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Licht aus, Kopfkino an

von Michael Stadler

München, 30. September 2011. München, das ist doch die Stadt des Sehens und Gesehen-Werdens per se, nicht wahr? Und die Maximilianstraße ist die Flaniermeile für den eifrigen Hingucker, dessen Blick vom Glanz und Prunk der dortigen Edel-Geschäfte, von Gucci bis Ralph Lauren, nicht satt werden kann. Genausowenig von den dort laufenden, durchaus blickbewussten Menschen, zu denen der Schaulustige womöglich selbst gehört. Schöner Schein darf sein und wird nicht ungern gesehen. Ja mei, wieso auch nicht.

In dieser Maximilianstraße geht nun eine Blinde.

Sie, Gerlinde Sämann, ist nicht alleine. Vor ihr läuft ein zweiter Blinder, Bernhard Claus. In beider Mitte schieben sie einen großen Kasten mit einer Panorama-Kamera, die ihre Linsenaugen in alle Richtungen wirft. Der 360-Grad-Blick wird nun auf die vier Wände der Spielhalle der Kammerspiele übertragen. Eine IMAX-artige Kino-Fantasie ist das und doch Theater, denn man sitzt hier auf Barhockern im Kreis und hat nun hinter sich und vor sich, links und rechts auf den Mauern das Video der zwei Blinden.

Diskurs über das Sehen

Da steckt man schon mitten drin in Dries Verhoevens "Dunkelkammer", der Uraufführung seiner Theater-Installation. Einer reinen Biographie-Stunde mit netten Anekdoten, damit die Blinden einem näher kommen, verweigert sich Verhoeven. Ihm geht es wie in anderen Arbeiten um Fragen der Wahrnehmung, um Wahrnehmungsverschiebungen. Seinen größten Erfolg hatte der 35-jährige Niederländer mit seiner 2007 entstandenen Inszenierung You Are Here, mit der er 2009 bei den Salzburger Festspielen den Young Directors Award gewann. Damals war der Zuschauer eingeladen, sich in ein Zimmer innerhalb einer Hotellandschaft zu begeben, sich aufs Bett zu legen, um dann per Deckenspiegel die anderen Zuschauer zu erblicken. Sehen und Gesehen-Werden. Ich bin auch der andere.

Die blinde Gerlinde Sämann in "Dunkelkammer" ist eine Erzählerin, eine Lehrerin. Während sie vom Münchner Hofgarten in Richtung Maximilianstraße geht, lässt Verhoeven sie einen Diskurs über das Sehen halten. Von der Konstruktion von Wahrnehmung spricht sie, die immer auch von Erinnerung gespeist ist: "Du vergleichst, was du siehst, mit dem, was du schon gesehen hast." Dem Zuschauer bleibt es nun überlassen, das Gesagte mit sich selbst abzugleichen – oder sich zu fragen, inwiefern der Wahrnehmungsprozess sich überlagender Vorstellungen auch im Kopf der Blinden stattfindet.

Ausfasernde Talente-Schau

Dass diese durch die Sehenden die eigene Optik und die der Welt erklärt bekommen haben, wird später deutlich. Die Blinden biegen von der Maximillianstraße in die Falckenbergstraße ab, an deren Ende das Schauspielhaus liegt. "Es ist 19.25 Uhr", meint Sämann, und spätestens dann wird klar, dass der Zuschauer ein Video sieht, das kurz vor der Vorführung (sie begann um 19.30 Uhr) aufgenommen wurde. Nun wird die Zeit eins, wenn Sämann und Claus mit anderen Blinden in den Raum treten, um den Kasten mit der Panorama-Kamera inmitten des Rings der Zuschauer zu setzen. Die Performer stellen sich vor, neben Sämann und Claus sind das Said Gharbi, Livia Hofmann-Buoni, Leslie Mader und Manuela Schemm. Sie blicken in die Kamera, ihre Gesichter werden auf die Wände projiziert. Sie beschreiben detailgenau ihr Äußeres.

Verhoeven gefällt die Assoziation des "dark rooms" mit dem Erotischen. Gegen Ende zieht sich Leslie Mader aus, während das Licht, eine glühende Birne inmitten des Raums, ausgeht. Sie beschreibt ihren Körper im Dunkeln, macht das Kopfkino auf, für jeden. Zuletzt zerfasert Verhoevens Theater-Installation in eine Schau der Vorstellungen und ausgelebten Talente. Said Gharbi, der bereits mit dem Choreographen Wim Vandekeybus gearbeitet hat, geht seinem Bewegungstrieb in der Mitte tanzend nach. Leslie Mader und Gerlinda Sämann, beides ausgebildete Sängerinnen, und die ausgebildete Konzertpianistin Livia Hofmann-Buoni zeigen, was sie können.

Den Raum können die Blinden sich über Klacklaute und Ertasten erschließen, sie brauchen keine Hilfe. Der Performer muss nicht sehen können. Aber er braucht den Zuschauer, der ihn ansieht und zuhört. Insofern ist "Dunkelkammer" eine beeindruckende Demonstration der Eigenmächtigkeit, eine Bewusstmachung und gelungene Vorstellung über die Kraft der Vorstellungen. Augen öffnend.

 

Dunkelkammer
Eine Theaterinstallation von Dries Verhoeven
Regie und Raum-Installation: Dries Verhoeven, Text: Tim Etchells und das Ensemble, Licht: Jürgen Kolb, Dramaturgie: Koen Tachelet.
Mit: Bernhard Claus, Said Gharbi, Livia Hofmann-Buoni, Leslie Mader, Gerlinde Sämann, Manuela Schem.

www.muenchner-kammerspiele.de

 

Kritikenrundschau

Für Sven Ricklefs vom Deutschlandfunk (Kultur heute, 1.10.2011) ist Dries Verhoevens "Dunkelkammer" "kein kitschgefährdetes Dokumentartheater aus der Welt der Blinden", sondern vor allem ein Abend "über die Welt des Sehens und Gesehenwerdens". Die blinde Fußgängerin in der Maximilianstraße analysiere für uns unsere Wahrnehmung der Welt. Im zweiten Teil konfrontiere Verhoeven die Zuschauer dann unmittelbar mit den Darstellern. "Doch wo wir zunächst nur auf die Blinden reagieren, mit allen vorgefertigten Mechanismen, präsentiert Verhoeven zugleich die Künstler, die uns mit ihrem Tanz, mit der Musik über diese Mechanismen hinweghelfen." Und immer wieder tauche man in dem dunklen Raum zumindest für kurze Zeit ein "in die Wahrnehmungswelt jener, die uns dieses Theater gegenüberstellt". Das alles habe "nichts Spektakuläres", sei eher "eine leise, kontemplative und dabei auch sehr liebevolle Performance, die aber vielleicht gerade deshalb eine Art sanfte Nachhaltigkeit entwickelt".

Die Videobilder dieser Aktion seien großartig, so Joseph von Westphalen in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (2.10.2011). "Ein Blinder mit weißem Stock zieht einen Karren, auf dem eine Videokamera mit rundum vier Objektiven befestigt ist. Dazu ein malerischer Blindenhund. Dahinter eine Frau, die ständig in eines der Videoaugen spricht." Leider sehe man aber nur, was die Kameras sehen, und nicht, wie das ganze trotz aller Technik an einen mittelalterlichen oder antiken Umzug erinnere, der die umliegenden Luxusläden der Maximilianstraße wunderbar deklassiere. Fazit: Ein Schuss mehr Sarkasmus könnte der Aufführung nicht schaden, die für Blindheit und Sehen sensibilisiere. "Vielleicht auch wegen ihres Installations- und Videodrumherums haben die anderthalb Stunden aber auch etwas von einem Kennenlernkurs. Die fremde Welt der Finsternis. Das Premierenpublikum nahm das Seminarhafte allerdings nicht krumm, es schritt, im Gegenteil, mit ganz beglückten Gesichtern ins Helle."

Egbert Tholl beschreibt die Inszenierung in der Süddeutschen Zeitung (4.10.2011) als "eine Art Labor, in dem der Zuschauer seine eigene Sensitivität erforscht". Sie "will kein Dokumentartheater über das Leben der Blinden sein und ist es ein bisschen doch", "will auch kein Selbsterfahrungsabend für den Zuschauer sein, ist aber auch das ein bisschen". Bloß mit dem Intellekt komme man Verhoevens Arbeiten nicht bei. "Aber die Intimität, die er in seiner 'Dunkelkammer' erzeugt, löst etwas aus, Überlegungen vielleicht, assoziativ weit gefasst, zum eigenen Verhältnis zur Wahrnehmung fremder Menschen." Gelinge dies nicht, blieben "nur ein paar schwere, spätromantische Klavierakkorde einer blinden Pianistin".

Verhoeven gehe quasi "sehenden Auges" mit sechs blinden Amateurschauspielern "das Risiko einer gut gemeinten Freakshow ein" – und aus Sicht von Mathias Hejny (Münchner Abendzeitung, 4.10.2011) gewinnt er "das riskante Spiel". So führten die Pianistin Livia Hofmann-Buoni oder der Tänzer Said Gharbi "nicht einfach einem gnädig staunenden Publikum ihre Kunststücke vor, sondern zünden liebevoll und mit viel Rücksicht auf die groben Empfindungen der Sehenden die Lampen in den Kopfkinos der Zuschauer an". Und die "verblüffenden Ein-Sichten" der blinden Maximilianstraßen-Spaziergänger "von dem, was sie hören, riechen und imaginieren, was ihnen die Sehenden mitteilen, geben eine eindrückliche Vorstellung davon, dass menschliche Wahrnehmung mehr ist als die Summe dessen, was die Sinne empfangen".

 
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