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Dr. Papiertiger

von Andreas Schnell

Bremerhaven, 5. November 2011. Wir müssen uns Faust als lächerlichen Menschen vorstellen. Aber lassen Sie mich anders beginnen. Der "Faust", den Thomas Oliver Niehaus in Bremerhaven am Stadttheater inszeniert hat, ist so gar kein mittelalterlicher Gelehrter. Mit seinem Pullunder, der eleganten Brille und der sorgfältig gebügelten Hose ist er ganz der moderne, aufgeklärte Studienrat von heute. Und das ist schlüssig, weil sich das Problem des alten Faust, das sich auf den Begriff der Sinnsuche bringen lässt, bekanntlich ein Dauerbrenner in der Gesellschaft ist, in der wir leben. Und schließlich, auch das hat sich seit Goethe im Kern erhalten, muss in der Regel die Liebe dafür herhalten, die doch kaum dafür taugt, weil sie sich unterm Druck, den ganzen Rest zu kompensieren, einschließlich der "narzisstischen Kränkung", einmal sterben zu müssen, erst recht verflüchtigt.

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Der Mensch als Ensemble seiner gesellschaftlichen Umstände? © Jens Rillke

Der Faust scheitert dabei bekanntlich so gründlich, dass er gleich noch das legendäre Gretchen ins Elend stürzt. Ist es also das, was in den Worten von Jonathan Franzen dem Abend vorausgestellt wird? "Aber wenn man rausgeht und sich in eine wirkliche Beziehung zu wirklichen Menschen oder auch nur wirklichen Tieren setzt, besteht die sehr reale Gefahr, einige von ihnen zu lieben. Und wer weiß, was dann mit einem geschieht?"

Die Liebe und der gute alte Marx

Wir wissen zumindest, was mit Gretchen geschieht: Die schlichte Einfalt geht zugrunde an der Liebe zum rastlosen Faust, der wird seines Lebens auch nicht froh; Läuterung und Versöhnung wie auch Bekenntnis zum schöpferischen Streben kommen erst im zweiten Teil, den uns Niehaus erspart. An einer Auflösung in Wohlgefallen hat er kein Interesse. Stattdessen lässt er uns, in nicht einmal zwei Stunden, daran teilhaben, wie der Doktor von unstillbarer Suche nach Intensität, Glück, Erfüllung – Sinn – vergeblich versucht, seines Lebens Herr zu werden. Und nach dem Liebesdrama, so deutet er an, kommt das nächste ganz bestimmt.

Was Faust bei der Suche nach dem Glück im Wege steht, wird eher angedeutet. Zwei Pfeile, die auf die Figuren zeigen, sie zugleich einrahmen, sie zusammendrängen, einengen, ließen sich, ebenso wie die Choreinsätze des Ensembles (gesprochen und gesungen), als Hinweis auf den Charakter des Menschen als Ensemble seiner gesellschaftlichen Umstände deuten, um es mal mit dem guten alten Marx zu sagen.

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Meret Mutwiler, neu im Ensemble – und ein tolles Gretchen. © Jens Rillke

Mädchen vs. Alphatierchen

Zugleich ist es natürlich Faust selbst, der sich im Wege steht. Andreas Möckel zeigt ihn launisch, selbstverliebt, elitär, hin und hergerissen, immer wieder resignierend – und weltfremd, wenn er mit der Faust auf den Tisch haut und verwundert feststellt, dass das auch noch wehtut. Eigentlich also eine ziemlich lächerliche Figur.

Kein Wunder, dass der sarkastische Verführer Mephistopheles (Martin Bringmann) regelmäßig an ihm verzweifelt, ihn dank eines Charmes, der an den jungen Paul Newman erinnert, aber immer wieder auf die Spur setzt. Jene Spur, die ihn zielsicher zum Gretchen führt. Und die ist wohl der größte Genuss des Abends: Der Bremerhavener Neuzugang Meret Mundwiler zeigt uns die stille Einfalt der jungen Frau, die sich ja immerhin gegen gleich zwei ausgewachsene Alphatierchen behaupten muss, geradezu zum Niederknien, kunstvoll ungekünstelt, klar im Ausdruck – zweifellos die stärkste Leistung im Ensemble.

Papier überall

In jeder Hinsicht sperrig, aber durchaus gelungen ist Geele Gayckens Bühnenbild. Die riesige Schrankwand mit umfangreicher Karteikästensammlung zeigt sich nach dem hier blutsbrüderlichen Pakt zwischen Faust und Mephisto in seiner ganzen Pracht und scheint zu sagen: Dieser Faust ist – bei all seiner Rücksichtslosigkeit – ein Papiertiger. Weil auch überhaupt viel Papier zu sehen ist, Manuskripte, in denen Faust liest, die er verzweifelt in der Luft zerreißt, aus dem Gretchen Blumen und das Schmuckkästchen faltet, in dem sich Fausts Geschenk befindet. Wobei es ihr in edler Naivität glatt gelingt, über Vorhandensein und Inhalt des von ihr selbst produzierten Kistchens erstaunt zu sein. Patrick Schimanski schließlich hat dazu eine Musik produziert, die zwischen knusprigem Ambient und gelegentlich brachialen Industrial-Klängen die Szenerie subtil unterstreicht. Ein interessanter Faust also, mit sprödem Witz und sehenswerten Schauspielern.

 

Faust
von Johann Wolfgang von Goethe
Regie: Thomas Oliver Niehaus, Bühne: Geelke Gaycken, Kostüme: Alice Nierentz, Musik: Patrick Schimanski, Dramaturgie: Sibille Hüholt.
Mit: Andreas Möckel, Martin Bringmann, Meret Mundwiler, Sascha Maria Icks, Walter Schmuck, Isabel Zeume.

www.stadttheaterbremerhaven.de


Mehr aus Bremerhaven? Im Juni 2011 inszenierte Erik Altorfer die Uraufführung eines Stücks von Gerhard Meister: In meinem Hals steckt eine Weltkugel. Im März 2011 nahm das Stadtprojekt Verzögerte Heimkehr von Matthaei und Konsorten auch die Bewohner Bremerhavens mit ins Boot.

 

Kritikenrundschau

Mit einiger Begeisterung nimmt Anne Stürzer in der Nordseezeitung (7.11. 2011) die "sehenswerte" wie überzeigend reduzierte Inszenierung auf. Dem "blendend aufspielenden Ensemble" gelinge das Kunststück, "das Wenige in ein Mehr zu verwandeln. Bei ihrem furios chorischen Sprechkonzert, untermalt mit Gesängen (Musik: Patrick Schimanski), formen sie aus dem Schulbuch-Klassiker fast ein antikes Drama", das an die Kritikerin an Thomas Oliver Niehaus’ grandiosen Einstand mit 'König Ödipus' vor einem Jahr erinnert. "Die Mimen halten, obwohl sie oft aufgereiht wie auf einer Schnur nebeneinander stehen und sich kaum anschauen können, das Publikum bei der Stange. Sogar dann, wenn den Zuschauern das Blickfeld mit riesigen Hinweistafeln verengt wird."

In der Kreiszeitung Syke (7.11.2011) schreibt Volker Heigenmooser: Niehaus interpretiere Faust "sehr menschlich, sehr irdisch". Der "Forscher, der der puren Rationalität huldigt", merke, dass er an Grenzen der Erkenntnis geraten sei, sein "Ausflug in esoterische Gefilde" gelinge "nicht recht". Martin Bringmann spiele Mephisto mit "herrlicher Nonchalance". Die Aufführung sei "ausgesprochen konzise und stringent mit einem schlanken Text". Eine Aufführung, die zeige, was "exzellente Schauspielerinnen und Schauspieler alles vermögen". Gemeinsam sei ihnen, dass sie "alle wirklich spielen, sprechen und wunderbar singen können und so den Mehrwert des unmittelbar zu erlebenden Schauspiels herauskehren". Wohltuend entrümpelt sei dieser "Faust".

 
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