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Die Drastik im Kopf

von Rudolf Mast

Hamburg, 22. September 2011. "Stephan Kimmig ist zurück in Hamburg!" Mit einem Ausrufungszeichen kündigt das Schauspielhaus seine aktuelle Premiere an. Das Satzzeichen verdankt sich dem Umstand, dass der Regisseur, dem der freudige Aufschrei gilt, nach seiner Zeit am Hamburger Thalia Theater mit dessen Intendanten vor gut zwei Jahren nach Berlin wechselte und nun erstmals an der Kirchenallee inszenierte. Die Wahl des Stückes verdient ebenfalls ein Ausrufungszeichen, denn es handelt sich um "Der Fall der Götter" nach Luchino Viscontis Film von 1969, der im deutschen Verleih "Die Verdammten" hieß und in Klammern "Götterdämmerung" – nicht von ungefähr eine Anspielung zugleich auf den Abschluss von Wagners "Ring" und die "Buddenbrooks" von Thomas Mann.

Der Film, der Stoff, der Star

Der Film handelt vom moralischen und physischen Zerfall der (der Industriellendynastie Krupp entlehnten) großbürgerlichen Familie von Essenbeck, die sich, um ihren Stahlkonzern zu retten, den Nazis andient, deren Brutalität prompt bis in die familialen Strukturen einsickert und zu Intrigen, Mord und Totschlag führt.

Zugleich aber handelt der Film von narzisstischer Nabelschau und sexuellen Fantasien, von Regression und Perversion, von verdrängten und unterdrückten Emotionen, denen Visconti in endlosen Großaufnahmen, opulent ausgestatteten Innenräumen und dem Qualm unzähliger Zigaretten nachspürt.

Und drittens stand der Film am Anfang der Weltkarriere von Helmut Berger, der hier zum ersten Mal mit Visconti drehte. In Anbetracht dieser Sachlage machte es stutzig, dass die Ankündigung der Premiere Kimmig als "Spezialisten für den Mikrokosmos Familie" rühmt: Nicht, dass am Ende doch wieder – Kimmigs Spezialdisziplin – ein bürgerliches Trauerspiel draus wird!

Der Blick auf die noch unbespielte Bühne von Katja Haß nimmt diese Sorge nur zum Teil. Im Parkett ist ein Teil der roten Bestuhlung ausgebaut, an ihrer Stelle stehen kleine Schirmlampen, die sich am Rande der Spielfläche wiederfinden, einer angeschrägten Ebene aus Metall, die nach hinten vom Eisernen Vorhang begrenzt wird. Dort stehen ein weißer Flügel und ein Schlagzeug, daneben (und darüber) sind rote Sessel aufgetürmt – und dass sich auf der Bühne und im Saal dieselben Elemente finden, dient oftmals als Wink mit dem Zaunpfahl, dass "oben" im Namen und Auftrag von "unten" verhandelt wird.

Etliche Figurenseelen in einer Schauspielerbrust

Doch mit der ersten Szene ist die Angst vor einem Stellvertreter-Abend verflogen. Im fahlen Licht des Hauptscheinwerfers, der direkt über der Szene hängt, treten vier Gestalten auf und spielen ein Stück Musik, das an "Soft Machine" und den Artrock aus der Entstehungszeit des Films erinnert.

Zwei der vier entpuppen sich als Julia Nachtmann und Katja Danowski, die dem Abend das Rückgrat verleihen, weil sie außer als Musiker auch in wechselnden Rollen auftreten und als (im Film im Überfluss vorhandenes) "Personal" genannte (und gekleidete) Figuren die Regieanweisungen vortragen, was den Nachvollzug der Szenen oft leichter macht als im Film, ohne sie zu vereinfachen.

Die Mehrfachbesetzung ist durchgehendes Prinzip und etwa dann von absichtsvoller Bedeutung, wenn Markus John den Patriarchen Joachim, dessen Enkel Martin und den ehrgeizigen Friedrich spielt, was ihm Gelegenheit gibt, sich zunächst zu ermorden, sich dann als Nachfolger an der Firmenspitze zu benennen und schließlich selbst dieser Nachfolger zu werden.

Der Hinweis, dass in einer Brust mitunter mehrere Seelen wohnen, bleibt jedoch dezent, und es überwiegt die am Film orientierte, aber eigenständige Schilderung, die für die filmischen Vorgaben theatergerechte Umsetzungen wählt und etwa die Emotionalität der Großaufnahme in die Musik verlegt.

Drang zur Deutlichkeit

Überzeugende Lösungen findet die Inszenierung auch für so "delikate" Dinge wie Martins Pädophilie und die "Befreiung" von seiner Mutter durch ihre Vergewaltigung. Und für die diversen Erschießungen wird nicht einmal eine Waffe benötigt. Hier wie dort findet die Inszenierung Mittel und Wege, die Drastik im Kopf entstehen zu lassen, statt sie vorzuführen – mit Sicherheit die nachhaltigere Art der Wirkung.

Nur zum Schluss will der Abend darauf nicht so recht vertrauen, denn der schlägt den Bogen, der wie im Film beim Reichstagsbrand 1933 beginnt, weiter bis in die Bundesrepublik der Adenauerzeit. Doch auch dieser Drang zur Deutlichkeit kann den Gesamteindruck einer Inszenierung nicht trüben, die selbst die Länge von zweieinhalb Stunden vom Film übernimmt – wozu im Theater aber eine längere Pause zählt. Und im Unterschied zum Film ist die der einzige Moment, in dem im Schauspielhaus geraucht wird.

 

Der Fall der Götter
nach dem Drehbuch zum Film "Die Verdammten" von Nicola Badalucco, Enrico Medioli, Luchino Visconti, Bühnenbearbeitung: Tom Blokdijk, deutsch von Monika The
Regie: Stephan Kimmig, Bühne: Katja Haß, Kostüme: Anja Rabes, Komposition und Live-Musik: Philipp Haagen, Michael Verhovec.
Mit: Katja Danowski, Ute Hannig, Lukas Holzhausen, Markus John, Julia Nachtmann, Samuel Weiss, Sören Wunderlich.

www.schauspielhaus.de

 

Mehr zu Der Fall der Götter: bereits im September 2008 inszenierte Karin Henkel den Visconti-Stoff im Düsseldorfer Schauspielhaus.

 

Kritikenrundschau

Die nötige Fallhöhe raubt dem Stoff in dieser Inszenierung bereits die zu kleine Bühne, schreibt Werner Theurich auf Spiegel-Online (23.9. 2011). Darüber hinaus werde, so der Kritiker, schon in der ersten Szene wenig agiert, "dafür kräftig diskursiert: Thema Faschismus, Proseminar der historischen Fakultät für erste Semester, es droht ein Erklärstück aus dem Meta-Theater". Temporaubend wie mühevoll werde hernach das dramatische Personal vorgestellt, "ohne dass lange Zeit Wesentliches passiert. Diese Exposition ist für die Schauspieler durchaus fordernd, denn schnell stellt sich heraus, dass alle mehrere Rollen meistern müssen, was paradoxerweise keine Dynamik sondern dramaturgische Lähmung erzeugt." Stephan Kimmig, aus Sicht des Theurichs "eigentlich ein Experte für psychologische Nuancen und filigrane Zeichnung von Individuen und Situationen", hechele in dieser Inszenierung "den Figuren und ihren Konflikten nur hinterher". Das führe immerhin "zu enormen Leistungen der Schauspieler, die sich durch einen Szenen-Parcours rund um Gewalt, Sex und Macht kämpfen müssen".

Als Theater von antiker Wucht empfand Stefan Grund auf Welt-Online (24.9.2011) die Inszenierung. Je nüchterner der Regisseur die ideologischen Verstrickungen von Kapitalismus und Nationalsozialismus untersuche, "je konzentrierter er die zerstörten Charaktere durchdringt, desto erschütternder greift die Inszenierung ideologische Sattheit an und weist den Weg zur permanent modifizierten Gesellschaftsanalyse." Kimmig denke Visconti weiter, lasse sein Stück weder in den Dreißigerjahren enden, noch beschränke er sich "auf das in sich geschlossene Interpretationsweltbild der Altachtundsechziger." Das Schauspielhaus-Ensemble feiert der Kritiker als "wundervoll", seinen Umgang mit dem Stoff als "energisch und verspielt, klug und beängstigend". Die Musik wird als "verstörend, nervenfasergenau, experimentell" hochgelobt.

Tendenziell schwerfällig wirkt Kimmigs Inszenierung auf Volker Corsten von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (24.9.2011), weil sie aus seiner Sicht nie in Gang kommt und auch niemals einen Rhythmus findet. Die Schauspieler müssten sich durch ein "Marionettentheater der Entkräfteten" durchwursteln. "In manchen Szenen klappt das sogar gut. Meist aber hampeln die Akteure wie Puppen. Das ist Absicht, lässt sie aber so schlaff in der Luft hängen wie die beiden Girlanden aus Stühlen, die im Hintergrund von der Bühnendecke baumeln."

Von "polterndem, unrhythmischem und peinlichem Affentheater" spricht Till Briegleb in der Süddeutschen Zeitung (24.9.2011). Die Inszenierung sei "so meilenweit entfernt von der sensiblen und genauen Schauspielkunst, für die Kimmig berühmt ist", dass es fast wie Sabotage wirke. Die Frage, warum man eine brillante Psychostudie über die deutsche Großindustrie im Dritten Reich überhaupt total veralbern muss, fiel dem Kritiker "bei diesem Debakel fast nicht mehr ein." Briegleb vergleicht den Zustand des Schauspielhauses unter seinem Interimsleiter Florian Vogel mit dem Zustand der FDP nach der Berlin-Wahl. "An der 1,8-Prozent-Bedeutung, die dieses Theater für die Gegenwartskunst noch hat, wird sich so schnell vermutlich nichts ändern. Im Schatten, den das Ereignis Karin Beier voraus wirft, gedeihen nur Frust und Absetzbewegungen". Im Abwärtstrend nütze es nichts, "den Zögling zum Zirkusdirektor zu machen, wenn man die Inhalte nicht grundsätzlich neu diskutiert."

Einen munteren Bilderbogen, bei dem sich aber keine weiteren Fragen aufdrängen würden, beschreibt Elske Brault auf Deutschlandradio Kultur (23.9.2011). Es gehe um das Treiben von denen da oben, "und wir unten im Parkett können uns das anschauen, ohne dass sich jemals die vom Soziologen Jan Philipp Reemtsma treffend gestellte Frage aufdrängen würde: 'Wie hätte ich mich verhalten?'" Von Regisseur Stephan Kimmig, "dem Spezialisten für Familientragödien", erwarte man eine tiefere psychologische Durchdringung der Figuren. Ebenso vergeblich hoffe man, "auf Katja Hass' von einem gigantischen Stuhlturm dominierten Bühne würde sich die schwarze Bretterrückwand irgendwann heben und eine weitere, interessanter gestaltete Ebene freigeben."

Im Deutschlandfunk ist Michael Laages nicht begeistert: Kimmigs Inszenierung lasse sich "ganz weit weg treiben vom Kern der politischen Geschichte", so Laages. Die Psychopathologie der Familie Essenbeck triefe stattdessen "schier aus allen Szenen". Laages kritisiert die "forcierten Mehrfachbesetzungen" fast aller Rollen. "Auch das eigentlich recht konsequente Spiel mit der geradezu Brecht'schen Nicht-Einfühlung" könne dem Abend "nicht die Spur von Rückgrat geben".

Etwas positiver urteilt Frauke Hartmann in der Frankfurter Rundschau (26.9.2011): Katja Haß' Bühne sei "ein von unten beleuchtetes Metallgitterpodium, das in den Zuschauerraum hineinragt, während die Samtstühle, die dafür weichen mussten, an den Seiten der Bühne stehen, auf ihr gestapelt oder hängend im Hintergrund zu sehen sind - Sinnbilder für imaginäre Opfer und Claqueure". Dazu orchestrierten die Musiker Michael Verhovec und Philipp Haagen "oft verhalten die Stimmungen. Da wünscht man sich mehr Mut. Oder wenigstens eine eigene Aussage."

 
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