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Wahrheit, Wirklichkeit, Anekdoten

12. Oktober 2011. Gert Voss' Erinnerungsbuch "'Ich bin kein Papagei'. Gert Voss - Eine Theaterreise" versammelt kleine Erzählungen, die der große Schauspieler Gert Voss seiner Frau, der Dramaturgin Ursula Voss in den Computer diktiert hat. Etwa die, wie er als Schauspielschüler, auf der Party seiner kleinen Schwester, die schönste Frau seines Lebens traf, sich Knall auf Fall verliebte und das gemeinsame Leben begann.

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© Styria Verlag

Die anderen Geschichtchen handeln von den Kinderjahren in Shanghai, wo Gert Voss 1941 als Sohn eines deutschen Kaufmanns geboren wurde, von der ersten Schule des Sehens im Freiluft-Kino auf dem Deck des Schiffes, mit dem die Familie nach Deutschland zurückreiste, vom Traum, selber zum Film zu gehen. Daraus wurde eine ganz große Bühnenkarriere und von ihr handelt diese Theaterreise. Chronologisch aufgereiht die Stationen, von Konstanz und Braunschweig, über Stuttgart, Bochum nach Wien und Berlin, beschreibt Voss Rollen und Rollenauffassungen, die Tabori-Menschen, die großen Shakespeare-Figuren. Dazwischen streut er Überlegungen ein zum Verhältnis von Wirklichkeit und Spiel, Wahrheit und Lüge, von Schauspieler und Figur. Dazu gibt es reichlich Anekdoten – die witzigsten aus Stuttgart –, freundliche, fast ein wenig zu akkurat gesäuberte Skizzen der großen Regie-Männer Zadek, Peymann, Bondy, Stein und Tabori. Die oft existenziellen Auseinandersetzungen mit dem notorischen Vorspieler Claus Peymann – daher der Titel "Ich bin kein Papagei" – werden allenfalls zart angedeutet. Keine Autobiographie, eher eine Anekdotensammlung mit Geistesblitzen. Aber für alle, die diesen wundervollen Schauspieler lieben, der seinerseits immer noch das Theater, auch das der Jungen, liebt und verteidigt, ein rascher, prächtig bebilderter Genuss. (Nikolaus Merck)

 

"Ich bin kein Papagei". Gert Voss – eine Theaterreise
aufgezeichnet von Ursula Voss,
Styria Premium, Wien 2011, 312 Seiten, 24,99 Euro.

 

 

Auf der Höhe der eigenen Aktualität

12. Oktober 2011. In diesem Buch geht es um alles. Außer ums Wetter. Denn das Wetter sei das Einzige, was ihn nicht interessiere: "Es kommt, wie es kommt", sagt Thomas Oberender, der gewesene Schauspielchef der Salzburger Festspiele und kommende Intendant der Berliner

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© Müry Salzmann

Festspiele. Ein halbes Jahr lang hat er sich mit der Feuilleton-Chefin des Standard, Andrea Schurian, getroffen und sich über Gott, die Welt und das Theater befragen lassen. Sie sprechen über Luther-Deutsch und Peter Sloterdijk, den Prenzlauer Berg und seine alte Heimat DDR ("ein Land, das seine Bürger infantilisiert hat"), seine "stille, sehr zurückhaltende Klassenkameradin", die "tatsächlich Unbekannt" hieß, über das Ruhrgebiet und den Zynismus: "Wer zynisch wird, hat aufgegeben." Das hat Oberender nicht. Er sucht, er wühlt in der Geschichte, der eigenen Biographie, der Kunst, immer auf der Suche nach Trost und Zuversicht letztlich. "Sind Sie religiös?", fragt Schurian. Antwort: "Als vernünftiger Mensch muss man sagen: Ja." Er erzählt dann von seinem Sohn und davon, dass die einzige religiöse Erfahrung, die übrig bleibe, wohl die Kunst sei.

Die Kunst. Das Theater. Darauf kommen sie immer wieder zurück. Vieles wird angerissen, oft fehlen die konkreten, genauen Nachfragen. "Regisseure", sagt Oberender einmal, "sind oft nur dumme Jungs im Vergleich zu dem, was große Schauspieler erfassen." Weil sie "näher am Text" und "näher am Publikum" sind. Das hat er in seinem Liebesbrief an die Schauspielerei, dem Essay Leben auf Probe, so in etwa auch schon gesagt. Aber was heißt das genau? Es gibt keine Antwort darauf. Muss es vielleicht auch nicht. Nicht in einem Buch, das nicht mehr als eine sehr schön gelassene und zugleich ernsthafte salonphilosophische Plauderei sein will. Viele Gedanken werden angefangen, und viele verlieren sich wieder. Wie es eben ist, beim Räsonieren im Caféhaus. Und doch sind diese Unterhaltungen immer darum bemüht, sich einen Raum zu schaffen, um "auf die Höhe der eigenen Aktualität zu gelangen" (Sloterdijk). Um sich selbst, Gott, die Welt und das Theater verstehen zu lernen. (Dirk Pilz)

 

Thomas Oberender / Andrea Schurian
Das schöne Fräulein Unbekannt. Gespräche über Theater, Kunst und Lebenszeit
Müry Salzmann Verlag, Salzburg 2011, 216 Seiten, 19,50 Euro

 

 

Arbeiten, nicht herrschen

12. Oktober 2011. Es war im Jahre 1968. Im Herbst, drei Tage nach Ende der Frankfurter Buchmesse. Es geschah im Suhrkamp Verlag. Die Lektoren probten den Aufstand. Sie forderten mehr Demokratisierung, mehr Mitbestimmung. Sie griffen damit den Chef an, Siegfried Unseld – das müssen harte, schlimme Kämpfe gewesen sein damals. Letztes Jahr erschien bei Suhrkamp als Teil der "Chronik 1970" auch die "Chronik eines Konflikts". Unseld hat hier seine Sicht des Geschehens festgehalten; für ihn lief es auf eine böse Palastrevolte hinaus.

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© Verlag der Autoren

Jetzt gibt es als Antwort die "Chronik der Lektoren", Briefe und Manuskripte von Walter Boehlich, Karlheinz Braun, Klaus Reichert, Peter Urban und Urs Widmer, erschienen natürlich im Verlag der Autoren. Es ist jener Verlag, den die ehemaligen Suhrkamp-Lektoren 1969 nach ihrer Vorstellung von Mitbestimmung gegründet haben, auf "genossenschaftlicher Basis". Das nun erschienene Buch, die "Chronik der Lektoren", ist auch eine Verlagsgeschichte. Vor allem aber ist es ein Dokument im Kampf um den "Traum vom herrschaftsfreien Arbeiten".

"Die Lectoren, alle,", schrieb der Chef-Lektor Walter Boehlich am 8. Dezember 1968 an Ingeborg Bachmann, "hatten Gründe, eine effektive Demokratisierung der Entscheidungen auf der Grundlage von rationaler Diskussion unter Heranziehung unwiederlegbarer Unterlagen zu fordern." Dem wollte Unseld nicht zustimmen, also traten vier Lektoren ab. Die Gründe für ihren Abschied von Suhrkamp und die Erfindung des Verlags der Autoren sind in diesem Buch nachzulesen. Es ist eine exemplarische (und übrigens auch sehr spannende) Auseinandersetzung, eine Revolte, die keineswegs nur Verlagsgeschichte geschrieben hat, sondern die Frage nach herrschaftsfreier Arbeit stellt: Geht das? Gibt es das? Wir wissen es bis heute nicht. (Dirk Pilz)

 

Chronik der Lektoren
Von Suhrkamp zum Verlag der Autoren

von Walter Boehlich, Karlheinz Braun, Klaus Reichert, Peter Urban, Urs Widmer
Verlag der Autoren, Frankfurt 2011, 216 Seiten, 18 Euro

 

Mehr zu Büchern aus dem Theaterbereich? Unser Buch des Monats September finden Sie hier.

 

 
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