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Country ist auch keine Lösung

von Andreas Schnell

Bremen, 2. Oktober 2011. Was passiert in Becketts "Endspiel" ist wohl bekannt. Es ist nicht viel. Und es wird immer weniger. Dieses Endspiel kennt keinen Sieger. Der Zerfall muss weitergehen. Und wenn ihn ein Floh bedroht, dann muss er vernichtet werden, auf dass nicht alles noch einmal von vorn beginnt mit der Menschheit.

Mit diesem dringlichen Wunsch endet Frank-Patrick Steckels "Endspiel" im Neuen Schauspielhaus in Bremen. An Deutungen dieses und anderer Werke Becketts haben sich bekanntlich schon Generationen die Zähne ausgebissen – ein bisschen wie Nell und Nagg, die beiden siechen Alten aus der Mülltonne. Ausweglosigkeit, gewiss, das Ende allen Seins nach einer nicht genannten Katastrophe, wie sie sich ja nicht erst seit Fukishima jederzeit vorstellen lässt.

Geradezu physisch greifbarer Überdruss

Aber darin erschöpft sich Beckett eben nicht. Zum Glück. Sonst wären seine Stücke ja auch eher eine Qual. Sie leben nicht zuletzt von ihrer Komik und ihrer Sprache. Und eben diese Qualitäten hat Steckel in Bremen souverän herausgearbeitet. Dabei hat er in Gerhard Palder und Jan Byl zwei exzellente Schauspieler für die Hauptrollen gefunden. Palder spielt Hamm mit Bravour als mal verzweifelt keifenden, mal hasserfüllt zeternden, mal sarkastisch philosophierenden Alten. Und Jan Byl verleiht seinem Clov einen geradezu physisch greifbaren Überdruss.

Hamms Eltern, die hier schon früh abtreten und von Clov "entsorgt" werden, tauchen, gespielt von Palder (Nagg) und Susanne Schrader (Nell) später immer wieder in Videoeinspielungen in Hamms Heimkino auf, was sie noch mehr zu einem Relikt einer Vergangenheit macht, in der es einmal so etwas gab wie Tandemfahrten in den Ardennen und Bootsfahrten auf dem Comer See. Und natürlich den Witz von der Welt und der Hose, dessen Pointe sich über den christlichen Schöpfungsmyhos lustig macht: Dieser Welt sieht man eben an, dass sie in sechs Tagen gemacht wurde.

Mit Leichenbittermine

Die clownesken Züge der beiden Alten spiegeln dabei reizvoll deren in jeder Hinsicht heruntergekommene, höchst zerlumpte Variante bei den Hauptfiguren – die ihre geistigen Klimmzüge, Schattenboxereien und Pirouetten ganz folgerichtig in einem abgewetzten Zirkuszelt absolvieren. Schön auch, dass die Geschichte ein wenig entschlackt wurde. Hamm genießt bei Steckel nicht einmal mehr die Bewegungsfreiheit des Rollstuhlfahrers, sondern sitzt auf einem lediglich drehbaren Behandlungsstuhl. Clov spielt seinem Herrn nur noch vor, dass er ihn umherschiebt – ein Tritt gegen den Stuhl simuliert die Kollision mit der Wand.

Und nicht zuletzt wurde wahrscheinlich lange nicht am Bremer Schauspiel so gut gesprochen. Das Ende untermalt ein Country-Song, der von verlorener Liebe singt und dabei implizit eine ländlich eingefärbte heile Welt als Sehnsuchtsort vorstellt. Natürlich vergebens. Selbst den Applaus des Publikums nehmen Palder und Byl mit Leichenbittermine entgegen. Einmal steckt Byl (oder eben Clov) uns noch die Zunge raus. Ein gelungener Abend. Auch wenn sich etwas zu oft ein gewisser Weltschmerz vor die bitterböse Komik schiebt.

 

Endspiel
von Samuel Beckett
Deutsch von Elmar Tophoven
Regie: Frank-Patrick Steckel, Bühne und Kostüme: Sabine Böing, Musik: Ronald Steckel, Dramaturgie: Stephanie Beyer.
Mit: Gerhard Palder, Jan Byl, Susanne Schrader.

www.theaterbremen.de


Andere Endspiele? Vor vier Tagen kam am Zürcher Schauspielhaus Stefan Puchers Version des Jahrhundertstücks heraus.

 

Kritikenrundschau

"Willkommen im Theatermuseum!" Für Rainer Mammen vom Weser-Kurier (4.10.2011) wirkt diese Inszenierung "ziemlich behäbig". In einem Ambiente wie "für einen expressionistischen Stummfilm" betone Steckel das spielerische Moment im End-Spiel "entschieden zu zögerlich". Auch wenn er Becketts Text nicht als "sakrosankte Partitur und unveränderliche Liturgie" nehme, habe der Regisseur "nicht den Mumm, ab und zu auch richtig aufzudrehen, das Komödiantische und Komische (worüber das Stück durchaus verfügt) schamlos auszuspielen und den Respekt vor dem Dichter vorübergehend zu vergessen". Auch bei den Darstellern entdeckt der Rezensent wenig Erfreuliches: "Jan Byl spielt den Clov: so rat- und farblos wie ihn Sabine Böing kostümiert hat"; und Gerhard Palder als Hamm "präsentiert im Wesentlichen die Karikatur eines greisen Burgschauspielers."

"Willkommen im Zirkus des Sterbens", schreibt Sven Garbade in der Nordwestzeitung (4.10.2011) nach Ansicht von Frank-Patrick Steckels "Endspiel". Bei Steckel werde die Sache "exakt zu jenem grausigen Totentanz, den man bei diesem Stück erwarten muss". Dafür habe Ausstatterin Sabine Böing "einen wunderbar widerlichen Kleinzirkus als Spielort geschaffen". Und dann "diese Jammergestalten!". Jan Byls Clov latsche "mit so entzückend niedergebogenen Mundwinkeln um den Pflegefall Hamm herum, dass man entgegen aller angesagten Hoffnungslosigkeit auch immer wieder zum Lachen gebracht wird". Und Gerhard Palder krakeele "so ekelhaft als gelähmter, blinder Hamm herum, als gäbe es für einen alten Mann nichts schöneres, als seine Pflegekraft nach Herzenslust zu erniedrigen. Mit diesen beiden Schauergestalten trifft das Bremer Schauspiel also voll ins existenzialistische Schwarze."

"Die seit jeher diskutierte Frage, ob Absurdes Theater wirklich eine absurde Welt zeigt oder vielmehr das absurde Verhalten ihrer Bewohner, lässt Steckel in dieser reizvoll rätselhaften Zirkusnummer bewusst offen." So schreibt Johannes Bruggaier in der Kreiszeitung (4.10.2011). "Indem Steckel das Personal ganz auf Hamm und Clov reduziert, indem er Erstgenanntem nicht einmal einen Rollstuhl gönnt und indem er auch noch einen Fernseher integriert, verschärft er die ohnehin schon prekäre Ausgangslage des Dramas. Im Ergebnis bedeutet das einen Zugewinn an ironischer Schärfe." Entsprechend wird die Leistung der Hauptdarsteller gewürdigt: "Es ist großartig, wie fatalistisch Gerhard Palder den senilen Zynismus eines Todgeweihten interpretiert. Und es ist fast noch bemerkenswerter, wie Jan Byl das Leiden an eben diesem Zynismus mit dem Leiden an der ausweglosen Situation vereint."

Ein paar schöne Einfälle und viel Tristesse hat Margit Ekholt vom Nordwestradio Journal des Radio Bremen (4.10.2011) erlebt. Insgesamt zögen sich die achtzig Minuten, die der Abend dauert, sehr in die Länge. "Es gibt nichts Beklemmendes, nichts Berührendes, das den Zuschauer packen oder erschauern lassen könnte." Was dieser Inszenierung aus Kritikerinnensicht fehlt, "ist entweder mehr Gefühl, mehr Spaß oder ein Bezug zu der Welt, in der wir leben. Dabei könnten sich angesichts von weltweiter Umweltzerstörung Gedanken an die Apokalypse durchaus einstellen. Der Verzicht auf solche Verweise überrascht um so mehr, als dem Regisseur Frank-Patrick Steckel der Ruf voraus geht, er sei ein politischer Regisseur. Wer gerne einen puristischen Beckett sehen mag, der ist hier richtig."