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Erziehung im winterlichen Schweden

von Gerd Zahner

Konstanz, 7. Oktober 2011. Und am Ende fällt tatsächlich Schnee aus feinen Papierschnitzeln auf die Bühne, nicht so weiß, wie der Schnee in Schweden und vor allem nicht so kalt. Genau diese Kälte ist es, die Portmanns Arbeit über Mankells Roman "Die rote Antilope" fehlt. Ein Kälte, wie das frühe Eis, durch das man noch hindurchschauen kann auf die fließende Welt, was diese noch dunkler und unendlich geheimnisvoller macht. Mankell hat für seinen Roman "Die rote Antilope" den Insektenforscher Hans Bengler, Kind des 19. Jahrhunderts, wie eine von Nietzsche gezeichnete Figur entworfen. Eine Figur, die an dem Bewusstsein der Gottlosigkeit verzweifelt und daher selbst beschließt, im Schöpferstatus Gottes zu sein.

Dieser Bengler wird Afrika bereisen, um ein noch unentdecktes Insekt zu finden, denn Gott tauft seine Geschöpfe, und wie Sternenstaub am Himmel der Wissenschaft will Bengler ein eigenes Leuchten erzeugen. Der Schein übertrifft die Wirklichkeit und höhlt sie aus. Darin schlafen Ungeheuer, und Portmann erzählt, zu Anfang in einer souveränen Weise, von der Geburt dieser Alpträume.

Ein Käfersammler wird zum Vater

Afrika wird der Beginn einer Zerstörung: Wahnsinnige Europäer, die grenzenlosen Terror ausüben, aus Profitgier und Lust Dörfer auslöschen, die Natur ausbeuten, in letzter Perversion abgeschnittene Menschenohren zu Untertellern verarbeiten. In dieser Welt wird Bengler, der die Flucht als Existenzform begreift, das Suchen und die Rastlosigkeit als Standort, einen schwarzen, verwaisten Jungen adoptieren, um nicht nur Gott der Insekten, sondern auch Vater der Menschen zu werden. Und der Junge, nach Schweden entführt, begreift dort die Umkehrung der Werte seines Vaters: nicht Gott, sondern der Mensch ist tot. Und diese Erkenntnis treibt das Kind mit Heimweh und Kälte ins sinnlose Sterbenmüssen. So, in Kürze, der Roman.

Mankells Erzählweise wird zum Problem für Portmann. Mankell beschreibt eigentlich nicht Personen und formt ihre innere Befindlichkeit, sondern der Leser erfährt über den Charakter und die Absicht der Personen, aus der Art wie diese ihre Umwelt wahrnehmen. Das Sehen der handelnden Personen erzählt von ihren Gedanken, die Fixierung auf immer wiederkehrende Handlungsmuster, von ihren Absichten.

Die Antilope in uns

Alles ist Außen, außer dem Jungen, der den Namen Daniel erhält und im Schwedischen Protestantismus einer Welt ausgeliefert ist, die ihm unwirklicher erscheint, als uns die Wüste. Die Antilope, als das schöne Fluchttier, wird zum Symbol für die Sehnsucht des Jungen heimzukehren.

Portmann macht aus dem Buch drei Stücke. Zuerst, wie unter einer Sonne, die ständig ihre Farbe wechselt, werden aus der Geschichte starke Momente hervorgehoben, überzeichnet und gewinnen so eine eigene Handschrift. Ein magischer Moment ist es, wenn Bengler zum ersten Mal den Jungen entdeckt, in einer Kiste kauernd. Portmann lässt hier von den Schauspielern eine Puppe bewegen, die Puppe hat Kindgröße und für einen Augenblick wirkt es, als sei sie wirklich leidend lebendig. Tod und Leben, Puppe und Mensch changieren. Hier wird das Spiel langsam, dadurch deutlich und berührend.

Europas Schrecken in Afrika

Zuletzt, nach der Pause, versucht die Regie das Buch nur noch mitzuerzählen. Wie eine Inhaltsangabe bei Amazon wirkt es überkorrekt. Allein Susi Wirth und die andern Schauspieler, mögen die Langeweile aufzuhalten, die dadurch entsteht, dass Portmann keine eigenen Bilder einsetzt, sondern linear, entgegen seinem Talent, Mankells Handschrift abzupausen versucht. Der dritte Teil gerät so zu lang, der Rhythmus der Inszenierung bricht auseinander, wird verzerrt, und nur noch gerettet, weil Susi Wirth, Julia Philippi oder Otto Edelmann, die Situation überspielen, in dem Sinne, dass sie aus den Nebenrollen der Inszenierung Halt geben wollen.

Thomas Ecke spielt einen Bengler gegen die Beschreibung von Mankell. Wo Bengler im Roman auf der Flucht ist und im Fragilen und Suchenden eine Art von paradoxer Existenz gewinnt, zeigt Ecke einen verunsicherten und gebrochenen Mann, wo Mankell einen ewig Getriebenen entwirft, ist dieser in der Portmannschen Inszenierung eine verunsicherte und hinterlistige Existenz, was nicht dasselbe ist. Eckes Darstellung ist aber konsequent und daher schlüssig. Theater und Roman finden in einer Stärke wieder zusammen, nämlich, zu beschreiben, wie ein entartendes Europa in Afrika wütet. Die Gewaltideologien des 20. Jahrhundert sind prophezeit. Der Wahnsinn der Weißen. Aus diesem Grunde lässt Portmann nur weiße Schauspieler agieren. Die Warnung bleibt.

Die rote Antilope (UA)
nach Henning Mankell in einer Dramatisierung von Mario Portmann
Regie: Mario Portmann, Ausstattung: Stephan Testi, Musik: Ralf Schurbohm, Puppenbau: Magdalena Roth, Choreographie: Julieta Figueroa, Dramaturgie: Michel Gmaj.
Mit: Julia Philippi, Susi Wirth, Thomas Ecke, Otto Edelmann, Raphael Fülöp und Arne Van Dorsten.

www.theaterkonstanz.de

Mehr zu Mario Portmann: Besprochen wurde sein Schiwago-Projekt, das im Januar 2009 in Konstanz entstand und Faust I, Oktober 2009 in Erlangen. 

Kritikenrundschau

Mario Portmann habe Henning Mankell und seinem Roman keinen Gefallen getan, schreiben Wolfgang Bager und Siegmund Kopitzki im Konstanzer Südkurier (10.10. 2011). "Im grellen Scheinwerferlicht der Bühne kommen eher die Schwächen des Romans als dessen Stärken zum Vorschein." Am Beginn stehe die Analyse, "kühl abstrakt, choreografisch und artifiziell inszeniert". Dann werde die Geschichte konkreter, "dafür aber das Buch viel zu wörtlich nacherzählt." Die Kritiker vermissen bald Striche und Straffungen und finden auch das Kaspar-Hauser-Kernmotiv des Stoffes "zu dick aufgetragen". Zusammengehalten wird der Abend aus ihrer Sicht allein "von einer starken Ensemble-Leistung. Mit viel Körpereinsatz werfen sich die Schauspieler in diesen Text." Überragender Hauptdarsteller aber sei Molo, "perfekt und lebensecht als Puppe gebaut von Magdalena Roth. Fast bildet man sich ein, Ausdruck und Gefühlsregungen erkennen zu können. Wie Kopf und Körper von einander unabhängig werden, wie sein alter ego bei den Schauspielern angelegt ist, das gehört ebenso zu den Stärken dieser dreistündigen Inszenierung wie Stefan Testis kluges Bühnenbild, das die technisierte Kälte der Zivilisation mit schlichten Mitteln erzeugt."

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