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Das Grinsen der Business-Männer

von Guido Rademachers

Bonn, 14. Oktober 2011. In der Regel drei bis sieben Wörter pro Satz und etwa 20 Sätze pro Szene. Das ist selbst für die nicht gerade als ausufernd-formulierfreudig geltende neue britische Dramatik bemerkenswert wenig. Noch bemerkenswerter ist allerdings die Fülle derartiger Kurzszenen, die der 1980 geborene Autor Mike Bartlett für sein fünftes und bislang vorletztes Theaterstück anhäuft. Selbst Johannes Leppers um verzögerungsfreie Textabwicklung bemühte deutschsprachige Erstaufführung am Theater Bonn benötigt immer noch drei Stunden.

"Erdbeben in London" kombiniert Shortcuts einer Universal- und Familientragödie. Die Apokalypse ist nah. Alles hängt mit allem zu aller Schaden zusammen. Korrupte Politiker und Wissenschaftler beschwören globale Umweltkatastrophen herauf. Robert zum Beispiel ist in den 60er Jahren sympathischer Cambridge-Absolvent mit Doktorarbeit über athmosphärische Bedingungen auf anderen Planeten. Dann lässt er sich von der Flugzeugindustrie kaufen und manipuliert Umweltgutachten. Das macht aus ihn einen Zyniker und in der Folge Weltuntergangs-Propheten. Und keinen guten Vater.

Drei Schwestern wollen weg

Drei Kinder hat er, alles Mädchen, und diese drei Schwestern wollen zwar nicht nach Moskau, aber doch alle weg: wahlweise ins Ministerium oder die Chefetage einer Firma (die privat unausgelastete Karrierefrau), hochschwanger zur Waterloo Bridge, um sich in die Themse zu stürzen (die Hausfrau) oder in einen Stripclub (das Nesthäkchen als Bürgerschreck).

Klar, dass Bartletts Miniatur-Szenen nicht ohne Klischees auskommen. Aber das liefert die Grundlage für eine grelle Nummernrevue. Es tritt zwar nicht die bärtge Jungfrau auf, dafür aber Frau Ministerin, und mit dabei hat sie den unter ihrem Pantoffel stehenden Depp. "It's Weimar time, it's Cabaret across the world."

Spätversuche über das epische Theater

Genau dieser Satz ist in der Bonner Aufführung gestrichen. Die Londoner Uraufführung am National Theatre vor einem Jahr zeigte bunte Bilder. Die Kammerspiele in Bonn sind öd und leer. Schreibtisch und Sofa verlieren sich in schwarzer Bühnenweite. Hinter einem Baugerüst sind an Rückseite und Seitenwänden bis in den Zuschauerraum ragende Leinwände aufgespannt. Darauf fliegen Flugzeuge, wenn von Emissionswerten die Rede ist. Stürme biegen Bäume, wenn der Vater in Schottland besucht wird. Wüstenlandschaften ziehen vorbei, wenn Klimawandel Thema ist.

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Die Schauspieler treten unmittelbar an die Rampe, blicken ins Publikum, kriegen das Grinsen nicht abgestellt wie Hendrik Richter als Business-Mann oder nesteln an ihrer Einkaufstüte herum wie Bernd Braun als Totalversager Colin. Entertainer auf dem Präsentierteller sind es nicht. Das Ausgestellte gleicht eher schon Spätversuchen über das Epische Theater.

Böse endende Sterntalergeschichte

Birte Schrein als Freya spielt anders. Etwas unbeholfen trappst sie mit dickem Babybauch unter Wassermassen einher, die aus dem Bühnenhimmel auf sie regnen. Ihr Blick ist neugierig, offen für das Glück, und etwas zu offensiv, um die dahinter lauernde Hysterie nicht ahnen zu lassen. Nach einem Zusammenbruch entlädt sich alles in einem Weinkrampf. Die letzte Etappe zur Selbstmörderbrücke absolviert Schrein dann abgeklärt, nur noch staunend über das Unglück um sie herum.

Anstelle eines Tanzes über dem Abgrund, eines grellen Panoptikums des Turbokapitalismus, isoliert Lepper eine Figur und erzählt eine böse endende Sterntalergeschichte: Es war einmal ein armes Mädchen, das irrte durch eine verwüstete Landschaft mit elenden Charaktermasken... Der Dauerton eines Ungeborenen-Herzschlags begleitet sie, und gelegentlich soßt exklusiver Indie-Schmalz der "Einstürzenden Neubauten" das Geschehen ein. Das Erdbeben im Titel spiegelt sich nur noch im Bandnamen wider. Das ist schon etwas wenig, ganze drei Stunden trägt dieses Konzept so trotz der großartigen Birte Schrein nicht.


Erdbeben in London (DSE)
von Mike Bartlett
Deutsch von Lorenz Langenegger
Regie: Johannes Lepper, Bühne: Martin Kukulies, Kostüme: Beatrix von Pilgrim,Video: Matthias Neuenhofer, Jan Wagner, Dramaturgie: Stephanie Gräve, Ingo Piess, Licht: Sirko Lamprecht.
Mit: Maria Munkert, Tatjana Pasztor, Birte Schrein, Sabine Wegmann, Günter Alt, Oliver Chomik, Konstantin Lindhorst, Bernd Braun, Hendrik Richter, Wolfgang Rüter, Christian Schulz.

www.theater-bonn.de

 

Kritikenrundschau

Mike Bartlett habe sich mit seinem Stück ein bisschen viel vorgenommen, meint Ulrich Bumann im Bonner General-Anzeiger (17.10.2011), es mische "ein heftiges Familiendrama sozusagen mit den letzten Tagen der Menschheit". Doch sei die Vorlage, "auch wenn sie schrecklich viel Neues nicht zu sagen hat, rockig und flippig, bunt und böse, wild und wütend, munter und maßlos, sie schreit geradezu nach Kabarett und Revue – in Bonn verhallen solche Schreie ungehört." Die Inszenierung von Johannes Lepper nehme "nie richtig Fahrt auf", sie sei vielmehr "ein düsteres, zähes Gedankenspiel – ein Lehrstück darüber, was 'German Angst' auf der Bühne so alles anrichten kann." Pointen würden verschenkt, "und wo man sich ironischen Schlagabtausch vorstellen könnte, bevorzugt die Inszenierung eine Überhöhung ins Absurde. Da haben es die Schauspieler herzlich schwer."

Regisseur Johannes Lepper haue dem Publikum nicht nur eine Menge Handlungsstränge um die Ohren, sondern auch "dauerflackernde Videos und wummernde Klangsphären", schreibt Stefan Keim in der Frankfurter Rundschau (18.10.2011). Auf der weitgehend leeren Bühne müssten die Schauspieler ohne Hilfsmittel agieren - was dem "ausgezeichneten Bonner Ensemble" sehr gut gelänge. Keim zeigt sich außerden angetan von den "grotesk-surrealen" Bildern, die Johannes Lepper aus dem "ebenso unterhaltenden wie interessanten" Stück destilliere – und klagt zum Schluss, auf die ungewisse Zukunft des Bonner Theaters verweisend: "Ein Untergangsstück passt perfekt in den Spielplan des Theaters Bonn".

 
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