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Ein Ohrläppchen für die Demokratie

von Matthias Weigel

Berlin, 3. November 2011. Der Franzose Olivier Py ist Intendant des Odéon-Théâtre de l'Europe in Paris und wird ab 2014 das Festival von Avignon leiten. Darüber hinaus arbeitet er als Regisseur, als Schauspieler und Autor. All seine Alter Egos kommen auch als Figuren in seinem neuen Stück "Die Sonne" vor, von ihm selbst an der Volksbühne in Berlin uraufgeführt.

Es geht also in dem Theaterstück hauptsächlich ums Theater, darum, was es will und wie man es spielen kann; nebenbei um die verkrachten Existenzen, die da so umher schwirren: die Träumer, Masochisten, Drogensüchtigen, Transsexuellen; und überhaupt um so geringe Fragen wie das Dasein, den Sinn, die Wahrheit, den Tod. Aber da man ja an der Volksbühne zu Gast ist, wird dabei mit Ironie, Trash und Leerlauf nicht gegeizt.

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"Die Sonne" von Olivier Py, © Thomas Aurin

 

"Am Anfang war die Lüge" ist einer der bedeutungsschweren Theaterverse, die dem Publikum immer wieder ganz unprätentiös untergejubelt werden. In Pollesch-Manier bald ergänzt zu: "Ich kann lügen, ich kann nicht so tun, als ob." Also lügen die Schauspieler erstmal. Lucas Prisor gibt vor, er sei der Theaterautor Josef, der nebenbei seine genialen Gedanken festhalten muss, während Santa (gelogen: Mandy Rudski) ihm die Ausgangsmisere erzählt: Axel (Sebastian König) hat dem Intendanten ein Ohrläppchen abgebissen. Welcher daraufhin ihr gemeinsames Stück abgesetzt hat.

Aktanten statt Schauspieler
Was hat der Intendant getan, um sein Ohrläppchen zu verlieren (und später noch das zweite)? Er quasselt unablässig vom Theater als letztem Hort der Demokratie, als Kern der Zivilisation, als Ort des intellektuellen Widerstandes und so weiter; wovon man als Intendant eben so quasselt. Was dem Radikalkünstler Axel überhaupt nicht gefällt. Axel ist der Mephistopheles des treuherzigen Pragmatikers Josef, die beiden zanken, schlagen, lieben und hassen sich unablässig.

Lustig wird sich über alle gemacht: Der vertrottelte Intendant lässt sich zum Tanz im Frauenkleid animieren, der Pseudo-Avantgardist glaubt, genialerweise die Postdramatik erfunden zu haben ("Ich sage lieber Aktanten statt Schauspieler") und die legendäre Ilse Ritter als libidinöse Mutter Elena deklamiert wie aus einer anderen Galaxie gefallen mit rollendstem R: "Ich stehe im Dienst des Theaters, ich bin die tief ergebene Dienerin des Theaters."

Cowboys der Theaterwüste
Nur leider führt das über drei Stunden hinweg zu relativ wenig. Die Sampling-Wiederholungen einiger Sätze sind langsam und müde, die Ironie bleibt harmlos, ebenso die Klischees, die Sprache hängt auf einem konstant blümerant-anstrengenden Niveau. Py selbst nimmt es wie folgt vorweg, wenn er Elena eine Kritik ihres Stückes vorlesen lässt: "Das Stück, das sich philosophisch gibt, traktiert uns mit Plattitüden im esoterischen Tonfall."

Denn es ist nicht etwa eine Abrechnungs-Gaudi mit dem Theaterbetrieb – kein schonungsloses Sezieren, kein Wille zur echten Erkenntnis. Im Grunde weht ein ähnlicher Wind wie bei Philippe Quesne: Ein paar dahergelaufene, merkwürdige Figuren stehen herum und beschäftigen sich nur mit sich selbst. Das kann viele Blasen werfen, muss aber gar nicht so schaumig sein. Hier wird es zum ermüdenden, nihilistischen Kreisen um die Cowboys der Theaterwüste. Erwartungsgemäß bombastisch ist im Kontrast die Ausstattung: Pierre André Weitz hat einen zweistöckigen, zerlegbaren Backstein-Kubus gebaut, der immer wieder neue Seiten von sich zeigt. Auch er kreist auf der Drehbühne um sich selbst.

Der geduldige Akt der Formulierung
Axel entschuldigt sich jedenfalls recht bald beim Intendanten, und es kann gespielt werden. Doch nach einiger Zeit schon haben alle ihre Ideale und Leidenschaften verloren, es geht den Bach runter; das Stück floppt. Bei der Feier zur hundertsten Vorstellung eines neuen, anderen Stücks trifft man sich wieder. Josef kellnert inzwischen in der Theaterkantine, Axel ist irre geworden und zum Pflegefall. Die gemeinsame Selbstvergiftung unterbrechen beide, denn Axel wird wieder erleuchtet, kommt zu sich und merkt, dass er ja fast nackt sei, woraufhin er erstmal seine Blöße bedecken muss. Oh Gott.

Einmal, gegen Anfang des Stückes, warnt der Intendant: "Diese Vorstellung, man könne den geduldigen Akt der Formulierung durch eine Geste absoluter Freiheit ersetzen, ist sehr gefährlich." Sicher ist sie andersrum genauso zweifelhaft. Aber das war ja eh nur so dahergesagt.


Die Sonne
von Olivier Py - Übersetzung: Leopold von Verschuer
Regie: Olivier Py, Bühne und Kostüme: Pierre André Weitz, Licht: Bertrand Kylli, Dramaturgie: Maurici Farré.
Mit: Sebastian König, Lucas Prisor, Mandy Rudski, Ingo Raabe, Uli Kirsch, Ilse Ritter, Uwe Preuss, Claudius von Stolzmann.

www.volksbuehne-berlin.de


Kritikenrundschau

Es gehe hier um "nicht viel weniger als die Frage nach dem Göttlichen im Menschen und dem Ort des Theaters im Mythengewitter", so Eberhard Spreng im Deutschlandradio (2.11.2011). Und macht genau das als Problem des Abends aus: Es seien "der großen Götter- und Menschheitsfragen in diesem Stück einfach zu viele", auch wenn man dem Regisseur Olivier Py zugute halten müsse, dass er seinen prätentiösen Mythenmix mit energiereichen Akteuren zwischen durchgeknallter Komik, legerem Pathos und religiöser Ekstase in der Schwebe halte.

Im Tagesspiegel (3.11.2011) schreibt Andreas Schäfer: "Die Sonne" handele drei ziemlich lange, bieder verkalauerte Stunden vom mäßig interessanten Leben einer Theatercombo und stelle dabei in immer neuen Anläufen die immer gleiche Grundsatzfrage: Soll Theater einen Zweck erfüllen (Aufklärung! Kritik der Zustände!) oder ist es zweckfreier Erscheinungsort ominöser Urkräfte? Anders gefragt: Ist das Theater dem Sozialen oder dem Absoluten verpflichtet? Das Problem dieses Unterfangens – abgesehen davon, dass selbstreferenzielle Soße immer selbstreferenzielle Soße bleibt – sei Pys Unentschlossenheit. "Er macht sich ein bisschen über die Falschheit des Theaterbetriebs lustig, bleibt dabei aber auf ärgerliche Weise harmlos und gefällig."

Arm an Intelligenz und Talent sei Pys Kraftmeier-Theater, und unerträglich die reichlich ausgestellte Nacktheit seiner Darsteller-Knaben, ärgert sich Peter Laudenbach in der Süddeutschen Zeitung (4.11.2011) und spottet: "In Paris, wo Py das Théâtre National de l"Odéon leitet, scheinen Nackte auf der Bühne noch eine große Sache zu sein." Das "schwer schwülstige Stück" "wäre gerne so poetisch wie Rimbaud, so verrucht wie Genet, so radikal wie Artaud." Aber leider reiche es nur für prätentiösen Unsinn – den Py "über quälende dreieinhalb Stunden" an der Berliner Volksbühne "zelebriert". Die Volksbühne, so Laudenbach, bleibe ein "immer wieder erstaunlicher Ort mit nach unten offener Qualitäts-Skala".

"Die Volksbühne, diese wuchtige, schrottige Theatermaschine der verzweifelten, spielwütigen, schonungslosen, ja, gelebten Selbstreflexion, wird hier als ironisch parfümierter Selbstbeweihräucherungs-tempel zweckentfremdet," schreibt Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung (4.11. 2011), aus dessen Sicht es schiefer eigentlich nicht mehr gehen kann. Allein Theaterlegende Ilse Ritter kann ihn "qua Amt" überzeugen. Ansonsten wird, so Seidler, "gequirrlter Kitsch" geboten, und zwar in einem aufwendigen Bühnenbild und "von Klischeedarstellern, die dreieinhalb Stunden lang wie Blechblasinstrumente immer schön abwechselnd kunstphilosophische Thesen herauströten."

So eifrig der Autor Py auch versuche, sich mit ausgetüftelten Tabuverletzungen und neckischen Provokationen der dunklen Poesie eines Rimbaud, Lautréamont oder Artaud zu nähern, frische Blumen des Bösen würden nicht daraus, so Irene Bazinger in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (4.11.2011). Als Regisseur der Uraufführung seiner "Sonne" mache er das Ensemble zu "hausbackenen Plappertaschen, die Unmengen von schmalspurigen Phrasen mit ermüdendem Pathos deklamieren, wenn sie nicht zu kleinen Grenzüberschreitungen mit blankem Po eingeteilt sind." Nach drei Stunden Zeigefingergefuchtel habe Py seine Botschaft ans fassungslose Zuschauervolk gebracht: dass wir immer spielen und nie sind, was wir scheinen. "Mon Dieu, kann man da nur sagen, oder auch nur: ach Gotterle!"

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