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Die Kapazität zum Bösen

von Simone Kaempf

Berlin, 11. November 2011. Die Gewalt bricht aus in einer fast Turnerschen Landschaftsstimmung aus undurchdringlichem Nebel und Friedlichkeit, Laubschattigkeit und drohenden Baumstämmen. Eine doppelbödige, halb erotische, halb gewalttätige Stimmung, raffiniert produziert mithilfe von Video, Licht und beweglichen Seidenballonen. Real sind die drei Frauen, deren Umrisse sich im Nebel abzeichnen. Ihre Demütigungen auch. Eine, die schwächste, muss sich ausziehen und nackt niederknien. "Du sollst nett sein, und sauber und gesund, aber du bist es nicht", lautet der Vorwurf, jetzt bekommt sie ihre Strafe, in einem bedrohlichen Stück Wald, in dem alptraumhaft die düstere Seite der Natur und deren irrationale Facetten herrschen.

Schönheit und Schmerz
Bevor die fünf Spieler in "Food Court" hinter dem Gazevorhang, auf den der Wald projiziert wird, im Nebel zu Umrissen werden, zeigen sie sich jedoch vorne an der Rampe im Scheinwerferlicht. Sie tragen unvorteilhafte enge Glitzertrikots. Nichts ist kaschiert. Sie drehen sich ins Profil, nach rechts und links, stellen sich den Blicken aus und schauen in diesem subtilen Machtspiel demonstrativ zurück, legen gewissermaßen die erste Spur dafür, dass sie weder behinderte Opfer sind, noch die niedlichen Fröhlichen spielen. Die eigentümliche Musikimprovisation des Trios "The Necks" wird immer intensiver, je länger die Waldszenen dauern. Zusammen ergibt das eine hochinteressante Verschmelzung von Schönheit und Schmerz, die von allgemeinen Erschütterungen der Seele, psychischen und physischen Exzessen erzählt.

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"Food Court" © Jeff Busby

 

Mit dieser suggestiven Inszenierung bot das australische Back to Back Theatre zur Festivaleröffnung gleich ein starkes Beispiel dafür, wie allgemeingültige Themen behandelt werden und sich durch die behinderten Spieler subtil die Perspektive verschiebt. Wie aus einem Traum scheinen die Bilder zu stammen, wo man ohne Konvention oder Mäßigung lebt. Aber es ist nicht nur so, dass die Masken der Zivilisation abgerissen scheinen. Entgegen dem strapazierten Bild Behinderter als Opfer werden sie hier auf der Bühne zu Tätern und nehmen die Kapazität zum Bösen für sich in Anspruch.

Was ist normal?
Zum fünften Mal seit der Gründung 1997 zeigt das No Limits Festival unter der Leitung von Andreas Meder Arbeiten von behinderten und nicht-behinderten Künstlern. Wie auch schon zuvor sind Projekte von Anne Tismer und Herbert Fritsch dabei, die sich vom Ideal des Perfekten längst verabschiedet haben. "Was ist normal, was ist anders, und wie verhält man sich dazu", lautet Meders Fragestellung an das Programm.

Auf dem begleitenden Symposium versuchte man erst einmal zu klären, wofür behinderte Schauspieler auf der Bühne eigentlich stehen. Für Autonomie, Selbstbewusstsein, eine allgemein-menschliche Verletzbarkeit, feinstoffliche Sensibilität, nicht zuletzt als Statement für Vielfalt wider alle Norm, und letzen Ende von allem etwas? "Sie übernehmen repräsentativ das andere, das Fremde", sagt Dominik Bender, der in Berlin am Theater zum westlichen Stadthirschen mehrmals mit dem Thikwa-Mitglied Wolfgang Fliege gearbeitet hat. Alles allerdings Eigenschaften, die auch nicht-behinderte Schauspieler beschreiben könnten.

Eiertanz der Begrifflichkeiten
Ihr Handwerk hat sich im letzten Jahrzehnt deutlich professionalisiert. Die kontinuierliche Körper- und Stimmarbeit etwa bei RambaZamba hat einigen der Mitgliedern Rollen beim Fernsehen oder als Synchronsprecher ermöglicht. Sebastian Hartmann hatte für seinen Kirschgarten am Centraltheater Leipzig die Glasknochen-erkrankte Schauspielerin Jana Zöll engagiert. Die Idee, sie fest ins Ensemble zu holen, scheiterte dann jedoch an ungelösten Diskussionen, was es bedeuten würde, sie nicht nur einmal, sondern für mehrere Produktionen besetzen zu müssen, berichtete er auf dem Symposium, auf dem zwar selbstbewusst behauptet wurde, dass Behinderte im regulären Theaterbetrieb immer öfter zu erleben sein. Das Reden darüber, die Verständigung auf Qualitätskriterien und Strategien für die Zukunft ähnelt jedoch einem Eiertanz, in dem Maßstabe und Begrifflichkeiten immer miterklärt werden müssen. Aus den Vorträgen ragte der von Markus Dederich heraus, jüngst für eine Professur an die Universität Köln berufen und Autor des Buches "Körper, Kultur und Behinderung: Eine Einführung in die Disability Studies". Er sprach Klartext, dass es trotz aller Bemühungen überhaupt nicht selbstverständlich ist, anders zu sein. Menschen verfügen über ein feines Sensorium, das sofort auf körperliche Merkmale anspringt, die anders wirken als kulturell eingeübt und eingeprägt. In der Ästhetisierung liegt die Chance, den Blick zu durchbrechen. Die Behinderung hervorheben, betonen, verschieben, andere Bilder finden, die Mechanismen der Zuschreibung verändern.

Die fesche Lola und die wilde Mathilde
Dass in der Andersheit vor allem Originalität steckt, hat niemand so gut wie Christoph Schlingensief erkannt. Kerstin Graßmann und Mario Garzaner, die in zahlreichen seiner Arbeiten mitgespielt haben – Graßmann auch in den letzten Projekten Kirche der Angst und Via Intolleranza II – saßen mit auf dem Podium, huldigten ihn noch einmal. Aber auch das Behindertentheater RambaZamba, bekannt geworden mit Klassikerbearbeitungen, die mit Bezugsgewittern ihrer eigenen Themen aufgeladen werden, lebt mittlerweile bis in die Nebenrollen von den starken Persönlichkeiten seiner Darsteller. In der neu aufgelegten "Weiberrevue XL" spielt Nele Winkler ein Mädchen, das endlich eine Frau sein will, ein wenig wild, verrucht, die Männer um den Finger wickelnd. Revuehaft mischen sich Spielszenen mit Musikeinlagen. Körperbetonte Glitzerwelt trifft auf 20er Jahre Stimmung, in der auch starke Spielerinnen wie Juliana Götze, Franziska Kleinert oder Grit Burmeister auffallen. Die Ursprungs-Inszenierung entstand bereits 1999, als Möglichkeit für die weiblichen Ensemblemitglieder, mithilfe von Songs wie "Ich bin die fesche Lola" bis Sillys "Die wilde Mathilde" aus ihrer Haut zu kommen. Das betont rockige und revue-hafte hat sich allerdings auch schon überlebt.

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"Weiberrevue XL" © Sibylle Bergemann

 

Heute ist mehr möglich, und so blieb Back to Back Theatres "Food Court" mit seiner Vermischung von Realität und Fiktion die starke Setzung. Man konnte die Gruppe bereits vor vier Jahren bei den Theaterformen in Hannover erleben. In "small metal objects" mischten sich die Spieler in der Fußgängerzone unter die Passanten, während das Publikum mit Kopfhörern auf einer Tribüne saß. In der Masse gingen sie optisch unter, aber man konnte sie über ihre Headsets immer hören, eine Geschichte um einen geplatzten Drogendeal entfaltete sich. Aber vielleicht waren sie auch keine Dealer, sondern die gestressten Geschäftsleute hielten sie nur dafür. Während man als Zuschauer ständig in die Menge der Passanten zoomte und das eigentliche Objekt der Beobachtung immer unklarer wurde.

 

Food Court
Regie, Set-Design & Stückentwicklung: Bruce Gladwin, Musik: The Necks (Chris Abrahams, Lloyd Swanton, Tony Buck), Set-Design & Konstruktion: Mark Cuthbertson, Licht & Technische Leitung: Andrew Livingston, blue-bottle Animationen: Rhian Hinkley, Sound: Hugh Covill, Kostüme: Shio Otani.
Mit und von: Mark Deans, Rita Halabarc, Nicki Holland, Sarah Mainwaring, Scott Price.

Weiberrevue XL
Regie: Gisela Höhne, Musik: Bianca Tänzer, Ausstattung: Angelika Dubufé.
Mit: Dorothee Blum, Grit Burmeister, Juliana Götze, Franziska Kleinert, Jenny Lau, Doreen Lisson, Nadja Noack, Zora Schemm, Rita Seredßus, Nele Winkler, Mario Gaulke, Sven Hakenes, Moritz Höhne, Hans-Harald Janke, Jan Patrick Kern, Wolfgang Lang, Sven Norman, René Schappach, Michael Wittsack, Björn Wunsch, Musiker: Anna-Katharina Kaufmann, Bianca Tänzer, Stefan Dohanetz, Christof Hanusch, Kay Langstengel.

Symposium: Die Neoprofis - Positionen zum Darsteller heute
Mit: Dominik Bender, Bruno Cathomas, Prof. Dr. Markus Dederich, Wolfgang Fliege, Mario, Ilse und Kurt Garzaner, Bruce Gladwin, Juliana Götze, Kerstin Grassmann, Prof. Dr. Jürgen Hardeck, Sebastian Hartmann, Dr. Gisela Höhne, Peter Junkuhn, Georg Kasch, Prof. Dr. Anja Klöck, Prof. Dr. Gerd Koch, Frank Krug, Andreas Meder, Prof. Dr. Harald A. Mieg, Marianne Mielke, Dr. des. Petra Moser, Angela Müller-Gianetti, Dr. Christian Mürner, Prof. Dr. Katharina Pewny, Susanne Schneider, Yvonne Schmidt, Prof. Margarete Schuler, Veit Sprenger, Petra Stokar, Anne Tismer, Christine Wahl, Dr. Christel Weiler, Dr. Benjamin Wihstutz.

www.no-limits-festival.de
www.backtobacktheatre.com
www.theater-rambazamba.org

 
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