Hier tanzt die Zivilisationsgeschichte mit

von Ralph Gambihler

Leipzig, 7. November 2007. Unter den Theaterfestivals, die Europa als kulturellen Kontext und künstlerische Landkarte für sich reklamieren, gehört die euro-scene Leipzig gewiss zu den Vorreitern. Die Anfänge liegen mittlerweile siebzehn Jahre zurück. Damals, gleich nach dem Untergang der DDR, ging es mit Neugier über Länder- und Genregrenzen hinweg. Aber das Beste daran war, so die langjährige Festivaldirektorin Ann-Elisabeth Wolff rückblickend, dass das Festival überhaupt stattfand.

Die Lust an der Erkundung und die Neugier sind geblieben. Sie führten in diesem Jahr zu einem sechstägigen Programm, das zwölf Gastspiele aus neun Ländern beinhaltet, darunter etliche Deutschlandpremieren. Wer sich einen Überblick verschaffen will, wird hübsch auf Trab gehalten, denn die Aufführungen sind auf neun Spielstätten verteilt und werden im Drei-Schicht-Betrieb gezeigt.

Einzelteile ausdrücklich erwünscht

Das diesjährige Motto lautet "Spaltungen". Es ist diffus genug, um vieles zuzulassen. Jede Gesamtheit trägt die Möglichkeit der Spaltung in sich, und jede Spaltung führt zur Entstehung neuer Einzelteile. Jedenfalls muss nichts zusammenwachsen, was nicht zusammen gehört. Die Kunst hat es da leichter womöglich als die Politik.

Trends zwischen den zwei programmatischen Säulen Sprech- und Tanztheater auszumachen, fällt schwer. Dazu ist das Festival eigentlich zu klein und sein Horizont zu weit. Am ehesten wird man der euro-scene gerecht, wenn man sie als spartenübergreifendes Schaufenster sieht. Hinein kommt, was für gut befunden wird – so ungefähr jedenfalls. 

Nach der Eröffnung am Dienstag mit "Kindertotenlieder", einem auf Drastik getrimmten, künstlerisch eher ernüchternden Höllensturz über Entfremdung, Gewalt und Todeslust, vorgestellt von der französischen Compagnie DACM aus Grenoble, hatte dieses Schaufenster gestern hochklassiges Tanztheater aus Polen und eine überraschende Sprechtheater-Anstrengung aus Zagreb und Florenz zu bieten.

Rote Teppiche ins Gefühlszentrum

Die kroatisch-italienische Koproduktion "Svadbe i suđenja" ("Hochzeiten und Gerichtsprozesse") ist hoch politisches, hoch komplexes, hoch sinnliches Theater. Verhandelt werden grundsätzliche Fragen von Schuld, Opferung und Erlösung. Branko Brezovec, ein 1955 in Zagreb geborener Regisseur, der daheim zu den einflussreichsten und produktivsten Theatermachern zählt, hat den Text generiert, indem er auf zwei ältere Stücke zurückgriff und diese kühn miteinander verzahnte.

Im Zentrum von Gabriele D’Annunzios spätromantischem Antikendrama "Gloria" (1899) steht ein blutiger Kampf um Macht und Ruhm, der im alten Rom tobt. "Schwarze Orchidee" von Edvard Kocbek (1951) erzählt dagegen von den Gewissensnöten slowenischer Partisanen im Zweiten Weltkrieg. Das hintergründige Interesse gilt dabei dem politischen Erbe Titos, während im Vordergrund zwei archetypische Frauenfiguren gegeneinander gestellt werden: Komnena, die skrupellose Geliebte eines römischen Kaisers, und Katarina, ein unschuldiges Mädchen, das zur falschen Zeit am falschen Ort ist und dafür mit dem Leben bezahlt.

So weit, so kompliziert. Die Zuschauer hatten Gelegenheit, dies und anderes in einem Referat und im Programmblatt zu erfahren. In der Aufführung bekamen sie es dann mit sprachlichen Barrieren zu tun, denn gespielt wurde im serbokroatisch-italienischen Wechsel ohne deutsche Übertitel. Man verstand also vor allem Bahnhof und hatte wenig von seinem Vorwissen. Das war aber nicht einmal so verkehrt.

Denn das Bestechende an diesem für die Ratio frustrierenden Theaterabend ist sein sinnlicher, suggestiver Gehalt. Brezovec entpuppt sich als großer Arrangeur und Bühnenmagier. Aus disparaten Textteilen hat er eine mehrstimmige Fuge komponiert, eine Wortoper beinahe, die rote Teppiche ins Gefühlszentrum ausrollt. So etwas ist im Theater nicht alle Tage zu erleben.

Entfremdungserscheinungen in der Leistungsgesellschaft

Ein anregendes Kontrastprogramm, gewissermaßen ein Double Feature der anderen Art, bestehend aus zwei Deutschlandpremieren, bot dann zu später Stunde das im polnischen Ostseebad Sopot beheimatete Teatr Okazjonalny (Gelegenheitstheater). Diese 1998 von Joanna Czajkowska und Jacek Krawczyk gegründete Tanzkompanie ist eine innovative Kraft, die die Rudimente einer ballettösen Grazie mit starkem Ausdruck und intellektuellem Reiz verbindet.

Die Gäste aus Polen begannen mit "Alchemik Halucynacji" ("Alchemist der Halluzinationen"). Das ist ein Duett, das Entfremdungserscheinungen in der Leistungsgesellschaft thematisiert. Formal streng und konzentriert, zeigen die Darsteller filigrane Bewegungsketten in immer neuen Variationen und Wiederholungsschleifen. Das Licht bleibt spärlich. Der Soundtrack zelebriert derweil mit einer Collage aus Geräuschen und Klängen kalte Dekonstruktion. Der Eindruck: großartig.

Das anschließend aufgeführte Quartett mit dem verrätselten Titel "D-KOD-R" entwickelt eine Genesis der Bewegung und bezieht sie auf kulturelle Kontexte, die ihrerseits einem Wandel unterliegen. Hier tanzt die Zivilisationsgeschichte mit. Als Segen und Fluch kommt sie über die Menschen, charmant, eindringlich, anregend.


Teatar & td, Zagreb und Laboratorio Nove, Florenz (Kooperation)
Svadbe i suđenja
Textcollage von Branko Brezovec nach Gabriele D’Annunzio "Gloria" und Edvard Kocbek

Schwarze Orchidee
Regie: Branko Brezovec, Bühne Tihomir Milovac, Kostüme: Doris Krstić, Musik: Marjan Neќak (eingespielt durch die Roma-Brass-Band "Pitsicato").
Mit: Simona Arrighi, Suzana Brezovec, Helena Buljan, Mislav Čavajda, Sandra Garuglieri, Sergio Aguirre, Daniele Bonaiuti, Selpin Kerim, Siniša Miletić, Manola Nifosi, Silvano PanichiTeatr Okazjonalny (Gelegenheitstheater), Sopot/Polen

Alchemik Halucynacji
Tanzduett nach Gedichten aus "Pan Cogito" ("Herr Cogito") von Zbigniew Herbert, UA Dez. 2006 in Sopot
Idee, Choreografie und Tanz: Joanna Czajkowska und Jacek Krawczyk, Musik: Rafał Dętkos, Bühne: Jacek KrawczykD-KOD-RTanzquartett, UA März 2007 in SopotKonzeption, Choreografie und Tanz: Joanna Czajkowska, Monika Grzelak, Jacek Krawczyk, Przemysław Wereszczyński, Musik: Marcin Zabrocki (eingespielt durch Ikenga Drummers)

www.euro-scene.de

 
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