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Schicksalsspiel ohne Sieger

von Dieter Stoll

Nürnberg, 9. Oktober 2011. Auf der breiten Bühne der Nürnberger Kammerspiele ist kein Platz mehr für entspannte Bewegungen. Ausstatterin Carolin Mittler hat mit einem schräg gestellten Kletter-Objekt den ganzen Aktionsraum beschlagnahmt. Von oben kommt man nur mit Hilfe von baumelnden Sicherheits-Seilen ins Spiel, die unteren Ausgänge im Hundehütten-Format sind allenfalls kriechend zu nutzen. Schmale Querverstrebungen, auf denen niemand den aufrechten Gang wagen kann, zwingen die Figuren in der Steil- und Breitwand zum ständigen Kampf ums Gleichgewicht.

"Eine Stube" ist das laut Regieanweisung von Karl Schönherr für sein einst so erfolgreiches und dann fast vergessenes Drama "Der Weibsteufel". Geradezu selbstverständlich, dass Regisseurin Schirin Khodadadian bei der todbringenden Dreiecks-Geschichte die Orientierung nicht in der Originalästhetik sucht, sondern bei Martin Kusejs Befreiungsschlag für einen verschütteten Geniestreich aus dem Jahr 2009.

Kusch Weib, wenn Männer reden!

Orientierung, weniger Vorbild – denn in der Nürnberger Produktion wird der Schrecken geradezu unheimlich komisch und am Ende bleibt "das Weib", das zwei Männer bis zum Mord manipulierte, mit einem davon sitzen. Der Traum einer lustigen Witwe vom Häuschen am Marktplatz könnte so in neuen Schockwellen untergehen.

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Das Manndl und sein Weib: Julia Bartolome und Stefan Willi Wang                 © Marion Bührle

Die große Liebe ist nicht gefragt, wenn das schwächelnde "Manndl", den sein Weib "wie ein Kind, das man halt pflegen muss" behandelt, in Konkurrenz zu dem strammen Jäger mit dem begehrlichen Blick gerät. Das Paar lebt vom Schmuggeln, der Ordnungshüter will sich durch Fahndungserfolge seine "Sterndl" verdienen. Als ihn die Frau im ehelichen Auftrag verführt, beginnt die Weltordnung ("Kusch, Weib, wenn Männer reden") zu rutschen. Sobald sie die Initiative ergreift, sind die Machos nur Hampelmänner, denen die Revolution grade noch als Ahnung vom doppelten Boden auffällt. "Deine Reden haben heut alle noch eine Nebentür", sagt der Mann und spreizt sich dabei quasi vor einem Scheunentor.

Zwischen Pflicht und Potenz

Schirin Khodadadian inszeniert nicht den absoluten Nervenkitzel, sie lässt ihre Darsteller buchstäblich im Dreieck springen. Wie sie emotionsgebeutelt in der Wand hängen, in der Umschlingung von Sprache und Bewegung sich Wort für Wort und Schritt für Schritt gegen den Absturz stemmen, pendelt das immer wieder über den Schrecken hinaus in die Komik. Gnadenloses Gelächter wird da als Reflex auf eine verkümmernde Sehnsuchts-Orgie abgerufen, die volkstümlich aromatisierte Kunst-Sprache ist der Treibstoff dafür. Die Verrenkung wird auf allen Ebenen zur Grundsatz-Erklärung.

Julia Bartolome in der Titelrolle spielt das Teufelsweib bravourös als knusprigen vereisten Satansbraten, treibt die Männer mit strategischem Augenkullern und etwas Textilverzicht zur rechten Zeitins Verderben und holt sich ihre Beute als umwegrentable Emanzipations-Rendite. Stefan Willi Wang zappelt ihren chancenlosen Ehemann mit mehr krimineller als erotischer Rest-Energie zum Nervenbündel, der aus Würzburg nach Nürnberg gewechselte Christian Taubenheim taumelt zwischen Pflicht und Potenz, wenn seine Hand am Oberschenkel der Frau landet. Sie ist stark, aber wird sie stark genug sein für das neue Leben danach?

Ausgiebiger Jubel

Die Inszenierung lässt es offen und kann das glaubwürdig tun, weil das perfekte Zusammenspiel der drei Darsteller alle Charakter-Facetten antippt, Stärke und Schwäche dabei jedoch untrennbar verbunden zeigt. Es gibt keine Sieger in diesem Schicksalsspiel, in dem der Drittplatzierte halt zufällig abgestochen wurde. "Ich bin keine Sterberin", sagt das Teufelsweib. Aber sie hat ja auch einem Glatzkopf geraten, sich bloß keine grauen Haare wachsen zu lassen.

Nachdem am Abend zuvor im Schauspielhaus Spartenchef Klaus Kusenberg die Saison mit Ibsens "Peer Gynt", dem ersten seit 50 Jahren in Nürnberg, eröffnete und für seine verblüffend poesiefreie Sketch-Parade an den Fragmenten der legendären Fassung von Peter Stein und Botho Strauß nur höflichen Beifall bekam, bejubelte das Publikum das ganze "Weibsteufel"-Team samt der Schauspieler ausgiebig. Sie haben es verdient.

 

Der Weibsteufel
von Karl Schönherr
Regie: Schirin Khodadadian, Bühne und Kostüme: Carolin Mittler, Musik: Katrin Vellrath, Dramaturgie: Christina Zintl.
Mit: Stefan Willi Wang, Julia Bartolome, Christian Taubenheim.

www.staatstheater-nuernberg.de



Kritikenrundschau

Mit ihrer "katastrophalen Bühne" behindere Carolin Mittler "die Darsteller in fataler Weise", befindet Hans-Peter Klatt in der Nürnberger Zeitung (11.10.2011) und unterstreicht noch einmal die Größe dieses Handicaps: "Sonst wäre aus einer kompakten, direkten und kurzweiligen Inszenierung eine bedeutende Regietat geworden." Deutlich gestärkt empfindet er die Titelfigur des Dramas, der Julia Bartolome einen "unerwarteten sexuellen Dampfdruck" verleihe. Herausragend sei Willi Wang, der seiner Figur des Ehemanns "differenzierte Züge, ja so etwas wie einen Charakter in dieser holzschnittartigen Personenkonstellation" gebe. Dagegen falle Christian Taubenheim als "Macho-Typus", der in "Saft und Kraft stecken" bleibe, ab.

Als sinnbildlich stimmig empfindet dagegen Birgit Ruf in den Nürnberger Nachrichten (11.10.2011) das Bühnenbild von Carolin Mittler, "das mächtig wie eine Felsenwand aufragt": Es sei ein Zeichen für "unsichere Machtverhältnisse, wankende Existenzen". Julia Bartolome gebe "mit Furor das durchtriebene Luder" und auch sonst werden die Schauspielleistungen als durchweg überzeugend geschildert. "Wiederholt sorgt beim Publikum die kuriose Sprache für Heiterkeit in dem eigentlich dramatischen Geschehen auf der Höh'." Fazit: "Ein sehenswerter Theaterabend."

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