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Wo war hinten?

von Sophie Diesselhorst

10. November 2011. Als "Naturgewalt" wird der in Interviews durchgängig grantige Josef oder Sepp Bierbichler öfter mal bezeichnet – was ihn, damit konfrontiert, noch grantiger macht. Verständlich: Die Naturgewalten sind es ja, mit denen er als Kulturmensch ringt. Als Schauspieler hat er ihnen grandiose Theater- und Filmmomente abgerungen. Außerdem auch zwei Bücher, jüngst "Mittelreich".

cover_mittelreich_280Auf Seite 94 des insgesamt 392 starken Romans taucht das Wort erstmals auf: "Ich gehöre bestenfalls zu den Mittelreichen", gibt da der Seewirt zu Protokoll. Dessen Genese vom Jungen Pankraz zum mittelreichen Seewirt ist auf den vorherigen fast 100 Seiten schnell und dicht erzählt worden.

Nicht besonders ungewöhnlich

Nachdem sein älterer Bruder sich im ersten Weltkrieg eine Kopfwunde und damit eine geistige Umnachtung zugezogen hatte, die ihn als Erben des Wirtshauses am See (irgendwo auf dem bayerischen Land) ausschließt, musste Pankraz seinen Traum, Opernsänger zu werden, ad acta legen und sich den familiären Verpflichtungen stellen. Mittelreich ist die Familie da schon, denn sie hat früh genug begriffen, dass mit den Wochenend-Ausflüglern aus der Großstadt Geld zu verdienen ist. Und dass der zweite Weltkrieg ein paar Flüchtlinge in die Gästezimmer gespült hat, die sich dort teilweise dauerhaft einrichten, wird vom Wirtschaftswunder wieder ausgeglichen.

Eine nicht besonders ungewöhnliche Grundkonstellation ist es also, aus der Bierbichler, der übrigens in einem Wirtshaus an einem bayerischen See aufwuchs und noch immer lebt, ein Familienepos erstehen lässt. Auch, dass der Sohn des Seewirts, der seine Kindheit und Jugend größtenteils in einem katholischen Internat verbringt und passenderweise Semi heißt, in diesem Internat von einem Pater sexuell missbraucht wird, ist ja leider nichts besonders Ungewöhnliches.

Warum sich also an das alles erinnern? Warum sich überhaupt erinnern? Das fragt der Seewirt einmal seinen Hilfsknecht Tucek, und der sagt: "Aber Sie können nicht wissen, wo ist vorne, wenn Sie nicht wissen: wo war hinten." Spricht's, erinnert sich noch einmal coram publico an sein eigenes Leben, geprägt vom KZ und noch mehr von der Angst davor, und geht dann nach Hause, um sich aufzuhängen. Merke: Das Sich-Erinnern kann gefährlich sein.

Dass es trotzdem sein muss, das lässt Bierbichler jede seiner Figuren immer wieder elementar spüren. Mithilfe einer Sprache, die ihre Spannung aus dem Widerspruch bezieht. Denn sie ist einfach und doch voller Bilder, präzise und doch voller Ausbrüche. Große Ereignisse werden lakonisch beschrieben oder eher erwähnt ("Es ist Ende Juni 1984. Der Kalte Krieg scheint sich erwärmen zu wollen für einen heißen. Die Weltfriedensplaner rüsten für ein Nachrüsten. Industrie und amtierende Politik durchleben fette Jahre"), die kleinen, an denen wir unser Gefühl für unser eigenes Leben im Erinnern festknüpfen, in nervös machender Ausführlichkeit.

Im Mittelreich zwischen Leben und Tod
So unterschiedlich wie die Schicksale, die der Zufall in Seedorf zusammenwürfelt, kommen die individuellen Exkurse der Figuren in ihre Vergangenheit daher. Stallwarm und eintönig werden Alltag und Tod der Alten Mare beschrieben, die ihr Leben als Magd auf dem Seehof verbringt. Frösteln macht die Geschichte des aus Ostpreußen geflüchteten Fräuleins mit dem sprechenden Namen Zwittau, das erst kurz vor seinem selbstgewählten Tod herausfindet, warum die Russen es dann doch nicht vergewaltigt haben.

Gestorben wird überhaupt viel in "Mittelreich", und ein Sterben gibt dem Ganzen auch seinen Rahmen: das des alten Viktor, der sich vom Hilfsarbeiter zum Quasi-Familienmitglied und Kronzeugen der Seewirtsgeschichte entwickelt hat, und dessen Erinnerungen im Mittelreich zwischen Leben und Tod aus ihm herausquellen. Da ist sie wieder, die Naturgewalt. "Das meiste von Viktors Gerede habe ich nachempfunden, nachher erfunden heißt das. Aber das langt ja auch. Fürs Vergangene reicht erfinden. Echt ist nur jetzt", lässt der Bierbichler den Semi dann noch einmal erklären, wie die ganze Geschichte eigentlich zustande gekommen ist. Ein Glück, dass er trotzdem einmal mehr in den Ring gestiegen ist.


Josef Bierbichler
Mittelreich
Suhrkamp Verlag, Berlin 2011
22,90 Euro


Mehr zu Josef Bierbichler? 2007 widmete Regina Schilling dem Schauspieler und Holzhacker ein Filmporträt.

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