"Ihr seid ja gar keine ­Kommunisten!" (1949-1950)

von Esther Slevogt

Seit Juni 1949 lebt Bertolt Brecht endgültig in Berlin. Renate Langhoff hatte unter Einsatz ihrer guten Verbindungen zur SMA [Sowjetische Militäradministration - d. Red.] der Brechtfamilie ein Haus in der Nachbarschaft besorgt, eine weiße Gründerzeitvilla am Weißen See, die vom Langhoff'schen Haus aus fußläufig zu erreichen ist. Oft kommt Brecht abends zum Schachspielen vorbei oder um Paul Dessau zu besuchen, der ja ebenfalls im Hause Langhoff lebt.

Gern habe Brecht, der laut Thomas Langhoff ein "anständiger Produzent pornografischer Verse" gewesen ist, bei seinen Besuchen auch die neuesten diesbezüglichen Produktionen vorgetragen und mit scheinheiliger Miene das Gespräch auf unverfängliche Theaterfragen gelenkt, sobald Renate Langhoff den Raum betrat.

Manchmal, wenn Brecht mit seinem Auto auf das Gelände fährt, weisen ihn die vielen Kinder, die stets im parkartigen Garten der Langhoffs spielen, in einen Parkplatz ein. Nach dem Aussteigen stellt er sich dann jedem Einzelnen von ihnen mit Handschlag vor: "Bertolt Brecht, guten Tag!" – was die Kinder jeweils damit erwidern, dass sie sich ebenfalls artig vorstellen. Nachdem Brecht dieses Ritual jedoch bei jedem Besuch wiederholt, beginnen die Jungen, den Mann mit der merkwürdigen Arbeiterkleidung, der Schiebermütze, der hohen, leicht fistelnden Stimme und dem offenbar schwachen Gedächtnis ein wenig wunderlich zu finden. Eindruck macht den Jungen und besonders dem elfjährigen Thomas Langhoff allerdings Brechts grundsätzliche Laxheit in Fragen der Körperpflege, was er vor dem Kommando in die Badewanne gerne ­seiner Mutter vorhält: "Du solltest mal den Herrn Brecht sehen!"

langhoffs_leonardsteckel1949
 Familienbild, Weißensee 1949 (Matthias, Renate, Wolfgang & Thomas Langhoff)
 Foto: Leonard Steckel

 

Zu den regelmäßigen Gästen im Hause Langhoff gehören in jener Zeit auch Hanns Eisler und seine Frau Lou. Ebenso der Schriftsteller Bodo Uhse, der im mexikanischen Exil die schöne Amerikanerin Alma Agee geheiratet hatte, die ihm nach Ostberlin gefolgt war, wo Uhse nun Chefredakteur der Zeitschrift Aufbau ist, der Monatsschrift des Kulturbundes. Alma Uhse war Jüdin, ebenso wie die junge New Yorker Journalistin Edith Anderson, die den kommunistischen Emigranten und Literaturwissenschaftler Max Schroeder geheiratet hatte und zum Entsetzen ihrer Familie und Freunde nach dem Krieg mit ihm aus New York ins besiegte Deutschland gegangen war. Beim neu gegründeten Verlag des Kulturbundes, dem Aufbau-Verlag, hat Schroeder in der sowjetischen Besatzungszone den Posten des Cheflektors übernommen, schreibt jedoch auch Theaterkritiken. Auch Bruno Goldhammer, der Freund aus der Schweizer Emigration, der zunächst nach München gegangen war, lebt ­inzwischen als stellvertretender Intendant des Berliner Rundfunks mit seiner Frau Esther in Ostberlin. In München war Goldhammer 1946 wegen illegalen Zonenübertritts (er hatte in der sowjetischen Zone an einer KPD-Konferenz teilgenommen) von einem amerikanischen Militärgericht zu vier Monaten Haft verurteilt worden und nach verbüßter Haft 1947 nach Ostberlin übergesiedelt. Eine enge Freundin von Renate Langhoff ist Johannes R. Bechers Frau, die Schriftstellerin und Übersetzerin Lilly Becher. Auch Greta Kuckhoff und Grete Witkowski, beide nacheinander Präsidentinnen der Staatsbank der DDR, sind als Freundinnen eng mit der Familie Langhoff verbunden. Manchmal kommt auch der Sänger und Schauspieler Ernst Busch vorbei, die Schriftstellerin Anna Seghers oder Friedrich Wolf.

Es ist eine kosmopolitische, internationale Gesellschaft, Künstler, die nun mit einigem Herzblut am Aufbau eines neuen und besseren Deutschland arbeiten, um das sich alle Gespräche drehen, die die Söhne – wie schon in Zürcher Zeiten – im Haus der Eltern aufschnappen. Doch während dieses gute Deutschland für Thomas und Matthias Langhoff damals nur ein fernes, sagenhaftes Wunderland gewesen ist, das in ihren Vorstellungen kaum je konkretere Kontur gewonnen hat, leben sie nun in diesem Land. Im Gefolge von Kinder- und Jugendbanden stürzen sie sich in Berlins endlose Trümmerlandschaften, die ihnen als ein einziger Abenteuerspielplatz erscheinen.

In den ersten Nachkriegsjahren hat Grün die Ruinen schon überwuchert, doch es genügt ein Regen, um den Geruch der brennenden Stadt wieder aus den verkohlten Mauern hervorzuspülen. Jeder verfallene Torbogen, jeder halb verschüttete Hauseingang ist ein neues Versprechen. Aus dem Schutt bergen sie alten Hausrat. Manchmal finden sie in den Trümmern noch Waffen, die in den letzten Kriegstagen von desertierenden Wehrmachtssoldaten weggeworfen worden waren. Die Gefahr, auf Blindgänger zu treten, macht das Streunen auf den Trümmergrundstücken zum aufregenden Todesspiel, dessen Tragweite den Jungen auch dann kaum ­bewusst wird, als eines Tages neben Thomas Langhoff einer seiner Gefährten, Günther, auf eine Mine tritt und in der Luft zerfetzt wird. "Immer lebten wir in der Spannung von Faszination und Entsetzen", sagt Thomas Langhoff heute über diese Zeit.

Schon der Wechsel der Straßenseite bedeutet den Wechsel in eine Gegenwelt zur Elternwelt und ihrem sortierten marxistischen Weltbild, ihrer bürgerlichen Ordnung und den Emigrantenfreunden, die so besessen wie weltfremd ihr neues Deutschland planen und dabei zu verdrängen versuchen, dass es immer noch die alten Deutschen sind, die in diesem Deutschland leben.

Direkt auf der anderen Seite der Langhoff'schen Villa liegt ein heruntergekommenes Viertel, in dem halbasoziale deutsche Familien leben und das man das Hexenviertel nennt. Nicht weit davon be­findet sich eine Neubausiedlung aus den Dreißigerjahren, deren unscheinbare Häuser jetzt Familien von Angehörigen der Roten ­Armee bewohnen. Morgens gehen die Jugendbanden von Tür zu Tür und nehmen mit Zettel und Bleistift Bestellungen zum Stehlen auf. Tagsüber wird das Bestellte organisiert und spätnachmittags geliefert. "Man sah den Leuten an, dass sie Angst vor den Besatzern hatten", sagt Matthias Langhoff lakonisch. "Also konnte man sie auch bestehlen."

Nicht selten bieten die Hausfrauen den Älteren unter den Jungen statt Geld erotische Dienste an, die dann als Gegenleistungen auch entgegengenommen werden.

Das elterliche Haus markiert mit seinem feudalen Lebensstil, Chauffeur, Gärtner und diversen Hausangestellten in ganz besonderer Weise die Widersprüche zwischen den täglichen Erfahrungen der Jungen und der Lebenswelt ihrer Eltern. "Ihr seid ja gar keine Kommunisten!", bricht es einmal aus dem sich dem Teenageralter nähernden Sohn Thomas heraus. "Ihr habt ein riesengroßes Haus. Ihr habt Hausangestellte. Ihr habt einen Fahrer, einen Gärtner, ein Dienstauto und ein Privatauto. Das haben Kommunisten nicht. Kommunisten haben so viel wie die anderen auch!"

"Ach, das verstehst du nicht", antwortet der Vater irritiert. "Wir haben uns das verdient. Wir haben unser Leben lang gekämpft, und das alles hier, das habe ich als Künstler. Ich kann doch ein arrivierter Künstler sein und trotzdem Kommunist."

"Nein, das kannst du nicht", sagt der Sohn. "Kommunisten sind alle gleich."

Gärtner Schröder ist bereits von der großfürstlichen Atmosphäre im Hause Langhoff angesteckt und meldet sich am Telefon prinzipiell nur: "Hier Oberlandschaftsgärtner Schröder bei Herrn General­intendant Langhoff." Herr Schröder lebt, gemeinsam mit der Haushälterin Frau Wohlraabe und ihrem Mann, im Dienstbotentrakt im Souterrain der Villa Langhoff. Haushälterin Wohlraabe war zuvor bei der Familie Brecht engagiert, aber nach Differenzen zu den Langhoffs gewechselt. Frau Wohlraabes Ehemann ist Angestellter bei der Berliner Stadtreinigung.

Für die Langhoff-Söhne wird das proletarische Milieu im Souterrain zur willkommenen Abwechslung. Mit großen Ohren vernehmen sie hier die ausführlichen Fronterzählungen des Herrn Wohlraabe: wie er den Russen immer gezielt in die Genitalien geschossen hat und auch sonst Heldisches von seinem Kampf gegen die Bolschewistenschweine zu berichten weiß. Die erotischen Eskapaden der Frau Wohlraabe, die gelegentlich auch im Zimmer von Gärtner Schröder nächtigt, werden gleichfalls mit Interesse registriert. Ebenso die Gäste der Souterrain-Bewohner, heftige Raucher und Trinker aus der Nachbarschaft, wie Matthias Langhoff berichtet.

All dies, das den Jungen um so viel wahrhafter als das Reden und Trachten der Eltern erscheint, steht in seltsamem Kontrast zu deren Vorstellungen von der heroischen Arbeiterklasse und ihrem Anti­faschismus. Bruno Goldhammer und Hanns Eisler machen sich ­weniger Illusionen: »Das sind alles Nazis«, sagen sie über die Deutschen. "Tante Rahn, warst du Nazi?", wird daraufhin eine weitere Angestellte befragt, was diese selbstredend brüsk von sich weist. "Komm, ich zeig dir mal, wer Nazi ist", sagt eines Tages Hanns ­Eisler, als er mit Thomas Langhoff auf der Straße ist, "der, der, der und der, der!" – und zeigt auf jeden, der an ihnen vorübergeht.

schlossfreiheit-sed-plakate_02
 Schloßfreiheit mit SED-Plakaten, Berlin 1949                             ©  Archiv Berliner Geschichte

 

 

 

 

So nehmen die Emigranten zunächst nur atmosphärisch wahr, wie sich im Frühjahr 1949 das Klima im Ostblock zu verändern beginnt, Menschen ohne offensichtlichen Grund ihre Posten verlieren oder als unsichere Kantonisten ins Zwielicht geraten. Bruno Goldhammer wird vom ZK der SED wegen "mangelnder ideologischer Wachsamkeit" gerügt und im Herbst schließlich auf einen niederen Posten versetzt. Lex Ende, Chefredakteur des SED-Zentralorgans Neues Deutschland und, wie Langhoff und Goldhammer, ein West­emigrant, wird ohne Angabe von Gründen entlassen und an eine unbedeutende Stelle versetzt. An seine Stelle rückt der Moskau-Emigrant und ehemalige Hotel-Lux-Bewohner Rudolf Herrnstadt. Auch andere Schlüsselpositionen des Blatts werden mit Moskau-Emigranten besetzt.

In Prag verschwindet am 12. Mai der Amerikaner Noel Field. Er hatte seinen Wohnort Genf verlassen, um nicht als Zeuge gegen ­seinen Freund, den Beamten des US-State-Department Alger Hiss, vorgeladen zu werden, der in Washington unter dem Verdacht der Spio­nage für den sowjetischen Geheimdienst festgenommen worden war. Die kommunistischen Freunde jedoch, deren Schutz Field jetzt sucht, lassen ihn für Jahre ohne Prozess in Geheimgefängnissen verschwinden, und bald auch seine deutsche Frau Herta und seinen Bruder Hermann, die nach seinem spurlosen Verschwinden aufgebrochen waren, ihn zu suchen.

In Budapest wird am 30. Mai der 40-jährige ungarische Außenminister László Rajk festgenommen, Spanienkämpfer und Leiter des ungarischen kommunistischen Widerstands gegen die deutsche Besatzung. Eine Verhaftungswelle überrollt das Land, mit dessen Staatsbürgerschaft die Langhoff-Familie aus der Emigration zurück nach Deutschland gekommen war. Ebenfalls verhaftet wird der ­Kaderchef der ungarischen KP, der Arzt Tibor Szönyi, der in Zürich unter dem Namen Dr. Tibor Hoffmann praktiziert hatte und Emigrationsleiter der ungarischen Kommunisten in der Schweiz gewesen war. Den deutschen Kommunisten Bruno Goldhammer hatte Hoffmann alias Szönyi in der Schweiz regelmäßig mit Attesten versorgt, damit Goldhammer das Internierungslager verlassen und nach ­Zürich fahren konnte. Szönyi hatte wie Langhoff auch Kontakt zu Noel Field gehabt und von dessen Hilfsorganisation immer wie­der Geld zur Unterstützung der ungarischen Kommunisten in der Schweiz erhalten. Auch Allen Dulles hatte Szönyi 1945 in der Schweiz getroffen. Das wird in Budapest nun dazu verwendet, ihn als amerikanischen Agenten und Verschwörer gegen die Sowjetunion anzuklagen.

Am 7. Oktober 1949 wird, als Reaktion auf die Gründung der Bundesrepublik Deutschland im Mai, die Deutsche Demokratische ­Republik gegründet. Auf der Ehrentribüne am Bebelplatz, zwischen den Ruinen von Staatsoper und Universitätsbibliothek, sitzt neben der neuen Staatsführung und hohen Repräsentanten auch das Ehepaar Langhoff. Wolfgang Langhoff gehört zum Bezirksvorstand der Partei und hält als Präsidiumsmitglied des Kulturbundes auch ein Mandat in der provisorischen Volkskammer, wo dem Kulturbund das Recht zugestanden worden war, eine eigene Fraktion zu bilden. In diesem Staat regieren die Künstler mit, soll das heißen. "Die Regierung ruft die Künstler!", wird Otto Grotewohl ein paar Monate später zur Gründung der "Akademie der Künste" aufrufen, deren Vizepräsident (neben Präsident Arnold Zweig) Wolfgang Langhoff heißen wird. Wo hätte es das je gegeben, dass ein Staat seinen Künstlern eine derartig zentrale Position einräumt. In diesem neuen Staat, dessen Gründung nun mit einer feierlichen Großkundgebung auf der alten preußischen Prachtstraße begangen wird, würde Wolfgang Langhoff gerne Kulturminister werden.

Zwischen den Bänken auf der Tribüne spielen seine jungen Söhne. Die Atmosphäre ist familiär. Die meisten derer, die nun hohe Ämter im neuen Deutschland bekleiden, kennen sich seit Jahrzehnten, haben eine gemeinsame Kampf-, KZ- oder Emigrationsgeschichte. Und während es an diesem Herbsttag langsam dunkel wird, intoniert eine vorbeidefilierende Formation das bekannte Arbeiterkampflied aus der Zeit des Ersten Weltkriegs: "Wir schreiten Seit' an Seit' ", in das auch die Repräsentanten des jungen Staates um Walter Ulbricht auf der Tribüne einstimmen.

Dann spricht Friedrich Ebert jr. über den Untergang der Weimarer Republik, erinnert an den Reichstagsbrand als Startschuss für die brutale Ausschaltung der politischen Gegner durch die Nationalsozialisten. Ein Reporter, der für den Berliner Rundfunk live von der Kundgebung Unter den Linden berichtet, zählt die Prominenten auf der Ehrentribüne auf und verweist auch auf Wolfgang Langhoff. Dabei erwähnt er, dass der Intendant des Deutschen Theaters soeben von einem triumphalen Gastspiel durch mehrere Städte in den Westzonen mit Brechts "Mutter Courage" nach Berlin zurückgekehrt ist. Im Hintergrund hört man Hochrufe, Böllerschüsse und Marschmusik. Dann spricht Wilhelm Pieck.

ddr_gruendung
Der nachgestellte FDJ-Fakelzug Unter den Linden, Berlin 1949
© ddr-geschichte.de

Anschließend zieht in der Dämmerung der Fackelzug der FDJ vorbei, spricht vor der Tribüne mit der neuen Staatsführung ihr 37-jähriger Vorsitzender Erich Honecker das "Gelöbnis der deutschen Jugend". Seine eigene Jugend hatte Honecker, der 1935 von der Gestapo verhaftet worden war, während der Nazizeit in Zuchthäusern verbracht. "Dies ist der Durchbruch der Jugend!", ruft der Leipziger Journalistikprofessor Hermann Budzislawski. "Dies ist die junge Generation, die Deutschland jetzt übernimmt."

Und Hanns Eislers Bruder Gerhart, in der neuen Regierung für die Lenkung der Presse und des Rundfunks zuständig, sagt in seinem Redebeitrag: "Das ist wirklich ein Tag der Wiedergeburt der deutschen Nation." Wenige Tage zuvor hatte er in einer Parteiversammlung die Genossen wissen lassen: "Wenn wir eine Regierung gründen, geben wir sie niemals wieder auf, weder durch Wahlen noch durch andere Methoden". "Ich wollte, alle meine Kollegen in Westdeutschland, alle Künstler, alle Schriftsteller könnten an dieser erhebenden Stunde teilnehmen, an der ich hier eben teilnehmen darf", spricht Wolfgang Langhoff dem Reporter euphorisch ins ­Mikrofon. "Wir stehen unter dem nächtlichen Himmel, riesige Scheinwerfer beleuchten den unabsehbaren Zug der Jugend, die mit ihren Fahnen und Transparenten hier an dieser Tribüne vor­überziehen. Es ist wirklich eine Geburtsstunde einer neuen demokratischen Republik! […] Und alle diejenigen, die uns noch zaudernd, fremd oder zögernd gegenüberstehen, alle diejenigen ­wünsche ich auf diesen Platz, um dieser großen Stunde teilhaftig zu werden."

Parteichef Walter Ulbricht, der der Kundgebung von der Tribüne aus ebenfalls folgt, weiß, dass er dieses Stück Deutschland, das der Kalte Krieg den deutschen Kommunisten nun in die Hände gespielt hat, nicht nur gegen den Einfluss des Westens, sondern auch gegen die Interessen Josef Stalins wird behaupten müssen, dessen überlebensgroßes Porträt an der Ehrentribüne vorbeigetragen wird. Dass es ihm gelingen muss, diesen Staat trotz gigantischer Kriegsschulden und sowjetischer Reparationsforderungen ohne finanzielle Hilfe von außen aufzubauen.

Doch jetzt ist das Pathos groß, der Reporter an seinem Mikrofon überwältigt. "Die Sprache, die geliebte deutsche Sprache, sie ist 
zu arm, um dieses unsagbar bunte, vielfältige und über alle ­Maßen eindrucksvolle Bild auch nur einigermaßen in Worte zu ­fassen!"

In den leeren Fensterhöhlen der ausgebrannten Ruinen der einstigen kaiserlichen und königlichen Prachtbauten an der Straße ­Unter den Linden sieht man im Schein der Fackeln Menschen sitzen. Viele verzehren fröhlich Bockwürste, die zur Feier der Staatsgründung an diesem Tag nicht rationiert sind, sondern unbeschränkt an die Bevölkerung verkauft werden.

Noch steht auch die gespenstische Ruine des Berliner Stadtschlosses, dessen älteste Teile aus dem 14. Jahrhundert stammen. Sie wird den ersten Jahrestag der Staatsgründung nicht mehr er­leben und 1950 als Symbol des alten Deutschland gesprengt, dessen Überwindung hier nun mit Bockwurst und Fackelzug begangen wird. Ein Demonstrationsplatz soll geschaffen werden, auf dem "Kampf- und Aufbauwille unseres Volkes Ausdruck finden kann", wie Walter Ulbricht auf dem 3. Parteitag der SED verkünden wird.

Lediglich die Fassadenteile des Balkons, von dem aus Karl Liebknecht am 9. November 1918 ein paar Stunden nach Philipp Scheidemann eine "Sozialistische Deutsche Republik" ausgerufen hatte, werden geborgen und eingelagert und 1964 in die Fassade des neuen Staatsratsgebäudes integriert.

Eine Woche nach der Gründung der DDR werden in Budapest László Rajk und ein halbes Dutzend Mitangeklagter nach einem Schauprozess als "imperialistische Agenten" und "Titoisten" hingerichtet. Der jugoslawische Staats- und Parteichef Marschall Josip Broz Tito, der während der deutschen und italienischen Besatzung in seinem Land den kommunistischen Partisanenkampf angeführt hatte, hatte im Sommer 1948 die fest geschlossenen Reihen der ­sozialistischen Bruderstaaten verlassen und sich mit der jugoslawischen KP auf einen eigenen, von Moskau unabhängigen Weg zum Sozialismus gemacht. Das löste im Kontext der Angst, die wachsenden Spannungen zwischen Ost und West könnten in einen dritten Weltkrieg münden, in den kommunistischen Parteien des gesamten Ostblocks "ideologische Klärungsmaßnahmen" und Mitgliederkon­trollen aus, die zu Suspendierungen, Parteiausschlüssen, Verhaftungen und Prozessen führten. In den Fokus der Säuberungsmaßnahmen gerieten speziell diejenigen, die ihre Emigration nicht in der Sowjetunion verbracht hatten und dort auf Linie gebracht worden waren.

Die Imperialisten, so die Theorie, die in den sozialistischen Volksrepubliken eine beispiellose Agenten- und Unterwanderungshysterie auslöste, würden einen dritten Weltkrieg vorbereiten, dessen Ziel die Auslöschung der Sowjetunion und damit der kommunistischen Bewegung sei. In der Vorbereitung dazu würden sie mithilfe von Agenten in die »fest geschlossenen Reihen der sozialistischen Bruderstaaten« einzudringen versuchen, und die Loslösung dieser Staaten aus dem schützenden Verbund betreiben. Im Kontext dieser Hysterie wurde Titos Bruch mit Stalin nun als Verschwörung gegen den Kommunismus im Auftrag imperialistischer Geheimdienste gedeutet.

Die Auswahl der Opfer der Schauprozesse folgte immer dem gleichen Beuteschema: linientreue Parteimitglieder, die aus west­licher Emigration zurückgekehrt waren, bei den Internationalen Brigaden im spanischen Bürgerkrieg oder in den Untergrundbewegungen ihrer Länder im Kampf gegen die Nazis ihr Lebens aufs Spiel gesetzt hatten. Kommunisten, die nicht in Moskau gewesen waren und möglicherweise andere als die stalinistischen Vorstellung vom Kommunismus entwickelt hatten.

In Budapest ist László Rajk zum Protagonisten erkoren worden. Wie Tito hatte Rajk eine führende Rolle im Untergrundkampf seines Land gegen die Nazi-Besatzung gespielt. Nach dem Krieg war Rajk zunächst ungarischer Innen-, dann Außenminister – und wird nun im Zuge der Anklage zum Spitzel der Gestapo, Spion der Imperialisten und Oberhaupt einer titoistischen Verschwörung gemacht. General György Pälffy und Polizeioberst Bela Korondi, ebenfalls Widerstandskämpfer gegen die Nazi-Besatzung, müssen jetzt gestehen, den Sturz und die Ermordung ihrer politischen Führung geplant zu haben. Den 31-jährigen Regierungsbeamten und ehemaligen Par­tisanen András Szalai, von der Gestapo nach seiner Verhaftung halb tot gefoltert, macht man zum Denunzianten und jugoslawischen Spion. Tibor Szönyi, der Kaderchef der ungarischen KP, der nach seiner Rückkehr aus der Emigration seinen Namen ungarisiert hatte, muss den Verbindungsmann zwischen Rajk und dem amerikanischen Geheimdienst mimen. Alle sterben am Galgen, acht Tage nach der Gründung der DDR. Ihre Leichen werden in einem Wald bei Budapest verscharrt.

In Berlin wird in der Woche nach der Gründung der DDR die ­sowjetische Militäradministration aufgelöst, und bis Ende des Jahres haben auch all die Kulturoffiziere die Stadt verlassen, denen Langhoff Amt und Stellung verdankt.

bundesarchiv_bild_183-21610-0006_berlin_deutsches_theater_auenansicht
   Deutsches Theater, 1953
   © Bundesarchiv, Bild 183-21610-0006 / Kemlein, Eva / CC-BY-SA

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Im November hat die erste Eigenproduktion des im Mai 1949 formal gegründeten Berliner Ensembles im Deutschen Theater Premiere, Brechts Stück "Puntila und sein Knecht Matti", mit Leonard Steckel in der Titelrolle, der aus Zürich nach Berlin ans Deutsche Theater zu Brecht gekommen ist. Er ist auch häufiger Gast im Langhoff'schen Haus in Weißensee, macht Familienaufnahmen, die im Album seiner Frau Jo Mihaly erhalten sind. Selbstbewusst lächelt Langhoff darauf auf der Gartenmauer vor seinem Haus in die Kamera des alten Freundes, eingerahmt von seiner Frau, den Söhnen und einer gefleckten Jagdhündin namens Diana. Das Theater, das er leitet, ist mit Gründung der DDR zum Staatstheater geworden. Er selbst hat gerade einen der ersten Nationalpreise der DDR erhalten und macht sich Hoffnungen auf das Amt des ersten Kulturministers des jungen Staates. Denn jetzt, wo das neue sozialistische Deutschland aufgebaut wird, reizt es ihn mehr, dieses Land als Politiker mitzugestalten, als nur ein Künstler zu sein.

Auch sieht es so aus, als ob die aufreibenden, aber so erfolgreichen Monate, in denen er dem Berliner Ensemble ein Gastrecht an seinem Theater gewährt hat, ihrem Ende entgegengehen würden. Denn so künstlerisch ertragreich die Zeit auch gewesen sein mochte, organisatorisch war die Beherbergung des BE kaum zu bewältigen. Technik und Verwaltung, die auf die Produktionsverhältnisse und den Betrieb eines Theaters zugeschnitten waren, hatten eine Doppel
be­lastung zu bewältigen. Die Verteilung der Probenzeiten wurde schwieriger, je intensiver Brechts Theater zu produzieren begann. Auch der Platzmangel im überbelegten Theater, wo Brecht zunehmend einen eigenen künstlerischen Stab um sich versammelte, musste bei aller Freundschaft langfristig zu Konflikten führen.

Doch als Nächstes soll nun die neu gegründete Komische Oper das Berliner Ensemble beherbergen. So geht das Jahr 1949 voller Optimismus zu Ende.

Einen Schatten wirft jedoch, dass sich der Zustand von Langhoffs Freund Peter Waterkortte in Düsseldorf radikal verschlechtert hat, der durch die erlittenen Misshandlungen während seiner KZ-Haft nicht nur erblindet, sondern auch insgesamt schwer geschädigt ist und nun in der Düsseldorfer Universitätsklinik um sein Leben kämpft. Mit einem Arm voller gelber Tulpen, die er in diesem entbehrungsreichen Winter irgendwo aufgetrieben hat, eilt auch der Düsseldorfer Generalintendant Gustaf Gründgens an das Krankenbett Waterkorttes – Gründgens, der nie vergessen hat, dass er den deutschen Kommunisten wenn nicht sein Leben, so doch seine Entlassung aus einem sowjetischen Lager und seine Nachkriegskarriere verdankte.

Wolfgang Langhoff ahnt nicht, dass er exakt ins Phantombild jener Kommunisten passt, die zunehmend in den Verdacht geraten, un­sichere Kantonisten an den sich verhärtenden Fronten des Kalten Krieges zu sein. Längst hat auch die SED unter sowjetischem Druck begonnen, Material gegen Westemigranten zu sammeln und nach Budapester Muster Listen von Verdächtigen zusammenzustellen. Doch wie es aussieht, scheint der hoch angesehene Antifaschist Langhoff für die Genossen bei der "Zentralen Parteikontrollkommission der SED" (ZPKK) zunächst frei von jedem Verdacht zu sein, die 1948 mit der Untersuchung unkommunistischer Umtriebe betraut worden ist. "Die Kommission hat keine ­Bedenken gegen L.", heißt es unter dem Protokoll einer Befragung Langhoffs zu seiner Tätigkeit während der Schweizer Emigration, welches das Datum des 8. März 1950 trägt.

Langhoff hatte besonders über seine Kontakte zu Noel Field Auskunft geben müssen, dem während des Budapester Prozesses gegen László Rajk und seine Genossen vorgeworfen worden war, seine Beziehungen zu kommunistischen Emigranten in Frankreich und der Schweiz dazu verwendet zu haben, sie für den US-Geheimdienst anzuwerben. Während des Prozesses längst in den Händen der ­ungarischen Geheimpolizei, hatte Noel Field selbst sich trotz Folter geweigert, im Prozess aufzutreten. Als unsichtbares Phantom wird dieser "erfundene Spion" nun zu einer Schlüsselfigur der Schauprozesse und der Parteisäuberungen in Osteuropa. Er hatte nahezu alle kommunistischen Emigranten in den Internierungslagern oder während ihrer Emigration kennengelernt und unterstützt, die nun in den nach 1945 gegründeten Volksrepubliken hohe Staats- und Parteiämter bekleideten. Und es war ja wirklich so gewesen, dass Field mit dem Geheimdienst der USA und dessen ­Europa-Chef
 Allen Dulles in Kontakt gewesen war – mit Wissen und im Dienst der Kommunistischen Partei. Dies wird nun auf perfide Weise gegen ihn und all jene verwendet, die er unterstützt hatte oder die auch nur lose mit ihm in Kontakt geraten waren.

In der gerade gegründeten DDR gehören die Mitglieder der illegalen Parteileitung in der Schweiz zum Kreis der Hauptverdächtigen. Im April 1950 war der herzkranke Paul Bertz beim Erhalt der Anklagepunkte tot über dem Schreiben der Zentralen Parteikommission zusammengebrochen – jener Mann, den Jo Mihaly auf ihren Geheimfahrten nach Basel regelmäßig getroffen hatte, um ihm die Beschlüsse der von den Schweizer Behörden internierten Parteileitung zu überbringen.

Deren ehemalige Mitglieder wie Bruno Goldhammer sind inzwischen nicht nur ins Fadenkreuz von Parteiinvestigationen geraten, sondern auch selbst von der grassierenden Kriegs- und Agentenhysterie angesteckt und daher fest überzeugt, dass die Partei recht daran tut, diese Dinge aufzuklären. Dass Noel Field, dessen Name nun wie ein Virus jeden zu infizieren scheint, der auch nur die geringste Verbindung zu ihm gehabt hatte, tatsächlich ein amerikanischer Spion gewesen war, dem sie alle in der Emigration, fern von Moskaus leitender Hand, aufgesessen waren und so dem impe­rialistischen Klassenfeind naiv Tür und Tor geöffnet hatten: ein ­Flächenbrand, den es nun unter Aufbietung aller Energien und ­Opfer zu bekämpfen galt.

langhoff_1mai_archivdt
Wolfgang Langhoff (Mitte links) Anfang der 50er Jahre an der Museumsinsel auf einer Mai-Parade
Foto: Kurt Sperling

 

Man kann davon ausgehen, dass auch Wolfgang Langhoff nicht nur voll hinter den Maßnahmen der Partei, sondern auch hinter den Todesurteilen des Budapester Rajk-Prozesses steht. Er, der am eigenen Leibe die Gewalt der Nationalsozialisten erfahren hatte, in der aus seiner kommunistischen Sicht auch die Gewalt des Kapitals zum Ausbruch gekommen war, ist überzeugt, dass Gewalt nur 
mit Gewalt begegnet werden kann. Dass mit der Globalisierung des Konflikts und den Atomwaffen, über die beide Seiten inzwischen verfügen, die Gefahr nun noch ungleich größer ist als vor zwanzig Jahren, als der Faschismus über Europa heraufgezogen war.

Doch wachsen mit dieser Globalisierung auch die ohnehin schon schematischen Feindbilder zu monströsen Fratzen an, werden zu ebenjenen "Dämonen der Unrealität", denen Langhoff nicht erst im Zuge seiner Auseinandersetzungen mit Jürgen Fehling den Kampf angesagt hatte und deren Sog er nun doch nicht widersteht. (...)

 

© 2011, Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln

 

aus:
Esther Slevogt
Den Kommunismus mit der Seele suchen – Wolfgang Langhoff, ein deutsches Künstlerleben im 20. Jahrhundert.
Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2011. 496 S., € 26,99

 

Die Buchvorstellung findet am 1. November 2011 im Deutschen Theater Berlin statt.

 
Kommentar schreiben