altDramatische Orts- und Richtungswechsel

von Ralf-Carl Langhals

Heidelberg, 7. – 10. Oktober 2011. Man soll dem großen Trara keinen Glauben schenken. In Heidelberg allerdings, und das ist neu, wirbt Holger Schultzes Eröffnungswochenende unter dem nun fast wieder reißerischen Titel "Don't believe the Hype" für Zweitaufführungen zu Unrecht vergessener Werke. Heidelbergs neuer Intendant setzt mit seinem leitenden Dramaturgen Jürgen Popig dem Uraufführungswahnsinn und Schnellverwertungsstress des deutschsprachigen Jungautorentheaters etwas Positives entgegen: nämlich die Chance des zweiten Versuchs.

Was man seit Jahren in Podiumsdiskussionen, Verlagsstuben und Dichterwinkeln mit Recht einforderte, in Osnabrück zaghaft auf den Weg brachte, soll nun in Heidelberg Bühnenrealität werden. Und zwar mit dem lokalpatriotischen Zusatz, ausschließlich Stücke von Autoren zu zeigen, die beim Heidelberger Stückemarkt ausgezeichnet wurden. Ein löblicher Einsatz, zumal Heidelberg ein neues Theater baut und derzeit nur über Nebenspielstätten verfügt. Aus der Not macht man eine Tugend und zieht mit Straßenbahn, Schiff und per pedes durch Altstadtgassen, Theaterbaustelle, universitäre Hinterhöfe, Probebühnen und Industriegebiete, dass es jedem nach lebendigen Stadttheater Rufenden eine Freude ist.

Roter Teppich für die Zuschauer

Der Weg ist auch hier das Ziel, und so sorgen Schauspielstudenten der Mannheimer Theaterakademie unter der Leitung von Veit Güssow glänzend dafür, dass einem das bisweilen anstrengende Getrappel nicht langweilig wird. So reihen sich die in Gruppen schwadronierenden Zuschauer auf rotem Teppich in Richtung Stadtteil Bergheim, einem inszenierten Einlass nach Berlins Kultdisco "Berghain" zu. Passiert man die grimmigen Türsteher jauchzt vom Balkon eine Opernchorsängerin "Hyper, Hyper". Kein Schritt ohne Performance um Autorenschnellverwertung: Hinter dem Romanischen Seminar tippen Jungautoren in "Autorenburnout 2011" an Schreibmaschinen, um Texte schnell dem mittigen Feuer anheimzugeben.

woelfl_rettenzerstoeren1_klausfroelich_560_hfTheaterspielen im Straßenbahndepot: "Retten - Zerstören" von Robert Woelfl © Klaus Fröhlich

Autor Robert Woelfl ruht als "Armer Poet 2011" und Tableau vivant in romantischer Spitzweg-Manier in finsteren Probebühnengängen und an einer Neckarschleuse dürfen Autoren im Stile einer Wetten-dass-Außenwette Gummitiere ins trübe Wasser werfen, in der Hoffnung, dass sie eine im Kran thronende Verlagsmitarbeiterin herausfischt…

Drei Tage, acht Stücke, unzählige Performances und Kilometer, bis zu fünf Routen, gut 24 Stunden Theater. Wie nennt man das? Gelungen, pfiffig, lebendig, engagiert, maßgeschneidert – oder vielleicht auch Hype? Der Plan geht insofern auf, als eine ausgelassene Aufbruchsstimmung herrscht, die der zur Heilsbotschaft ausgerufenen Wiederentdeckungsfreude Auftrieb gibt und beklagtem Verlags-, Feuilleton- und Intendanzgebaren eine Nase dreht.

goetsch1_ammen_klausfroelich_560_hfStückemarktsieger 2002 reconsidered: "Ammen" von Daniel Goetsch © Klaus Fröhlich

Schauen wir auf die Stücke selbst, entdecken wir dann doch die eine oder andere Viertelstunde Langeweile. Zum Beispiel in Katharina Schlenders "Wermut" (Regie: Laura Linnenbaum), das einen brutalen kollektiven Mord im Prekariat beschreibt und sich entnervend ausgiebig dem Zerfall einer aufgeklärten Zivilisation widmet. Auch bei Robert Woelfl, dessen "Retten-Zerstören" (Regie: Karoline Behrens) im Straßenbahndepot gespielt wird, könnte man auf die eine oder andere Minute verzichten, auch wenn abgebaute Arbeitnehmer, frustrierte Eltern und undankbare wie lebensmüde Kinder sicher noch nichts an gesellschaftlicher Relevanz eingebüßt haben.

Komische Tragödie ums Gutmenschentum

In "Ammen laufen" die Uhren bereits anders: Im Zwinger, wo Daniel Goetschs 2002er Stückemarktsieger "Ammen" 2003 mit dem Regieholzhammer Jens Schmidls zur Uraufführung kam, hat sich die Gemeinde selbst Gutmenschentum verordnet, um einen Fleck aus der Dorfchronik zu merzen. Einst brannten die Container der "Papierlosen", also Asylanten, weil sie im Vergleich zu den ehemals durch das Dorf ziehende Rocker so "unverschämt ruhig" waren. Der Schweizer Dramatiker Goetsch hat seine "komische Tragödie" mit einer Prise "Besuch der Alten Dame" und einem gehörigen Schuss "Biedermann und die Brandstifter" zu einem Text mit Potenzial zu Bühnenpraxis geformt. Anders als bei der verpatzten Uraufführung setzt Regisseur Paul-Georg Dittrich nicht auf Comedy, was dem Text zwar seine Funktionalität belässt, ihm aber auch das altertümelnd Epigonale nicht nehmen kann.

ostermaier_erreger_klausfroelich_560_hfEkelpaket mit Kapitalismusvirus: "Erreger" von Albert Ostermaier © Klaus Fröhlich

Albert Ostermaiers "Trader" ist ein kaltblütiger Börsianer, dessen Gehirn nur aus Aktienkursen zu bestehen scheint. Dann stürmen drei Männer in Schutzanzügen sein Büro und transportieren ihn ab. "Erreger" heißt Ostermaiers Monolog, der beim Stückemarkt einst ausgezeichnet und später auch als Gastspiel in der Inszenierung von Lars-Ole Walburg mit Thomas Thieme in Heidelberg gezeigt wurde.

Lag Thieme festgeschnallt auf einem Operationstisch, springt in der Inszenierung Andrea Thiesens nun ein quicklebendiger Jonas Gruber als "Trader in Quarantäne" durch einen zum Wartezimmer umfunktionierten Kantinenraum, immer noch sicher, Herr der Lage zu sein. Fasziniert lauschen wir den ideologischen Befindlichkeiten dieses Ekelpakets. Sein egomanischer Kapitalismus-Virus hat sich, Ostermaier wusste es früh, längst zur globalen Pandemie ausgeweitet.

mayenburg_freiesicht_klausfroelich_280_hfHinter der Stellwand: "Freie Sicht" von Marius von Mayenburg © Klaus Fröhlich

Kind plant Attentat!

Positive Aussichten lässt auch der "Schwarm", des von Autor Marius von Mayenburg nicht näher gefassten Personenkreises aus Eltern, Großeltern, Erziehungsberechtigten und besorgten Nachbarn nicht zu. Zehn ist die Kleine und Auslöser erwachsener Spekulationen. Da läuft was, man ist sich sicher. Ihre Puppe habe sie im Sandkasten begraben, einen härteren Ausdruck habe ihr Gesicht angenommen: Das Kind plant ein Attentat! Gründliche Leute aus der Vorstadt sind es in der leicht unbedarften Inszenierung Sahar Aminis, denen es vor dem eigenen Nachwuchs graust: ein stupendes Stück Spekulationsdramatik, dessen Inszenierung durch nerviges Stellwandgeschiebe weit hinter die Qualität der deutschsprachigen Erstaufführung Burkhard C. Kosminskis am Mannheimer Nationaltheater (2009) fällt.

Adäquat rasant

Am dritten Tag geht's auf hohe See, na ja, immerhin auf den Neckardampfer "Europa", wo Gernot Grünewald Rebekka Kricheldorfs "Das Ding aus dem Meer" adäquat rasant in Szene setzt. Carlas Berufung zur Oberärztin soll mondän gefeiert werden, doch kaum sticht das Schiff in See, wird der "Sinnvoll-leben-Domina" (Nicole Averkamp) der feste Boden unter den Füßen entzogen. Der Lebensabschnittsgefährte ist "Tittenmagazinvorsteher" (Stefan Reck) und bald darauf tot.

Verantwortlich ist "das Ding aus dem Meer", jene geheimnisvolle Tier in uns, das man besser nicht sichten sollte, wenn die Wogen hoch schlagen. Für dramaturgisches Gelingen ist freilich Carlas beste Freundin Berenice (herrlich: Christina Rubruck) verantwortlich, deren Erzählton, Namensgebungen und Zynismus dem verfilmenswerten Drama gesellschaftssatirischen Biss geben. Dass es auf Seereisen in unterschiedlichen Buchungsklassen, unterschiedlich viel zu beißen gibt, ist bekannt.

loehle_keinbrot_klausfroelich_560hfReisebericht eine Luxuskreuzfahrers und eines Somalia-Flüchtlings: "Wenn ihr kein Brot habt, dann esst halt Kuchen" © Klaus Fröhlich

 

Über stark divergierende Buchungsmotivationen allerdings informiert uns im Lokal "Horn of Africa" Philipp Löhles für Bochum geschriebenes Kurzdrama "Wenn ihr kein Brot habt, dann esst halt Kuchen". In der schlichten wie gelungenen Inszenierung Kieran Joels überkreuzt Löhle handwerklich höchst geschickt im scheinbaren Dialog zweier Schiffbrüchiger die Reiseberichte eines Luxuskreuzfahrers und eines Somalia-Flüchtlings: bitterböse und schaurig schön.

Überwiegend rund

Wenn man etwas Hype um die Hypevermeidung abzieht, bleibt eine anstrengende, aber überwiegend runde Sache, die Holger Schultze da ins Rollen bringt. Die Vorgabe, ausschließlich Werke von ehemaligen Stückemarktpreisträgern wiederzubeleben, ist dabei ein Willkommenszugeständnis an Heidelberg. Losgelöst von Raum und Zeit lassen sich im Fundus der Literaturarchive sicher noch weitere Neuentdeckungen von vermeintlich Bekanntem machen. Dass Intendanz, Dramaturgie und Ensemble das Potenzial hierfür haben, hat dieser lebendige Auftaktmarathon eindrücklich bewiesen.

 

Don't believe the Hype
Schauspieleröffnung mit Zweitaufführungen
Künstlerische Leitung: Veit Güssow

Retten-Zerstören
von Robert Woelfl
Autorenpreis der deutschsprachigen Theaterverlage beim Heidelberger Stückemarkt 2001
Regie: Karoline Behrens, Bühne: Lena Käuper, Kostüme: Kim Zumstein, Dramaturgie: Sonja Winkel.
Mit: Chris Nonnast, Dietmar Nieder, Dominik Lindhorst, Florian Mania, Karen Dahmen, Katharina Quast, Christina Rubruck, Stefan Reck, Philipp Oehme.

Ammen
von Daniel Goetsch
Autorenpreis des Heidelberger Stückemarktes 2002
Regie: Paul-Georg Dittrich, Bühne und Kostüme: Pia Dederichs, Dramaturgie: Patricia Nickel-Dönicke.
Mit: Benedikt Crisand, Beatrix Doderer, Karolina Horster, Andreas Seifert, Olaf Weißenberg, Chris Nonnast.

Wermut
von Katharina Schlender
Autorenpreis des Heidelberger Stückemarktes 2003
Regie: Laura Linnenbaum, Bühne: Christina Kirk, Kostüme: Eefke Smulder, Sounddesign: Thomas Steinbach, Dramaturgie Angelika Rösser.
Mit: Hans Fleischmann, Katharina Quast, Karen Damen, Clemens Dönicke, Philipp Oehme, Florian Mania.

Erreger
von Albert Ostermaier
Autorenpreis des Heidelberger Stückemarktes 2000
Regie:Andrea Thiesen, Bühne und Kostüme: Hedda Ladwig, Dramaturgie: Sonja Winkel.
Mit: Jonas Gruber.

Freie Sicht
von Marius vom Mayenburg
Autorenpreis des Heidelberger Stückemarktes 1998
Regie: Sahar Amini, Bühne und Kostüme: Anna Schurau, Dramaturgie: Anna-Sophia Güther. Mit: Steffen Gangloff, Beatrix Doderer, Natalie Mukherjee, Sebastian Borucki, Markus Schultz.

Das Ding aus dem Meer
von Rebecka Kricheldorf
Autorenpreis des Heidelberger Stückemarktes und Preis des Heidelberger Publikums 2002 Regie: Gernot Grünewald, Bühne und Kostüme: Davy van Gerven, Dramaturgie: Jürgen Popig, Musiker: Ralph Opferkuch.
Mit: Nicole Averkamp, Dominik Lindhorst, Natalie Mukherjee, Stefan Reck, Christina Rubruck.

Human Being Parzival
von Bernhard Studlar
Autorenpreis des Heidelberger Stückemarkts 2001
Regie: Franziska-Theresa Schütz, Bühne und Kostüme: Gregor Wickert, Musik: Alexandra Holtsch, Dramaturgie: Karoline Felsmann.
Mit: Felix Jeiter, Anfortas Massoud Baygan, David Grimaud, Elisabeth Hütter, Joanna Kapsch, Horia-Dacian Nicoara, Sibel Polat.

Wenn ihr kein Brot habt, dann esst halt Kuchen
von Philipp Löhle
Autorenpreis des Heidelberger Stückemarktes 2008
Regie: Kieran Joel, Bühne: Luise Schlegelmilch, Kostüme: Laura Brouwers, Dramaturgie: Jürgen Popig.
Mit: Dietmar Nieder und Volker Muthmann.

www.theaterheidelberg.de

 

Kritikenrundschau

Bei "Wermut" von Katharina Schlender, hat sich Volker Oesterreich, er berichtet davon in der Rhein-Neckar-Zeitung (10.10.2011) schwarz geärgert. Die "arg reduzierte Sprache" dieses mörderischen Spiels schmecke ihm wie "Knäckebrot ohne Aufstrich". "Viel zu trocken das Ganze, außerdem bewegungsarm in Szene gesetzt". Spaß hat ihm dafür "Ammen" gemacht, in dem sich Daniel Goetsch "in symbolistisch aufgeladener Weise" mit dem "Thema der Fremdenfeindlichkeit in einer spießigen Dorfgemeinschaft" auseinander setzt. Da möge vielleicht manches ein "wenig verklausuliert" sein, aber warum solle das Theater einfache Erklärungsmuster anbieten, "wo doch die Welt um uns herum so kompliziert ist?!" Die sechs SchauspielerInnen ließen spüren, welches Potential im neuen Ensemble stecke.
Auch Jonas Gruber als Börsenbroker in Albert Ostermaiers "Erreger" findet Oesterreich einfach "fantastisch", aber insgesamt wirkten an diesem Wochenende "einfach zu viele Talente" mit, viel zu viel um alle Namen zu nennen. Vom ersten Teil des Spektakels jedenfalls ist Oeterreich begeistert: "so schnell gibt’s so schräge Theatererfahrungen nicht wieder".
So schön wie tiefgründig erscheint dem Reporter am nächsten Tag (11.10.2011) Rebekka Kricheldorfs Stück "Das Ding aus dem Meer". Der Neckar-Dampfer pralle bei den Höhepunkten von Gernot Grünwalds Inszenierung "choreographisch perfekt an die Ufermauer". Die sechs Akteure ließen durch "geschliffen scharfe Dialoge in die Abgründe ihrer Figuren blicken". Nirgendwo anders könne man sich nach der Aufführung mehr Kricheldorfs Stück vorstellen als auf den schwankenden Planken eines Schiffs. Zugespitzt das Spiel der beiden Hauptdarsteller in Philip Löhles dramatischem Quickie "Wenn ihr kein Brot habt, dann esst halt Kuchen". Und ganz besonders haben dem Brichterstatter über alle Tage hinweg die Performances der Mannheimer Schauspielstudenten gefallen, die am dritten Tag ein Gummitier-Wettschwimmen im Neckarkraftwerks-Bassin veranstalteten.

Einen neuen Stil macht Jürgen Berger, der für die Süddeutsche Zeitung (12.10.2011) den Heidelberger Eröffnungsmarathon besucht hat, mit Schulzes Intendanz aus: "Es geht ruhiger zu als in den letzten Jahren." Im Festival der Zweitaufführungen gab es für den Kritiker zahllose erhellende Wiederbegegnungen, etwa mit Albert Ostermaiers "Erreger", in dem ein "Trader zu verstehen gibt, er könne mit seinen Spekulationen ganze Staaten dem Bankrott anheim geben. Wie prophetisch war das vor elf Jahren, und wie aktuell ist das heute!". Einen durch Kieran Joel "passgenau in einem kleinen afrikanischen Restaurant" inszenierten Löhle erlebte er ("Wenn ihr kein Brot habt, dann esst halt Kuchen"). In Robert Woelfl "Retten-Zerstören", frage man sich am Ende, "was Woelfl mit seinen auseinander fließenden Geschichten eigentlich will." Herausragend nimmt sich in Bergers Darstellung Rebecca Kricheldorfs "Das Ding aus dem Meer" aus: Bei Gernot Grünewalds Inszenierung der "Katastrophenparty" zu Schiff war man "tatsächlich mit der 'Europa' auf dem Neckar unterwegs und lauschte Kricheldorfs hinterfotzig witzigen Dialogen einiger Fourtysomethings, die alles haben, nichts genießen und irgendwann vom Meer oder ihrer Paranoia verschlungen werden."

 
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