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In der Alchemistenstube

von Christian Rakow

Berlin, 30. November 2011. Wie gern, und doch wie selten, sagen wir von Künstlern: Diese hier definieren ihren eigenen Kosmos. Sie haben uns heran gewunken und die Tür hinter uns geschlossen und nicht eher wieder geöffnet, bis wir verzaubert waren. Showcase Beat Le Mot sind von diesem Schlage. Man könnte wohl grübelnd vor ihren so wunderlichen Experimentaltheaterfantasien verharren, vor der Heimwerkerromantik, den kryptischen Parabeln und dem fröhlichen Dilettantismus der Show, mal getanzter, mal eingesungener Art. Aber man durchreitet das alles eher, fast wie in Trance.

"Ach, bitte", hörte ich letzthin Leute sagen, die Künstlerhandschriften gern mit einem Verfallsdatum versehen, "Showcase Beat Le Mot überraschen doch nun wirklich nicht mehr. Die machen halt ihr Ding."

Eben.

Das neue Ding der 1997 gegründeten Künstlergruppe, das sich lakonisch "Alles" nennt, kommt im kleinen HAU 3 heraus (ehe es durch einige Zentralspielstätten der deutschen Off-Szene zum Mousonturm Frankfurt, ans FFT Düsseldorf und auf Kampnagel Hamburg tourt). Vor der Premiere fragte ich bei der Pressestelle an, ob die Künstler vorab Texte oder Materialien zirkulieren ließen, woraufhin mir eine Bibliographie mit 47 Titeln zugesandt wurde, auf der illustre Werke von Platon (Höhlengleichnis) oder Umberto Eco (Das Foucaultsche Pendel) neben weniger illustren (Alexander Rob: Alchemie und Mystik) verzeichnet sind. E. T. A. Hoffmann, dessen "Goldener Topf" in der Aufführung auch zu erkennen war, fehlt auf dieser Liste. Sie gab wohl mehr so ein grobes Hintergrundraster.

Entspannungskünstler
Tatsächlich bedienen Showcase Beat Le Mot im Unterschied zu manch anderen Künstlern aus dem Umfeld der Angewandten Theaterwissenschaften Gießen nicht die große, insiderische Zitatenschleuder; zumindest fühlt man sich von ihnen nicht zum Sturm des Bücherschranks genötigt. Die Texteinschübe in ihren Performanceabenden tragen – selbst wo sie auf dadaistischen Nonsens hinauslaufen – ihre Pointe stets in sich. Ihr Vortragston ist locker, unverkrampft konzentriert. Showcase Beat Le Mot sind die Entspannungskünstler der Off-Szene. 

Schon bei der Begrüßung macht Nikola Duric klar, dass man zum Überlegen nicht wie der Denker in Rodins Plastik versteift herumhocken müsse. Und sogleich werden wir hinter einen Vorhang aus Papierbahnen geführt in einen obskuren Clubbereich. Man sitzt auf Sofas, lauscht endlosen Ambient-Soundschleifen und blickt auf Holzgerüste, Räder und automatische Apparaturen wie aus Leonardo da Vincis Studierzimmer.

Die poetische Suche nach dem Ungeschiedenen
Gelegentlich entführen uns die Performer wieder vor den Papiervorhang, um Ansprache zu halten. Und spätestens wenn Veit Sprenger die Zuschauer in die hohe Schule der Filibusterrede einweiht, die einen Anfang und kein Ende habe und einzig dazu diene, den (politischen) Gegner zu zermürben, weiß man: Dieser Abend kann lang werden. Auf satte vier Stunden bringt er es dann. Zwischendrin gibt's Gemüsesuppe, von den vier Performern (Nikola Duric, Dariusz Kostyra, Thorsten Eibeler und Veit Sprenger) wie üblich selbst zubereitet und ausgeschenkt. Bier holt man von der Bar am Rand der Bühne. 

Es ist ein Besuch in der Alchemistenstube. Wie Urgroßenkel Johann Friedrich Böttgers zaubern die Vier künstliches Gold herbei. Sie lassen Flüssigkeiten über einen Overhead-Projektor laufen, um sphärische Bilder auf die Papierbahnen zu projizieren, und beschwören die Schöpfung des Golems.

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Es zischt und brodelt: "Alles" © Markus Lieberenz

Warum das alles? Weil sich hier das poetische Vermögen in seinem Selbstzweck feiert. Der herrschende, analytische Verstand will unterscheiden, will sagen: dieses oder jenes, gut oder böse, oben oder unten. Die romantische, poetische Kraft hingegen sucht: "Alles", das Eine und Ganze, das Ungeschiedene. Einmal weist Sprenger an, ein jeder und jedes möge nun die Plätze tauschen: "Gebirge und Tal, und Echo und Hall, und Homos und Heteros, und Väter und Mütter, und die oberen Zehntausend und die unteren Zehntausend" und so fort. Es ein phänomenales Mantra aus den Tiefen dieser Theateralchemie.

Schillernde Fragmente
Napoleon habe die Wundermittel abgeschafft, als er festlegte, dass die Inhaltsstoffe kenntlich zu machen seien, sagt Duric und dreht eine Flasche Eau de Cologne in seiner Hand. Wer will Wunder ausbuchstabieren, klein rechnen? Showcase Beat Le Mot wollen es nicht. Und sie machen es einem mit ihrer einladenden Geste leicht, ihnen darin zu folgen. Keine marmornen Sinnbauten schaffen sie, sondern schillernde Fragmente. So wie ihre Weihnachtswunschzettel von Kindern, die nicht mehr an Gott glauben: "Lieber Satan, kannst du etwas Wärme nach oben schicken? Hier ist es Winter und richtig kalt."

Irgendwann verlieren sich die Texte ganz zwangsläufig (denn auf geraden Bahnen bewegten sie sich ohnehin nicht) im großen Soundgewirr des Abends. Die Apparaturen rotieren unentwegt, während oft minutenlang nichts mehr passiert. Zum späten Finale entlockt Duric einer Posaune einige quäkende Töne. Die Club-Tracks schnurren. Es ist schon Mitternacht. Für einen Arbeitstag mitten in der Woche eigentlich eine Zumutung, eigentlich unmöglich. Aber warum sollte Kunst auch das Mögliche wollen?


Alles
von Showcase Beat Le Mot
Mit: Showcase Beat Le Mot (Nikola Duric, Dariusz Kostyra, Thorsten Eibeler und Veit Sprenger); Musik: Albrecht Kunze, Künstlerische Mitarbeit: Florian Feigl, Manuel Muerte, Alexej Tscherny, Tobias Euler; Bauten: Atia Trofimoff, Choreographie: Can Pestanli, Realisatör: Stefan Rüdinger, Produktionsleitung: Olaf Nachtwey.

www.hebbel-am-ufer.de

 

Kritikenrundschau

Doris Meierhenrich schreibt in der Frankfurter Rundschau und der Berliner Zeitung (2.12..2011): "Nomadisch" und ziellos umschlichen die Zuschauer die "fantastisch-sachliche Bühnen-Kunst-Labor-Landschaft". Ziel sei, "den Weg beständig zu verlieren", weshalb man so etwas lernen könne wie "spiegelverkehrtes Wandern". Dass man nichts falsch verstehen könne, selbst wenn man verständnislos zwischen "hübschen Schattenspielen (in denen der Golem erwacht), kleinen alchemistischen Zaubertricks (in denen Gold entsteht), Filibusterreden und Suppekochen (die zwischendurch alle löffeln dürfen)" herumlaufe, liege daran, dass es hier um "Alles" gehe. Dabei sei dieses "Alles" keinesfalls beliebig, auch wenn es "bisweilen" so aussehe. Dennoch sei "Alles" inhaltlich "etwas dünn gebliebenes Vorführspiel der Verknüpfungs- und Verschwörungsstrategien, die die Welt erklären wollen". Showcase führten "alte und neue Verblendungsverfahren" vor und führten sie "parodistisch" in die Übertreibung. Dennoch bleibe dieses "Alles" nur wie ein leerer Rahmen für "Alles". Die Motivationen hinter den Verknüpfungen nämlich blieben ungefragt.

 


 
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