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Tanz der Hormone

von Thomas Askan Vierich

Wien, 29. Oktober 2011. Hier wird gesoffen, geknutscht, gekotzt und gepinkelt. Und sehr viel gerauft. David Böschs Interpretation der klassischsten aller Liebesgeschichten ist Punk. Ordinär, rauh und jung. Die Dame mit den goldenen Ohrringen am Nebensitz verzog während der ganzen Vorstellung kein einziges Mal ihre gelifteten Gesichtszüge. Andere prusteten laut los, wenn Mercutio, Romeo und Benvolio dem Tybald den Stinkefinger zeigten.

David Bösch hat "Romeo und Julia" 2004 schon einmal in Bochum inszeniert. In Wien wollte er nun die "Leidenschaft und Unbedarftheit von damals wiederfinden", wie er im Programmheft erklärt. Das ist ihm gelungen. Selten hat jemand den Tanz der Hormone von Verliebten so frisch und glaubwürdig auf die Bühne gebracht. Diese Julia (Yohanna Schwertfeger) ist wirklich noch keine 14, wie es bei Shakespeare ausdrücklich steht. Wie ein trotziges Kind wartet sie ungeduldig auf die Wiederkehr ihres Romeo (Daniel Sträßer). Ist er dann da, schwankt sie zwischen zärtlicher Unsicherheit und kecker Verführung. Sie lässt sich willig hinreißen von der aufregenden Entdeckung der Liebe. Ihr Balkon ist ein gläserner Fahrstuhl, der mit ihr nach oben gefahren ist. Dort steht sie und spielt mit Romeo, der unten wie ein rolliger Kater im Wasser plantscht. Sie streckt ihm ihren nackten Fuß zum Kuss entgegen, dann versteckt sie sich wieder hinter der Gardine. Zweimal reißt sie ihr Nachthemd hoch, um Romeo ihr Höschen zu zeigen.

"Ich dich auch"

Daniel Sträßer studiert noch Schauspiel am Mozarteum in Salzburg. Er wurde vom Dramaturgen des Burgtheaters bei einem Gastspiel in Hamburg entdeckt. Bei seinem Debüt an der Burg ist ihm keinerlei Nervosität anzumerken. Sein Romeo ist ein temperamentvoller junger Mann, sehr körperbewusst gespielt. Manchmal fuchtelt er etwas ausgiebig mit den Armen – aber mein Gott, er ist halt verliebt. Immer wieder rennt er durch das flache Wasser, dass es nur so spritzt. Wild steht sein nasses blondes Haar vom Kopf ab, und er wirkt wie der junge Campino, wie der Frontmann einer lustigen Punkband.

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Julia (Yohanna Schwertfeger) lockt Romeo (Daniel Sträßer), © Georg Soulek

Lustig und punkig geben sich auch seine Kumpels Mercutio (Fabian Krüger) und Benvolio (André Meyer), auch wenn sie aus gröberem Holz geschnitzt sind. Der betrunkene Mercutio kotzt in hohem Bogen und sagt am Ende "Das Beste kommt noch", während Benvolio an eine Wand pinkelt und danach seinen Urin mit dem Ärmel abwischt. An solchen Stellen leidet die Dame mit den goldenen Ohrringen sehr. Muss das wirklich sein? Müssen vielleicht nicht, aber können. Denn diese Szenen sind auch bei Shakespeare durchaus derb – halt verpackt in wohlgeformte Verse. Die in Brasch/Böschs Version weniger wohlgeformt, aber witziger, weil zeitgenössisch ausfallen. Wenn sich Romeo und Julia ihre Liebe gestehen, klingt das so: "Drei Worte, Romeo." "Ich dich auch." "Was?" "Nix." Mercutio, Benvolio und Tybalt sind indes jugendliche Raufbolde, die eher ungewollt Romeos Junggesellenabschied feiern. Die bösen Buben greifen sich ständig in den Schritt und liefern sich ausufernde Degengefechte. Wie in einem Actionfilm, nur ohne digitale Tricks. 

Komödie statt Tragödie

So wird aus einer 400 Jahre alten Tragödie eine sehr zeitgenössische Komödie. Das Drama der verfeindeten Familien, das eine Liebe zwischen Romeo und Julia unmöglich macht, tritt in den Hintergrund. Dafür bekommen die beiden Liebenden viel Raum, um die Hormone tanzen zu lassen. Eine urkomische und auch anrührende Szene ist eine reine Erfindung Böschs: Fabian Krüger als Mercutio sitzt verkatert am Bühnenrand und formt aus einem Taschentuch eine Puppe, die er Romeo nennt. Mit ihr führt er ein Zwiegespräch, in dem es um Freundschaft unter jungen Männern geht. Denn Mercutio ist auch eifersüchtig auf Julia, die ihm seinen Romeo wegnimmt. Ihm bleibt nur sein reichlich grober Gefährte Benvolio.

Auch Burg-Urgestein Ignaz Kirchner hat als halbseidener Vater Julias einige schöne und befremdliche Auftritte: Diesen ständig kichernden Capulet kann man eigentlich nicht ernst nehmen. Seine durchgängig betrunkene Frau (Petra Morzé) nennt er "Mutti" und behandelt sie wie eine Hausangestellte. Doch als er Julia recht harsch dazu zwingt, den blassen, aber reichen Paris zu heiraten, muss man ihn doch ernst nehmen. Denn der kichernde Papa kann sehr böse werden. Die betrunkene Mutti steht hilflos stammelnd daneben.

Rotzige Leidenschaft

Am Ende kommt alles, wie es bei Shakespeare kommen muss: Das Drama nimmt seinen Lauf. Nach den ausgedehnten Bade-, Rauf- und Kampfszenen fällt dieser Teil des Abends recht knapp aus. Und so bleibt der Schlusssatz – angeblich Böschs Lieblingssatz von Shakespeare – trotz aller Toten ein wenig unbegründet stehen: "Da ich dich schön und strahlend mir gedacht, bist du doch dunkel, wie die Hölle, schwarz, wie die Nacht." Zwar tragen alle Darsteller schwarze bis dunkle Kostüme, ist auch die Bühne meist schwarz – dennoch war dies kein schwarzer oder auch nur tragischer Abend. Julia, Romeo und dessen kampfeslustige, trinkfreudige Freunde hatten viel jugendlich-ungestümen Spaß, der leider nur kurz anhielt. Tybalt ersticht Mercutio und anschließend Romeo Tybalt. Aber so ist das halt, wenn die Kinder nachts um die Häuser ziehen, zu viel trinken, zu schnell küssen und die Eltern betrunken ihre Aufsichtspflicht verletzen.

Hat Shakespeare das so gemeint? Oder David Bösch? Immerhin ist es Bösch und seinem Ensemble gelungen, diese doch recht ausgenudelte Liebesgeschichte mit rotziger Leidenschaft neu zu beleben.

Romeo und Julia
von William Shakespeare
Deutsch von Thomas Brasch
Regie: David Bösch, Bühne: Volker Hintermeier, Kostüme: Su Bühler, Licht: Friedrich Rom, Kampfszenen: Klaus Figge, Dramaturgie: Klaus Missbach
Mit: Daniel Sträßer, Yohanna Schwertfeger, Branko Samarovski, Fabian Krüger, André Meyer, Daniel Jesch, Ignaz Kirchner, Petra Morzé, Franz J. Csencsits, Gerrit Jansen, Brigitta Furgler

www.burgtheater.at


Mehr zu David Bösch: Im Vorfeld seines Berlin-Debüts mit Grillparzers "Das Goldene Vließ" am Deutschen Theater im Oktober 2009 porträtierte Christian Rakow den Regisseur.

 

Kritikenrundschau

Martin Lhotzky erinnert in der Frankfurter Allgemeinen (31.10.2011) zuerst an Böschs Bochumer "Romeo und Julia"-Inszenierung von 2004: "So luftig, leicht und locker hat man das Liebesdrama selten an einem neueren deutschsprachigen Theater gesehen." Beim Wiener Aufguss mit demselben "Planschbecken mit Springbrunnen" und den wieder "ausufernden Fechtszenen" sieht Lhotzky "eine recht schöne, kurzweilige Inszenierung", ein "Stück von David Bösch nach einer Idee von William Shakespeare. Oder bestenfalls 'Romeo & Juliet for Dummies", also fürs Theater der Jugend. Sehr nett, aber zu klein für die große Bühne."

David Bösch behalte bei seiner Inszenierung "das Fixe der Jugend und die Verflixtheit des Schicksals immer klar im Auge", meint Norbert Mayer in der Presse (31.10.2011). Bösch modernisiere den Text "in Nebenbemerkungen aufs Gröbste und lässt es rocken", doch es bleibe, "oh Wunder (…), das Wesentliche von Shakespeare erhalten." Auch deshalb, weil die Aufführung "von tollen Charakterdarstellern getragen" werde. Yohanna Scwertfeger etwa beitze als Julia nicht nur "den natürlichen Hang zur Tändelei", sondern auch "schöne Ernsthaftigkeit"; und Daniel Sträßer spiele seinen Part des Romeo "mit großer Leichtigkeit und schwerem Gemüt, himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt." Wenn Julia noch im Sterben ihre Lust aufs Leben heraus schreie, dann breche das einem das Herz.

Tatsächlich scheine es das zu geben: "eine Inszenierung von Romeo und Julia ohne besondere Vorkommnisse", schreibt Ronald Pohl im Standard (31.10.2011). Gelegentlich verströme "die Produktion mit ihrem berufsjugendlichen Furor die Atmosphäre einer Clerasil-Werbung." Die Entscheidung David Böschs, "für die Wahrnehmungsweise verliebter Kinder zu votieren, zeitigt nur wenige interessante Ergebnisse. Die Erkenntnis, dass Liebe die menschliche Vernunft zu fatalen Aussetzern provozieren kann, steht ihm eher nicht zu Gebote." Pohl stört sich auch an "der Manier der Protagonisten, hinter jede Bekundung ein Ausrufzeichen zu setzen", räumt aber immerhin ein, dass die Fechtszenen "mustergültig choreografiert" seien.

"Die Botschaft kommt an, allein: Es fehlt der Glaube", schreibt Christine Dössel in der Süddeutschen Zeitung (03.11.2011). Wie man überhaupt bei diesem "lauwarmen Inszenierungs-Aufguss des zum Berufsjugendlichen herangereiften David Bösch" schon sehr reinen Herzens und naiven Glaubens und idealiter wohl pubertierender "Romeo und Julia"-Erstseher sein müsse, um ihm etwas von dem abzugewinnen, was Shakespeares Tragödie zur berühmtesten Liebesgeschichte aller Zeiten mache: "diese emotionale Glut und Wut und Unschuld des Herzens, diese Unbedingtheit der Gefühle", die einen hineinschleudere in den Glückswirbel und Unglücksstrudel des Stücks. Großes Gefühlskino à la "Shakespeare in Love" sei Böschs Bochumer "Romeo und Julia" gewesen, schreibt Dössel – doch nun, in Wien, fehlten das Herzblut, die Atmo, der Pulsschlag des Glücks: "Verloren ging die Unschuld des ersten Mals." Bösch habe als impulsiver, sensitiver Stürmer und Dränger begonnen. Jetzt sehe man einen "Wirkungsmechaniker und Gefühlsroutinier" am Werk, der "Spaßtheater nach Maßstab" mache. Fazit: "Brav – ohne o."

 
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