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Die Synthetik-Sphinx tanzt keinen Walzer

von Martin Pesl

Wien, 27. Februar 2011. Uraufführungen bringen einem Theater Prestige. Das in der Josefstadt hat aber ein Publikum, das lieber Klassiker mag. Einmal mehr hat das Haus unter Direktor Herbert Föttinger ein kompliziertes Manöver unternommen, um beides gleichzeitig zu haben: zu tanzen auf einem Vulkan, von dem alle wissen, dass er längst erloschen ist. Der altgediente Regisseur Günter Krämer bringt den neuesten Text seiner langjährigen künstlerischen Begleiterin Friederike Roth auf die Bühne: "Lebenstanz. Die Eifersucht der Pharaonen". Vor der Pause ergänzt er ihr Stück mit Szenen aus Strindbergs "Dödsdansen" (bekannt als "Totentanz", hier mit "Todestanz" übersetzt).

Zum Thema Prestige irritiert vorab die stolze Hervorhebung im Programmheft (Dramaturgie: Herbert Schäfer), Friederike Roth habe seit 1993 nichts mehr geschrieben. Krämers Überredungskunst soll die Autorin wieder an den Schreibtisch gebracht haben. Aber warum diese halb versteckte Uraufführung? Hat er ihr nicht vertraut? Oder wollte er sich gar mit ihrer Hilfe ein bisschen austoben?

Worum es geht

Der Reihe nach: Im "Todestanz", konkret in den hier ausgewählten Szenen, geht es um ein seit 25 Jahren verheiratetes Paar, Edgar (Michael Abendroth) und Alice (Sandra Cervik), das sich, auf einer Insel isoliert, mit Sticheleien und Hassliebe am Leben hält. Der alte Freund Kurt (Joachim Nimtz) kehrt aus Amerika zurück und heizt die emotionale Hölle wohlmeinend noch mehr auf. 

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v. l. n. r.: Joachim Nimtz, Sandra Cervik, Michael Abendroth   © Astrid Knie

Und wovon handelt "Lebenstanz"? Schwer zu sagen, denn der Text der Lyrikerin Roth umgibt sich mit einem Schleier des Surreal-Rätselhaften, das hier eine überlebensgroße Synthetik-Sphinx mitten auf der Bühne symbolisiert. Der Text selbst ist jedoch seinem Untertitel zum Trotz mitnichten mumifiziert, sondern reflektiert bitter resignativ über das Altern und die garantiert tödlichen Folgen. Ein eher undramatisches Drama, oft trivial, insgesamt aber mit Sinn für die richtigen Worte, die Roth vor allem einer Frau und einem alten Mann (auch Cervik und Abendroth) in den Mund legt.

Säure und Base

So ein Text schreit nicht nach der Bühne, kann dort aber hin, wenn er entsprechend klug bebildert wird und im Walzer mit der Regie abstrakte Gedanken- oder Gefühlswelten aufmacht. Krämer und sein Team dagegen walzen zwar punktuell jeden einzelnen Witz aus, das Große und Ganze scheinen sie aber geradezu systematisch abzulehnen. So wie das weiße Ikeasofa nicht zu der Unheil verheißend daneben hockenden Anubis-Maske und dem riesigen Francis-Bacon-Gemälde im Hintergrund passen will, so neutralisieren Todes- und Lebenstanz einander wie Säure und Base, die hastig zusammengeschüttet wurden. Damit dazu gar nicht erst ein böser Verdacht aufkommt, lesen wir bei Dramaturg Schäfer im Programm: "Eine saubere Trennung der beiden Stücke wurde absichtlich vermieden."

Da wird es sich doch nicht jemand leicht gemacht haben? Indem Krämer zwei Stücke hernimmt und ungekennzeichnet verschränkt, meint er sich der Pflicht enthoben, eines davon konsequent durchzuinszenieren. Besonders im zweiten Teil scheint die Regie sich darüber ins Fäustchen zu lachen und öffnet optisch wie akustisch der Narretei Tür und Tor: Ein kakophoner Chor verströmt enervierend gute Laune, während Sandra Cervik Lady-Gaga-like ein bisschen ausflippt. Am Ende bricht zu "Hollywood Hills" von Sunrise Avenue abrupt allgemeine Ekstase aus. Auf den Text hört da schon keiner mehr.

Eine Niederlage der Dramaturgenzunft

Das Ensemble freilich kämpft gestenreich darum, dem bei derlei Verschränkungsexperimenten ohnehin skeptischen bis gequälten Josefstädter Publikum jedes einzelne Wort nahezubringen. Wenn der alte Mann seine Wehwehchen beklagt, deutet Abendroth dabei auf alle von ihm aufgezählten Körperteile – und erntet Anerkennung von Mitleidenden im Saale. Cervik changiert durchaus engagiert zwischen mädchenhaft, sexy und der für sie zu alten Alten, die auf ihr Leben und ihre Bühnenkarriere zurückblickt. Beide sind keine Schauspieler der großen Emotionen, es wirkt, als glaubten sie sich diese selbst nicht. Ironische Verachtung liegt ihnen mehr als Liebe und Schmerz.

Großer Verlierer ist aber der oben genannte Herbert Schäfer, der Dramaturg (und auch Bühnenbildner). Er hat erlaubt, dass seine Zunft übel ausgetrickst und umgangen wurde, hat im Roth-Text Metasätze wie "Ich habe das Stück nicht verstanden" und "Mach daraus jetzt keine abgestandene Strindberg'sche Ehekrachnummer" durchgehen lassen, die alles an diesem Abend sowieso relativieren und rechtfertigen. Er hat mit angesehen, wie sich Todes- und Lebenstanz gemeinsam zum peinlichen Leblosigkeitstanz verstolpern.

 

Todestanz
von August Strindberg
Lebenstanz. Die Eifersucht der Pharaonen
von Friederike Roth
Uraufführung
Regie: Günter Krämer, Bühne und Dramaturgie: Herbert Schäfer, Kostüme: Falk Bauer, Chor-Einstudierung: Uwe Hergenröder, Licht: Emmerich Steigberger
Mit: Michael Abendroth, Sandra Cervik, Joachim Nitz, sowie Alexej Kuzyakin, Manuel Bräuer, Christoph Graf, Katharina-Sara Huhn, Louise Knof, Teresa Kuna, Camilla Schwab, Rafael Wieser, Thomas Zimmer.

www.josefstadt.org

 

Hier geht es zu den letzten Nachtkritiken aus dem Theater in der Josefstadt: Joe di Pietros Ralph und Carol mit Otto Schenk und Igor Bauersimas Kap Hoorn.

 

Kritikenrundschau

Von einem "verschwurbelten Drama", ja, einer misslungenen Melange spricht Norbert Mayer in der Wiener Tageszeitung Die Presse (29.10.2011). Die "lyrischen Ergüsse", die Friedrike Roth den ekelhafen Dialogen August Strindbergs entgegenzusetzen versuche, seinen zwar "apart zu lesen". Aber den Vergleich mit dem "depressiven Schweden" halten sie aus Mayers Sicht nicht stand. Besonders das Gesamtsetting (Sofa vor Anubiskopf) wirft für den Kritiker Fragen auf: "Was will uns die Regie damit sagen? Kann Strindbergs Wahn durch orientalische Tänze geheilt werden?" Günter Krämer führe mit Krampf zusammen, was nicht zusammenhalte. Was Strindberg verknappe, blähen Roth und Krämer dem Eindruck des Kritikers zufolge zu einer Gruppentherapie auf. Insgesamt wirkt die "bizarrre Mischung" dieses Abends auf Norbert Mayer "wie eine Rache an Strindberg". Einzig Sandra Cervik sei "eine Wucht.

Mit einigem Hohn nimmt Paul Jandl auf Welt-Online (29. 10. 2011) Günter Krämers Inszenierung auf, obwohl er nicht ganz sicher ist, ob dieser Regisseur zumindest den Friederike Roth-Teil des Abends "nicht in Wahrheit ironisch unterläuft." Regisseur Günter Krämer wolle aber bereits bei Strindberg "Komödie statt Tragödie, Typen statt Tiefsinn" und so säßen in der Josefstadt drei Schauspieler auf dem Sofa, "denen beim Aufeinanderprallen von poetischen Hitzewallungen und psychologischer Unterkühlung gar nichts anderes übrig bleibt, als es mit Selbstentäußerung zu versuchen. Michael Abendroth als Edgar ist ein präsenil zitternder, abgehalfterter Militär, dem die Hemdzipfel aus der Reiterhose hängen, Sandra Cervik als Alice eine Morgenmantel-Megäre, aus der in angezogenem und anziehenderem Zustand einmal etwas hätte werden können. Diva!" Später, wenn Friederike Roths Stückteil gegeben werde, werfe sich Sandra Cervik im gepunkteten Plisseekleid und mit blonder Perücke über die Bühne. "Da kommt ein ergrautes Grummeln aus den Reihen der Josefstädter Stammklientel: 'Wie Lady Gaga!' Die Alten sind auch nicht mehr die Alten. Als Günter Krämer vor vierzehn Jahren Roths "Das Ganze ein Stück" an dieses Theater brachte, war man noch rüstig genug, das Haus türenknallend zu verlassen."

 
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