altWenn Affen zu sehr lieben

von Ute Grundmann

Halle/Saale, 12. November 2011. King Kong und die weiße Frau tanzen engumschlungen, die Köpfe zusammen in das zottelige Fell gesteckt. Doch als der schwarze Affe vorsichtig, probeweise das Untier hervorkehrt, pfeift die weiße Frau ihn zurück und, als das nichts hilft, bricht sie ihm knirschend das Genick. Die "Ordnung" zwischen Tier und Mensch scheint wiederhergestellt, doch sie ist eine verkehrte: Denn der Affe ist eine Frau und die Frau ein Mann. Aber was ist eigentlich "männlich", was "weiblich", was "dürfen" Männer, was Frauen nicht dürfen und warum eigentlich nicht?

Was sich anhört wie Fragen zu einer grundsätzlichen, philosophischen, feministischen Debatte, wird im Neuen Theater Halle zu einem fröhlichen, chaotisch-anarchischen Theaterabend rund um Rollenklischees, Erwartungen und deren Brechung.

Kleines Vademecum für Frauen

Regisseurin Claudia Bauer und ihr Ensemble haben sich "King Kong Theorie" von Virginie Despentes vorgenommen, die ihr Buch (von 2008) selbst ein feministisches nennt. Dabei sind die Theorien der französischen Autorin zu weiblicher und männlicher Sexualität durchaus strittig und angreifbar. Dass Frauen die Demütigung und Verletzung einer Vergewaltigung am besten verschweigen sollten, kann nachvollziehen, wer mal einen Vergewaltigungsprozess erlebt hat; trotzdem ist es nichts "Normales". Dass Frauen "verführerisch, aber nicht nuttig, gut verheiratet, aber nicht an die Wand gedrängt, berufstätig, aber nicht übertrieben erfolgreich" sein sollen, ist nicht neu. Und die Prostitution als Ausweg aus der Unterdrückung zu preisen, weil man dort für die Erniedrigung Schein für Schein entschädigt werde, ist ziemlich krumm.

Doch um diese Theorien kümmern sich Claudia Bauer und ihr Ensemble, zumindest im Bühnenspiel, nicht groß. Stattdessen nehmen sie in dieser Koproduktion von Neuem Theater und Puppentheater auf die Schippe, was draufgeht und noch ein bisschen mehr.

Glück beim haarigen Primaten gefunden

Hendrik Scheel hat auf die kleine, runde Bühne der "kammer" eine Mischung aus Frisiersalon und Künstlergarderobe gebaut. Perücken liegen bereit, Plüsch- und andere Spielzeuge, ein Glastisch, ein dürrer, silbriger Baum, links hockt ein Plüschgorilla mit Männermaske in einem Pissoir. Diese Szenerie betreten die Puppenspielerinnen Katharina Kummer und Annemie Twardara in grünem und rosa Kleidchen und Highheels, der Schauspieler Martin Reik im Anzug ohne Hemd. Soweit, so normal, nur dass Reik die beiden Frauen mit einer Riesen-King-Kong-Hand umfasst. Doch dann klingelt rasselnd das Telefon und alle drei erklären einem offenbar nervenden "Jack", dass sie auf dieser Insel "diesen dicken behaarten Primaten kennengelernt" und so ihre Bestimmung und ihr Glück gefunden hätten.

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  Martin Reik, Annemie Twardawa, Katharina Kummer mühen sich gerade nach Kräften, um als
  Opfer glaubwürdig genug rüberzukommen. © Falk Wenzel

Damit beginnt ein Spiel der verkehrten Rollen, in das vor allem Martin Reik sich mit Lust und Verve schmeißt – und dabei meilenweit von allen Männer-in-Frauen-Klamotten-Klischees entfernt bleibt. Er zwängt sich, wie seine Mitspielerinnen, in Strumpfgürtel, räkelt sich auf dem Tisch, während er (als Frau) von Vergewaltigung und Gewalt spricht und Katharina Kummer und Annemie Twardara mit nackten Puppen das an und auf ihm nachspielen. Die Frauen lassen King Kong- und Bugs Bunny-Puppen schwadronieren und sich prügeln, bis Bugs Bunny kopflos ist; Martin Reik besingt hoch und vergnügt "Mannweiber, Häßliche, Durchgeknallte" und sagt: "Als Frau bin ich eher King Kong als Kate Moss".

Plüschaffe als Psychiater

Manchmal scheint es auch, als nähmen Regie und Darsteller auch die Texte von Virginie Despentes, etwa von "der Vergewaltigung als Herzstück unserer Zivilisation", nicht so ganz ernst, nicht nur, wenn die drei mit Despentes-Masken sich betrinken. Der Plüschaffe auf der linken Bühnenseite entpuppt sich als Psychiater, der über Weiblichkeit faselt.

Und schließlich gibt Martin Reik, der wie eine Naturgewalt durch die 80 Minuten tobt, auch noch die weiße Frau – im Brautkleid, rückenfrei -, der aber diese(r) King Kong (Katharina Kummer schlüpft ins dunkle Zottelfell) dann doch zu sehr das Biest rausläßt, so dass er/sie erlegt werden muss. Und dann klingelt nochmal das Telefon – aber von Jack oder wer immer dran ist, will hier keiner mehr was hören.

 

King Kong Theorie oder Ich komme als Opfer nicht glaubwürdig genug rüber (DsprEA)
von Virginie Despentes
Fassung: Claudia Bauer und Ensemble, Regie: Claudia Bauer, Bühne, Kostüme und Puppen: Hendrik Scheel, Musik: Sebastian Herzfeld/ Martin Reik, Dramaturgie: Henriette Hörnigk/ Ralf Meyer.
Mit: Katharina Kummer, Martin Reik, Annemie Twardara.

www.buehnen-halle.de

 

Im Jahr 2009 war Claudia Bauer das letzte Mal begleitet von Puppen in Halle: damals spielte sich Sandra Hüller durch den Lebensbilderbogen der Elisabeth I. von England: Virgin Queen.

 

Kritikenrundschau

Es sei der Trick der Inszenierung, dass sie ihre Thesen einerseits frontal und schamlos vortrage, sie aber gleichzeitig mit einer Fülle von Einfällen – nicht Ideen! – kaschiere, schreibt Andreas Hillger in der Mitteldeutschen Zeitung (15.11.2011). Selbst wenn die Klischees von weiblichen Opfern und männlichen Tätern nie gestimmt hätten - das Gegenteil sei ebenso wenig wahr. Und daher könne die Konsequenz des Untertitels "Ich komme als Opfer nicht glaubwürdig genug rüber" auch nicht darin bestehen, sich selbst als Täter zu stilisieren. Vor allem aber fehle es dem Abend an individueller Erfahrung, an der konkreten Basis für die versprochene Verallgemeinerung. "Die biografischen Momente bleiben anekdotisch, der Schmerz wird hinter exhibitionistischer Pose versteckt." Und das habe dann selbst pornografische Züge. Erst gegen Ende finde die Weiße Frau zu ihrem Affen und die Inszenierung zu einem poetischen Ton: "Wenn Katharina Kummer die panische Verfügbarkeit einer einsamen Frau spielt, wenn sie sich als intellektuell und sexuell verfügbares Wesen anpreist und dafür gemaßregelt, ja schließlich sogar hingerichtet wird, dann öffnet diese Szene den Blick auf einen Horizont, den man bis dahin vermisst hat."

"Großes Affentheater," feiert dagegen Stephanie Drees in der Süddeutschen Zeitung (17.11.2011). Denn aus ihrer Sicht hat sich die Regisseurin Claudia Bauer "mutig an einen Stoff gewagt, von dem man glauben könnte, er biete grade mal so viel Bühnenpotenzial wie die 'Feuchtgebiete' von Charlotte Roche." Virginie Despentes, die mit 17 Jahren von drei Männern vergewaltigt wurde, huldige, so die Kritikerin, "Pornographie und Prostitution als Ausweg der Frau aus einer von gierigen Männerkörpern verursachten Unmündigkeit. Nur indem sie sich verkaufe, erlange ihr Leib, stets von sexuellen Übergriffen bedroht, wieder Selbstbestimmung. Für die Bühne hätte das Buch eine Art Pamphlet werden können, monolog- und theorieschwer. Tatsächlich ist 'King Kong Theorie oder Ich komme als Opfer einfach nicht glaubwürdig genug rüber' eine Farce geworden, eine wilde Trash-Pop-Transen-Revue, die in artifizieller Dildo-Ästhetik leuchtet. Das ist grell und laut, aber nie billig – dank einer klugen, bildgewaltigen Mehrdeutigkeit." Claudia Bauer zeige in ihrer Inszenierung, "wie sich Wechselspielchen um leiblichen und repräsentativen Körper" auf die Bühne bringen lassen, und nutze Puppen als Mittel, um "das Zeichen des Schauspieler-Leibs zu karikieren und zu erweitern. Diese Instrumente der Brechung und der Scharade werden in dieser Inszenierung, so die Kritikerin, "in selten böser und genauer Form collagiert." So gelinge es Claudia Bauer auf wundersame Weise, zugleich zu unterhalten und zu verstören.

 
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