alt

Putzmunter im Schlafwaggon

von Kaa Linder

Winterthur, 22. September 2011. Man kriegt das große Fernweh angesichts dieses Schlafwaggons in sattem Tannengrün, der in würdevoller und vermutlich originalgetreuer Länge auf der Bühne steht. Die Außenansicht zeigt den Schriftzug "Orient-Express Istanbul-Calais" in Goldlettern, die Innenansicht geheimnisvoll geschlossene Türen mit geschwungenen Klinken und Dämmerlicht aus Art-Déco-Lampen. Im Gepäckwagen stapeln sich die Koffer, Hutschachteln und Ledertaschen.

orient3_tineedel
Foto: Tine Edel

Pascal Raichs so simple wie bestechende Bühne zerlegt den Waggon in einzelne Schichten, die sich eine hinter der anderen aus dem Theaterhimmel senken lassen, dazu eine flächendeckende Leinwand, auf der schwarzweisse Landschaften vorbeisausen. Die Situation verändert sich laufend, je nach Blickwinkel, je nach Figur, die in diesem Huis Clos gerade handelt.

Schattenreich auf Rädern

Den Plot für sein neues Projekt "Tot im Orient-Express" hat Viktor Bodó bei Agatha Christie entliehen, die mit Hercule Poirot einen unsterblichen Kommissar erfunden hat. So steht im Zentrum des Geschehens sein theatrales Spiegelbild, der belgische Detektiv Hercule Pfeffer (Jost Grix), geschniegelt in Anzug und Hemd. Bereits bei der Beschaffung des Zugtickets stösst er auf sonderbare Widerstände und erhält, im Abteil angekommen, vom dusseligen Schlafwagenschaffner Jószef (Károly Hajduk) statt der georderten Handtücher ein Glas Milch gereicht.

In Jószefs Schattenreich ziehen nun die mysteriösen Gestalten ein, tänzelnd wie Marionettenpuppen an unsichtbaren Fäden. Ein ungarischer Diplomat (Simon Ferenc Tóth) und seine politoxikomane Gattin (Lisa Mies), die am liebsten in Strapse durch den engen Wagenflur spaziert. Eine betagte russische Fürstin (Monika Dortschy), die sich wahlweise auf zwei schwarzglänzende Stöcke oder ihre brave Zofe (Lőte Koblicska) stützt. Ferner eine portugiesische Missionarin (Ulrike Beerbaum) in züchtigem Rock, die Amerikanerin Mrs. Hamilton (Andrea Quirbach), die unter den Teppich quasselt, wer immer gerade drauf steht, während sich eine englische Gouvernante (Verena Bukal) mit einem Colonel aus Indien (Gregor Trakis) im Hintergrund rumdrückt. Der vom Cognac geblähte Zugarzt Dr. Foscarelli (Lorenz Klee) wankt von Abteil zu Abteil, und zwar besonders häufig in jener Nacht, als Passagier Puckett (Philipp Kugler) durch zwölf Messerstiche getötet wird und das eigentliche Drama mit einem leblos im Türrahmen hängenden Unterarm seinen Anfang nimmt.

orient2_gross_tineedel
  Eine ebenso merkwürdige wie höchst verdächtige Versammlung, nicht nur für Hercule Pfeffer
  Foto: Tine Edel

Wer wars?

Es sind hinreißend konturenreiche Figuren mit gurgelnden Bassstimmen, glockenhellem Lachen und schnarrenden Sprachfehlern, die durch diesen schmucken Schlafwagen geistern, einander auf die Füße und in alle möglichen Fettnäpfchen treten, und die man leider akustisch schlecht versteht.

Die Geschichte von Agatha Christies "Mord im Orient-Express" aus dem Jahr 1934 erzählt Viktor Bodó gemäss Vorlage, doch bleibt unklar, was der Regisseur damit genau beabsichtigt. Weit mehr als die Handlung, die den Mord am Ende als kollektiven Racheakt von zwölf Geschworenen aufdeckt, scheint ihn das Spielen mit Täuschungen und Illusionen zu interessieren. Seine Vorliebe für filmische Momente zeigt sich etwa, wenn die Passagiere im Speisewagen versammelt sind. Durch ein leises Quietschgeräuch wird das Abbremsen des Zugs markiert, so dass die Gesellschaft in perfekt choreografiertes Wanken gerät.

Viktor Bodó und dem aus Mainzer und Budapester Akteuren zusammengeschweißten, äußerst spielfreudigen Ensemble gelingen immer wieder so effektvolle Augenblicke. Wenn Pfeffer die Passagiere verhört, wird die Mordnacht in zwölf individuellen Interpretationen wiederholt und werden die subtilen Mechanismen der Tat und ihrer Vertuschung sichtbar gemacht. Von der Nerzstola bis zur Tabakpfeife ist "Tot im Orient-Express" liebevoll, wenn nicht detailversessen ausgestattet (Kostüme: Juli Balázs) und lässt eine Zeit aufleben, in der das Reisen im Zug ein ästhetisches Ereignis und weit mehr als die Überwindung von Distanzen war.

orient1_gross_tineedel
  Das Theater ist ein Film ist ein Kriminalroman. Foto: Tine Edel

Die Wirklichkeit ist ein Möbiusband

Was Wirklichkeit ist, wie sie hergestellt und dekonstruiert wird, ist Viktor Bodós künstlerisches Motiv. Am Ende lässt er seinen Detektiv in einer Rauchschwade über die unendlichen Täuschungen räsonnieren, die sich als Realität ausgeben. Die Szene zeigt ein Filmset. Nach drei Takes geht das Saallicht an, ein Regisseur (Gregor Trakis) lässt hopphopp die Bühne leer räumen und gratuliert zur Generalprobe. Das Theater ist ein Film ist ein Kriminalroman. Alles zurück auf Anfang! Vielleicht sind es zu viele Vorhaben, zu viele Absichten, die Viktor Bodó in den aufwändigen Abend packt. Jedenfalls fährt dieser Orient-Express durch ein nostalgisches Postkarten-Europa ins Ungewisse und kommt nirgends richtig an.

 

Tot im Orient-Express
nach Agatha Christie
Inszenierung: Viktor Bodó, Bühne: Pascal Raich, Kostüme: Juli Balázs, Musik: Klaus von Heydenaber, Sounddesign: Gábor Keresztes, Video: Simon Ferenc Tóth, Übersetzung und Dramaturgie: Anna Veress, Dramaturgie: Katharina Gerschler, Júlia Robert.
Mit: Jost Grix, Andrea Quirbach, Monika Dortschy, Verena Bukal, Ulrike Beerbaum, Lisa Mies, Lőte Koblicska, Gregor Trakis, Mathias Spaan, Simon Ferenc Tóth, Lorenz Klee, Károly Hajduk, Philipp Kugler.
Koproduktion des Staatstheaters Mainz, der Szputnyik Shipping Company und des Theaters Winterthur.

www.theater.winterthur.ch


Kritikenrundschau

"Äußerst leichtfüßig" und "von angenehmer Heiterkeit bestimmt" komme Bodós Krimi-Adaption zunächst daher, zeigt sich Andreas Tobler im Tages-Anzeiger (24.9.2011) angetan. Gegen Ende des Abends dränge der Regisseur dann "aufs große Ganze", indem er die Spielebenen vervielfache. In seiner Arbeit wolle Bodó ja erklärtermaßen die Grenzen zwischen Spiel und Realität ausloten. An diesem Abend in Winterthur bleibe allerdings alles im Bereich des Spiels. Insgesamt ist Tobler aber doch zufrieden: "eine runde Sache".

Von einem "kollektiven Trip ins Wunderland" schwärmt Stefan Busz im Landboten (24.9.2011). Es sei wunderbar, wie dieses Ensemble durch den Abend gehe: "Die Figuren haben in der Bewegung eine gemeinsame Sprache für das gefunden, was in ihnen ist: Liebe und Hass." "Studien des Gehens" seien hier zu sehen, so Busz: "Sie stolpern. Schreiten. Trippeln. Rollen mit den Hüften." Und bescherten sich selbst und dem Theater Winterthur damit "einen großen Erfolg."

 
Kommentar schreiben