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Ein Tor zum deutschsprachigen Theater

von Rainer Petto

Saarbrücken, 17.-19. November 2011. In ihren Kinderbüchern sah sie verlockende bunte Bilder vom Amazonas. Vor dem Abitur machte sie Bekanntschaft mit Rousseaus Verherrlichung der nackten Wilden. Mit 25 floh sie aus Europa und tauchte ein in den Urwald. Sie wollte wie eine der Ihren mit den Indios leben.

Es ging nicht gut. Als Kopfabschneiderin verdächtigt, die mit Schrumpfköpfen handelt, entging sie nur knapp dem Tod. Sie wollte auch nicht die dritte Frau des Stammeshäuptlings werden und als echte Shuar-Frau die Männer bedienen. Dieser ganze Urlaub im Urwald bekam ihr nicht, körperlich, seelisch und kulturell schwer geschockt, kehrte sie nach Frankreich zurück, das sie jetzt als ihre Heimat erkannte.

Sechs neue Stücke aus Frankreich, Kanada, Togo und der Schweiz

Ganz schön naiv, die Geschichte. Aber authentisch: Aurélie Namur, Jahrgang 1979, ein eher ängstliches Mädchen aus einem Dorf im Berry, hat sich tatsächlich ins Abenteuer der Amazonas-Reise gestürzt und ist dann mit posttraumatischen Störungen im Krankenhaus gelandet. Später war sie klug genug, dem Bericht von ihrer "Verirrten Reise" ("Le voyage egaré") mit Humor die nötige Dosis Distanz zu verschreiben.

Die Hörspiel-Live-Performance des Saarländischen Rundfunks war der Auftakt zum diesjährigen Primeurs-Festival in Saarbrücken, mit dem das Saarländische Staatstheater und seine Partner vom 17. bis zum 19. November frankophoner Dramatik nun schon zum 5. Mal das Tor zum deutschsprachigen Theater öffnen wollten. Geboten wurden neue Stücke von sechs Autoren: drei aus Kanada, je einem aus Togo, der Schweiz und Frankreich. Fast alle Autorinnen und Autoren waren nach Saarbrücken gekommen, ebenso wie Übersetzer und Verleger.

Für den Zoowärter Sacha in "Les ours dorment enfin" ("Endlich schlafen die Bären") wäre es besser gewesen, er hätte die geplante Weltreise mit seiner Freundin Anita angetreten. Aber er zog es ja vor, dazubleiben und für seine Bären zu sorgen. Die Tiere machen ihm jetzt argen Kummer, denn es ist schon Mitte Januar und die Eisbären wollen partout nicht in den Winterschlaf fallen. Während er den Tieren vergeblich mit Eis zu helfen versucht, versäumt er es, dem Jungen, der ihm förmlich zufliegt, die nötige Wärme zu geben. Erst als Sacha sich eingesteht, dass Anita nicht zu ihm zurückkehren wird, und er sich dem Jungen zuwendet, finden die Bären endlich ihren Schlaf.

Die von großem Ernst getragene szenische Lesung, der einzige Festivalbeitrag in französischer Sprache, wurde beigesteuert vom Kulturzentrum Le Carreau im lothringischen Forbach.

Kein Stück über den Klimawandel, das die junge kanadische Autorin Geneviève Billette hier vorlegt, sondern eine Fabel über zwischenmenschliche Beziehungen mit deutlich aufgetragener Metaphorik. Wobei die im Programmfolder gegebene Deutung, es gehe um die schwierige Liebe zwischen einem Vater und seinem Sohn, ein bisschen eng ist. Waren in dem Text nicht auch Andeutungen einer erotischen Beziehung zwischen den beiden Männern?

Düsteres Geflecht aus Intoleranz und Masochismus

Explizit um Homosexualität ging es in der Werkstattinszenierung des Stücks "Tom auf dem Lande" von Michel Marc Bouchard aus Ottawa. Oder eben doch nicht explizit, sondern mit raffinierter Verschiebung. Und zwar zwischen den Rollen von drei Personen, die bei der Beerdigung eines Mannes in der kanadischen Provinz zusammen kommen: Tom, der Geliebte, Francis, der aggressiv homosexuellenfeindliche Bruder des Toten, und Sara, die der Mutter zuliebe die Freundin des Verstorbenen mimen soll. Es entsteht ein düsteres Geflecht von Intoleranz, Verständnislosigkeit, Sadomasochismus – wobei die Protagonisten immer wieder in den Text der anderen verfallen und so eine vielsagende Mehrdeutigkeit der Rollenzuschreibungen entsteht.

Ein Stück über Homophobie, das viel zu intelligent angelegt ist, um bloße Betroffenheitsdramatik zu sein. Es ist bereits in zehn Sprachen übersetzt, das Saarländische Staatstheater hat nun eine deutsche Fassung herstellen lassen. Durch die Vorgabe, das 2-Stunden-Stück auf eine Stunde zu kürzen, sind einige Zwischentöne verloren gegangen, und oft ist der Humor das erste Opfer bei Strichfassungen.

Verschärfte Anwendung der Scharia in Afrika

Bei "Stein für Steinchen" ("A petites pierres") von Gustave Akakpo allerdings wäre der Humor auch durch heftigste Kürzungen nicht aus dem Stück zu tilgen. Es geht sehr direkt zu in dem burlesken Werk, die Männer äußern ihren Wunsch nach Sex in Bildern, aber unmissverständlich. Albernheiten wie ein Mann in Frauenkleidern und eine Frau mit angeklebtem Bart gehören zu dem Versuch, ein ernstes Thema in populärer Form zu behandeln. In einem Dorf in Afrika soll ein Mädchen gesteinigt werden, das sich von einem jungen Mann verführen ließ. Es herrscht eine brutale Doppelmoral: Die Männer dürfen alles, die Frauen werden hart bestraft. Doch in diesem Fall geht alles gut aus, nach einer großen Gerichtsszene kommt es zur Versöhnung und gleich zwei Paare finden glücklich zueinander.

Der Autor, der in seiner Heimat Togo und in Paris lebt, hat das Stück geschrieben, als 2002 der Nigrianerin Amina Lawall der Tod durch Steinigung drohte. Anlass ist also sehr konkret die verschärfte Anwendung der Scharia in einigen afrikanischen Ländern. Dass die Darsteller Weiße waren, störte den Autor nicht – schließlich frage auch niemand nach der Bedeutung der Hautfarbe, wenn sie in Afrika Molière spielten. Für seinen Schwank mit Anliegen erhielt Gustave Akakpo den Preis der Saarbrücker Publikumsjury.

Ob die schwarze Schminke in den Gesichtern und die grell rot gemalten Lippen eine gute Regieentscheidung waren, blieb bei "Bab und Sane" durchaus umstritten. René Zahnd, ein Autor aus der französischsprachigen Schweiz, hat das Stück zwar für zwei mit ihm befreundete afrikanische Schauspieler geschrieben. Doch er zielt aufs Archetypische. Ausgangspunkt ist aber auch hier ein reales Ereignis: Nach dem Sturz des kongolesischen Diktators Mobuto blieben in seiner Luxusvilla in Lausanne zwei Wächter übrig, deren Existenz inmitten der lebendigen Großstadt auf groteske Weise ihren Sinn verloren hatte. Zahnd, erfahrener Theatermann, reizte es, diese Ausgangssituation weiter zu spinnen zu einem Drama zwischen gutem politischem Kabarett und absurdem Theater.

Das quälend langsame Vergehen der Zeit

In der aufwändigsten Werkstattinszenierung des Festivals stehen die beiden Wächter in ihren schmucken Uniformen am Bügelbrett, als die Nachricht vom Sturz des Diktators sie erreicht. Mühsam versuchen sie zu begreifen, was das für sie bedeutet: "Was wird aus uns werden? – Nichts. – Das sind wir bereits. – Na gut, dann werden wir eben noch mal nichts." Aus zunächst harmlosen Rollenspielen heraus steigert der eine von ihnen sich allmählich in die Rolle des Diktators hinein. In der typischen Diktion aller Diktatoren beansprucht er Gottähnlichkeit und die Unterwerfung des anderen. Nach der Intention des Autors sollen so die Mechanismen vorgeführt werden, die der Entstehung von Diktaturen überall auf der Welt zugrunde liegen. Das Stück wurde bereits 2010 bei der Theaterbiennale Wiesbaden mit simultaner Übersetzung gezeigt. Für die Präsentation in Saarbrücken war der Text stark gekürzt worden, so dass, wie der Autor feststellte, ein wichtiges Element nicht zur Darstellung kam, das quälend langsame Vergehen der Zeit.

Für "2 Uhr 14" von David Paquet lag durch eine Hörspielproduktion des SR bereits eine Übersetzung aus dem kanadischen Französisch vor. Auf einem engen Podium drängen sich ein Lehrer und vier Schüler. Sie wechseln im Gedränge ständig die Positionen, heben vom Boden Kostümteile auf, drängen nach vorn an die Rampe: der von der Routine entnervte Lehrer, die allzeit schlagbereite Schülerin, der unter seiner Musterhaftigkeit leidende Musterschüler, das nach sexueller Bestätigung hungernde Moppel-Ich, und so fort. Alles sehr komödiantisch, versetzt mit einem Schuss Phantastik. Abseits davon eine Frau, in einer anderen Zeitebene: Für sie ist es bereits nach 2 Uhr 14, dem Zeitpunkt, als ihr Sohn das Schulmassaker begann; die Schüler und der Lehrer wissen noch nicht, dass sie die Opfer sein werden. Ein Stück zu einem auf deutschen Bühnen oft dargestellten Thema, irgendeine Kausalität wird nicht hergestellt, der Fokus ist ganz auf den Opfern. Ohne den Amoklauf bliebe ein munteres Panorama aktueller Befindlichkeiten.

Dringend notwenige Ergänzung

Auf dass aus "Primeurs" ein richtiges Festival werde, hat es sich in seinem fünften Jahrgang einen Festivalclub zugelegt. Allerdings hat das Theater sich damit selber unter Stress gesetzt, die Diskussionen im Anschluss an die Aufführungen müssen knapp gehalten werden, damit das Publikum auch ja pünktlich zu den Musikdarbietungen im Club auf der anderen Saar-Seite kommt.

Die szenischen Lesungen und Werkstattinszenierungen wurden jungen Regisseuren anvertraut, die mit großem Engagement an die Arbeit gingen und auf die besten Kräfte aus dem Schauspielensemble zurückgreifen konnten. Die Mühe war nicht vergeblich, das Festival wird gerade vom jungen Publikum erstaunlich gut angenommen. Und für den in dieser Saison arg repertoirelastigen Spielplan der Saarbrücker Bühne sind die aktuellen Stücke aus dem frankophonen Bereich eine dringend notwendige Ergänzung.

 

Primeurs - Festival frankophoner Gegenwartsdramatik
Primeurs - Festival d'ecriture dramatique contemporaine

Die verirrte Reise (Le voyage ergaré)
von Aurélie Namur
Live-Hörspiel. Regie: Marguerite Gateau

Endlich schlafen die Bären (Les ours dorment enfin)
von Geneviève Billette
Inszenierung: Nicolas Marchand

Tom auf dem Lande
von Michel Marc Bouchard
Werkstattinszenierung: Pauline Beaulieu
Mit: Benjamin Bieber, Pit-Jan Lößer, Christiane Motter, Saskia Petzold

Stein für Steinchen (A petites pierres)
von Gustave Akakpo
Inszenierung: Tim Stefaniak, Ausstattung: Christian Held
Mit: Ron Zimmering, Natalie Hanslik, Dorothea Lata, Heiner Take, Georg Mitterstieler, Marcel Bausch

Bab und Sane
von René Zahnd
Szenische Einrichtung: Ronny Jakubaschk
Mit: Ron Zimmering, Benjamin Bieber

2 Uhr 14
von David Paquet
Inszenierung: Christopher Haninger, Ausstattung: Ina Reichert
Mit: Nina Schopka, Andreas Anke, Dorothea Lata, Johannes Quester, Natalie Hanslik, Ron Zimmering

www.theater-saarbruecken.de

 

Mehr zu frankophoner Dramatik: bereits die 2. Ausgabe des Festivals Primeurs in Saarbrücken zeichnete 2008 den 1974 in Togo geborenen Dramatiker Gustave Akakpo für sein Stück Die Aleppo-Beule mit dem Autorenpreis aus. Die 3. Primeurs-Ausgabe kürte 2009 das kanadische Autorenduo Evelyne de la Chenelière und Daniel Brière, für ihr Stück Eine Frage der Einstellung (Le plan américain). Theaterbriefe aus Frankreich gibt es hier.

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