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Die Quadratur des Krieges

von Ute Grundmann

Weimar, 17. September 2011. Nur mit Worten wird um das Leben des Prinzen Friedrich von Homburg gekämpft. Keine Degen, keine Fahnen, keine Uniformen – all das hat die Regisseurin Lisa Nielebock bei ihrer ersten Inszenierung im Deutschen Nationaltheater Weimar weggelassen. Nur ein strenges, aber ganz und gar nicht kühles Spiel präsentiert sie im Großen Haus, ganz konzentriert auf Kleists Sprache und die Schauspieler.

Von 15 Rollen sind 7 geblieben, all die Obristen und Rittmeister, Hofkavaliere, Bediente, Heiducken und das Volk sind gestrichen, ebenso Schlachtenlärm und Fahnengetümmel. Vom Fünfakter Kleists blieben gerade mal 90 Minuten, und dennoch, weil alles Wesentliche erhalten ist, funktioniert diese Fassung in der Inszenierung ganz hervorragend.

Ein Träumer unter Schachfiguren

So streng die Fassung, so streng die Bühne von Sascha Gross: schwarze Wände, als Boden ein schwarzes Quadrat, dessen Spitze ins Parkett ragt. Ganz in schwarzen Anzügen mit frackähnlichen Jacken auch die Schauspieler, Männer wie Frauen. Auf diesem Boden, der mit seinen kleinen Quadraten an ein Schachbrett denken lässt, bewegen sich die Figuren wie nach einem höfischen Zeremoniell. Nicht steif, aber jeder kennt seinen Platz und Rang.

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© Karl-Bernd Karwasz

Nur der Prinz Friedrich von Homburg (Nico Delpy) ist zu Beginn barfuß. Statt träumerisch umherzuwandeln schreibt er schwärmerische Briefe, von den Übrigen dezent belächelt und kommentiert. Offen, jungenhaft, freundlich erscheint er, auch, als er spielerisch den Handschuh der geliebten Prinzessin Natalie (Caroline Dietrich) untersucht und überzieht, während um ihn herum Schlachtpläne gemacht werden. Noch Krieg und Sieg scheinen ein Spiel zu sein, so wie die Herren sich umarmen und anfeuern wie Fußballzuschauer in der Fankurve.

Und doch ist früh zu ahnen, dass es so leicht und spielerisch nicht bleiben wird, dass hinter aller scheinbaren Gelassenheit ein System steckt, das nur bei Strafe verletzt werden darf. Dass er mit seinem Voranstürmen den Befehl des Kurfürsten mißachtet hat, was trotz des Sieges Sanktionen nach sich ziehen muss, wird diesem Prinzen als Allerletztem klar. Leise, immer ein bisschen erstaunt, nimmt er die Warnungen des Obristen Kottwitz (Thomas Büchel) zwar wahr, vertraut aber darauf, dass zum System der Strafe auch die Gnade  gehört. In Nielebocks Inszenierung muss er nicht den Degen, sondern seine Kleidung ablegen, so dass er in der Unterwäsche, als fast nackter und bloßer Mensch durch das weitere Spiel geht.

Am Grabe wächst der Lebenswunsch

In dem ist der Kurfürst des Johannes Schmidt kein Tyrann, kein Allmächtiger, sondern ein Herrscher, der sein System erhalten muss, um sich selbst zu erhalten. Fast leidet er mit dem Prinzen mit, dem er seinen Platz im System zuweisen muss, eher nachdenklich als unerbittlich. Und als Prinz Friedrich die Gefahr erkannt hat, sieht, dass das Urteil wirklich vollstreckt werden könnte, da wird der Satz, dass er sein Grab gesehen habe und nur noch leben wolle, zum Zentrum seiner Gedanken und flehenden Bitten um Hilfe.

All diese Nuancen, Wandlungen, Überlegungen, Einsichten bringen Lisa Nielebock und ihr vorzügliches Ensemble in ein spannendes, auf die Sprache und Bewegungen konzentriertes Spiel. Bis auf eine Einblendung der Kleist'schen Handschrift braucht diese Inszenierung keine Zutaten, Videos oder Musik, um zu beeindrucken. Und wenn am Ende der Prinz leise fragt, ob dies ein Traum sei, ist damit noch nicht sicher, dass der Alptraum vorbei ist.


Prinz Friedrich von Homburg
von Heinrich von Kleist
Regie: Lisa Nielebock, Bühne und Kostüme: Sascha Gross, Dramaturgie: Bettina Schültke.
Mit: Johannes Schmidt, Elke Wieditz, Caroline Dietrich, Tobias Schormann, Nico Delpy, Thomas Büchel, Christian Klischat.

www.nationaltheater-weimar.de


Von bunt und wild bis introvertiert kühl: Die jüngsten Prinzen Friedrich von Homburg am Münchner Volkstheater (bei Mareike Mikat 2011), in Essen (bei Christian Hockenbrink 2010) oder am Berliner DT (bei Andreas Kriegenburg 2009).

 

Kritikenrundschau

Lisa Nielebock inszeniere streng und karg, so Henryk Goldberg in der Thüringer Allgemeinen (19.9.2011). "Die Bühne ein mattschwarzer, leerer tiefer Raum, darin die Darsteller in schwarzen Kostümen streng gezirkelt als Figuren eines Schachspieles erscheinen." Nicht einen Moment der ästhetischen Beiläufigkeit gebe es, "die Regisseurin beherrscht ihren Raum, ihre Struktur. Und obgleich sie sich konzentriert auf Sprache und Darsteller, ist es zuweilen, als würde sie eben mehr Struktur inszenieren als Figuren". Nico Delpy ist gehalten, dieses Pathos zu unterlaufen. "In der Konsequenz wird die Figur als ästhetische Erscheinung jedoch eher klein, sie wirkt banalisiert, schnurrt zusammen zum Objekt der konzeptionellen Beobachtung statt sich als Subjekt des ästhetischen Interesses zu behaupten." Das habe nicht der Schauspieler zu verantworten, das sei die Regie.

Man brauche ein wenig, erst auf dem Nachhauseweg offenbare sich, "welch eine dramaturgische Denksportaufgabe die junge Regisseurin und ihr Team den Weimarer Bildungsbürgern vorgesetzt haben", so Wolfgang Hirsch in der Thüringischen Landeszeitung (19.9.2011). "Nachträglich ruft man: Chapeau! Was für ein Kleist, wie durchtrieben, ungewöhnlich und vielschichtig!". Nur auf einer rationalen Oberfläche gehe es nun um die Staatsräson, um Kriegszucht und Gehorsam, denen der Prinz, sein Unrecht eingestehend, sich zu beugen habe. "Auch arbeitet Nielebock die Impuls-Ebene - dass Homburg einer Intuition, einem Befehl seines Herzens gefolgt sei - nicht kenntlich heraus. Vielmehr vollzieht der Träumer keine innere Wandlung. Sondern fantasiert hellsichtig in höheren, in künftigen politischen Sphären." Wie vorzüglich Nielebocks Vexierspiel mit dem "Prinz von Homburg" funktioniere, "ist nicht allein Nico Delpys komödiantischem Talent in der Titelpartie zu danken. Johannes Schmidt als Kurfürst und Christian Klischat als Hohenzollern machten sehr nuanciert die Ambivalenzen ihrer Figuren deutlich, und Caroline Dietrich gefiel als liebeseifrige Natalie. Chapeau also, und Beifall nachträglich von Ferne."

Und in der Ostthüringischen Zeitung (19.9.2011) sah Susann Grunert einen zähen, später aber durchaus interessanten Abend. Nico Delpy mag die Wandlung vom stolzen General, der über den Dingen steht, zum heulenden, sich fürchtenden Elend nicht überzeugend gelingen. "Dafür wächst Caroline Dietrich als verliebte Prinzessin Natalie an ihrer Rolle."

 
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