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Singen und springen durch das zerbröselnde Dänemark

von Matthias Schmidt

Dessau, 14. Oktober 2011. Die gute Nachricht: In diesem "Hamlet" wird so ziemlich alles geboten, wofür man das Theater lieben kann: Leidenschaft und Leichtigkeit, Ernst und Ironie, wunderbare Livemusik und packende Kampfszenen, texttreuer Shakespeare (in der lebhaften Übersetzung von Angela Schanelec und Jürgen Gosch) und humorvolle Ausbrüche daraus.

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Nicht faul im Staate Dänemark
© Claudia Heysel

Zunächst ist es also eine Freude, diesem Ensemble zuzuschauen. Das nämlich hat wirklich Lust drauf, "Hamlet" zu spielen, und weil wir dieses Stück so gut wie keines sonst kennen, auch mit dem "Hamlet" zu spielen. Regisseur Niklas Ritter lässt seiner Liebe zu assoziativen Ausbrüchen freien Lauf, und so sehen wir Stummfilmszenen zu Klaviermusik von Jan Kersjes (als komische Doppelfigur Rosencrantz-Guildenstern ein echtes Highlight des Abends), erleben einen Gesangswettstreit am Königshof, den Horatio mit einem "O sole mio" gewinnt und vieles mehr.

Abgezocktes Girlie trifft scheiternden Hoffnungsträger

Ritter und sein Bühnenbildner Bernd Schneider schaffen es zudem, man mag das banal finden, die große Dessauer Bühne mit ihrer geradezu riesigen Bühnenöffnung auszufüllen. Bis weit auf die Hinterbühne wird gespielt, wobei die Schauspieler in raffiniert angelegten Gräben wahlweise verschwinden oder auftauchen oder aus diesen per Trampolin zurück nach oben katapultiert werden.

Sie springen und singen durch das zerbröselnde Dänemark, dass es nur so eine Art hat. Julian Mehne ist ein Hamlet, der genau weiß, dass er eine tragische Figur ist. Exakt spielt er auf diesem Grat, zwischen die Zeiten geworfen, und großartig inszeniert er sich als scheiternder Hoffnungsträger. Ebenso Katja Sieder als Ophelia: Sie ist mehr abgezocktes Girlie als Unschuld vom Lande. Ihr Kreischen ist vor allem Mittel zum Zweck, was ihren Selbstmord überraschender wirken lässt, als es das Stück vorgibt. Es ist der ganz normale Wahnsinn, den sie spielen, weil sie wissen, dass sie seltsame Gestalten in seltsam klischeehaften Konflikten spielen.

Pathos, Patina, Pause

Im Totenlied auf Ophelia, Brechts "Vom ertrunkenen Mädchen", erreicht der Abend seinen poetischsten Moment. Mit Didgeridoo und Klavier und seinem Gesang gibt Jans Kersjes dieser Inszenierung hier etwas, was ihr Charakter und ihre Qualität hätte sein können. Allein, Momente wie dieser sind zu kurz, ihr Umfeld ist zu unstet. Vor allem, weil immer wieder auch lang und breit "Shakespeare pur" gespielt wird, mit all dem schweren Pathos und der Patina, die kurz zuvor noch so spielerisch vergessen gemacht wurde.

Und so ist die gute Nachricht schließlich eine schlechte: Denn die Stilmittel der Inszenierung finden in den knapp zwei Stunden bis zur Pause nicht recht zueinander. Die Ansprechhaltungen wechseln atemberaubend oft. Man fühlt sich gelegentlich, als wäre man beim Zappen erwischt worden: Ophelia beim Lapdance für Hamlet. Comedy mit Hamlet Junior und Senior ("Du rauchst?"– "Jetzt kann ich's dir ja sagen!"). Comic-Sprechblasentexte à la "Platsch" neben "Sein oder Nichtsein"– RTL2 trifft arte.

Und dann sind plötzlich alle tot

Nach einer der stärksten Szenen des Abend, dem Totenlied auf Ophelia, ist Pause. In der knappen halben Stunde, die ihr dann noch folgt, trägt Niklas Ritter seine Inszenierung förmlich zu Grabe. Plötzlich wird gespielt, als wolle man diesen "Hamlet" auch als Weihnachtsmärchen für die Kindergärten der Region einsetzen. Die Leichenwäsche in anhaltischer Mundart sorgt für Privatradio-Heiterkeit mit einem Schuß Ödipuskomplex, denn Totengräber 2 (Sohn, leicht debil) bittet Nummer 1 (Mutter) darum, dass er auch mal "die Mitte" machen darf. "Wenn ich tot bin, darfst du meine Mitte machen", antwortet die Mutter. Das will er nicht, was haben wir gelacht!

Darauf fährt ein sächselnder Priester mit der toten Ophelia hinab ins Erdreich, und fortan wird gefochten, was das Zeug hält. Lange Kampfszenen, garniert mit weiterem Klamauk, und dann sind plötzlich alle tot. Das Ende – ein weiterer Lacher: Fortinbras entsteigt einer von Anfang an am Bühnenrand stehenden Rüstung. Ha, von wegen Schweigen!

Mal ganz im Ernst, was sollte diese wirre halbe Stunde? Die Pause legitimieren, die nicht ganz billigen, lauwarmen Schnitzel im SB-Restaurant?

 

Hamlet
von William Shakespeare
Deutsch Angela Schanelec und Jürgen Gosch
Regie: Niklas Ritter, Bühne: Bernd Schneider, Kostüme: Ines Burisch, Kampfszenen: Klaus Figge, Musik: Til Ritter und Jan Kersjes, Video: Niklas Ritter, Dramaturgie: Holger Kuhla.
Mit: Julian Mehne, Katja Sieder, Uwe Fischer, Stephan Korves, Thorsten Köhler, Anne Lebinsky, Sebastian Müller-Stahl, Jan Kersjes, Hans-Jürgen Müller-Hohensee, Karin Klose.

www.anhaltisches-theater.de

 

Mehr zu Niklas Ritter? Der 1972 in Berlin geborene Regisseur arbeitet auch als Videokünstler u.a. für Sebastian Baumgarten und Armin Petras - für dessen Desdener Kleist-Inszenierung "Erbeben in Chili" zum Beispiel. Noch mehr zu Ritter im Lexikon.

Kritikenrundschau

Thomas Altmann fabuliert in der Mitteldeutschen Zeitung (18.10.2011): "Hamlet", ein Trauerspiel. "Kein Trauerspiel? Kein Pathosnebel, Gräberdunst, kein Schleifen der Seele? Dafür röchelt die Ironie, taumelt irr die Heiterkeit, als sei das stammelnde Schicksal zerbröselt und hastend entschwunden." Auch die Monologe seien "zerrissen", nicht einer werde "durchgängig zelebriert". "Unverschämt beinah, wie viele Elemente des Lustspiels in dieser Tragödie agieren." Im ersten Teil trügen "die starken Bilder, die grotesken Gleichnisse, die murmelnden Metaphern" diese Inszenierung, bis sie sich in der Totengräberszene zu "einer Karikatur und im flott gefochtenen Finale zu einem aufgefrischten Schlachtenschinken" wölbe. Ach, klagt Altmann, "hätte alles vor der späten Pause einfach aufgehört, mit Bertold (sic!) Brechts Versen 'Vom ertrunkenen Mädchen' als Leichenlied auf Ophelia". Konsequent "irr und getrieben" gelinge Ritter bis zur Pause eine "Gratwanderung zwischen Nähe und Distanz". Danach, plötzlich und unerwartet, wie nebenbei, rausche "auch die Inszenierung in die Grube". – "Schön gefochten, mies verreckt".

 
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