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Im Sturm der Identitäten

von Ulrich Fischer

Bochum, 5. November 2011. Die Bühne ist offen, wenn das Publikum das Große Haus des Bochumer Schauspiels für Roger Vontobels neue Inszenierung von Shakespeares "Was ihr wollt" betritt. Eine Hochzeitsgesellschaft feiert. Claudia Rohner hat für ihr Bühnenbild einen Himmel mit Glühbirnen entworfen, der an Brechts "Kleinbürgerhochzeit" erinnert – doch die Gesellschaft ist besser gekleidet, die Damen tragen Hüte, wie sie in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts Mode waren. Links sitzt ein Pianist am Flügel und spielt flott. Es wird gesungen, während das Publikum Platz nimmt.

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Jana Schulz als Viola © Arno Declair

Die Braut ist auffallend nervös. Nachdem das Saallicht erloschen ist, rastet sie aus und zermatscht ihre dreistöckige Hochzeitstorte. Von rechts kommt eine junge Männerfigur mit Feuerwehrschlauch. "Wasser marsch!", der Druck fegt Jana Schulz von den Beinen. Von der anderen Seite tritt eine junge Frau im Hochzeitskleid mit noch einem Feuerwehrwasserstrahl auf. Ein symbolkräftiger Auftakt: Jana Schulz als junge Hauptfigur Viola, die sich in der Verkleidung als Cesario durch diese Liebeskomödie manövriert, wird von der weiblichen wie von der männlichen Identität ihrer Figur bedrängt und ringt nach Luft, während sich langsam das vorderste Bassin füllt. Viele Gelegenheiten auszurutschen – Regisseur Roger Vontobel ist finster entschlossen, eine Komödie zu inszenieren und schreckt dabei auch vor effekthascherischem Wassereinsatz nicht zurück. Oder verweist diese Brautszene schon auf das nur vermeintliche Happy End mit der Hochzeitsfeier?

Die Raserei der Liebe

Es scheint hier so, als habe eine junge Frau im Moment der Heirat, als es ernst wird, Fracksausen bekommen. Sie sucht danach, was Liebe sein könnte, nicht die alltägliche, sondern die Raserei der Liebe in des Wortes verwegenster Bedeutung. Mit ihrer unbedingten Frage landet sie unversehens in Illyrien, im Land der Poesie auf dem Kontinent Shakespeare. Die Wassermassen sind ein Hinweis auf den Sturm am Anfang des Stückes – ein Sturm der Gefühle.

Vontobel folgt bis kurz vorm Ende den Hauptsträngen von Shakespeares Komödie um das Mädchen Viola, das seinen Bruder Sebastian in diesem Sturm verloren hat und nun umher irrt in einem dichten Beziehungsgespinst: Als Botengänger Cesario verkleidet nähert sie sich im Auftrag des Herzogs Orsino der Gräfin Olivia – dabei liebt sie selbst den Herzog und muss beständig der Gräfin ausweichen, die von ihr als Cesario entzückt ist. Vontobel und seinem spielfreudigen Ensemble gelingen viele komische Momente, die Szenenapplaus provozieren: nicht nur jene gehaschten Effekte wie die des Umfallens ins Wasser oder Blicken auf reizvolle, tropfnasse Dessous, sondern auch Subtileres. Als Andrew von Bleichenwang sich sorgt, er müsse sich mit einem Rivalen schlagen, zeigt Florian Lange in großartig glaubhafter Weise die unüberwindliche Angst, die den Junker deformiert. Übertroffen wird Lange noch von Martin Horn, der seinen Malvolio regelrecht rehabilitiert.

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© Arno Declair

Sternstunde Malvolio

Horn und sein Regisseur nehmen den Haushofmeister Malvolio ganz ernst: als einen Mann, der hofft, er könne aus seiner mediokren Stellung ausbrechen und aufsteigen, wenn er seine Herrin Olivia heiratet. Bei Shakespeare kommt der Möchtegernparvenü mit diesem Begehren an den Pranger, er wird der Lächerlichkeit preisgegeben. Heute lassen sich seine Absichten zum republikanischen Wunsch nach ein bisschen mehr Gleichheit und Durchlässigkeit in der Gesellschaft aufwerten. Trotzdem ist es zwerchfellerschütternd komisch, den genau spielenden Horn zu beobachten, wie er Malvolios Wahn mimisch und körpersprachlich zeigt, wie er fantasiert, er sei liebenswert und seine Herrin begehre ihn. Eine schauspielerische Sternstunde.

Jana Schulz kann mit dieser psychosozialen Differenzierungskunst nicht ganz mithalten. Sie spielt Viola und Sebastian, die beiden beim Sturm nur knapp dem Tod entronnenen Zwillinge. Bei Exaltationen ist sie regelmäßig überfordert, artikuliert ungenau. Michael Schütz als Herzog Orsino zeigt hingegen, wie das geht: sich aufzuregen und trotzdem jedes Wort sorgfältig auszusprechen – ohne die (Über-)Macht der Gefühle auch nur im Mindesten einzuschränken.

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© Arno Declair

Du sollst so sein, wie ich Dich haben will

Vontobel bürdet Schulz den Löwenanteil seiner Umdeutung auf. Das Shakespeare'sche Happy End fehlt in Bochum. Am Schluss liegt Viola/Sebastian tot im Pool an der Rampe. Antonio, der sich in Sebastian verliebt hatte, hält den Leichnam in den Armen, das Arrangement erinnert an die Pietà. "Du sollst so sein, wie ich Dich haben will", hatte Olivia gefordert und mit ihr ganz Illyrien. Viola/Sebastian, die/der keine gefestigte Identität besitzt, die/der zwischen Mann und Frau hin und her taumelt, fühlt sich überfordert, zerrissen, stirbt.

Diese Zuspitzung des Konflikts wirkt dem Stück übergestülpt. Als Andrea Breth 1989 am gleichen Ort "Was ihr wollt" auf die Bühne brachte, hielt sie sich enger an den Text, die Inszenierung wirkte konzentrierter – und war gerade deshalb, was die Frage nach der Identität und unseren Vorstellungen von Liebe angeht, ergiebiger. Vontobels Aufwand und Umdeutung fügt dem Stück kaum neue Erkenntnisse hinzu. Dennoch ist der überwiegende Teil der Inszenierung überzeugend, der Kontrast zwischen den komischen Szenen und den elegischen Auftritten, zwischen Lebenslust und Melancholie, gibt ihr Dynamik und Tiefe. So ist Vontobel und seinem Ensemble insgesamt ein Wurf gelungen. Das Publikum war begeistert. Der Beifall wollte nicht enden.

 

Was ihr wollt
von William Shakespeare
Regie: Roger Vontobel, Bühnenbild: Claudia Rohner, Kostüme: Dagmar Fabisch, Musik: Keith O'Brien, Licht: Bernd Felder, Dramaturgie: Thomas Laue.
Mit:  Friederike Becht, Martin Horn, Florian Lange, Katharina Linder, Keith O'Brien, Felix Rech, Matthias Redlhammer, Michael Schütz, Jana Schulz und Jutta Wachowiak.

www.schauspielhausbochum.de

 

Andere Arbeiten Roger Vontobels finden Sie gesammelt im nachtkritik-Lexikon. Mit seinem Dresdener Don Carlos war er 2011 zum Theatertreffen eingeladen. Jana Schulz spielte unter Vontobels Regie schon die Kleist-Heldinnen Käthchen und Penthesilea.

 

Kritikenrundschau

Eine durch und durch spektakuläre Inszenierung annonciert Tom Thelen im WAZ-Portal Der Westen (7.11.2011). "Fast drei Stunden lang tobte das Ensemble durch Zehntausende Liter Wasser." Speziell die "Ausnahmeschauspielerin" Jana Schulz habe sich mit höchstem physischen Einsatz in ihre Rolle gestürzt. "Gleich zu Anfang wurde sie von zwei Wasserstrahlen aus Feuerwehrschläuchen über die Bühne getrieben. Was folgen sollte, war eine schauspielerische Entäußerung, wie sie selten zu erleben ist." Belohnt wurde das Team, wie der Kritiker schreibt, "mit einem explosiven Jubel, wie er in der Intendanz Anselm Webers noch nicht zu hören war. Am lautesten brandete er, durchsetzt von einigen "Bravos", durch das Haus, als sich Hauptdarstellerin Jana Schulz dem Publikum präsentierte."

Witziges, körperlich spürbares Amüsiertheater!" schreibt Achim Lettmann für den Westfälischen Anzeiger (7.11.2011), der auch Roger Vontobels Deutung des Shakespeare-Stoffs als "kühn" empfand. Vontobel, der als Hausregisseur inszeniere, schlage "den Bogen aus der Gegenwart an den Hof Olivias, wo die Gräfin am Swimmingpool ihre Lethargie zur Schau stellt." So werde das weltferne Illyrien Shakespeares zur Partyzone heutiger Selbstdarsteller. Dabei seien Sir Toby und Andrew ein komisches Duo, "wie es selten an Theaterhäusern zu erleben ist." Besser als von Matthias Redlhammer und Florian Lange lassen sich aus Lettmanns Sicht Shakespeares tölpelhaften Nebenfiguren nicht beatmen. "Sie stehlen sogar Malvolio die Schau."

"Eine echte Theatersensation", zeigt auch Max Florian Kühlem in der Emsdettener Volkszeitzung (7.11.2011) an. Roger Vontobel schenke Bochum so nicht nur den besten Shakespeare seit Elmar Goerdens "Wie es euch gefällt", "sondern hat vielleicht auch ein weiteres Ticket für das Berliner Theatertreffen gelöst. Das Publikum ergeht sich in explosionsartigem, riesigem Jubel."

Das Hochzeitsfeier-Vorspiel Vontobels liege "jenseits des kritischen Happy-Ends", schreibt Andreas Rossmann in der Frankfurter Allgemeinen (8.11.2011). Vielmehr stehe hier am Anfang "das Aufbegehren einer jungen Frau, die im letzten Moment vor der Ehe flieht, um eine offene Geschlechterrolle zu leben (...). Viola als Transgender, als Modell der Metrosexualität? Shakespeares Drama lässt das zu und gibt das her." Jana Schulz spiele Viola/Sebastian bei Vontobel als "androgyne Erscheinung mit gescheiteltem Blondschopf, die sich in schlaksiger Heftigkeit bis zur Erschöpfung verausgabt". Mit dem "nass-forschen Einstieg" schütte Vontobel die Komödie allerdings "zum Baden aus". Auf der wassernassen Bühne gebe es eine "Flut der Einfälle", so dass bisweilen "kein Auge trocken bleibt". Tiefgang gewinne die Inszenierung erst spät zurück, "wenn sie den Geschlechterdiskurs wieder verdichtet": Viola/Sebastian kann "die auf sie projizierten Erwartungen (...) so wenig erfüllen wie zu sich selbst finden". Am Ende schaffe es die Regie so "doch noch, Shakespeares Drama das Wasser zu reichen".

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