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Die große Boygroup

von Kai Bremer

Frankfurt, 10. November 2011. Wenn man sich über F. Scott Fitzgeralds "Der große Gatsby" unterhält, kommt rasch der Eindruck auf, dass eigentlich niemand das Buch so gelesen hat wie man selbst. Der eine ist fasziniert von der Geschichte der Titelfigur, dem tragischen Helden, dem es nur darum geht, seine Jugendliebe Daisy zurückzuerobern, und der sich schließlich für sie opfert. Einen anderen interessiert Nick Carraway, der Gatsbys Geschichte erzählt und der dem verschwenderischen Treiben im Jazz Age distanziert, ja angewidert gegenübersteht. Und dann sind da noch die, die Mitleid empfinden mit Daisy, der man so sehr wünscht, dass sie sich von ihrem Tom freimacht, die aber letztlich bei ihm bleibt, bei diesem Großmaul mit seinen breiten Schultern.

Ein Charleston für Gatsby

Christopher Rüping hat in seiner Adaption von "Der große Gatsby" (auf Basis der überzeugenden Neuübersetzung von Lutz-W. Wolff) am Schauspiel Frankfurt dieser Eindrucksvielfalt vom ersten Moment an Rechnung getragen. Zu Beginn ist es dunkel auf der Bühne, nur entlang des Bodens der hinteren Bühnenwand glimmt eine lange Reihe von Glühbirnen, einer alten Showbühne gleich. Dann tritt ein Mann nach vorn und erzählt, ganz dem Romananfang gemäß, von einem väterlichen Rat und schwärmt von Gatsby. Dem ersten Nick Carraway folgt ein zweiter. Er wiederholt den Rat und erinnert weniger zärtlich und viel energischer an seinen Helden Gatsby. Dann kommt ein dritter, schließlich ein vierter Nick, alle vier in Spenzer und dazu passender Hose und Stiefeletten, aber alle vier farblich leicht variiert, dabei nie markant, sondern in Braun- und Grautönen.

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Im Spiegel des Jazz Age: Nils Kahnwald und Benedikt Greiner. © Birgit Hupfeld

Mit diesem Auftakt macht Rüping von Beginn an unmissverständlich klar, dass es die eine Geschichte Gatsbys nicht gibt. Doch diese an sich schlichte Eröffnung würde vermutlich rasch verpuffen, wenn es dem Regisseur zusammen mit seiner Gatsby-Boygroup (Benedikt Greiner, Nils Kahnwald, Oliver Kraushaar, Viktor Tremmel) nicht gelingen würde, die Uneindeutigkeiten, die Fitzgeralds Roman bewusst lässt, durch variierte Wiederholungen in Szene zu setzen. Dieses Variationsvermögen paart Rüping mit der Fähigkeit, ein ums andere Mal die im Roman geschilderte Hektik und Hysterie der Zeit zu fassen.

So stehen die vier, als die erste Party beginnt, hinter vier Mikros und geben a cappella einen Charleston auf Gatsby zum Besten, um gleich darauf zum überdrehten Partygeschnatter überzugehen. Dementsprechend geht es trotz der tragischen Geschichte oft laut und komisch auf der mit wenigen Requisiten bestückten Bühne zu, die durch Plexiglasquadrate den Blick freigibt auf die Unterbühne. Über ihr hängt eine quadratische Spiegelwand, die mal wie eine Decke über allem schwebt, mal angeschrägt Scheinwerferlicht aus der Unterbühne ins Publikum blendet.

Die Beerdigung einer Liebe

Die Dialoge zwischen den Romanfiguren, die jeweils durch prägnante Requisiten wie etwa eine Perlenkette als Kennzeichen für Daisy angedeutet werden, spielen die vier souverän. Ergänzend dazu greift Rüping zu einer regelrecht barocken Bildsprache, wenn einer der vier als Daisy in einem Kreis aus großen, auf dem Boden liegenden Stoffblumen steht und die drei Gatsbys am Rande des Kreises Unmengen von Hemden auf die Person in der Mitte niedersegeln lassen und so Gatsbys Imponiergehabe in Szene setzen und gleich im Anschluss aus den Hemdenbergen und rasch herbeigeschleppter Blumenerde ein buntes Grab formen – neben all der neureichen Oberflächlichkeit werden auch die dahinter stehenden tragischen Abgründe mehr als deutlich. Schließlich wird hier nicht Daisy beerdigt, sondern die Liebe bzw. die Möglichkeit einer Liebe zwischen Gatsby und Daisy.

gatsby3_560_birgit_hupfeld_uDie Gatsby-Boygroup: Nils Kahnwald, Benedikt Greiner, Oliver Kraushaar, Viktor Tremmel.
© Birgit Hupfeld

Der Abend zeugt aber nicht nur vom Talent zur allegorischen Verdichtung, sondern zugleich von einer Bereitschaft, sich auf den Roman einzulassen und ihm in allen seinen Facetten gerecht zu werden. Selbst dessen Erzähldynamik fängt die Inszenierung gekonnt ein, indem die Erschießung Gatsbys immer aufs neue von den vier durchgespielt wird, um dann verlangsamt und nicht mehr variiert die letzten Szenen, die Beerdigung Gatsbys und Nicks Abschied von der Ostküste, weniger zu spielen, denn zu erzählen.

Am Ende leuchten wieder die Glühbirnen auf; die Geschichte von Gatsby ist vorüber, but the show will go on. Angesichts des gegenüber dem Schauspiel Frankfurt weiterhin präsenten Lagers von Occupy Frankfurt wäre eine politische Deutung des Romans mit seiner latenten Kritik an der neureichen Egozentrik nur billig gewesen. Rüping hat dieser Versuchung nicht nachgegeben und sich ganz für die Theaterkunst entschieden. Das Publikum hat ihm dafür deutlich gedankt.


Der große Gatsby
von F. Scott Fitzgerald
Deutsch von Lutz-W. Wolff, in einer Fassung von Christopher Rüping
Regie: Christopher Rüping, Bühne: Jonathan Mertz, Kostüme: Lene Schwind, Musik: Manuel Ehlers, Thomas Lindemann, Dramaturgie:Sibylle Baschung
Mit: Benedikt Greiner, Nils Kahnwald, Oliver Kraushaar, Viktor Tremmel.

www.schauspielfrankfurt.de

 

Kritikenrundschau

Ganz dem Gefühl, der Sprachrhythmik und Musik hingegeben, sei diese Inszenierung voller Tiefgang; sie versuche, das romantische Thema des Buchs voll zu erfassen. "Dass dabei die gesellschaftspolitische Kritik zu sehr in den Hintergrund tritt, ist angesichts des Narzissmus und Konsumwahnsinns unserer Tage bedauerlich", schreibt Bettina Boyens in der Gießener Allgemeinen (online am 11.11.2011). Christopher Rüping kreuze für Schlüsselszenen assoziativ die Biografie Gatsbys mit der Fitzgeralds. Und mache auf eigenwillige Weise die berühmte Unschärfe der Figuren und Mehrdeutigkeit ihrer Motive deutlich.

So flott der Abend im mit seinen spiegelnden Glasflächen im Boden und in Gestalt eines bewegliches Deckensegels loftartig anmutenden Raum von Jonathan Mertz auch beginne, verliere er sich alsbald in den Mühen eines sich schier endlos dahinziehenden szenischen Aktionismus, schreibt Stefan Michalzik im Wiesbadener Tagblatt (online am 12.11.). Das Theater habe so seine Ideen, es erfreue sich daran – und ein mächtiger Applaus beim Premierenpublikum sei gewiss. Letztlich handle es sich aber tatsächlich um Boygrouptheater: Auf seine Weise sei es lebendig, aber es stecke keine intellektuelle Substanz dahinter. "Keine Spur von Dringlichkeit - obschon die westliche Welt ja gerade wieder auf dem sprichwörtlichen Vulkan tanzt."

Ein Fest für Schauspieler ist der Abend für Dieter Bartetzko in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (12.11.2011). Doch trotz seines wahnwitzigen Tempos wird er aus seiner Sicht von "Schmiere und lähmendendem Leerlauf" bestimmt ". Krakeel-Schule für Clowsns", schreibt Bartezko bald und bedauert, dass die schaspielerische Brillanz, die hier aufgewendet wird, buchstäblich im Dreck landet: "in Torfballen, die, gut gemischt mit hysterisch verspritztem Wasser (das hier Gin sein soll)". Der Regisseur, der den ziselierten Sätzen und Wortbildern Fitzgeralds offenbar misstraue, lasse seine Schauspieler "Kernaussagen endlos im Chor brüllen und wiederholen". Dabei würde der Kritiker so gerne nachdenken, statt sich die Ohren vor dem Gebrüll zuzuhalten. Und: "Wer Tiffany-Vasen nur zerdeppert, kommt denen, die Tiffany-Vasen besitzen, noch lange nicht bei. Nach der Premiere fällt Bartetzkos Blick auf den gegenüber aufragenden Turm der Europäischen Zentralbank. "Oben brennt noch Licht", räsoniert er schließlich. "Im Zeltlager der Protestbewegung 'Occupy Frankfurt' ist es still."

Als "sehenswert" stuft Astrid Biesemeier die "bildhafte und einfallsreiche" Inszenierung in der Frankfurter Neuen Presse (12.11.2011) ein. "Abgesehen davon, dass es eine Freude ist, zuzusehen, wie die vier Schauspieler mühelos den Spagat zwischen ironischer Distanz und ernsthaftem Gefühl, Innensicht und Außenansicht einer Figur bewältigen", schaffe Christopher Rüping es, "die kleinen Brüche des Romans und dessen Protagonisten einzufangen". Nebenbei entpuppt er sich aus Sicht der Kritikerin auch noch als ehrlicher Erzähler. "Gleich zu Beginn lässt er auf erfrischende Weise Zweifel an Nicks Erzählerqualitäten und Lauterkeit aufkommen." Der Regisseur variiere Ungereimtheiten des Romans, "indem er sie mehrmals durchspielen lässt und legt bei alledem auch noch die eigenen Tricks und Mittel offen."

 
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