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Weg mit diesen fiesen Wir-Parasiten

von Esther Boldt

Mannheim, 22. September 2011. So hat man sich einmal die Zukunft vorgestellt: Wie schwerelos tappt einer durch transparente Raumzellen, im weißen, leicht exzentrischen Raumanzug, der in seiner asymmetrischen Sackhaftigkeit von fern an Yohji Yamamotos Kollektionen aus den frühen 90ern erinnert. Der Forscherastronaut tippt auf die gläsernen Zellenwände, als seien sie Bildschirme und murmelt Unhörbares in keinen Bart. In diesem White Cube von einem Labor wird eine Revolution vorbereitet: Die Menschheit soll vom Virus der sozialen Anpassung befreit werden.

Dietmar Daths neues Stück ist eine Revolutionsmär mit tragischem Ende und saftiger Moral. Eine einsame Ruferin in der Wüste, eine unheimliche Jeanne d'Arc wird, wie so viele vor ihr, von furchtsamen Kräften niedergerungen – ein Schelm, wer da keinen Seitenhieb auf den konservativen Rollback unserer krisengeschüttelten Gegenwart sieht. Doch einen Schritt zurück.

Genie oder Wahnsinnige?

In "Regina oder die Eichhörnchenküsse", einer Auftragsarbeit des Nationaltheaters Mannheim, setzt es eine Menge Tote, es wird beinahe eine revolutionäre wissenschaftliche Entdeckung gemacht und es werden alte philosophische Streitfragen aufgerollt: Jene nach der Willensfreiheit – ob den Menschen seine Natur beherrscht oder er seine Kultur –, und jene nach der Machbarkeit – ob alles wissenschaftlich Mögliche auch exerziert werden muss.

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Schauplatz Labor
© Christian Kleiner

Der Plot: In der nahen Zukunft geht in einem fiktionalen Mannheimer Zentrum für biologische Verhaltensforschung ein Genie um oder eine Wahnsinnige (da divergieren die Meinungen). Professor Regina Jordis ist auf der Spur von Bakterien, die den Mensch zum Mitläufer machen, sodass er nicht seiner Vernunft folgt, sondern präexistenten Sozialstrukturen. Wenn sie gegen diese fiesen Wir-Parasiten ein Gegenmittel findet, kann sie die ganze Menschheit von ihrem Herdentrieb kurieren.

Diese grob hingetupfte Utopie von einem Ausgang des Menschen aus seiner unverschuldeten biologischen Unmündigkeit wird konterkariert von einem Intrigendrama, in dem sich Abhängigkeitsverhältnisse gewaltsam Bahn brechen in Eifersucht und Erpressung, Mord und Totschlag: keine Freiheit, nirgends. In ihrem Antagonisten und Kollegen, dem Psychiater Dr. Hartmut Uhlich, begegnet der voranstürmenden Wissenschaftlerin der pure Konservatismus: Ginge es nach ihm, hätte alles zu bleiben wie es war, bevor Jordis' Fuß zum ersten Mal die Schwelle des Instituts überschritt.

Diskursives Getöse mit Wasserleiche

Aber letztlich spielt Dath, der studierte Physiker und Literaturwissenschaftler, der sich in seinen Essays und Romanen gern auf der Schwelle zwischen Poesie und harten Fakten herumtreibt und häufig mit der Science-Fiction flirtet, hier auch bloß eine alte Leier, gewürzt mit etwas lesbischer Liebe, einer Prise Obskurantismus und vielen Leichen: Jene des lichthellen Individuums, dessen Genius das Dunkel seiner Gegenwart erleuchtet, von dieser aber nicht als solches erkannt oder ertragen wird und folglich vernichtet werden muss.

Nachdem ihr Institut in Schutt und Asche liegt, geht die Forscherin märtyrerhaft ins Wasser desjenigen Sees, in dem ihr Freund kürzlich ertrank. In seiner Gleichnishaftigkeit mutet "Regina", bei allem diskursiven Getöse, reichlich banal und kitschig an. So fällt denn auch dem Uraufführungsregisseur André Bücker nichts anderes ein, als das Stück ins Groteske zu zerren. Wie es so fatal üblich geworden ist in den letzten Jahren im Theater, werden die Figuren zu schrillen Typen überzeichnet, deren Facetten allemal vom Kreischen zum Heulen reichen.

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Psst! Professor Jordis (Dasch Trautwein) mutiert gerade. © Christian Kleiner

Hart am Rande der Verstehbarkeit

Regina, gespielt von Dascha Trautwein, ist ein Alien mit weißer Kapuze, der zur Erlöserin mutiert. Sie turnt gern in den Streben der Laborzellen, spannt ihr Rückgrat zum hysterischen Bogen und spricht seltsam gepresst, während Sascha Tuxhorns Uhlich entweder den winselnden Jammerlappen oder den überlegen fauchenden Zyniker markiert, der in Triumphmomenten puckartige Luftsprünge vollführt.

Doktorandin und Regina-Anhängerin Ina (Michaela Klamminger) ist ein gutes Seelchen, das jedes Wort unterschiedslos primagelaunt rauskiekst. Überhaupt ist dieses Wissenschaftlertrio so unverschämt jung besetzt, dass man sich fragt, ob wir in der höchstens 30jährigen Professorin schon die Frühfolgen von Bologna sichten dürfen. Von Anfang an sind sie alle bloß Karikaturen, deren Konflikte niemanden angehen.

Hart am Rande der Verstehbarkeit rattern sie ihre Streit- und Liebesdialoge frontal ins Publikum, sodass keinerlei Spannung zwischen ihnen entsteht, wie isolierte Zellen flottieren sie durch den leeren Raum – und der Zuschauer mit ihnen.

 

Regina oder Die Eichhörnchenküsse (UA)
von Dietmar Dath
Regie: André Bücker, Bühne und Kostüme: Jan Steigert, Dramaturgie: Ingoh Brux, Licht: Damian Chmielarz.
Mit: Dascha Trautwein, Sascha Tuxhorn, Michaela Klamminger, Michael Fuchs, Almut Henkel.

www.nationaltheater-mannheim.de

 

Der Regisseur André Bücker, 1969 in Osnabrück geboren, bearbeitete und inszenierte (mit seinem Dramaturgen Ingoh Brux) 2009 in Mannheim bereits Dietmar Daths Roman Waffenwetter.

 

Kritikenrundschau

Reichlich verwegen und verbal ausufernd findet Monika Frank von der Rhein-Neckar-Zeitung (24.9.2011) Dietmar Daths Geschichte. "Im löblichen Bemühen, den ausufernden Redefluss des Stücks szenisch zu beleben", wirkt André Bückers Regie aus Sicht der Kritikerin "oft unangebracht grell und gefällt sich im Setzen harter Brüche zwischen ernstzunehmendem Spiel und plattestem Herumalbern." Zuviel des Guten auch bei den Videobildern wachsender Zellkulturen, "die permanent über die weißen Stellwände im Hintergrund wandern, zu aufdringlich und pompös der von Bach bis 'Tangerine Dream' reichende Soundtrack." Dagegen profitiert die Inszenierung ihrer Ansicht nach "ganz entscheidend von den Einfällen des Bühnenausstatters Jan Steigert, der die Forscher in Schutzkleider steckt, die wie Raumanzüge aussehen, und sie in großen mobilen Glaskästen wie abgehoben von dieser Welt agieren lässt." Den Schauspielern bieten zu ihrem Bedauern allerdings weder das Stück, seine deutlich zu plakativ geratenen Figuren noch die Regie "großartige Entfaltungsmöglichkeiten".

Ralf-Carl Langhals schreibt im Mannheimer Morgen (24.9.2011) Plot und verwickelte Beziehungs- und Figuren problematik seien "komplex" und "hoch spannend zu lesen" – allerdings "nur als Text". Auf der Bühne funktioniere der "soziophilosophische Thesensalat mit Bubenstückfinale trotz geschliffener Sprache, kluger Gedanken und geistreicher Dialoge" nicht. Regisseur Bücker überhetze den "fürs Theater zu geschwätzigen Text", jage ihn "an der Grenze zur Unverständlichkeit durch Mikroports und Schauspielermünder". Die "schrille, teils erbärmliche Überzeichnung" risse den Figuren "das Fleisch von den Knochen", bis  - abgesehen von den zwei Ausnahmen Michaela Klamminger und Dascha Trautwein - nur mehr "skurrile Chargen" übrig blieben. Was bleibt, sei keine "gescheiterte Utopie, sondern leichenreicher Krimikitsch mit Kabelsalat und Clownsnummer".

"Wie dem Stücktext, so hätte auch André Bückers Inszenierung etwas mehr Beschränkung auf das Wesentliche gut getan," konstatiert Martina Klemm in der Mainzer Allgemeinen Zeitung (24.9.2011). "In seinem gläsernen Labor der Zukunft werden zu viele Informationen gleichzeitig verarbeitet. Ein schier endloses Schriftband läuft ab, antike Götter-Gestalten tauchen auf, es gibt Plüschtiere und Naturfilmeinspielungen im Hintergrund. Ein uneingeschränktes Lob gilt allerdings den Schauspielern, denen es ausnahmslos gelingt, das überbordende Sprechtheater eindrücklich zu strukturieren."

"Daths Stück ist sagenhaft verquatscht", findet Jan Küveler in der Welt (26.9.2011). Regisseur André Bücker hetze die Schauspieler durch den absurden Text, "dass einem die Ohren schlackern." Dath solle sich hinter die Ohren schreiben: "Kapitalismuskritik lässt sich schlecht am Fließband produzieren."

 
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