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Im Flow der Grausamkeit

von Stefan Keim

Köln, 15. November 2011. Mord, Missbrauch, Auschwitz und Terrorismus – Werner Fritsch packt die finsteren Seiten der Menschheit in einen assoziationsreichen, dichten Text und knallt ihn den Zuschauern um die Ohren. Dabei trägt sein neues Stück – wenn man es denn so nennen mag - einen poetischen Titel: "Die Sonne auf der Zunge". Und am Ende schält sich tatsächlich die Andeutung einer Utopie heraus, zumindest eine Bereitschaft zum Weiterleben.

Fritsch erzählt drei Geschichten. Eine spielt in der mythischen Antike, handelt von den unsterblichen Olympiern, die mit ihren Müttern Kinder zeugen, von Zeus, Hades und der Fruchtbarkeitsgöttin Persephone. Auch in dieser Passage gibt es schon Zeitsprünge, da wird zum Beispiel ein Verwesungsgeschmack im Mund mit Coca Cola runter gespült. Die zweite Geschichte ist die einer Roma, die im Konzentrationslager ihr Kind verliert. Und dann geht es in die Gegenwart, die Anschläge des 11. September spielen eine Rolle, doch diese Ebene ist nicht mehr so klar. Die Zeiten mäandern ineinander, der Text ist eine Art lyrischer Flow über alle Linearität hinweg. Kein leichter Stoff für die Bühne.

Krass, krude, chorisch

Jörg Fürst, Regisseur des Kölner A.Tonal.Theaters, hat eine ideale Form gefunden. Er lässt drei Schauspielerinnen (Andrea Köhler, Alexe Limbach und Christine Stienemeier) chorisch sprechen, in Mikrofone, frontal ins Publikum. Sie tragen Perücken und Hotpants, ein mangaähnliches Outfit als wären sie eine girl group. Sie präsentieren die wuchtigen Texte krass und krude, wischen aber auch die grässlichsten Bilder einfach wieder weg und jagen zur nächsten Nummer. Dazu spielen der Komponist und Flötist Norbert Rodenkirchen und die Cembalistin Angela Koppenwallner elektronisch verzerrte Musik, die barocke Stilelemente mit heutiger Avantgarde verbindet.

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Von diesen Damen lernen heißt Weiterleben lernen, trotz Horror- History-Tortur.
© Wolfgang Meimer

Nach dem ersten Textdurchlauf schwirrt der Kopf, die Musiker übernehmen mit einem ausgezeichneten Intermezzo. Dann geht das Stück von vorne los, doch nun sind die Schauspielerinnen unsichtbar. Auf eine Stoffbahn werden Filme und Standbilder projiziert, manche illustrieren direkt das Geschehen, andere bleiben auf Distanz. Cartoons setzen zur Geschichte des gequälten Kindes Herzstichmomente, die einem sehr nahe gehen. Skurril hingegen wirken die Schwarzweißbilder einer alten Frau im Rollstuhl, die ein Huhn erst am Hals gepackt hält und es danach rupft. Eine bodenständige Muttergöttin, ganz eins mit sich und der Welt.

Überzeugendes Zusammenspiel

Am Ende treten die drei Schauspielerinnen in Privatklamotten vor das Publikum. Eine große Utopie haben sie nicht anzubieten, aber immerhin die Bereitschaft zum Weiterleben. Weil Erfahrung doch mal jemanden klüger machen könnte. Das ist immerhin etwas. Wenn über einem Abend "multimediale Performance" steht, ist oft größte Vorsicht geboten. Weil es nur selten gelingt, im Zusammenspiel der Medien eine überzeugende Form zu finden. Das ist Jörg Fürst gelungen, weil er stets Werner Fritschs Text im Fokus behält. Da kann sich niemand austoben, Film, Musik und Spiel werden so eingesetzt, dass sie der Erforschung der lyrisch verdichteten Sätze dienen. Wenn man sie zu sehr bedient, können Fritschs Sprachbilder ins Kitschige rutschen, bei zu großer Distanz werden sie beliebig.

Jörg Fürst gelingt die Gratwanderung mit klarer Ästhetik und hoher Konzentration. Was die drei Schauspielerinnen hier leisten, ist große Klasse. Denn nur eine verrutschte Nuance würde beim chorischen Sprechen und Spielen gleich zu einer folgenschweren Irritation führen. Sie halten den Energielevel hoch und beweisen, dass auch Kölns undurchschaubare, in Vielzahl zersplitterte Off-Theaterszene erstklassige Produktionen heraus bringen kann.

 

Die Sonne auf der Zunge
von Werner Fritsch
Konzept/Regie: Jörg Fürst, Musik: Norbert Rodenkirchen, Video: Valerij Lisac, Bühne: Jana Denhoven, Licht: Andreas Kröher, Kostüme: Monika Odenthal.
Mit: Andrea Köhler, Alexe Limbach, Christine Stienemeier.

www.atonaltheater.de


Mehr Werner Fritsch? In dien Berliner Sophiensaelen befasste sich Oliver Sturm vor drei Jahren mit Fritschs Texts über die deutsche Sixties-Ikone Christa Päffgen, Nico. Sphinx aus Eis.


Kritikenrundschau

"65 Minuten Attacke auf Sinne und Intellekt" hat ein Autor mit dem Kürzel jdü für den Kölner Stadt-Anzeiger (18.11.2011) erlebt. Allerdings mache der "Kraftakt", der den Schauspielern hier vor allem "sprecherisch" abverlangt werde, es dem Zuschauer mitunter nicht eben leicht "der schön-sperrigen Lyrik des Hörspielkünstlers Werner Fritsch" zu folgen. Die Inszenierung beweise die "Vorliebe für Geräusche und Klänge" von Regisseur Jörg Fürst und zeichne sich durch "kryptische bis bewegende Bilder" von Videokünstler Valerij Lisac aus. Aber der Abend hinterlasse auch den "Eindruck, eine vorläufige Version erlebt zu haben".

 
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