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Unter Dumpfbacken und Traumschiffern

von Regine Müller

Düsseldorf, 21. Oktober 2011. Staffan Valdemar Holm, der neue Intendant des Düsseldorfer Schauspielhauses muss sich mit einem verschleppten Start arrangieren. Eigentlich hätte seine eigene Inszenierung von Shakespeares "Hamlet" die Saison und damit seine Ära einläuten sollen. Doch die Sanierungsarbeiten im Großen Haus am Gustaf-Gründgens-Platz haben sich verzögert, so dass die für den 14. Oktober geplante Wiedereröffnung in den November verschoben werden musste. Hoffentlich kein Vorzeichen für den ersehnten Neuanfang. Und nun wirft auch noch die zweite Neuproduktion für das Kleine Haus ernsthafte Zweifel über den künstlerischen Kurs des gebürtigen Schweden auf. Holm ist in der deutschsprachigen Theaterlandschaft ein relativ unbeschriebenes Blatt und hat angekündigt, sein Haus internationalen Impulsen zu öffnen, um ästhetisch nicht im eigenen Saft zu schmoren.

Ein ehrenwerter Beruf

Was das im schlimmsten Fall bedeuten kann, war nun mit Marie-Louise Bischofbergers Inszenierung der Tragikomödie "Illusion" nach Pierre Corneilles "L’Illusion comique" zu durchleiden. Corneilles artifizielles Barocktheater-Stück erzählt die Geschichte des tyrannischen Vaters Pridamant, der seinen Sohn Clindor vergrault hat und die Dienste des Zauberers Alcandre in Anspruch nimmt, um zu erfahren, was aus dem verlorenen Sprößling geworden ist. Der medial begabte Magier lässt den Vater an den Geschicken des Sohns wie an einer Filmvorführung teilhaben: Clindor sollte für einen albernen Hauptmann um Isabelle werben, in die er sich aber selbst verliebt. Nach allerlei Ränkespiel und einem Gefängnisaufenthalt Clindors fliehen die Liebenden. Damit endet der erste Teil.

Nach der Pause zeigt der Magier dem Vater das Paar in einer scheinbar völlig veränderten Situation, denn Clindor ist auf wundersame Weise gesellschaftlich aufgestiegen, die Liebenden haben sich derweil entfremdet, eine neue Frau kommt ins Spiel, aber Rache naht durch den Gehilfen des Gehörnten. Der meuchelt den Sohn und Isabelle trifft der Schlag. Scheinbar. Denn der zweite Teil, so klärt der Magier den betroffenen Vater auf, war nur Spiel! Sohnemann, Isabelle und die ganze Mischpoke sind inzwischen Schauspieler geworden, das Eifersuchtsdrama war nichts als ein Theaterspiel. Der Vater ist entsetzt: Der Sohn ein Schauspieler! Doch der Magier klärt ihn auf, dass das inzwischen ein ehrenwerter und zudem lukrativer Beruf sei.

Dürftig am Text entlang

Theater auf dem Theater also. Und ein Text, der zwar gelegentlich spröde stelzt, aber durchaus funkelnde Bonmots und erstaunlich nüchterne Betrachtungen über Liebe und Leben bereithält. Das hätte eine pralle Sache werden können mit allerhand Theaterzauber und doppelten Böden. Aber die Regisseurin, die bislang vor allem in Frankreich arbeitete, stellt derart stocksteife Boulevard-Plattitüden auf die Bühne, dass man sich anfangs noch fragt, wann der Ballon platzt und jemand April, April! ruft. Aber es bleibt bei unbeholfenem Rampen-Spiel, outrierten Gesten und plärrigem Aufsagen.

Rainer Galke muss mit Tropenhelm und klirrenden Orden den Hauptmann als alberne Dumpfbacke geben, Betty Freudenberg flattert haltlos als Isabelle im weißen Kleidchen mit artigem Hut umher, Roland schäfer als ihr Vater trägt Clubsakko und wirkt wie ein Gast von der Traumschiff-Besatzung, Pierre Siegenthaler als verlassener Vater von Clindor trägt einen Kommissar-Trenchcoat nebst Baskenmütze und greint recht halbherzig. Einzig Florian Jahr als Clindor gelingt es, eine gewisse Präsenz zu entwickeln. So schleppt sich der Plot brav am Text entlang in unsäglich dürftigen Bildern dahin. Erst ist man ratlos, später ist es nur noch peinlich. Bleibt nur zu hoffen, dass das ein Ausrutscher war.

 

Illusion
von Pierre Corneille
Regie: Marie-Louise Bischofberger, Bühne: Arthur Aillaud, Kostüme: Bernd Skozig, Licht: Michael Bauer, Dramaturgie: Stefan Schmidtke.
Mit: Willem Menne, Pierre Siegenthaler, Gregor Löbel, Rainer Galke, Florian Jahr, Christian Ehrich, Roland Schäfer, Betty Freudenberg, Patrizia Wapinska, Luis Albers, Stefanie Rösner.

www.duesseldorfer-schauspielhaus.de


Kritikenrundschau
 

Die in Frankreich hoch ausgezeichnete Regisseurin Marie-Louise Bischofberger habe sich dem Barock-Sujet kaum gewachsen gezeigt, schreibt Max Kirschner auf der Internetseite der Westdeutschen Zeitung (23.10.2011). "Weder raffiniertes Traumspiel in einer düsteren Grotte, noch deftig turbulentes Barocktheater – weder hintergründige Komik noch magische Illusionen gelingen ihr." Stattdessen treffe man überzeichnete Figuren, sogar Knallchargen, die brav ihren Text aufsagen, aber bestenfalls fürs Boulevard taugen. Fazit: "Man amüsiert sich, halt unter Niveau". Was Max Kirschner schade findet, denn: "In dem so selten gespielten Opus steckt alles für einen heiter pointierten Abend über Väter und Söhne."

Nach den Drei-Stunden-Abend bleibe man ratlos, so Annette Bosetti auf RP Online, der Internetseite der Rheinischen Post (24.10.2011): "Kann das pralle Stück Barocktheater so banal abgebildet werden, wie es in dieser Bearbeitung letztendlich erscheint?" Trotz exzentrischen, diabolischen, theatralischen, komödiantisch-überspitzten Spiels scheitere die Inszenierung an dem so kunstvoll wie vertrackt konstruierten Stück. "Zu lang ist diese Inszenierung und langweilig auch, dabei zu kurz gedacht, stilistisch uneindeutig, veralbernd."


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