Frey, Katja Gaudard, Dominik Maringer, Christoph Müller, Sebastian Schindegger, Sandro Tajouri

www.schauspielhannover.de

 

Kritikenrundschau

Kein Theaterstück, sondern eine "ebenso fahrig wie fahrlässig zusammen gestückelte Revue" hat Michael Laages für den Deutschlandfunk (16.9.2011) gesehen. István Tasnádys Bearbeitung der Kleist-Novelle und vor allem Lars-Ole Walburgs Inszenierung könnten dem Stoff selber offenbar derart wenig Ernst abgewinnen, dass um den Kern der Story herum ein Unmaß von Schickschnack und Sperenzchen entstehe, "das fundamentalere Fragen glatt übertönt." Findet Laages und resümiert: "Ärgerlicher als in Hannover also hätte das Kleist-Jahr kaum beginnen können."

Wenn man genauer darüber nachdenke, dann passen die Pferde ganz gut, meint Jan Ehlert im NDR 1. Der "durchaus lustige" Abend voller kreativer Regieeinfälle stelle Kohlhaas als Wutbürger dar, der zum Schluss zu zivilem Ungehorsam aufrufe: "Das wird aber aus dem Stück nicht wirklich vorbereitet."

"Kleists Novelle ist dunkel, Walburgs Inszenierung ist grell", schreibt Ronald Meyer-Arlt in der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung (17.9.2011) und fügt hinzu: "Natürlich wird sie Kleist nicht gerecht". Wobei der Kritiker bezweifelt, dass das Theater Kleist überhaupt gerecht werden müsse. Das "Theater muss der Masse der Deutungsversuche nicht noch einen weiteren hinzufügen. Es muss spielen – und das tut Walburg." Wie im "Komödienstadl" fühlt sich der Kritiker und lobt viele Einzelleistungen von Akteuren. Dann folgt jedoch ein weiteres Aber: Walburg habe "Kleists Novelle zur Farce geschrumpft. Das kann man machen. Es ist ganz lustig. Aber gespannt warten wir auch auf größere Geschichten."

Nicht amüsiert scheint sich Nicole Korzonnek zu haben. In der Frankfurter Allgemein Zeitung (21.9.2011) schriebt sie: "In der Sperrholzbretterstufenwüste von Robert Schweer, die sich dreht und wendet, damit wenigstens etwas Bewegung in die starre Szenensplitterfolge kommt, tänzeln sich Sebastian Schindegger und Katja Gaudard in schwarz-ledriger Rockermontur als Hengst und Stute durch ihr elendes Dasein." Rainer Franks Kohlhaas sei "dazu verdammt, mit gleichbleibend treu-doofer Mimik à la George W. Bush an der Rampe zu versauern. Er gestaltet die Geschichte nicht. Sie passiert ihm."

Aus István Tasnádys "lustigem Einfall", die Geschichte des Michael Kohlhaas aus der Sicht zweier Pferde zu erzählen, mache Lars-Ole Walburg "ein knatterndes Volkstheater mit Furzen, Flegeln und Feixen", zeigt sich Till Briegleb in der Süddeutschen Zeitung (22.9.2011) ungnädig. Schlechte Songs im Country-Stil und blöde Witze aufgedrehter Perückenträger verwandelten Kleists Klassiker in eine "flache Karikatur".

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