Endlose Loops der Demenz

von Peter Schneeberger 

Wien, 8. November 2007. Einmal noch ist alles so, wie es immer war. Als Elfriede Ott und Fritz Muliar die Bühne der traditionsverliebten Wiener Kammerspiele betreten, um das neue Stück von Felix Mitterer zur Uraufführung zu bringen, brandet im Parkett Applaus auf. Das Publikum ignoriert unbekümmert die Vereinbarung, dass am Theater die Fiktion beginnt, sobald das Saallicht ausgeht, und heißt Muliar und Ott als Lieblingsschauspieler willkommen. Erst danach sind die zwei ein gewisser Georg Altmann und Frau Marion Liebherr, die zwei Protagonisten.

Im Jahr 1990 hatte der Tiroler Autor für Muliar "Sibirien" geschrieben, ein Stück über einen alten Mann, der im Pflegeheim um einen würdigen Tod kämpft. Über 150 Mal trat Muliar in der Rolle des tobenden Greises auf, doch 17 Jahre waren nötig, bis Mitterer dem Wiener Schauspieler nun wieder ein Stück auf den Leib geschrieben hat. "Der Panther" ist zwar keine Fortsetzung des Monologs, doch eine Variation darüber. Wenn auch etwas stereotyp, so doch anrührend erzählt Mitterer vom Alter und den Demütigungen, die der körperliche und geistige Verfall bereithält.

Bekannte Paarungen

Der Abend beginnt, wie es sich für die Kammerspiele gehört: im Tonfall des Lustspiels der 60er-Jahre. Frau Liebherr, eine, wie der Name schon sagt, überaus freundliche alte Dame mit einer viel zu großen Brille, hilft Herrn Altmann zur Tür herein. Sie hat den gebrechlichen Kerl beim Einparken angefahren. Als sie ihn um Nachsicht für ihre Unachtsamkeit bittet, da sie soeben ihren Mann begraben habe, fährt der Fremde sie bloß unwirsch an: "Mein Beileid. Hauptsache ich bin es nicht." Herr Altmann ist ein angenehmer Mensch, immer gut gelaunt, außer man reizt ihn. Und es reizt ihn so ziemlich alles.

Ohne Überraschungen nimmt der Abend seinen Lauf. Die beiden zanken sich zur Gaudi des Publikums, prompt taucht auch ein durch und durch unsympathischer Neffe auf, der die vergessliche alte Tante um ihr Geld bringen will. So weit, so langweilig. Doch irgendetwas stimmt nicht. Details wollen nicht zueinander passen, Dialoge sich nicht ineinander fügen, plötzlich geht die Tür auf, und alles beginnt aufs Neue: Frau Liebherr hilft Herrn Altmann ins Zimmer herein. Haben die beiden die erste Szene bloß geträumt? War er schon einmal hier? Ist er ihr Mann? Sie seine Frau? Das Stück öffnet den Blick in den Abgrund seines Themas.

Späte Formspiele

Dass ausgerechnet Felix Mitterer ein formal recht verspieltes Stück geschrieben hat, überrascht. Mit gesellschaftlichen Außenseitern hat sich der Volksstückeautor seit seinem Debütwerk "Kein Platz für Idioten" (1976) auseinander gesetzt, doch noch nie hob Mitterer die ehernen Gesetze von Erzählzeit, erzählter Zeit, von Ursache und Wirkung derart geschickt aus den Angeln. Hilflos sind Altmann und Frau Liebherr gefangen in den endlosen Loops der Demenz. 

Zwar bleiben Muliar und Ott in ihrer Rollengestaltung hölzern, besonders Michael Dangl als erbschleichendem Neffen fehlen schauspielerische Zwischentöne: Er ist eindimensional laut. Doch ist die Premiere auch das 70-jährige Bühnenjubiläum des 88-jährigen Muliar, und wenn er sich vor dem zufriedenen Stammpublikum verbeugt, kippen Fiktion und Wirklichkeit für einen kurzen Moment tatsächlich ineinander. Auf der Bühne steht ein alter Mann, der nicht gewillt ist, aufzugeben.

 

Der Panther
von Felix Mitterer
Regie: Wolf-Dietrich Sprenger, Ausstattung: Achim Römer. Mit: Fritz Muliar, Elfriede Ott, Michael Dangl.

www.josefstadt.org

 

Kritikenrundschau

Isabella Hager berichtet für den Standard (10.11.) von einem "emotionalisierten Publikum" und Muliar als einem Schauspieler, "der über die Jahrzehnte hinweg von den Theatergenerationen beständig verehrt wird". "Der erste Applausorkan setzt gleich nach Heben des Vorhangs ein: Lichtstrahlen kleben einen Eiffelturm an die weißen Wände, von irgendwoher singt Chevalier sein Paris je t'aime d'amour." Und von Elfriede Ott "gestützt, humpelt Muliar in das schräge Eckzimmer, nimmt grummelnd in einem Sessel am Bühnenrand Platz und schiebt seinen runden Greisenbauch wohlig vor." Es folgt: "ein bepacktes, amüsantes Stück" für "ein wunderbares Schauspielerduo."

"Der Panther", schreibt Barbara Petsch (Die Presse, 10.11.), sei "nicht so aus einem Guss wie Mitterers Schlager "Sibirien", dem Muliar 1990 zum Erfolg verhalf". Das Stück "mäandert", als hätte sich Mitterer "nur vorsichtig an die sogenannte leichte Unterhaltung herangeschlichen". Diese habe dafür Regisseur Wolf-Dietrich Sprenger "blendend im Griff, wenn er Muliar und Ott behutsam lenkt und zu Klängen von Maurice Chevalier träumen, tanzen lässt". Über die Story mag Frau Petsch ihren Lesen nicht viel verraten, "sonst ist die Spannung weg". Fritz Muliar und Elfriede Ott weiß sie allerdings zu loben: "eine beklemmende, fast möchte man sagen, überirdische schauspielerische Leistung".

Bernadette Lietzow (Tirol Online, 9.11.) lässt zunächst Fritz Muliar anlässlich seines 70jährigen Bühnenjubiläums zu Wort kommen: "Sie mussten", sagte er im Anschluss an die Uraufführung, "mich aushalten und oft musste ich Sie aushalten. Nicht immer haben wir uns verstanden und manchmal haben wir auch das Theater nicht verstanden." Das uraufgeführte Stück selbst sei eine "melancholische Tragikomödie" und Muliar verleihe seiner Figur "Tiefe und auch Schärfe". Aber "leider sucht man diese darstellerische Subtilität vergebens bei Elfriede Ott, (...) ganz zu schweigen vom fragwürdigen Poltern des "Neffen" Michael Dangl."

Hilde Haider-Pregler
(Wiener Zeitung, 9.11.) berichtet von "Standing Ovations", einer "Bronze-Büste als Überraschungsgeschenk" und einer "launigen Laudatio von Josefstadt-Direktor Herbert Föttinger" auf Fritz Muliar. Dass dieser zu den "profiliertesten Charakterdarstellern wohl nicht nur des österreichischen Gegenwartstheaters" zählt, habe er in der Uraufführung einmal mehr "nachdrücklich" demonstriert. Sprengers Regie eröffnet dabei Muliar und seiner "kongenialen Partnerin Elfriede Ott" alle Möglichkeiten, "mit diskreten, leisen Tönen und kleinen Gesten, aber auch mit dem Einsatz drastischer, situationskomischer Mittel" berührend zu sein. Nur Michael Dangl sei ein "Störfaktor".

 

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