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Ein Zombie Judith Butler Deluxe

von Christian Rakow

Berlin, 6. Oktober 2011. Die Tischlämpchen sind an. Man sitzt bei Bier und Wein im Ballhaus Ost. Geraucht werden darf auch. Auf dem Unterhaltungs-Menü dieses Abends stehen Institutet, die diesjährigen Gewinner des Impulse-Festivals der Freien Szene. Sie präsentieren: Varieté für gehobene Hochschulsemester. "Woman" lautet der Titel, durchgestrichen, eine Schreibweise für Leute, die gern sagen: "Ich weiß, es ist alles viel komplexer, aber ich bring's mal trotzdem."

Relax yourself

Wir erblicken: eine Tänzerin mit ernster Miene, drei Steher mit ernsten Texten und eine Schwarzhaarige im schwarzen Ganzkörperpolyester, die als Raubkatze um die Tische herum streunt und hier und da Gästen das Ohrläppchen beschmust. Einer der ernsten Texter salbt unsere Gemüter wie dereinst Klaus Haak in der Bremer Gesundheitswerkstatt: "Relax yourself, feel your body."

Drei Videoschirme in seinem Rücken zeigen uns einen lichten Wald. Darin umschlingen sich zwei Frauen im Schlamm. "I like to see you naked, because I think you are so sexy". Vom Wunsch des Mikrophonorakels hin zur Tat: Bald zucken alle Spieler nackedei zu Ambient-Klängen aus Großonkels Sofa-Lounge. Dazu gibt's den Lackmustest auf unsere Intimitätsabwehrreflexe, wenn die Nackedeis den Gästen auf den Schoß krabbeln.

Gesetze der Gastfreundschaft

Herr Ober, möchte man fragen, was ist das? Ist das die Liebe im Zeitalter ihrer technischen Zerstreuung? – Nein, das ist ein extraharter Diskurs-Cocktail. Ein Zombie "Judith Butler" Deluxe. Judith Butler? Nö. Aber Zombie? Fürwahr! Wenn im Finale die zwei Frauen als Osama bin Laden und notorious Adolf Hitler eine Schmusenummer auf eine olle Couch ölen, haut's einem gar friedhofsmäßig gruselig auf den Kopf. Ein echter Knockout-Punsch.

Impulse-Macher Tom Stromberg geht nach einer guten (oder eben nicht so guten) Stunde. Jedenfalls eine geschlagene Stunde vor diesen geschichtsträchtigen Kollisionen. Wir Bleibenden durchhocken zum Zeitpunkt seines Abschieds gerade ein museales Standbild samt Zimmermädchen, das ein Bademantel-Philosoph mit Überlegungen nach Pierre Klossowski ("Die Gesetze der Gastfreundschaft") zu beleben sucht: "Die Gastfreundschaft ist kein Akzidenz, sondern die Essenz des Gastgebers." Das ist so das Kaliber. Zu Umgangsdeutsch etwa: "Wenn Du jemanden einlädst, dann lass es auch richtig krachen. Und sag nicht nur: Hey, Ciao. Schön, dass Du da warst."

Woman
Eine Produktion von Institutet, Videogruppe und Nightmare Before Valentine in Kooperation mit dem Ballhaus Ost
Von und mit: Anders Carlsson, Andreas Catjar, Wernher Meta, Andriana Seecker, Claire Vivianne Sobottke, Christoph Wirth.
Raum, Ausstattung, Kostüme: Clementine Pohl, Video: Videogruppe, Dramaturgie: Christoph Wirth, Assistenz: Karin Rydberg, Choreographie: Nightmare Before Valentine, Recherche: Ervik Cejvan, Musik, Komposition: Andreas Catjar, Ausstattung: Monique Ulrich, künstlerische Leitung: Anders Carlsson, Produktion: Daniel Schrader / Ballhaus Ost.

www.ballhausost.de

 

Mehr zu Institutet: Conte d'Amour wurde im Juli 2011 beim Festival Impulse ausgezeichnet.

 

Kritikenrundschau

"Ständig muss man fürchten, dass einer der Diskurs-Dompteure einen anfasst und irgendwo hinzieht. Oder dass die nackten Performerinnen – eine ist sogar schwanger – sich einem auf den Schoß setzen", schreibt Patrick Wildermann im Tagesspiegel (8.10.2011). Am Ende, man fasse es kaum, kostümieren sich die Frauen als Hitler und Osama bin Laden und knutschen auf dem Sofa. Fazit: "Man selbst entdeckt kulturkonservative Sehnsüchte. Nach Theatern mit binären Verhältnissen, in denen keine Frühgeburt auf dem Schoß droht."

 
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