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Kraftzentren im Dickicht der Städte

von Torsten Jost und Georg Kasch

Berlin, 29. September 2011. Wo bitte geht's zum Stadttheater der Zukunft? Gerade entspinnt sich um diese Frage eine Debatte. Sie hat vor allem zwei Gründe: zum einen die erstarkende Wahrnehmung des Off-Theaters. Zum anderen die finanzielle Misere der vielen kommunal subventionierten Häuser, die im vergangenen Jahr eine Dramatik erreicht hat, die bisherige Sparrunden wie eine leichte Diät erscheinen lassen – ein Blick auf das nachtkritik.de-Krisometer macht das ganze Elend deutlich.

Das eine hat mit dem anderen nur wenig zu tun. Gleichwohl stellen beide Entwicklungen vehement eine Institution in Frage, die seit rund 150 Jahren die kulturelle Grundversorgung unserer Städte sichert. Viele politische Entscheidungsträger und einige Kulturschaffende (beispielsweise Matthias von Hartz in seinem Beitrag für nachtkritik.de) zweifeln mittlerweile öffentlich am Sinn und Zweck der Stadttheater im Verhältnis zu ihren Subventionen. Plötzlich muss sich eine Institution legitimieren, die lange unter einem diffusen "Muss sein" oder "Gehört dazu" lief. Aber welche Funktionen hat eigentlich das Stadttheater? Von wem, warum und in welcher Form wird das Stadttheater morgen noch gebraucht?

Stadttheater als Stadt-Theater

Wir leben in einer Zeit, in der öffentliche Güter und Interessen ungezügelt kommerzialisiert und privatisiert werden. In dieser Situation sind Stadttheater beinahe die letzten verbliebenen öffentlichen Institutionen, in denen Bürger ihre Gesellschaft und deren Mechanismen – gemeinsam, in einem geschützten Raum, von Angesicht zu Angesicht, spielerisch und phantasievoll – beleuchten und kritisch hinterfragen können. In dieser einzigartigen Reflexionskraft liegen das besondere Potential, die Funktion und die Zukunft der Institution Stadttheater.

Städte sind zu einem Großteil selbst Theater: Demonstrationen, Märkte, Reden, Performance-Festivals, Parteitage, Messen oder Gottesdienste sind allesamt Szenen des gleichzeitigen Zeigens und Gesehenwerdens, also Formen des Theatralen, die täglich das produzieren, was wir Stadt nennen. In diesem vielschichtigen Gewirr aus diversen Theaterkulturen (namens Stadt) kann und muss das Stadttheater als die zentrale Institution der permanenten öffentlichen Reflexion und der spielerisch-experimentellen Auseinandersetzung dienen.

An der Schnittstelle der Stadtkulturen

Stadttheater haben das außergewöhnliche Potential, unterschiedliche kulturelle Strömungen permanent spielerisch unter einen Hut zu bringen – Strömungen wie die der freien Kunst- und Performanceszene, der privaten Kreativwirtschaft, verschiedene Migrantengruppen oder des traditionellen bildungsbürgerlichen Repräsentationstheaters. Als der zentrale Knoten im Dickicht der sie umgebenden Stadt können Stadttheater Kohäsionskräfte entwickeln und zur Integration verschiedener Gruppen in die Gesellschaft beitragen, ihnen zur Teilhabe an der 'offiziellen' Stadtkultur verhelfen und deren Vielfalt (auch in ihrer Unvereinbarkeit) widerspiegeln.

Um dieser herausgehobenen Stellung und herausfordernden Aufgabe allerdings überhaupt gerecht werden zu können, müssen sich die Stadttheater – und zwar viel stärker, als das bereits der Fall ist – ihrer regionalen Verortung und Verantwortung besinnen und höchst sensibel und durchlässig auf den sie umgebenden Stadtraum reagieren: nicht allein auf seine finanziellen Probleme, sondern in erster Linie auf seine kulturellen Besonderheiten und theatralen Potentiale.

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Am Puls der kommunalen Belange: Das Projekt "Stadt ohne Geld" am Theater Dortmund.
Foto: Jennifer Bunzeck

Welche Strategien der Repräsentation dominieren die Regionalpolitik? Wem wird eigentlich nie Sichtbarkeit geschenkt? Wer profitiert vom Status quo? Ob und wie ein Stadttheater auf seine Region und dessen Potentiale und Probleme einfallsreich, treffend und scharfsichtig reagiert, muss der einzige Maßstab sein, an dem sich seine Innovationskraft oder sein Erfolg bemisst.

Eine Projektreihe wie "Stadt ohne Geld" in Dortmund bricht die Folgen der Wirtschaftskrise auf seine lokalen Konsequenzen herunter, das Berliner Maxim Gorki Theater ging mit seinen "Hofmeistern" in den Rütli-Kiez, das Staatstheater Nürnberg arbeitete mit Laien das Trauma der AEG-Schließung auf. Auch, wenn nicht alle diese Versuche unbedingt zünden – die Zukunft eines Stadttheaters entscheidet sich in solchen ortsspezifischen Durchdringungen.

Die Landung der Ufos

Anders als viele meinen, beweist sich die Qualität eines Theaters nicht auf dem nationalen oder internationalen Festivalbetrieb. Eine regional bemerkenswerte Inszenierung, die den Menschen vor Ort wichtig ist, etwas sagt und bedeutet, muss im Kontext eines Festivals nicht zwingend funktionieren. Die Einladung der Hallenser Inszenierung "Allein das Meer" zum Theatertreffen 2006 demonstrierte beispielsweise, wie radikal ein veränderter Kontext die Bedeutung einer Inszenierung verschieben kann. Theaterabende sind eben nicht nur aus sich selbst heraus bemerkenswert. Ihre Signifikanz erhalten sie vielmehr durch ihre spezifischen Kontexte und ihr jeweiliges Publikum.

Dies muss auch praktische Folgen für die Theaterkritik haben. Denn reisende Kritiker, die wie Ufos in den Stadttheatern landen, um den aktuellen Abend wegen mangelnder überregionaler Konkurrenzfähigkeit abzuwatschen, ohne die lokalen Gegebenheiten genau zu kennen, sitzen mitunter einer ähnlich beschränkten Perspektive auf wie jene international operierenden Festivalkuratoren, die in erster Linie danach suchen, was sich auf dem globalen Markt sehen, verstehen und an andere Festivals weitervermitteln lässt.

Damit soll nicht gesagt sein, dass es nicht auch die Gefahr einer Beschränkung nach innen gibt, dass mangelnder Vergleich mit Tendenzen und Theatersprachen in anderen Regionen nicht schädlich wäre. Dem Theater wie seiner Kritik tut es gut, gelegentlich über den heimischen Tellerrand hinaus zu gucken. Festivals zur Auflockerung des Repertoirebetriebs wirken durchaus vitalisierend. Aber – hier liegt der Punkt – den Maßstab ihrer Wirksamkeit erlangen sie vor Ort, in den Bedürfnissen und Fragen des städtischen Publikums.

Stadttheater als Orte einer seltenen Langfristigkeit

Regional bemerkens- und erhaltenswerte Programme und Ästhetiken lassen sich allerdings nur langfristig entwickeln. Die Beständigkeit der Institution Stadttheater mitsamt ihres Ensemble- und Repertoirebetriebs ist insbesondere deswegen ein schützenswertes Gut, weil sie langfristige – das heißt nicht zuletzt zukunftsträchtige – Entwicklungen auf Seiten der Künstler und des Publikums ermöglicht. Fest ans Haus gebundenen Regisseuren, Schauspielern und Dramatikern bietet der geschützte Raum die Chance, sich kontinuierlich zu entwickeln und die Stadt mehr als nur zwei Monate lang zu erleben.

Adäquate und produktive Beiträge von Seiten des Theaters zur Stadtkultur entwickeln sich nicht innerhalb einer Spielzeit, wie auch Vertrautheit von Seiten des Publikums mit den Schauspielern, den thematischen Schwerpunkten und den Ästhetiken des Stadttheaters nicht über Nacht entsteht. Anders als in der projektbasierten freien Szene mit ihrem prekären Arbeitsplätzen bieten Stadttheater Räume für dauerhafte und ortspezifische Entwicklungen und Programme, die nicht an Legislatur- und auch nicht zwingend an Intendanzperioden gebunden sein müssen.

Die Öffnung zur neuen Netzgesellschaft

Noch immer gibt es Stadttheater, die unter Kommunikation das Aussenden von Pressemitteilungen verstehen. Dabei bricht sich das Unbehagen an autoritären Strukturen nicht erst seit Stuttgart 21 und dem Erfolg der Piraten-Partei in den Berliner Abgeordnetenhauswahlen bahn. Nur wenn die Stadttheater in den Dialog mit dem Publikum und der Stadtöffentlichkeit treten, können sie Zuschauer gewinnen, halten und sich als unverzichtbaren Teil städtischer Öffentlichkeit legitimieren. Nur, wenn sich die Stadtgesellschaft wirklich und andauernd als Teilhaber ihres Stadttheaters erlebt, ist dieses unverzichtbar.

Jenseits des etablierten (und wichtigen) inszenierungsbezogenen Publikumsgesprächs, jenseits von Tagungen und Diskussion, von Facebook- und Twitter-Auftritten müssen die Stadttheater vom Nutzen der Netzgesellschaft lernen: So, wie in Foren, Blogs und nicht zuletzt auf nachtkritik.de diskutiert wird, leidenschaftlich und – bei allen Querschlägern – sachkundig, so könnte auch eine Diskussionskultur für Stadttheater aussehen: Hinsehen, Zuhören und miteinander Reden. Nicht auf die Vervielfältigung der Worte kommt es dabei an, sondern auf einen Austausch auf Augenhöhe, einen Dialog, in dem sich beide Seiten ernst genommen fühlen.

In dieser neuen Diskurskultur stecken die demokratischen Potenziale, die es dem Theater ermöglichen sollten, auch gegen finanzpolitische Daumenschrauben, wie wir sie derzeit in NRW oder in den norddeutschen Bundesländern beobachten, eine Gegenkraft zu entwickeln. Denn dort, wo das Theater zum Diskursmotor in einer großen, vernetzten, lebendigen Auseinandersetzung über die urbanen Belange wird, dort ist es als Institution auch nicht mehr wegzudenken.


Torsten Jost arbeitet als Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Internationalen Forschungskolleg "Verflechtungen von Theaterkulturen" der Freien Universität Berlin.
Georg Kasch ist Redakteur von nachtkritik.de

 

Mehr zur Stadttheaterdebatte auf nachtkritik.de finden Sie im entsprechenden Lexikoneintrag.

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