alt

Das Glück des Körperlichen

von Martin Krumbholz

Mülheim an der Ruhr, den 23. November 2011. Bis zum Schluss – unmittelbar bevor sein Freund Giorgio ihn scheinbar kaltblütig erschießt, die Leiche dann auf ein Pferd und auf einen Barren setzt, geradeso als wolle er im Tod doch noch so etwas wie einen Sportler aus ihm machen – bis zum Schluss beteuert Romeo seine Unschuld. Denn eine Tat – der Ehebruch mit Giorgios Frau Ginevra –, die man begangen hat, ohne sie wirklich bewusst zu wollen, in einer "Sonnenverzauberung", wie Romeo es nennt, in einem Augenblick der Schwäche, kann die wirklich ein Verbrechen darstellen? Oder ist sie nicht vielmehr ein Irrtum des Schicksals, unschuldiger als ein in der Phantasie begangener Akt der Untreue, den man aus irgendwelchen banalen Gründen nicht tatsächlich ausgeführt hat?

verbrechen3_280_akoehring_u
© A. Köhring

Solche Überlegungen hindern den armen Romeo (Steffen Reuber) nicht daran, sich die schlimmsten Vorwürfe zu machen, in einer Art und Weise, die an den Wahnsinn grenzt oder diese Grenze bereits überschritten hat. Alles dreht sich in Pirandellos vorletztem Stück "Verbrechen" (1934) um den Schuldkomplex, um Treue und Verrat, um die Macht des Unbewussten.

Vom Wahnwitz der endlosen Rede

Das Drama ist deutlich von der Psychoanalyse beeinflusst und ähnelt darin Musils "Schwärmern", Joyces "Verbannten" und ein wenig auch Italo Svevos Roman "Zenos Gewissen" – Werken der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, die zeigen, wie Menschen durch das endlose Reden über ihre vermeintlichen oder wirklichen Untaten diese nicht aus der Welt schaffen, sondern ihnen weitere hinzufügen. Die "Redekur" trägt durchaus ambivalente Züge.

Roberto Ciulli entdeckt in seiner hochkonzentrierten, vom ersten bis zum letzten Augenblick spannenden Inszenierung nicht nur diese Ambivalenz, sondern auch den in ihr steckenden Witz. Der bizarre Schluss, wenn also der muskulöse, bärtige und langhaarige Marineoffizier Giorgio (Fabio Menéndez) den Körper seines Freundes und Rivalen zur Schau stellt wie in einem archaischen Ritual, bevor ein Sturm aufkommt und die seitlich drapierten Papierfahnen zerfetzt – dieses groteske Bild ist der grandiose Schlusspunkt einer insgesamt stimmigen, formvollendeten, schauspielerisch exzellenten Interpretation des fast unbekannten Stoffs.

In der Falle der sinnlichen Begierden

Gralf-Edzard Habbens Bühne stellt keinen Salon dar, sondern ein altmodisches Fitness-Studio mit Ringen, Barren, Matten und Pferd, in dem Giorgio sich während des Heimaturlaubs seinen Leibesübungen hingibt, während Romeo, in einer stummen Passage, die Mysterien der Körperertüchtigung recht ratlos erforscht. Bereits dieser Gegensatz erzählt ebenso beredt wie diskret eine Menge über das Verhältnis der Freunde: Es ist nicht der Athlet, sondern der linkische Intellektuelle, der in die Falle seiner sinnlichen Begierden tappt und diesen Umstand aus der Welt zu schwatzen hofft.

Die Frauen, gespielt von Simone Thoma und Petra von der Beek, wie alle anderen wunderbar kostümiert von Heinke Stork, assistieren ihren Männern mit raffinierten Verschleierungsstrategien. Der unsichtbare Mittelpunkt aller Debatten ist der Sexus, und die Turngeräte, die von allen, aber von niemandem so gekonnt bespielt werden wie von dem betrogenen Giorgio, sind auch eine ironische Metapher für das ausgeklammerte und doch so präsente Glück des Körperlichen.

Vieles leistet dieser spektakuläre Abend in einem: die Wiederentdeckung eines Textes, der es wert ist, aber auch die Entdeckung der beinahe unbekannten Seiten eines großen Regisseurs, der kein müder Manierist ist, sondern ein Theaterzauberer, ein Humorist und ein kongenialer Interpret des seit einiger Zeit sehr zu Unrecht in den Hintergrund gerückten Autors Luigi Pirandello.

 

Verbrechen
von Luigi Pirandello
Inszenierung: Robert Ciulli, Dramaturgie: Helmut Schäfer, Bühne: Gralf-Edzard Habben, Kostümbild: Heinke Stork.
Mit: Steffen Reuber, Simone Thoma, Fabio Menéndez, Petra von der Beek, Albert Bork

www.theater-an-der-ruhr.de


Mehr über Roberto Ciulli und seine Theaterarbeit im Lexikon.

 

Kritikenrundschau

"Einerseits ist Roberto Ciullis Inszenierung ein Theaterfest voller großartiger Bilder und Szenen, getragen von feiner Schauspielkunst", schreibt Britta Heinemann im WAZ Portal Der Westen (25.11.2011). Andererseits gebe das Mülheimer Theater seinen Zuschauern eine arg gewichtige Denksportaufgabe mit auf den Weg, ohne allzuviel zur Lösung beizutragen. "Pirandello wirft ja die seinerzeit brandaktuelle Frage auf, ob der Mensch von seinen (bösen) Trieben oder von seinem (guten) Willen geleitet wird." Die Inszenierung liefere allenfalls gut versteckte Hinweise auf ihr theoretisches Fundament. "Die Turnhalle als Ort des heroischen Körperkults, der eifersüchtige Ehemann als Überwachungsapparatur – und sonst?"

"Ein großartiger Triumph des Theaterzauberers Roberto Ciulli und seiner Crew", schreibt Klaus Stübler in den Ruhr-Nachrichten (25.11.2011). Vor allem das furiose Finale von Roberto Ciullis neuer Pirandello-Inszenierung am Theater an der Ruhr bleibe im Gedächtnis haften. "Nachdem der scheinbar unvermeidliche Mord geschehen ist, muss der Tote turnen", und dabei gehe es um unbeherrschte Triebe, Schuldkomplexe und um die Macht des Unbewussten.

Andreas Rossmann schreibt in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (29.11.2011): Pirandellos "Drama, dem es an Schärfe der intellektuellen Reflexion wie der psychologischen Analyse nicht mangelt", werde von Robert Ciulli "in seine konzentrierte Theatersprache" übersetzt, "die Symbolbilder clownschoreographisch bewegt und die Figuren kunstvoll typisiert". In dieser Typisierung fallen die Darstellungsleistungen entsprechend markant aus: "Der animalischen Direktheit des Giorgio von Fabio Menéndez wird die verstörte Intellektualität des Romeo von Steffen Reuber, der plakativen Sinnlichkeit der Ginevra von Petra von der Beek die verschraubte Affektiertheit der Bice von Simone Thoma gegenübergestellt, während Albert Bork den Respi als dick ausgepolsterten Popanz des Spielmachers hinstellt." Einwände erhebt der Kritiker gegen die konkrete zeitliche Verortung im Kontext des aufkommenden Faschismus: "Indem die Inszenierung das Stück überdeutlich in seiner Entstehungszeit fixiert, unterlegt sie ihm eine Erklärungsfolie, die sein Verständnis verkürzt."

 
Kommentar schreiben