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Hippies in Ephesus

von Thomas Askan Vierich

Wien, 17. September 2011. Die Romanze "Perikles" ist ein fast vergessenes Stück von Shakespeare. Zu krude erscheint die Handlung. Zudem ist Shakespeares Autorenschaft für die ersten Akte zumindest umstritten.

Umso erstaunlicher ist, wie viel Witz Stefan Bachmann und sein Ensemble aus dieser Komödie über die dunkle Macht der Sexualität herausholen – gerade in den ersten Akten, die in der Shakespeare-Rezeption allgemein als eher "blass" (weil nicht vom Meister selbst verfasst) gelten. Bachmann und die Dramaturgin Barbara Sommer kürzten den zu Beginn redundanten Text radikal. Wo Szenen schon in der ursprünglichen Textfassung grotesk bis unglaubwürdig sind, betonen sie das Groteske noch durch ihre vor Übertreibungen und Brechungen überbordende Interpretation.

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Gerrit Jansen und Barbara Petritsch als Rokoko-Griechen. Foto: Reinhard Werner

Shakespeares Stück besteht aus einer Abfolge von sprunghaften Szenen; die Geschichte ist nicht frei von unglaubwürdigen Wendungen. Aber das macht nichts. Zumindest nicht in der Inszenierung von Bachmann. Er führt das Ganze auf einer Bühne ohne Kulissen auf, die an beiden Längsseiten von Zuschauerrängen gesäumt ist. Der Edelmann Perikles stolpert blau eingeschmiert wie eine Karikatur von Bladerunner über die Bühne und muss sich mit Konkurrenten in Businessanzügen schlagen. Das ist sehr unterhaltsam. Wenn man das Stück nicht wirklich ernst nimmt. Aber das hat wohl schon Shakespeare nicht getan.

Teaparty mit Bob Dylan und Arno Schmidt

Diese vor grotesken und trotzdem schlüssigen Einfällen strotzende Inszenierung macht gerade in den ersten drei Akten deutlich, warum "Perikles" tatsächlich eine Komödie ist – trotz der finsteren Intrigen. Besonders gelungen sind die modernisierenden Eingriffe in den Text. Zum Beispiel ergehen sich die drei Fischer, die den schiffbrüchigen Perikles am Strand von Pentapolis finden, ausgiebig in einem Exkurs über ödipale Komplexe, Kreativität, Arno Schmidt und Bob Dylan. Zu ihrer ausufernden Hirnwichserei knabbern sie Leibniz-Kekse und nehmen einen Schluck aus der Thermoskanne.

Am Gestade von Ephesus macht Bachmann aus Shakespeares Edelleuten eine Truppe Hippies, die die scheintote Gattin des Perikles zum Leben erwecken – stimmig bis ins kleinste Detail. Als Pointe darf ein alternder Beachboy mit Surfbrett die Bühne queren. Den Schauspielern machen diesen Einfälle sichtlich Spaß und die Zuschauer vergelten es ihnen durch lautes Gelächter.

Im vierten Akt, der in einem Bordell spielt, wo Perikles' geraubte Tochter Marina verkauft werden soll, lässt Bachmann die Szenerie  filmen. Was zunächst als verfremdende Dopplung funktioniert – die Zuschauer sehen sowohl die Szene als auch ihre Verfilmung – endet in reinen Filmszenen, aufgenommen hinter der Bühne. Auch das passt, weil die Stelle, als die 15-jährige Marina ihren Zuhälter zu einem besseren Menschen läutert, schon bei Shakespeare reichlich unglaubwürdig wirkt. Bei Bachmann wird daraus eine Satire auf gefühlsduselige Hollywood-Filme.

Brillant bis in die kleinsten Nebenrollen

Geschickt spielt Bachmann mit den Ungereimtheiten des Stücks, er betont sie noch, statt zu versuchen aus dem Ganzen so etwas wie eine kongruente Handlung zu machen. Das funktioniert, ohne dass er Shakespeares Text der Lächerlichkeit preisgibt. Er zeigt, wie viel Anlass zur Spielfreude darin steckt. Man versteht, warum "Perikles" zu Lebzeiten Shakespeares so beliebt war: Ritter, die sich kloppen und tanzen, eine Jungfrau im Bordell, die alle Freier nur durch ihre felsenfeste Moral davon abhält, das mit ihr zu tun, wofür sie bezahlt haben, Seeräuber, die wie deus ex machina im letzten Moment zu martialischer Musik auf die Bühne stürmen, um ein bedrohtes Mädchen (Marina) vor dem Meuchelmord zu retten – das kann man nur lustig inszenieren. Und das tut Bachmann mit Inbrunst. Seine Schauspielerinnen und Schauspieler folgen ihm willig und brillieren bis in die kleinste Nebenrolle. Sie treten alle in Doppel- und Dreifachrollen auf, Perikles wird von insgesamt vier verschiedenen Schauspielern verkörpert. Und alle inklusive der Zuschauer amüsieren sich prächtig.

Blick in die Abgründe der Sexualität

Nur im letzten Akt soll wohl aus dem Spaß doch noch ernst werden: Wenn der alte Perikles seine verloren geglaubte Tochter wiederfindet, lässt Bachmann das Casino in bedeutungsschweren Kunstnebelschwaden versinken. Das sorgt für Atmosphäre, macht aber aus der dürftigen Schlussszene noch keine Tragödie. Perikles legt sich schließlich auf seine Bahre und stirbt. Plötzlich ist das Stück aus – und man weiß nicht warum. Das steht so auch nicht bei Shakespeare. Bei ihm endet alles im Wohlgefallen einer unerwarteten Familienzusammenführung – wie sich das für eine klassische Komödie gehört.

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Frei nach Shakespeare: Das Begräbnis des Perikles. Foto: Reinhard Werner

Ansonsten ist Bachmann und seinem Team alles sehr gelungen. Gezeigt wird bei aller Lustigkeit ein Antiheld, der von einem unerklärlichen Schicksal gebeutelt wird – und sich ergeben beuteln lässt: Immer wieder versinkt Perikles in erbärmliches Selbstmitleid, aus dem ihm am Ende nur seine ungebrochene Tochter für einen kurzen Moment erlösen kann. Die wirklich starken Figuren in dieser Groteske über die Abgründe der Sexualität sind die Frauen – in guter wie in böser Hinsicht.

Die Männer sind lächerliche bis passive Gestalten, getrieben von ihrer Lust. Läuft Perikles nicht die ganze Zeit davon? Gibt er nicht sein neugeborenes Kind Marina fahrlässig bei eigentlich fremden Leuten zur Obhut, statt sich selbst drum zu kümmern? Warum tut Cleon nichts gegen die Mordpläne seiner Gattin an der ihnen anvertrauten Marina? Warum lassen sich Thaliard und Leonin als Auftragskiller anheuern? Und der Zuhälter Bolzen von der Kupplerin auf die junge Marina hetzen? Alles Schlappschwänze! Und der wichsende Freier Lysimachus spritzt auf drei – wenn ihm die Kupplerin das befiehlt. Das könnte eine nicht mehr nur lustige Lesart dieses Stückes sein.


Perikles
von William Shakespeare
Deutsch von Stefan Bachmann und Barbara Sommer
Regie: Stefan Bachmann, Bühne: Stefan Bachmann, Steffen Schmerse, Kostüm: Annabelle Witt, Musik: Kaveh Parmas, Andreas Radovan,  Video: Moritz Grewenig, Licht: Norbert Gottwald, Dramaturgie: Barbara Sommer.
Mit: Kaveh Parmas, Simon Kirsch, Melanie Kretschmann, Barbara Petritsch, Gerrit Jansen, Rudolf Melchiar, Markus Meyer, Stefan Wieland, Hermann Scheidleder.

www.burgtheater.at

 

Kritikenrundschau

"Es gibt gewiss eine Reihe von guten Gründen, sich William Shakespeares wenig bekannter Romanze 'Perikles' anzunähern", holt Ronald Pohl im Standard (19.9.2011) aus. Man lerne zum Beispiel allerhand Nützliches über die spätantike Geografie im östlichen Mittelmeerraum, und dass der Titelheld irgendwann beschließt, sich nicht zu waschen und sein Haupthaar auswachsen zu lassen. "Perikles bleibt ein Leistungstest für Coiffeure und für Google Earth." In der Inszenierung bekommen ihn nicht zu fassen, weil sich acht wunderbare Burgschauspieler reihum durch Charaktermasken und Kostüme deklinieren. "So viel ostentativ an den Tag gelegte Spielfreude zaubert den Glanz eines ausgelassenen Kindergeburtstages auf alle Wangen." Fazit: Kurios, aber auch langweilig.

Eine durchwachsene Inszenierung sah auch Norbert Mayer in der Presse (19.9.2011). Der Abend sprühe vor Ideen, die manchmal aber überreich seien. "Um es romantisch zu sagen: Aus dem Meer der Langweile ragen einige Inseln heraus, die Kurzweil versprechen." Man erlebe die Höhen und Tiefen von Menschen, die ausgesetzt sind – auf den Bergen des Herzens und den Tücken der See. "Aber so konsequent ist diese Inszenierung nicht, die leider geschwätzige neue Metatexte zwischen das Geschehen pappt."

Mit großem Furor zeige die "Theaterkunstgruppe Bachmann" in Wien in kurzweiligen drei Stunden einen "traumschönen Ladenhüter", den man in der kruden Tonlage der Marktschreier unter Einsatz von Handmikrofonen zum Ereignis hochzureißen versuche, schreibt Helmut Schödel in der Süddeutschen Zeitung (20.9.2011). "Fast achtzig Rollen und keine zehn Schauspieler. Ein Verkleidungsspektakel unter anderem, das der Nationaltheatergruppe sichtlich Spaß macht." Allerdings: "Wer nach der tieferen Bedeutung fragt, sitzt in der falschen Vorstellung."

 

 



 
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