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Die Liebe in den Zeiten der Zollstock-Charts

von Shirin Sojitrawalla

Wiesbaden, 6. November 2011. Dem deutsch-isländischen Autor Kristof Magnusson ist mit seinem Roman "Das war ich nicht" im vergangenen Jahr ein leicht verdaulicher Unterhaltungsroman gelungen, der vor dem Hintergrund einer Finanzmarktkrise eine hinreißende Dreiecksgeschichte schildert.

Und die geht so: Jasper aus Bochum macht in Chicago als Banker Karriere und verzockt sich dann aufs Schönste. Henry LaMarck, ein berühmter Schriftsteller, flüchtet zur gleichen Zeit in Chicago vor seinem eigenen Versprechen auf einen Jahrhundertroman über den 11. September. Und Meike Urbanski, seine deutsche Übersetzerin, mental und finanziell ausgebrannt, fliegt kurz entschlossen an den Michigansee, um ihn und vor allem sein Manuskript zu suchen.

Verarmte Weihnachtsmänner

© Martin Kaufhold
Finanzkrisen-Weihnachtsmärchen
© Martin Kaufhold

Mehr Personal benötigt Magnusson nicht, um eine Komödie in Gang zu setzen, die das Vakuum zwischen Work und Life mit Leben füllt. Er macht anschaulich, wie drei Biografien aus dem Gleis springen und spricht dabei ebenso viel von der Liebe wie von der Arbeitswelt. Abwechselnd kommen seine drei Figuren als Ich-Erzähler ihres eigenen Lebens zu Wort und bald treffen sie in Chicago aufeinander wie Autos bei einem Auffahrunfall.

Ronny Jakubaschk zäumt in seiner Theaterfassung des Romans die Geschichte von hinten auf. In Wiesbaden sitzen die drei Protagonisten zu Beginn als verarmte Weihnachtsmänner im Irgendwo und betteln. Das Stück erzählt dann, wie es so weit kommen musste. Gegen diese Änderung der Reihenfolge ist nichts einzuwenden, die Vorstellung der Figuren gerät so unmittelbarer, weil alle gleich zu Anfang und auf einmal eingeführt werden. Zuerst zwängen sich alle drei auf eine Bank inmitten einer gewächshausartigen Holzverkleidung, die sich, sobald der Rückblick beginnt, zu einem Spielfeld aufklappt: Links wedelt eine Palme, rechts ruht eine Bank und dahinter klafft eine Durchreiche in der Wand.

Smartphone war früher

Die drei Orte markieren wesentliche Schauplätze des Romans: Das Palmenhaus im Lincoln Conservatory, das Café Caribou und alle anderen Orte sowieso. Die Schauplatzwechsel und die zuhauf absolvierten Fahrten und Wege geben dem Roman sein Tempo; es gibt Verfolgungsjagden, Versteckspiele und Road-Movie-Elemente darin, von denen man denken konnte, sie seien auf der Bühne verloren. Pustekuchen: Dem Regisseur Henner Kallmeyer gelingt es, mit Einfallsreichtum und Chuzpe den Drive des Romans bühnentauglich zu machen.

Dabei hat der Abend durchaus mit einigen Startschwierigkeiten zu kämpfen, aber insgesamt gehen die 90 Minuten in boulevardesker Kurzweil vorüber. Das entscheidende Requisit des Abends ist ein ordinärer Zollstock, der nicht nur die Zickzackbewegungen der Börsenkurse vor Augen führt, sondern jedes Smartphone um Längen schlägt. Entscheidender aber sind die drei Schauspieler, die sich in ihrer Unterschiedlichkeit bestens ergänzen.

Die Dollarnoten rotieren wie Roulettekugeln

Rainer Kühn gibt allen voran den diabolisch blickenden Gentleman und Grandseigneur als hageren, griesgrämigen Schriftsteller, ausgestattet mit der schlaksigen Grandezza des Gastrokritikers-Ego aus dem Film "Ratatouille". Viola Pobitschka, neu im Ensemble und ein Gewinn, beweist an diesem Abend komödiantische Frische als niedlich plumpe Nervtöterin. Und Martin Müller gibt Jasper als hypernervöses Springteufelchen, in dessen Augen die Dollarnoten rotieren wie Roulettekugeln. Als Dreiergespann führen sie die Geschichte an ihr wunderbar unwahrscheinliches Ende. Das kommt in Wiesbaden zwar nicht so weihnachtsmärchenhaft wie bei Magnusson daher, aber hält doch dem Kitsch zumindest ein Hintertürchen offen.

 

Das war ich nicht
von Kristof Magnusson in einer Bühnenfassung von Ronny Jakubaschk
Deutsche Erstaufführung
Regie: Henner Kallmeyer, Ausstattung: Lisa Rohde, Dramaturgie: Barbara Wendland.
Mit: Martin Müller, Rainer Kühn und Viola Pobitschka.

www.staatstheater-wiesbaden.de

 

In Basel fand vor einem knappen Jahr die Uraufführung von "Das war ich nicht" statt.

 

Kritikenrundschau

Sehr kurz macht es die Oberhessische Presse (online 7.11.2011): Das Stück sei anfangs "sehr lebendig", die Späße würden jedoch im Verlauf des Abends übertrieben, so dass das Werk "viel von seinem ursprünglichen Biss" verliere. "Die zunehmend verzweifelnden Charaktere gehen unter. Schade, denn Magnussons zweiter Roman ist eine vielversprechende Vorlage."

Vermutlich werde "Das war ich nicht" "ein Langzeiterfolg", prophezeit Eva-Maria Magel im Lokalteil der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (8.11.2011). Dem Stoff bescheinigt Magel, bei aller Unterhaltsamkeit "einen nur allzu wahren Kern" zu haben. Auch der Regie mangele es nicht an originellen Einfällen. Dennoch bleibe das Tempo eine ganze Weile lang stark gedrosselt. Was unter anderem daran liege, dass Regisseur Kallmeyer, ohne aufs Ganze zu gehen, immer mal wieder ein Häppchen beiseite spielen lasse, seine Schauspieler in Stotter-Loops verhake und mit ein bisschen Postdramatik herumkugele, ohne sich recht ans Zerlegen zu trauen. Bei den traditionellen Komödienleisten wolle er aber auch nicht bleiben – "den Schwung, der da verschenkt wird, hätte das Stück noch gut brauchen können."

Einen "zwar etwas zäh anlaufenden, aber dann doch slapstickartig sehr vergnüglichen Theaterabend" hat Viola Bolduan für den Wiesbadener Kurier (8.11.2011) gesehen. Je rasanter das Tempo auf der Bühne allerdings werde, desto mehr reiße es auch die unterschiedlichen Stilmittel mit sich fort. Der Roman sei in seiner Ironie subtiler, habe aber ja auch 300 Seiten Zeit. Die 90 Bühnenminuten in Wiesbaden seien turbulentes Schauspielervergnügen. "Weihnachtsgeschenk."

Auf der Webseite der Nassauischen Neuen Presse/ Frankfurter Neuen Presse (9.11.2011) schreibt Marcus Hladek: "Eine hübsche Inszenierung, aufgelockert von einer lustig-bunten Musikauswahl, getragen von Darstellern, die auch Nebenrollen zu Slapstick-Höhepunkten machen."

Im Darmstädter Echo (8.11.2011) schreibt Johannes Breckner: Das sei das Stück zur Occupy-Bewegung, die "pointiert zugespitzte Satire auf ein Finanzsystem, das man nur mit den Mitteln des aberwitzigen Humors beschreiben" könne. Henner Kallmeyers Regie forme aus diesem Stück einen "flüssigen und sehr unterhaltsamen Theaterabend, der den Aberwitz der rasanten Handlung in einem flotten Wechsel der Darstellungsebenen" bändige. Das Wiesbadener Darstellertrio erreiche "sehr differenzierte Porträts", bei allem Witz lasse die "Komödie den Abgrund spüren, an dem sie entlangtänzelt".

 
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